Ganz schön verunsichert

Wie Gewissheit im Glauben wirklich wächst.

von Becca

Ein Jahr in enger Gemeinschaft mit Christen. Was hatte ich erwartet? Die Lösung aller meiner Probleme und die Antworten auf alle meine Fragen? Eigentlich schon.

In die OJC zu gehen war für mich ein großer Schritt. Ich bin in einer christlichen Familie groß geworden und bin Christ, seit ich denken kann. Aber es fühlte sich nie ganz richtig an. Ich war Christ, aber davon wussten nur wenige Freunde in der Schule, und auch Gott gab ich nicht ­jeden Bereich meines Lebens hin. Und obwohl ich die Kontrolle behalten wollte, brannte in mir der riesige Wunsch, jene Erfüllung zu spüren, jenen Frieden, von dem andere so begeistert in Büchern und bei Vorträgen erzählen. Mit dem Schritt in die OJC traf ich eine bewusste Entscheidung für Gott, wollte nicht mehr ausweichen: „Ja, ich gehöre zu dir“. Ich wollte es dieses Mal ganz richtig machen, mit einem großen und richtigen Schritt in eine sichere Umgebung, umringt von Mentoren und WG-Mitbewohnerinnen, um dann gestärkt und im Glauben sicher in meine Zukunft zu starten.

Ganz einfach, eigentlich. Die richtige Unterstützung in der richtigen Umgebung, und schon wird man von oben mit heiligem Geist versorgt. Aber es kam anders; und nach einem Jahr Gemeinschaft bin ich mir noch weniger sicher. Die sichere Medizin hatte nicht gewirkt. Was war schief gelaufen?

Vom Glauben der anderen leben

An Unterstützung und Gemeinschaft hat es nicht gemangelt. In meiner WG, die ich mir nicht ausgesucht hatte, und deren Mitglieder ich nur flüchtig von den Kennenlerntagen her kannte, entstand im Laufe des Jahres eine tiefe Verbundenheit und eine Gemeinschaft, wie ich sie bisher nicht gekannt hatte. Natürlich, wir vier Frauen hatten immer wieder unsere Schwierigkeiten, denn wir waren und sind sehr verschieden. Auch die Vertrautheit musste erst unter uns wachsen. Schließlich aber waren sie für mich ein Segen, denn ich lernte, dass ich so, wie ich bin, in Ordnung bin, und dass ich mit meinen Fragen und Problemen nicht alleine bleibe. Ich begann zu verstehen, warum die ersten Christengemeinden als Gemeinschaften aufgebaut waren, viel enger gewoben als wir es heute kennen. Zu Menschen, mit denen man seinen Alltag meistern muss, entwickelt man über kurz oder lang eine Beziehung. Wenn man bereit ist, einander darüber hinaus zu unterstützen, für den anderen mitzufiebern und, wenn es ihm schlecht geht, mitzuleiden, entsteht etwas sehr Kraftvolles. Zusammen kann man Dinge schaffen und Hindernisse überwinden, zu denen man alleine nicht fähig gewesen wäre. Und: Eine gewisse Zeit kann man auch durch den Glauben des anderen weiterglauben. Das habe ich hier gelernt.

Ich habe aber auch gelernt, dass es gefährlich ist, die anderen an meiner statt glauben zu lassen, nur mitzulaufen und mich in einer christlichen Wohlfühlblase vor Entscheidungen und deren Konsequenzen zu drücken. Letztendlich müssen wir aber Entscheidungen treffen – jeder für sich. Den Irrtum, mit dem ich in die OJC kam, habe ich nun durchschaut. Die Gemeinschaft an sich verändert mich nicht automatisch und hebt mich nicht aus der Verantwortung, die Konsequenzen eines lebendigen persönlichen Glaubens selber zu tragen. Natürlich motiviert es mehr, wenn sich frühmorgens zehn Leute zum Bibellesen treffen, als sich alleine dazu aufraffen zu müssen. Dennoch: Die Verantwortung bleibt bei mir, die Verantwortung, mich immer wieder neu zu entscheiden. Die einmalige „große Entscheidung“ für Gott reicht nicht aus, um sein Wirken in meinem Leben zu erfahren. Es sind die kleinen Entscheidungen, wie z.B. doch ein Buch über Glaubenswachstum zu lesen, obwohl man keine Lust hat. Um in der Vertrauensbeziehung mit Gott zu wachsen, muss ich ihn schließlich kennenlernen! Wie soll ich jemandem mein Leben anvertrauen, den ich nicht persönlich kenne?!

Den Glauben selbst verantworten

Das Jahr in der OJC-Gemeinschaft gewährte mir den schützenden Rahmen, um mich mit inneren Fragen, Problemen und Verletzungen auseinanderzusetzen. Ich habe – wie in einem Spiegel – vieles über mich selbst erfahren. Nun aber spüre ich, dass es an der Zeit ist, Gott für mich selbst zu entdecken. Und darin bin ich noch weitaus mehr verunsichert als beim Beginn meines Freiwilligenjahres. Ich weiß, ich muss die OJC verlassen, muss mich selbst auf den Weg machen, weil es nicht reicht, mein Gewissen mit Halbwissen oder Glauben aus zweiter Hand zu beruhigen. Nein: ich möchte den, dem ich dienen will, selbst kennenlernen. Ich muss wissen, wofür ich mich entscheide.

Dieses Jahr in Gemeinschaft konnte nicht alle meine Glaubensprobleme lösen, denn es ist kein Allheilmittel für Fragen und Zweifel. Es half mir aber, meinen innersten Empfindungen auf den Grund zu gehen, auch dem, was mich von Gott noch trennt. Es half mir, meine Ausrichtung neu zu finden und meine tiefste Sehnsucht zu formulieren. Jetzt kann ich einen neuen Weg einschlagen, für mich und für Gott. Eine Gewissheit bleibt: Es gibt echte, wahrhaftige Gemeinschaft unter Christen. Christen, mit denen ich gemeinsam diesen Weg wage.

 

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