Einander immer ähnlicher

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Betrachtungen zu einer koptischen Ikone

von Rebekka Havemann

Zwei Männer sehe ich, einen alten und einen jüngeren. Nah beieinander stehen sie und der eine legt dem andern die Hand auf die Schulter. Das bist du, Jesus, gut zu erkennen an dem Kreuz in deinem Heiligenschein. Dein Freund heißt Menas, der Heilige Menas, und soll, der Legende nach, im 3. Jahrhundert als römischer Soldat gedient und sich später als Einsiedler in die Wüste zurückgezogen haben. Andere sagen, er sei Abt des Klosters in Bawit in Ägypten gewesen, bevor er 296 den  Märtyrertod starb.

Ich mag diese uralte koptische Ikone, es gibt auf ihr so vieles zu entdecken. Neben dir, ­Christus, steht in griechischen Buchstaben das Wort 
„Soter“ = „Retter“, neben deinem Freund steht „Vater Menas, Wächter“.

Auffällig sind eure Hände. In deiner Linken hältst du ein dickes, reich verziertes Buch – das Wort Gottes, du selbst bist ja das lebendige Wort.

Menas dagegen hat eine eher unscheinbare Schriftrolle in seiner linken Hand. Er ist nicht das Wort – muss es nicht sein – aber er hat etwas zu sagen, hat eine Botschaft, vielleicht heute noch. Und mir scheint, als zeige er mit seiner rechten Hand, wovon er redet – natürlich von dir, seinem Freund und Neben-Mann.

Kann es wirklich sein, dass man zu dir, dem auferstandenen, allmächtigen, unsichtbaren ­Christus eine Freundschaft haben kann? Du bist der Retter der Welt – was liegt dir an einer Freundschaft mit einem einzelnen Menschen?
Freundschaft – das bedeutet doch:

Beziehung auf Augenhöhe.

Sich kennen.

Vertrauen.

Einander alles erzählen.

Zuhören.

Für den anderen einstehen.

Ihm den Rücken stärken

Freundschaft – große Sehnsucht wohnt in diesem Wort.

Was wäre, wenn ich es wagte, mich an die Stelle von Menas zu denken? Ich an deiner Seite, als deine Freundin, so nah, und du legtest deine Hand auf meine Schulter? Dann hieße das Bild: Jesus und seine Freundin.

Mir fällt noch etwas auf: du hast keine Füße. Vielleicht liegt es nur daran, dass die Ikone viele hundert Jahre alt und die Farbe an dieser Stelle abgeblättert ist. Aber es mag auch etwas darüber aussagen, dass du ­einen Freund an deiner Seite brauchst – oder sogar viele? Freunde und Freundinnen, die Füße haben, um deine Botschaft in die Welt ­hinauszutragen.

Am besten gefällt mir, dass ihr euch so ähnlich seid, du und Menas. Vielleicht wird man so, wenn man lange Zeit gemeinsam durch dick und dünn gegangen ist. Ich stell’ mir vor: Als Menas auf so grausame Weise starb, weil er eure Freundschaft nicht verraten wollte, da hast du wieder deinen Arm um seine Schulter gelegt und ihn nach Hause geholt und allen in der himmlischen Welt verkündet: „Das ist Menas – er ist mein Freund!“

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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