Jesus, der Mann mit dem Handicap

Jesu Handicap: Er konnte Not und Leid unmöglich ignorieren. Bibelarbeit zu Markus 3, 1-6
Jesu Handicap: Er konnte Not und Leid unmöglich ignorieren. Bibelarbeit zu Markus 3, 1-6. © I♥RainyDays

Was uns um die wohlverdiente (Schabbat-)Ruhe bringt.
Bibelarbeit zu Markus 3,1-6


von Elisa Padilla

Jesu Leben und Wirken ist Gottes Antwort auf die Not der Welt. Er selbst ergreift die Initiative: Er kommt in die Provinz von Galiläa zu einem jungen Paar, dem der Ruf anhaftet, durch vorehelichen Sex gegen Sitte und Gesetz verstoßen zu haben. Nach Obdachlosigkeit in Bethlehem und Flüchtlingsnot in Ägypten gesellt er sich zu einem kleinen Volk, das von einer Weltmacht mit fremden Götzen drangsaliert wird. Dieses Ambiente wählt Gott, um uns Menschen nahe zu sein. Hier hinein wird Jesus geboren.

Jesu schweres Handicap

Vielleicht, weil diese Umgebung ihn prägt, gewiss aber, weil er Sohn des Höchsten ist, entwickelt Jesus eine spezielle Schwäche, ein Handicap: die Unfähigkeit, Leid zu ignorieren. Nein, er kann nicht tatenlos zusehen, wenn einer von bösen Geistern gequält wird, wenn Blinde, Lahme und Aussätzige am Wegrand liegen. Er kann es nicht hinnehmen, dass Levi Matthäus Steuern eintreibt und zum Komplizen der römischen Besatzer wird. Er ist ergriffen, wenn ein Mädchen im Hause seiner Eltern einfach so wegstirbt. Er kann die Volksmenge nicht hungernd nach Hause schicken und er kann erst recht nicht dulden, dass man Kinder beiseiteschiebt. Dem Zöllner auf dem Baum hat er ebenso etwas zu sagen wie den Wechslern im Tempel, die das Volk um die letzten Ersparnisse bringen. Angesichts dieser Leiden leidet Jesu Herz – und er handelt.

Jesus ging abermals in die Synagoge und dort war ein Mann mit einer verdorrten Hand.

In der Synagoge, dem religiösen und pädagogischen Zentrum des Ortes, versammeln sich die Juden wöchentlich, um das Gesetz zu studieren, ihre Bräuche zu pflegen und ihren Glauben an ihre Söhne weiterzugeben. Der Hausdiener hat bereits die Schabbatruhe ausgerufen, als Jesus, wohl auf Einladung des Synagogenvorstehers, nach vorne geht, um die Anwesenden im Wort Gottes zu unterweisen. Unter ihnen ist heute – nur Zufall? – ein Mann mit einer verkrüppelten Hand.

Einige von ihnen suchten nach einem Grund, Jesus anzuklagen und so lauerten sie darauf, ob er am Schabbat den Mann heilen würde.

In Wahrheit ist den Pharisäern und Schriftgelehrten das Schicksal des Behinderten gleichgültig. Sie lauern auf die Reaktion von Jesus. Sie haben Informationen über ihn eingeholt. Nur zu genau kennen sie seine Neigung, sich von der Not berühren zu lassen – sie haben sein Handicap durchschaut. Jetzt hoffen sie, ihn auf frischer Tat zu ertappen. Aber auch Jesus hat die Männer durchschaut.

Jesus sagte zu dem Mann mit der verdorrten Hand, „Steh auf, und trete in die Mitte, wo alle dich sehen können!“

Er weiß auch, was den Behinderten in diesem Moment umtreibt: Ich kann ihn doch nicht einfach bitten, erst recht nicht am Schabbat! Was werden die anderen denken, was werden die Schriftgelehrten mit mir machen? Jesus erkennt die Zwickmühle: Heilt er ihn, provoziert er die religiöse Führungsriege, folgt er der Schabbatordnung, ignoriert er die Not dieses Menschen. Ein echtes Dilemma zur damaligen Zeit. Jesus fordert den Mann auf, vorzutreten. Kein leichter Moment für diesen: Alle können sein Gebrechen sehen, die schlaffe Muskulatur und die Finger, die wie leblos an der Hand baumeln. Geld für anständige Kleider hat er auch nicht. Mit gesenktem Blick schleicht er nach vorn.

Dann fragte Jesus sie, „Was ist recht am Schabbat: Gutes zu tun oder Böses; ein Leben zu retten, oder zu töten?“

Jesus eröffnet die Debatte mit einer Frage, die nur zwei Optionen Raum lässt. Es gibt anscheinend keinen Mittelweg, keine dritte Option. Entweder tust du das Gute oder du bewirkst durch Unterlassen das Böse. Entweder du rettest ein Leben, oder dein Unterlassen ist gleichbedeutend mit „töten“. So klingt das bei Jesus – und wie klingt es bei uns?

Jung und Alt warten vergeblich auf die kluge ­Erwiderung der Experten. Jesus fasst sie ins Auge: Diese Männer, die angeblich so nah an Gottes Herzen leben, die jedes Wort des Gesetzes kennen und es genau befolgen, haben offenbar nichts verstanden vom Herzen Gottes! Sie scheren sich einen Dreck um das Leiden anderer. Höchstens, um sich als mildtätige Spender zu profilieren, regen sie einen Finger. Aber nur solange ihr religiöses System nicht in Frage steht. Dann wendet sich Jesus an den Kranken. Sein Ton ändert sich, Liebe und Erbarmen schwingen darin: „Strecke deine Hand aus“. Dieser streckt sie aus und seine Hand wird vollständig gesund.
Die Menge umringt die beiden fasziniert, alle kommentieren das Geschehene. Unter den Schriftgelehrten herrscht angespannte Stille. Und Neid auf das, was Jesus vermag. Und Wut darüber, dass er ihre Regeln missachtet und sie vor allen blamiert. Und noch mehr Wut, weil ihre geheimen Motive aufgedeckt wurden. Und schließlich Angst, weil ihre stabile kleine Welt ins Wanken gerät. Das darf nicht sein! Jesu Umgang mit den Bedürftigen gefährdet nicht nur die religiöse Ordnung, sie bekommt eine politische Dimension! Sie wissen auch schon, an wen sie sich nun wenden: an die Clique um Herodes ­Antipas in Judäa, die bemüht ist, den politischen Status quo des kaisertreuen Marionettenkönigs aufrechtzuerhalten.  

Da gingen die Pharisäer hinaus und planten ­zusammen mit den Dienern des Herodes, wie sie Jesus umbringen könnten.

Es ist riskant, auf menschliche Nöte einzugehen. Es kann uns in Teufels Küche bringen. Jesus hat es das Leben gekostet. Auch heute hinterfragt Solidarität unser persönliches Wohlergehen, gefährdet die Stabilität unseres Gemeindelebens und erschüttert unsere bewährten politischen Ansichten.

Unser Leben auf der anderen Seite

Das habe ich persönlich erlebt. Ich wuchs in einer bürgerlichen Umgebung in Buenos Aires auf. Obwohl ich mit Drogenabhängigen von der Straße in Berührung kam, die zottelig, zahnlos, im Dauerrausch und manchmal gewalttätig in unserem Gemeindehaus aufkreuzten, waren für mich Dinge wie Schule, geheizte Räume, Auto, Telefon, respektvoller Umgang eine Selbstverständlichkeit. Nach dem Studium entschieden mein Mann und ich, uns auf etwas einzulassen, was wir nicht aus eigener Anschauung kannten: auf ein Leben in der Welt der Armen. Wir bezogen eine Unterkunft im Arbeiterviertel, eine gute Basis für eine zu gründende Familie, gerade mal einen Block vom Slum entfernt. Perfekt für uns – und der blanke Horror für die meisten in unserer Gemeinde. Ob wir zu missionieren gedachten? – Nein, wir wollten eigentlich von unserem neuen Umfeld lernen. 

Und wir haben gelernt! Aus unzähligen Schlägereien und Überfällen vor der Haustür, aus so viel Kampf ums nackte Überleben in den Papphütten, die neben den Abwasserrinnen errichtet waren. Wir froren im Winter in ungeheizten, feuchten Räumen, in denen die Babies Bronchitis bekamen. Kinder lagen vor unserem Haus mit vom geschnüffelten Klebstoff zersetzten Hirnen, Halbwüchsige ballerten draußen mit Schusswaffen, während sich der Bibelkreis in unserem Wohnzimmer traf. Wir hörten, wie die Eisentüren der Gefängnisse hinter uns ins Schloss fielen, wenn wir Freunde in diesen Grabeshöhlen besuchten, wir sahen die Welt der Psychiatrien, Krankenhäuser, der Behinderten und Greise, die man für gewöhnlich nicht zu Gesicht bekommt.

Die Berührung mit dem Elend reißt einen schmerzhaft aus der Komfortzone der geordneten Welt und provoziert Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Wir erkennen auf einmal Dinge, die unter der Oberfläche liegen. Chiqui zum Beispiel hatte in den Augen aller den Knast verdient. Gott aber sieht in ihm auch den misshandelten Jungen, der in einem Autowrack schlief, um den Schlägen des betrunkenen Vaters zu entkommen, und der von Kindheit an jede Pille, die er kriegen konnte, einwarf, um der Realität für eine Zeit zu entfliehen. Blicken wir durch Gottes Augen auf ihn, sehen wir eine Person, die dringend unserer Hinwendung bedarf, damit sein Leben endlich auf eine gute Bahn kommt. 

Neue Fragen quälten uns. Im Vergleich zu ­unseren Nachbarn waren wir noch vermögend, hatten viel Zuwendung, Zugang zu Bildung und Gesundheit. Steht uns dieser Vorteil zu? Ist dieser Unterschied ein Zeichen für Gottes Vorliebe für uns? Oder doch eher für das ungerechte System, dessen Teil wir sind?

Die Pharisäer-Falle

Es ist gefährlich, mit dem Leiden in Berührung zu kommen. Es schleudert unser Ego zu Boden. Aber der Schmerz, den wir zu spüren beginnen, hilft uns zu verstehen, was Jesus meinte mit „selig sind, die Leid tragen“. Die sich nicht abschirmen vom Leiden der Menschen in der Welt. So wie er sich auch am Schabbat nicht abschirmen wollte vom leidvollen Alltag eines verkrüppelten Mannes. Aber die Pharisäer-Falle ist auch in der Gemeinde Jesu allgegenwärtig. Wie schnell berufen wir uns auf Glaubens- und Anstandsregeln, um uns die Schwierigkeiten vom Leib zu halten:

  • Wir folgern biblisch: „Wohlstand ist Gottes Segen.“ Oder am anderen Pol des politischen Spektrums: „Reichtum lästert den Gott der Armen!“ Die Liebe aber fragt: „Was braucht es, dass du dankbar bleibst für das, was du hast? Wie können wir einander dazu anhalten, mit unserem Geld und unseren Talenten wirksam dem Reich Gottes zu dienen?“
  • Wir verklagen den Armen: „Arbeite, statt zu rauben und zu morden!“ Die Liebe fragt: „Was können wir tun, damit du zu deinem Recht kommst und deine Würde zurückerlangst, ­sodass dein Leben gelingt?“
  • Wir warnen die Jugendlichen: „Sex vor der Ehe darf nicht sein!“ Die Liebe fragt: „Wie kann ich dir helfen, eine beständige und hingebungsvolle Beziehung zu leben, in der die Freude überfließt?“
  • Wir pochen auf Gottes Gesetz: „Homosexua­lität ist Sünde und inakzeptabel.“ Die Liebe fragt: „Was hindert dich, dein Leben als Mann oder Frau fruchtbar zu entfalten?“
  • Wir urteilen: „Geschiedene sind gescheitert und taugen nicht für leitende Ämter.“ Die Liebe fragt: „Was brauchst du, um mit deiner Vergangenheit fertig zu werden und dein Leben so einzurichten, dass du Gott mit aller deiner Kraft dienen kannst?“

Die Kosten der Jüngerschaft

Jesus handelte im Sinne der Liebe, die den anderen ernst nimmt, als er den Mann mit der verdorrten Hand nach vorne rief: Zeige uns, was nötig ist, damit dein Leben in die Fülle kommt. Damals wie heute ist eine solche Haltung gemeindegefährdend. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder mit Rabauken spielen. Oder, dass unsere Töchter in die Reichweite von Jungs kommen, die keine christliche Erziehung genossen haben. Wir fürchten, die wohlhabenden Spender zu verprellen, wenn wir über die Verführung des Geldes predigen. Wir wollen nicht, dass sich Familien gefährdet fühlen, wenn sich eine AIDS-Selbsthilfegruppe im Gemeindehaus trifft. Obdachlose könnten uns ausrauben und zu viel diakonisches Engagement könnte die Gemeinde spalten.

Die Illusion der satten Gemeinde

Was darf uns die Vorgehensweise Jesu kosten? Lassen wir den Mann mit der verkrüppelten Hand in der hinteren Bankreihe sitzen, damit er unsere Andacht nicht stört? Viele meinen, die Kirche sei vor allem für die Förderung ihrer persönlichen Gottesbeziehung zuständig. Wir debattieren über das rechte Maß von Jüngerschaft und Engagement. Nachfolge versus Dienst ist aber eine falsche Dichotomie! Ein Jünger Jesu dient den Menschen, und wer den Menschen dient, der ist ein Jünger. Nicht nur durch Verkündigung und Lobpreis wächst unsere Liebe zu Gott, sondern gerade in der Zuwendung an die Bedürftigen. Das verändert unsere Sicht auf Menschen, auf uns selbst – und letztlich auf Gott. Die Frage ist nicht, was wir haben oder nicht haben, sondern auf welcher Seite wir stehen. Das bestimmt unseren Umgang mit Besitz. Halte ich mich an jene, die die Kontrolle über ihren Wohlstand weder privat noch global abgeben wollen? Oder setze ich, was ich habe, für die Schwachen ein, die ihre Rechte nicht einfordern und verteidigen können und die ausgebeutet werden?

Die Realität des Reiches Gottes

Wenn wir dazu bereit sind, müssen wir unsere sichere „Helfer“-Position aufgeben und lernen, in den bedürftigen „Leistungsempfängern“ unsere Lehrer zu sehen, die Boten Gottes, derer wir unsererseits bedürfen. Ihnen offenbart Gott, wofür wir vor lauter Können und Machen blind bleiben. Wenn wir nicht lernen, auf ihre Stimme zu hören, verpassen wir Gottes Reden zu uns.

Leben, wie Jesus gelebt hat, zieht uns näher an Gottes Herz. So kann uns seine Liebe formen. Christus hat auf alle Privilegien verzichtet, um uns im Elend zu dienen. Wenn wir seine Per­spektive einnehmen, beginnen wir die Realität, unsere Realität, zu erkennen. Auf den Knien – als Betende und Dienende – werden wir verwandelt in sein Bild. Wir werden einfühlsam, ­weniger dogmatisch, unsere Panzerung blättert ab und wir machen als mitfühlende Mitarbeiter das Reich Gottes, das mit Jesus Realität geworden ist anschaulich.

Von

  • Elisa Padilla

    ist Geschäftsführerin der Kairos-Stiftung und Lebensgemeinschaft in Buenos Aires, Argentinien. Sie ist eine gefragte Referentin zu den Themen Nord-Süd-Beziehungen und weltweite Gerechtigkeit.

    Alle Artikel von Elisa Padilla

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal