Ich nenne euch Freunde

Ich nenne euch Freunde. Empfangen und Schenken als das Wesen von Jüngerschaft

Empfangen und Schenken: das Wesen von Jüngerschaft

 
von Konstantin Mascher

2.512 Freunde verzeichnet das Facebook-Konto eines mir unbekannten Menschen, der mich anfragt, ob er sich mein Freund nennen darf. Als Facebook-Neuling verspüre ich ein gewisses Unbehagen, per Mausklick eine Freundschaft zu bestätigen. Natürlich können wir Nutzer alle zwischen einer „wirklichen“ und einer „virtuellen“ Freundschaft unterscheiden. Dennoch stellt jede virtuelle Freundschaftsaufforderung eine Anfrage an mein Freundschaftsverständnis. Was ist Freundschaft? Woran erkennt man sie? 

In der Bibel – wie in den Zeugnissen aller Kulturen – ist sie der Inbegriff von Geschenk. Denn Freundschaft ist weder herstellbar noch in die Wiege gelegt. Sie lässt sich nicht vererben oder verordnen und auch nicht durch Verträge absichern. Zugleich ist sie unverzichtbar und es scheint sogar, dass eine tiefe Beziehung erst durch die Dimension der Freundschaft in ihre Fülle kommt. Und es gibt keinen höheren Gewinn und keine größere Würdigung für ein Leben vor Gottes Angesicht als „Freund Gottes“ genannt zu werden wie Noah, Abraham, Mose, David oder Hiob.
Ihre deutlichste Wertschätzung und groß­artigste Verheißung erhält Freundschaft durch Jesus selbst, der seinen Jüngern – und in deren Nachfolge uns – am Ende des Weges die Freundschaft anbietet: „Ihr seid meine Freunde“ (Joh 15,14). Mit seinem Leben hat er die Maßstäbe für Freundschaft gesetzt und zugleich die große, weltverändernde Dynamik, die ihr innewohnt, offenbart. Das veranschaulicht die Metapher des Weinstocks.

Zur Freundschaft berufen

Unsere Freundschaft zu Christus gründet in der engen Verbindung mit ihm, dem Bleiben am Weinstock. Das wiederum verbindet uns untereinander, denn wir sind herausgefordert, einander so zu lieben, wie er uns – in tiefer Freundschaft – liebt. Was für ein Anspruch! Und was für eine Verheißung: Frucht und Freude! „Ich sage euch das, damit meine Freude euch erfüllt und eure Freude vollkommen ist.“ (Joh 15, 11) „Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat.“ (Joh 15, 16) Entspricht diese Verheißung nicht unserer Sehnsucht nach sinnerfülltem Leben und Glück, das weit über unsere selbstbezogenen Belange hinausreicht?

Die Liebe, die sich in der Freundschaft entfalten, bewähren und multiplizieren soll, erläutert Jesus anhand seiner eigenen Verwurzelung – seiner Beziehung zum Vater. Diese hat vier unverkennbare Merkmale: Sie ist frei, bedingungslos, treu und fruchtbar. Diese vier Kennzeichen hängen zusammen wie die vier Beine eines Tisches. Lässt man ein Bein weg, lässt seine Tragfähigkeit nach.


1. Aus freiem Willen – „Der Vater liebt mich, weil ich mein Leben hergebe. Ich gebe es her, um es wieder zu empfangen. Niemand nimmt es mir; ich gebe es freiwillig her.“ (Joh 10, 17-18). Authentische Freundschaft braucht als Grundlage die freie Entscheidung. Freiwilligkeit und Entscheidungsfähigkeit können nur auf dem Boden einer bejahten Vernunft, einer Einsicht in die Notwendigkeit gedeihen. Dafür ist Jesus selbst das Vorbild. Sein liebendes Handeln an uns beruht auf einer Einsicht, die der menschlichen Perspektive verschlossen zu sein scheint: Einer, der sich der schmerzlichen Begrenztheit des irdischen Lebens freiwillig fügt und sogar bereit ist, sein Leben um des Lebens seiner Freunde willen herzugeben.

2. Ohne Vorleistung – „Jesus wusste, dass für ihn die Zeit gekommen war, diese Welt zu verlassen und zum Vater zu gehen. Darum gab er denen, die in der Welt zu ihm gehörten und die er immer geliebt hat, jetzt den vollkommensten Beweis seiner Liebe.“ (Joh 13, 1) Christi Kreuzestod stellt uns seine Bedingungslosigkeit und Uneigennützigkeit vor Augen. Er schenkt sich uns vollkommen, ohne Auflagen an sein Tun zu knüpfen. Er hat es nicht in der Hand, ob und wie die Menschen es annehmen. Jesus als der Ein­ladende und Wartende gewährt uns die Freiheit, die Tür unseres Herzens zu öffnen – oder ­geschlossen zu halten. Auch dies ist ein Beweis der Achtung, die uns der Herr des Universums entgegenbringt: Wir sind frei, Schöpfer und Erlöser zurückzuweisen.

3. In unverbrüchlicher Treue – „Und seid gewiss: Ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28, 20) Der Auferstandene hält treu zu uns, auch wenn wir auf Abwege kommen und uns von kurzsichtigen Motiven leiten lassen. Jesus hat zu seinen Jüngern gestanden, auch als sie ihn allein ließen und verleugneten. Wie Jahwe sein Freundschaftsangebot an das auserwählte Volk erneuerte, so erneuert Jesus stets das seine an uns. Und wie Gott angesichts der liederlichen Abgötterei Israels treu bleibt und seinen Bund immer wieder bestätigt, so besiegelt Jesus den erneuerten und auf alle Völker erweiterten Bund mit seinem Blut.

4. Frucht bringend – „Ich aber bin gekommen, um ihnen das Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle.“ (Joh 10, 10) Jesu Leben und Sterben hat alle, die an ihn glauben, in die Verbundenheit mit dem Vater zurückgeführt und damit hin zu ihrer Bestimmung: Frucht zu bringen. Wie das Weizenkorn, dass in die Erde fällt und vergeht, um dann den grünen Halm und die neue Ähre hervorzubringen, hat er uns durch seinen Tod zu einem Leben befähigt, zu dem wir sonst keinen Zugang gehabt hätten. Er ermutigt auch seine Jünger, sich zu investieren: fruchtbar gestaltete Freundschaft führt ins Leben und fördert es.


Diese vier Merkmale von Freundschaft sind Ausprägungen einer umfassenden Lebenshaltung: der Hingabe. Jesus lebt ganz in der Beziehung zum Vater und stellt sein Leben ihm zur Verfügung. Er schenkt sich dem Vater, der uns liebt, und wird dadurch das Geschenk des Vaters – an uns! Jesus ist das „Wort“, das Freundschaftsangebot Gottes an uns Menschen. Diese Liebesdynamik, in die wir hineingenommen werden, ist die Vorlage schlechthin für alle unsere Beziehungen, wenn sie Tiefe und Qualität gewinnen sollen. Im heiligen Abendmahl feiern wir das Sakrament der Hingabe Christi, das uns helfen soll, in eine gegenseitige Hingabe hineinzuwachsen.

Zur Freundschaft befähigt

Führen wir uns Jesu Vorbild vor Augen, können uns schon Zweifel befallen. Erleben wir uns nicht eher armselig, schwach, irdisch, ichbezogen und beziehungsunfähig? Kann ein Mensch überhaupt so lieben, wie Jesus liebt? Ist die Anforderung, zu lieben, wie Gott liebt, nicht eine große, idealistische Anmaßung? Diese Frage führt uns zurück an den Anfang, den Anfang Gottes mit seiner Welt und seinen Menschen, zur Schöpfungsgeschichte. „Und Gott schuf den Menschen zu ­seinem Bilde.“ (1. Mo 1, 27)

Abbild Gottes sein
Die Gott-Ebenbildlichkeit gibt uns den Schlüssel zum tieferen Verständnis unserer Existenz. Wenn der Mensch ein Abbild Gottes ist, dann ist er das nicht nur seiner Gestalt und seinem Wesen nach, sondern er ist es von seinem Ursprung her. Wir alle tragen diesen Stempel der hingebenden Liebe Gottes, selbst unter der dicken Schicht des furchtsamen Egoismus, die sich über unseren Seelen gebildet hat. Die Erlösung des Menschen in Christus befähigt ihn von der Abhängigkeit der Sünde in eine Freiheit hineinzuwachsen, nämlich die freiwillige Abhängigkeit von Gott. Er hat uns zur Freundschaft geschaffen.

Zuordnungen klären
Eine schöne Anschauung für die rechten Prioritäten gibt das von der Genesis inspirierte Fresko Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle, die „Erschaffung des Adam“. Aus einem lebendigen Geflecht ihn umgebender Beziehungen heraus (im Mantel Gottes schwebt ein ganzes Heer von Zeugen der Schöpfung) erschafft Gott Adam sich zum Gegenüber. Gott hat den Menschen – Adam – dazu erschaffen, dass er in Gemeinschaft lebe, in Freundschaft und im Bunde mit Eva, seinem ihn ergänzenden Gegenüber. Doch bevor Adam diese Dimension der Freundschaft leben darf und bevor er die Frau seines Lebens an die Seite bekommt, muss er lernen zu lieben. Er muss lernen Freundschaft zu leben, so wie Gott Freundschaft lebt. ER ist der Ausgangspunkt jeder Freundschaft, jeder Gegenseitigkeit, die zur Fülle im Leben führt, weil er selbst die Fülle ist. Gottes Ruf an den Menschen, bevor dieser sich an andere Personen bindet, lautet: „Die Beziehung zu mir soll deine primäre Bindung sein.“ Erst dann wird die nächste Beziehung gelingen, kann liebende Gegenseitigkeit mit der Gefährtin, die zu ihm passt, entstehen und reifen. Obwohl wir aneinander lernen, als Menschen zu leben und zu lieben, lässt sich unser innerster Kern nur von Gott her definieren. Er darf niemals aus dem Blick geraten. Um uns auch als OJC-Gemeinschaft täglich daran zu erinnern, beten wir im Mittagsgebet: „Wir gehören nicht der Arbeit, nicht den Menschen und nicht uns selbst. Wir gehören Dir.“

Als Empfangende leben
Wir Menschen sind, heute vielleicht mehr denn je, bestrebt, uns in uns selbst zu finden und meinen, unsere Identität selbst kreieren und vervollständigen zu müssen. Das Wesentliche aber können wir uns nicht selbst geben. Niemand kann sich selbst (er)zeugen, sich seine Eltern, sein Geschlecht aussuchen oder den Namen, bei dem er genannt wird. Genauso wenig kann jemand aus sich selbst heraus liebesfähig werden. Wesentliches und erfülltes Leben ist ein empfangenes Leben. Lieben kann, wer vom Du geliebt ist, und wer sich dieser Liebe täglich vergewissert. Frei hingeben kann sich nur, wer sich selbst als Gabe empfangen hat. Nur wer sich selbst „besitzt“, wer bei sich selbst beheimatet ist, kann sich auch rückhaltlos verschenken. Denn der sich selbst Besitzende muss nicht in der Angst leben, dass ihm dabei etwas genommen wird. Jesus konnte diese Hingabe leben, weil er von der Liebe des Vaters lebte und weil er wusste, wer er war. (Joh 13, 3) Hier tritt das Paradox der göttlichen Logik ein: Die Selbstfindung wächst mit der Fähigkeit zur Selbsthingabe. Das gilt auch umgekehrt: Ein Mensch, der bereit ist zur Selbsthingabe, wird die Hingabe anderer an ihn in Freiheit und Freude annehmen können, ohne um seine Autonomie und Würde bangen zu müssen und ohne beschämt zu werden.
Das ist Merkmal erfüllten Lebens: In Fülle schenken und in Fülle empfangen können. So wird zugleich das Leben „fruchtbar“ und „unsere Freude vollkommen“. Doch wie so oft sind unsere Hände mit unnützen und überflüssigen Dingen gefüllt. Wie häufig klammern wir uns an Sorgen und Nöten fest, so dass kein Raum zum Empfangen mehr da ist. Wie häufig sperren wir uns der Fülle, weil selbstische Interessen und Wünsche im Vordergrund stehen. Deshalb ist die Freundschaftspflege mit Jesus so unverzichtbar: Er erneuert unsere Hoffnung auf gelingende Freundschaften und befähigt uns zu einer Liebe, für die unsere eigenen Kräfte nicht reichen.

Auf Augenhöhe begegnen
Jesus erwartet und empfängt uns als Brüder und Schwestern, auf Augenhöhe. Wer sich in die dunkle Kapelle im Gewölbekeller unseres Reichelsheimer Europäischen Jugendzentrums setzt, begegnet dem halbnackten Christus auf dem Ikonenkreuz von San Damiano. Beim Betrachten dieser Ikone erlebte vor Jahrhunderten der wohlhabende Kaufmannssohn Francesco einen Durchbruch: der liebende, eindringliche und aufmerksame Blick Jesu traf ihn mitten ins Herz und krempelte sein Leben um. Der Heiland hatte ihn als Freund und als Bruder angerührt, als Anwalt der Schwachen und Kranken. Er war so überwältigt von dieser Christuserfahrung, dass er sich von seiner Kaufmannskarriere abwendete, seine Enterbung in Kauf nahm und sich der bitteren Armut aussetzte. Wir kennen diesen Jüngling als den Heiligen Franz von Assisi, dessen Lebenswerk der radikalen Liebe bis heute in die Kirche und in die Welt hineinstrahlt.

Dem Geheimnis Raum geben
Wahre Freundschaft führt in die Fülle. In ihr erleben wir uns in unserer Identität und Einzigartigkeit bestätigt. In der Freundschaft wird unsere Würde, die uns als Ebenbild Gottes eignet, sichtbar, sie bringt das Geheimnis unseres Lebens zum Leuchten. Durch Besitzansprüche und Vorbehalte bringen wir uns selbst um Freude und Fülle. Wo „Freunde“, ja selbst Jesus, als Statussymbol gehandelt werden, um das eigene Ego zu stärken, verdunkelt sich das Ebenbild Gottes in uns. Die Freundschaft bleibt – wie unser Verhältnis zum dreifaltigen Gott überhaupt – ein Geheimnis, das uns nicht zur Verfügung gestellt, sondern anvertraut wird.

Als Freunde ausgesandt

Wer das Freundschaftsangebot in Christus annimmt, der trägt zur Ausbreitung des Reiches Gottes bei. Jesus hat seine Apostel beauftragt, „alle Welt“ zu Jüngern zu machen, um alle in diesen Bund der Freundschaft mit hinein zu nehmen. Die Versöhnung der Völker mit Gott beginnt in der Verwandlung des Einzelnen. Wo Menschen in Hörweite Jesu bleiben, ihre Existenz in Gottes Hand legen und einander zugewandt sind, dort kann sich eine Gemeinde, eine Stadt, ja eine ganze Nation erneuern. Dazu braucht Jesus beherzte Nachfolger, die nicht nur zuversichtlich und zuverlässig seinen Anordnungen folgen, sondern die sich seine Freunde nennen lassen.

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