Willes Weihnachtswunder - im Oktober

Willes Weihnachtswunder - im Oktober
Willis Weihnachtswunder – im Oktober

Aufgeschrieben von Angela Ludwig

Willi hatte ganz gewiss nicht vor, zur OJC zu gehen. Aber dass er mit 50 aufhören würde, auf Montage zu gehen, da war er sich sicher. Das hatte er seiner Frau Anita versprochen. Als die OJC einen Schreiner suchte, interessierte ihn das herzlich wenig; er hatte es nicht mit dem Christlichen. Im Elternhaus hatten Taufe und Konfirmation natürlich dazugehört, aber das war’s auch. Sechs Wochen später beschloss er: Ich versuch’s doch! Der Arbeitsplatz bei der OJC hatte fast nur Vorteile für ihn. Er war am Ort, die Arbeitszeit geregelt und abends würde er daheim sein. Er sah das sachlich. Seine Frau konnte es kaum glauben: Was will er dort? Er ist kein Christ und bisher durfte keiner von der OJC das Haus betreten… Mit Hermann, dem Leiter der OJC-Handwerker, kam Willi überein, dass er am 1. Oktober als Schreiner seine Arbeit aufnehmen würde.

Die OJC-Mitarbeiter waren gerade in einer Klau-sur außerhalb. Willi war es recht so. Er erledigte seine Aufgaben gern in Ruhe, zumal er noch ­etwas angespannt war. Er spürte in sich hinein, wie es ihm hier ging. Das waren ja keine „normalen Häuser“, da wohnten Christen! Er hatte so seine Vorstellungen, was diese Leute betraf, einen näheren Kontakt hatte er bisher nicht, abgesehen von seiner Frau, aber zwischen ihnen war das Thema tabu. Später kam Marco hinzu, ein angenehm stiller junger Mann, auch er Schreiner und – ein Christ! Willi beschloss, ihn zu beobachten. Er machte seine Arbeit gut, über sein Christsein redete er nicht. Es schien selbstverständlicher Teil seines Lebens zu sein, wie auch bei den anderen Mitarbeitern. Keiner hatte einen Erklärungsdrang, stellte er erleichtert fest, keiner wollte ihn bekehren. Er konnte sein, wie er war. Arbeitsmäßig war nichts neu für ihn, aber das Umfeld, die Atmosphäre war anders. Was war der Unterschied? Er wollte es herausfinden! Deshalb ging er ab und an zu den wöchentlichen Bibelarbeiten der Gemeinschaft. Eine neue Welt eröffnete sich ihm. Als dann mit den jungen Leuten ein biblisches Schauspiel einstudiert wurde, gab es eine schöne Abwechslung: Er ging mit auf Tournee. Einmal, als Willi eben damit beschäftigt war, die Bühne aufzubauen, kam Jochen herein, ein leitender OJC-Mitarbeiter und ebenfalls Schauspieler, ohne Willi zu bemerken. Er packte sein Essen aus und begann zu beten. Etwas in Willi war angerührt: Jochen hatte Hunger und dennoch Zeit für ein Gebet! Auch mit welcher Selbstverständlichkeit und Inbrunst die junge Truppe vor ihrer Aufführung miteinander betete, ging ihm zu Herzen. Doch er erlebte auch Enttäuschungen und stellte fest, dass hier keine Heiligen wohnten, sondern normale Menschen, aber – „sie hatten eben auch das andere noch!“ Eine tiefe Sehnsucht begann in ihm zu wachsen, auch wenn er sie noch nicht benennen konnte. Vorsichtig suchte er das Gespräch mit Hermann.

Genau drei Jahre nach seinem Kommen hatte er Gelegenheit, bei der traditionellen Einführungswoche für die neue Jahresmannschaft dabei zu sein. Er spürte den starken Wunsch, dazuzugehören und selbst etwas von dieser Freiheit zu erfahren, mit der Horst-Klaus den jungen Menschen von seinem Glauben und seinem Leben – auch seinem Scheitern – erzählen konnte. Eine mehrtägige Retraite für die Angestellten schloss sich an. Am Ende tauschte man sich über den Ertrag der gemeinsamen Tage aus. Plötzlich hörte er sich sagen: „Ich glaube, dass ich Jesus kennengelernt habe.“ Es kam einfach aus ihm heraus. Als er dann noch ein biblisches Wort als persönlichen Wegweiser zugesprochen bekam: „Gehe hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast“, war es um ihn geschehen. Tränen stiegen in ihm auf: Gott hatte ihm prompt geantwortet und sogar seine Formulierung aufgenommen. Etwas lang Verschlossenes ging auf. Als er heimkam, ließ er seinen Gefühlen freien Lauf, er weinte und weinte – in einer Mischung aus Ergriffensein und Verunsicherung. Er hatte das Gefühl, ein unbekanntes Land betreten zu haben. Wie sollte er sich dort zurechtfinden? Am folgenden Sonntag meinte er draußen Weihnachtslieder zu hören. Im Oktober? Als er der Sache nachging, sah er eine Handvoll junger Mitarbeiter mit ­einem kleinen Tannenbaum und brennenden Kerzen die Straße heraufkommen. „Wir wollen jetzt mit dir Weihnachten feiern, Willi, weil Jesus in deinem Herzen geboren ist!“, offenbarten sie das Geheimnis ihres wundersamen Besuches. Dann drückten sie ihm das Nadelbäumchen mit den roten Glas­kugeln und den glitzernden Sternen und Engeln in die Hand: „So wie dieser Baum wächst, soll auch dein Glaube wachsen!“ Kurz war er irritiert, was würden die Nachbarn denken? Aber dann überkam ihn eine tiefe Freude darüber, dass sie so Anteil nahmen an ihm. Und er sagte sich: Ja, diese Menschen gehören unbedingt zu dem, was ich erlebt habe. Ohne die ­Gemeinschaft wäre es in meinem Leben vielleicht nie Weihnachten geworden!

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

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