Ruth Modersohn für die OJC

Das kann man nicht machen!

Begegnung mit verwaisten Eltern aus Israel

Das DisraeliS-Projekt bietet seit 2002 in Weitenhagen (bei Greifswald) verwaisten jüdischen Eltern die Möglichkeit, über ihren Schmerz zu reden, ein Kind verloren zu haben, und wurde für viele zu einer Zeit, in der Wunden heilen können. Zum fünften Mal hatte Pfarrer Wolfgang Breithaupt zusammen mit dem OJC-Team dazu eingeladen. In diesem Jahr kam es zu Begegnungen mit acht israelischen Paaren und einem deutschen Team von Ehepaaren und Ledigen. Miteinander waren sie unterwegs zwischen Berlin, Kap Arkona auf Rügen, Sachsenhausen, Usedom und Greifswald.

„Mit Unsicherheit und Angst bin ich zum ­ersten Mal nach Deutschland gefahren“, hören wir von einem der israelischen Ehepaare, die wir für eine Auszeit eingeladen hatten. Sie alle haben ein Kind bei einem Attentat verloren, wurden selbst Opfer von Anschlägen, sind schwer traumatisiert durch ein Leben unter ständiger Bedro­hung. „Eure ­Begrüßung mit israelischer Fahne und dem Lied Oseh Shalom bimromav hat alle ­Bedenken und Vorbehalte aus meinem Herzen wie weggeblasen“, sagt David, ein 62-jähriger Ingenieur, dessen 23-jähriger Sohn durch eine von Terroristen gelegte Mine getötet wurde.

Leidvolle Erfahrungen

Wir erlebten miteinander zwölf Tage intensiven Zusammenseins unter dem Motto: „Leben trotz Schicksalsschlägen – Hoffnung trotz Sterben“. Jeden Tag erzählte ein anderes Ehepaar von dem Verlust ihres Sohnes oder ihrer Tochter und wie sie damit heute leben. Sie hatten Zeit, das Schicksal ihres Kindes zu schildern. Wir waren da, um ihren Schmerz aufzunehmen, ihre Not zu teilen, auf ihre Bedürfnisse zu achten, an ihrer Seite zu sein und nachzufragen.

Einige zeigten Filme, so wie David über seinen Sohn Sharon. 20 Minuten scheint er wieder zu leben, zu lachen: ein junger Mann, der gerne für andere sorgte, gerne tauchte, der verlobt war,

den seine zwei Schwestern sehr vermissen. Die Bombe, die ihn in den Tod riss, detonierte am 9. Februar 2005. Das Haus, das seine Eltern für ihn gebaut hatten, steht seit dem Unglück leer.

Wir waren in diesen Tagen einfach füreinander da, hörten einander zu, weinten miteinander – und lachten, tanzten, sangen Lieder. Die Schabbatbegrüßung richteten die Israelis für uns aus und wir waren ihre Gäste. Am Ende konnte jeder einen Brief an Gott schreiben und ihn unter die Menora, den Siebenarmigen Leuchter, das israelische Symbol für die Gegenwart Gottes, legen. Nach einem gemeinsamen Psalmgebet wurden sie dann im Garten vergraben. Über den Erdhaufen pflanzten wir als Zeichen der Hoffnung ein Bäumchen. „Wir haben gemeinsame Wurzeln, aus ihnen heraus können wir alle neue Hoffnung schöpfen,“ so Wolfgang Breithaupt in seiner Morgenandacht über Noah, denn „das Alte ­Testament verbindet uns mit den Israelis“.

Leidvolle Geschichte

Es ist ein großes Geschenk, eine solche Erfahrung als Menschen zweier Völker zu machen, die eine so leidvolle Geschichte miteinander teilen. Am tiefsten haben wir das an den Orten der Scham und Schande unserer Nation erlebt: beim Besuch im KZ Sachsenhausen, im Haus der Wannseekonferenz, am Deportationsbahnhof Grunewald Gleis 17.

Gott hat sich im Wunder des Neuanfangs ­gezeigt. Yosef und Bruriah verabschiedeten sich dankbar: „Vor der Abreise waren unsere Herzen kalt und leer. Nun spüre ich wieder Wärme und neues Leben. Eure Liebe ist überwältigend. Ich kam mit leeren Händen und fahre zurück mit vielen neuen Freunden, die ich hier gefunden habe.“ Mit den Worten „Ich habe die Tage hier wie eine große Umarmung erlebt und fahre mit einer Kraftaufladung aus Liebe und Freundschaft wieder zurück“, sagten uns David und seine Frau Hana Adieu.

Dank und Freude

Der Initiator der Begegnung, Ilan Brunner aus Tel Aviv, ist 79 Jahre alt und möchte diese Versöhnungsarbeit in jüngere Hände übergeben. Sein Wunsch könnte nun mit Yuval und Edna, die in diesem Jahr mit dabei waren, in Erfüllung gehen. Wir wollen dieses Hoffnungsprojekt auch in den nächsten Jahren unterstützen und viele stärken, Gott und dem Leben neu zu trauen. Ganz im Sinne von Psalm 121, den wir in den Tagen miteinander gelesen haben: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“

Von

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