Haarige Umkehr

Vom Traumtänzer zum Nachfolger
Interview mit Peter Helms

Gebt doch endlich meinem Leben einen Sinn, einen Sinn …!“ Dieser Aufschrei aus dem Musical „Hair“ steht für die Sehnsucht einer ganzen Generation nach einem ­neuen, besseren Zeitalter. 1968 in New York urauf­geführt, wurde es durch seine mitreißenden Me­lo­dien und eingängigen Protestsongs welt­bekannt. Vier Jahre später kam es nach Basel. Unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit sollte sich hier Wundersames und Nachhaltiges ereignen:

Als Jesus in das Musical „Hair“ kam und das Volk auf der Bühne und im Saal sah, wie es sich um den Sinn des Lebens mühte, jammerte es ihn. Und Jesus sprach: Ich bin das Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Folget mir nach. Da hörten Markus und Peter der Kleine auf ihn und folgten ihm nach. Und als Jesus wieder in eine Vorstellung kam, sah er Ina, Paula und Peter den Großen und er rief sie. Da verließen auch sie die Bühne und schlossen sich ihm an.

So beginnt der Bericht über fünf junge Schauspieler aus unterschiedlichen Ländern, die im Januar 1972 in Basel gastierten. Zwei Kolleginnen von der Basler Bibelgesellschaft haben festgehalten, was ihnen damals widerfuhr. Let the Sunshine­ In waren in Anlehnung an den Titelsong ihre schlichten und zielklaren Handzettel überschrieben. Helga Döhne und Heidi Schenker hatten sich intensiv mit den Inhalten des Stückes auseinandergesetzt und der ehrlichen Suche nach einem lebenswerten Leben der jungen Menschen mit den wilden Haaren und exotischen Hippie-Gewandungen. Es wurde ihr Herzensanliegen, nach der Veranstaltung mit den Besuchern über die wahre Sonne ins Gespräch zu kommen. Und sie stießen auf offene Ohren – zu ihrer Über­raschung bei den Künstlern. Weitere Schauspieler verließen im Laufe der Tournee das Ensemble, die ersten fünf aber hielten Verbindung miteinander. Im September 2013 trafen sie sich wieder – im OJC-Gästehaus in Reichelsheim.

Nach 41 Jahren habt ihr euch als Gruppe wiedergetroffen. Wie ist es euch ergangen?

Es war für uns ein Zurückgehen in Erinnerungen von damals – wie wir uns gefunden haben und wie Jesus uns gefunden hat. Das war ein sehr intensives Erlebnis, denn jedes Mal, wenn man sich an etwas erinnert, kommt anderes mit hoch. In diesem Fall war es nur Gutes. Das hat eine unwahrscheinliche Dankbarkeit in uns ausgelöst. Ein Staunen, was Gott in all diesen Jahren an uns und mit uns getan hat und welche Reichweite der kleine Anfang von damals heute hat.

Gab es für dich ein Highlight?

Gott hat uns alle fünf dabei gehalten. Jeder von uns geht seinen Weg noch ganz persönlich mit Jesus. Bei keinem hatte ich den Eindruck, dass er abgekühlt oder traditionell geworden ist. Der große Peter, der im Osten des Irak lebt und dort seit vielen Jahren missionarisch tätig ist, hatte Probleme mit der Anreise. Deshalb haben wir per Skype mit ihm gesprochen. Es war sehr ­bewegend zu hören, was er durchgemacht hat, wie er durchgehalten hat – unter Umständen, die sehr schwer waren. Er hat dort seine Frau verloren. Die beiden haben wirklich das Evangelium ausgelebt, sodass die Menschen sie in ihr Herz aufgenommen haben. Der Irak ist seine Heimat geworden.

Habt ihr über all die Jahre miteinander Kontakt gehalten?

Mehr oder weniger. Als Anne-Marie und ich vor 36 Jahren heirateten, waren alle fünf da, aber ich war aus verständlichen Gründen beschäftigt, sodass wir kaum Zeit füreinander hatten. Den großen Peter habe ich seit 30 Jahren nicht mehr getroffen, aber wir haben immer wieder voneinander gehört. Mit Paula hatte ich durch „Jugend mit ei­ner Mission“ regen Kontakt. Ich gab Bibelkurse bei den Jüngerschaftsschulen auf „Mercy Ships“, wo sie verantwortliche Mitarbeiterin war. Ina habe ich nach 30 Jahren zum ersten Mal hier wiedergesehen.

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Was ist in der persönlichen Begegnung anders?

Jeder hat seine ganz eigene Lebensreise mitgebracht. Jeder ist durch das, was er erlebt hat, geformt worden. Wir haben viel voneinander gehört, Positives und Schwieriges. Im Laufe der Jahre hat sich unser Glaube vertieft, wir reden heute anders als damals, als wir junge Christen waren und keine Ahnung hatten. Jetzt ist Tiefe da, durchlebte und durchlittene Erfahrung. Ich spüre, dass wir reich und auch reif geworden sind. Trotz der sehr unterschiedlichen Wege ­stehen wir auch nach 40 Jahren noch auf demselben Boden, das ist sagenhaft.

Du kommst aus einem kirchlichen Elternhaus. Was hatte dich zu „Hair“ gelockt?

Das Abenteuer. Ich war 17, als ich zum Musical kam. Mein Zuhause war verständnisvoll und ­tolerant, ich hatte keinen Grund wegzugehen. Aber mit Hair ging einfach ein Traum für mich in Erfüllung. Schauspiel, Musik, Tanz, das hat mich gereizt, das liebte ich und liebe es immer noch. Ich muss sagen, ich schaue auf diese zwei Jahre sehr dankbar zurück, obwohl Drogen und eine sehr andere Lebenskultur herrschten. Diese Zeit ist ein Teil des Weges, den Gott mich geführt hat. Hair war mein Sprungbrett, um bei Jesus anzukommen.

Was geschah, dass dein Leben buchstäblich über Nacht eine 180-Grad-Wende nahm?

Ich war bereits zwei Jahre dabei. Am Anfang ist natürlich alles wunderschön. Die ersten sechs Monate denkt man, es kann nicht mehr besser werden. Ich hatte alles gesehen und konnte mir alles Mögliche leisten. Aber dann wurde mir immer langweiliger und ich dachte, es muss doch irgendwie noch mehr geben. Interessanterweise ist das genau die Botschaft von Hair: Es muss doch mehr im Leben geben! Ich habe aufrichtig danach gesucht – in östlichen Religionen, in Drogen, in Beziehungen. Und dann sind in Basel die beiden älteren Damen – mit 27 und 36 ­waren sie für mich als 19-Jährigen alt – vor dem Theater aufgetaucht. Irgendetwas an ihnen hat mich angezogen. Markus und ich sind auf sie ­zu­gegangen, wir sind ins Gespräch gekommen und ich habe sofort empfunden: Was die haben, will ich auch haben!

Wie wurde aus diesem Funkenflug ein Feuer?

Als Helga und Heidi mein Interesse spürten, ­haben sie uns für den nächsten Tag eingeladen – zum Käsefondue. Sie hatten das Haus, den Tisch so schön gemacht, alles war warm und wir ­waren von Herzen willkommen. Wir haben gespürt, diese Frauen sind vor allem daran interessiert, wer wir als Menschen sind. Am Ende haben sie vorgeschlagen, noch zu beten. Sie sprachen ein einfaches Gebet, kein langes, kein frommes, kein komisches, nicht mal ein charismatisches Gebet. Beide waren ganz normale evangelische Christen. Danach war es, als ob Jesus wirklich ins Zimmer kam. Ich habe spontan gesagt, Jesus, wenn du wirklich hier bist, komm in mein Leben und verändere mich. Das hat etwas Tiefes mit meinem Leben und meinem Herzen gemacht. Sie hatten nicht gesagt, Peter, jetzt bist du dran. Es geschah einfach. Markus hat ähnlich gebetet, ebenfalls ohne gefragt worden zu sein. Das war der Anfang der Geschichte.

Was war ihr Geheimnis, ihre Anziehungskraft?

Zwei Dinge waren bei ihnen nicht da: Verurteilung und Druck. Wenn wir ohne Gebet und ­ohne Bekehrung gegangen wären, wäre es genauso gut gewesen. Sie haben uns nicht mit ihrer großartigen Apologetik oder beeindruckenden Theologie überzeugt. Es war einfach ihre Liebesbeziehung zu Jesus. Die hat man gespürt, geschmeckt und gesehen. Für mich war das so echt, das hat mein Leben völlig verändert.

Gleich am nächsten Abend hat der pfiffige Peter seinen Musical-Text abgeändert, statt von „Gras“ und Mohn sang er fröhlich vom Pfefferminz-Anbau. Im Theater hielt man das für eine neue Verrücktheit von ihm. Nach weiteren Auftritten in Basel zog die Show nach Siegen.

Habt ihr als Frischbekehrte wirklich noch ins Musical gepasst?

Zunächst haben die Veränderungen, die mit Markus und mir geschahen, Ina so angezogen, dass sie als nächste zum Glauben kam. Kurze Zeit später sind wir drei dann ausgestiegen, weil wir merkten, es geht nicht mehr zusammen. Wir haben unsere Verträge gebrochen, ich auf jeden Fall. Wir brauchten jetzt natürlich eine neue Unterkunft und wir wollten unbedingt mehr von der Bibel wissen. In Siegen war es die Familie Gassner von der Heilsarmee, die uns spontan in ihrer kleinen Wohnung ein Zuhause gab.

Gleich am nächsten Abend hat der pfiffige Peter seinen Musical-Text abgeändert, statt von „Gras“ und Mohn sang er fröhlich vom Pfefferminz-Anbau.
Gleich am nächsten Abend hat der pfiffige Peter seinen Musical-Text abgeändert, statt von „Gras“ und Mohn sang er fröhlich vom Pfefferminz-Anbau.

Wie kamen die anderen dazu?

Peter und Paula waren ebenfalls angerührt von dem, was mit uns geschah, aber sie wollten im Musical bleiben, sie hatten noch einen Monat und stießen dann auch zu uns. Wir waren die ersten fünf Aussteiger und blieben sechs Monate zusammen.

Der Verantwortliche der Show erteilte den „Abtrünnigen“ Hausverbot, was er später aus Angst vor noch mehr Aufsehen zurücknahm. Nach ­einigen Monaten in Siegen fanden alle einen Platz, an dem sie beruflich weiterkommen und geistlich wachsen konnten. So kam Ina Orme (erste v. links im Bild) zur OJC und blieb ein Jahr.

Fünf Schauspieler des Musical Hair: Treffen 40 Jahre danach
Fünf Schauspieler des Musical Hair: Treffen 40 Jahre danach

Du warst später mit deiner Frau über 20 Jahre bei Jugend mit einer Mission, bis ihr euch ­unabhängig gemacht habt.

Wir sind Freunde geblieben von Jugend mit einer Mission. Aber meine Frau und ich entwickelten mit der Zeit einen etwas anderen Verkündigungsstil. Mehr als zehn Jahre lebten wir in Kanada in einem großen, offenen Haus. Wir wollten ein Zuhause sein für viele. Wir hatten immer Leute da, junge und alte – denn die Generationen haben einander etwas zu geben! Wir haben die Gäste geistlich begleitet, Kurzseminare gehalten oder biblisch-theologische Schulungen von mehreren Wochen. Was ihr hier in der OJC macht, auch die Gebäude, das hat mich sehr beeindruckt. Etwas Ähnliches schwebt uns in Südafrika vor, wo wir seit zwei Jahren leben und ein Gästehaus führen.

Du bist viel unterwegs, auch im deutsch­sprachigen Raum hast du vor jungen Leuten gepredigt und sie unterrichtet. Was ist dir in deinem Dienst wichtig?

Ich stelle meinen Studenten immer eine Frage: Was bringt dich zum Leben, auch wenn du nicht gut dafür bezahlt wirst? Was ist das Tiefste in deinem Herzen? Was zieht dich? Jesus ist nicht gekommen, um uns „fromm“ zu machen, auch nicht kirchlich, auch nicht besser. Ich bin überzeugt, dass er gekommen ist, um uns das Leben zu geben, so dass wir wieder Mensch sein können. Wenn ich auf mein eigenes Leben zurückschaue und auch auf das von Paula, Peter, Ina und Markus, dann denke ich: Wir sind mehr Mensch geworden als je zuvor. Ich glaube, das ist die ­Absicht von Jesus, unser Menschsein, wie es sich Gott gedacht hat, wiederherzustellen.

Peter Helms mit seiner Frau Anne-Marie
Peter Helms mit seiner Frau Anne-Marie

Lebendigkeit ist das, was junge Menschen ­anzieht. Was siehst du als ihre Not?

Den Mangel an Familie und echten Beziehungen. Als wir noch in Kanada wohnten, fiel mir auf, dass die meisten jungen Leute zwischen zwanzig und dreißig oder jünger kaum Familienleben haben, keine Verbundenheit miteinander, kein entspanntes Zusammensein, ohne dass man sich irgendetwas beweisen muss. Wir leben in einer Gesellschaft, die total technologisch drauf ist, mit einer Überfülle an Informationen und Möglichkeiten, miteinander Kontakt zu haben. Aber wir sind noch nie so arm an Beziehungen gewesen wie im Moment. Damit meine ich nicht, „werde mein Freund auf Facebook“, sondern die Beziehungen von Herz zu Herz.

Eure Begegnung geht dem Ende zu, wie wird es weitergehen?

Ich bin überzeugt, dass es nicht bei diesem Treffen bleiben wird. Wir möchten gerne noch einmal zusammenkommen. Wie wir dem Gestalt geben, das überlassen wir dem himmlischen ­Vater. Wir müssen da nicht zu viel selber versuchen, aber der Wunsch ist in jedem von uns.

Ich habe gehört, dass du ein Buch über deine Geschichte schreibst …?

Eigentlich ist es die gemeinsame Autobiografie von Anne-Marie und mir. Unsere Geschichte, angefangen mit Hair, ist eine Geschichte mit Gott

und unser Leben eine abenteuerliche Reise. Es wird ein ermutigendes Buch. Es hat auch viele lustige Aspekte. Wir hoffen, dass wir es bis ­Ostern hinkriegen.

Anne-Marie und Peter Helms haben drei Kinder und viele Enkel. Peter ist gebürtiger Holländer. Seit seiner radikalen Hinwendung zu Jesus setzt er sich mit seinen kreativen Gaben für Gott ein. Er lebt in Südafrika, übernimmt aber immer noch Dienste in Europa. Das Buch wird im Asaph Verlag erscheinen.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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