Wie Weihnachten wirklich Weihnachten wird  Eric Magnuson

Hautnah

Wie Weihnachten wirklich Weihnachten wird.
Impuls zum Johannesprolog

von Manfred Hausmann

In unserer Familie ist es Brauch, dass am Heiligen Abend der Anfang des Johannesevangeliums vorgelesen wird. Die Verse 1 – 14 enthalten das, was für mich Weihnachten bedeutet, besonders Vers 14: „Und das Wort ward Fleisch.“ In der Mitte von Weihnachten steht das Ereignis, das die Menschen immer wieder in die tiefsten Abgründe gestürzt und zu den höchsten Höhen emporgerissen hat: das Offenbarwerden Gottes im Fleisch. „Gott ward Fleisch“ – das ist ein nüchterner und harter Satz. Er weiß nichts von der seligen Weihnachtsstimmung, an die wir uns so gern verlieren. Wer wagt zu behaupten, er könne diese Aussage fassen? Unsere Schulweisheit ist hier gründlich am Ende. Und doch berichtet der Satz etwas, das tatsächlich geschehen ist: dass Gott allen Menschen Zugang zum Geheimnis seiner Wahrheit gewährt hat, indem er Fleisch, indem er Mensch unter Menschen, indem er Jesus Christus wurde.

Der preisgegebene Mensch …

Mit dem schroffen Wort „Fleisch“ bezeichnet die Bibel den radikal entidealisierten, kreatürlichen, todverfallenen Menschen, den Menschen in seiner Preisgegebenheit an die düsteren Mächte der Welt, den Menschen in seiner ganzen Verlassenheit und Ausweglosigkeit. In der äußersten Tiefe dieses Wortes herrscht die Finsternis von Golgatha, ertönt der todeinsame Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ „Fleisch“ –, das ist kurz und bündig der Mensch in seiner Sünde. Und zu diesem „Fleisch“, zu diesem Menschen ist Gott in einer Notunterkunft zu Bethlehem geworden. Aber nicht so, dass seine Göttlichkeit im Fleisch aufgegangen wäre. Gott bleibt immer Gott, Fleisch bleibt immer Fleisch. Und dennoch sind sie eins, dennoch hat sich der heilige Gott mit dem sündigen Geschöpf ­zu­sammen­getan.

… hat eine Zukunft

In Jesus Christus tritt Gott an die Seite eines jeden Menschen, auch des erbärmlichsten und verachtetsten. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. In dem Wörtchen „und“ liegt das Geheimnis ­aller Geheimnisse verborgen. Gott, der Schöpfer des Weltalls, kommt als Mensch zum Menschen, wird sichtbar, greifbar, hörbar und bleibt dennoch Gott in seiner Unsichtbarkeit, Ungreifbarkeit und Unhörbarkeit. Wer vermag das zu Ende zu denken? Wenn das Wunder geschieht, dass wir trotz unserer Verlorenheit, Verstocktheit und Feindseligkeit; nein, wegen unserer Verlorenheit, in der Erkenntnis unserer Verlorenheit, Feindseligkeit und Verstocktheit dennoch an Gottes ­Offenbarwerden im Fleisch zu glauben vermögen, dann ist Weihnachten wirklich Weihnachten. Und dann dürfen wir uns aller Erschütterung und Fassungslosigkeit auch tief und dankbar freuen und dieser Freude dadurch Ausdruck geben, dass wir denen, die wir lieben, eine Freude machen. Denn dann wissen wir ja, dass in dieser Nacht das Erlösungswerk Jesu Christi seinen Anfang genommen hat, das am Kreuz mit dem „Es ist vollbracht“ beendet und am Ostermorgen mit dem Triumph über den Urfeind des Menschen, den Tod, gekrönt worden ist. Die Fleischwerdung Christi hat das Fleisch besiegt. Die Schuld ist gesühnt. Der Himmel ist aufgerissen. Wir haben eine Zukunft.

Von

  • Manfred G.A. Hausmann

    1898-1986, Dichter, Laien­prediger, gehörte zur Künstler­kolonie Worps­wede. Er verarbeitete in seinen Werken die ambivalenten Erfahrungen seiner Generation von Krieg und Schuld. „Was mir Weihnachten bedeutet“ erschien 1973 in: Nacht der Nächte.

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