Von wegen edelster Stand

Warum ich mich als ordinierter Pfarrer mit der Orientierungshilfe der EKD schwer tue

Als ich am 2. Adventssonntag 1984 in einer Odenwälder ­Gemeinde als junger Pfarrer ­ordiniert wurde, war das für mich ein großer, freudiger und bewegender Tag. Ich war mir damals der Konsequenzen, die dieses ­Ereignis für mein ganzes kommendes Leben haben würde, sehr wohl bewusst: Ich sollte fortan in alleiniger Bindung an die Bibel und das reformatorische Bekenntnis das Evangelium verkündigen und die Menschen dazu ermutigen, nach den großen Verheißungen und guten ­Geboten Gottes zu leben. Zu den großen Ver­heißungen und guten Geboten Gottes ­gehört nun auch das, was in der Bibel und in den ­Bekenntnisschriften über die Ehe gesagt wird.

Die Würde der Ehe

Nach Genesis 2 ist sie eine gute Schöpfungsordnung Gottes. Jesus hat das nach Markus 10,6-9 und Matthäus 19,4-6 bestätigt. Auch der Epheserbrief (5,31) bekräftigt die göttliche Stiftung der Ehe. Darauf aufbauend rühmt Martin ­Luther in seinem Großen Katechismus den Ehestand als den „allgemeinsten, edelsten Stand, der durch den ganzen Christenstand, ja durch alle Welt geht und reicht“. Gott hat ihn „als einen göttlichen, seligen Stand“ eingesetzt und „vor ­allen Ständen aufs reichlichste gesegnet“. „Darum habe ich“, sagt Luther, „immerdar gelehrt, dass man diesen Stand nicht verachte noch gering schätze, wie die blinde Welt und unsere falschen Geistlichen tun, sondern ihn nach Gottes Wort an­sehe, mit dem er geschmückt und geheiligt ist, so dass er nicht nur anderen Ständen gleichgesetzt ist, sondern vor und über sie alle geht, es seien Kaiser, Fürsten, Bischöfe und wer sie wollen.“ Dietrich ­Bonhoeffer hat in dieser Tradition seine tiefsinnige Lehre von der Ehe als einem Schöpfungsmandat Gottes entfaltet.

Wenn man also in ­alleiniger Bindung an die Heilige Schrift und das reformatorische Bekenntnis reden will, ist klar, dass die Ehe im Vergleich zu anderen Formen des menschlichen Zusammenlebens eine besondere, schützenswerte Würde hat, was ihren Ursprung und ihre Verheißung betrifft. Das entspricht der christlichen Auffassung von der Urkirche an durch alle Wandlungen der Zeiten hindurch, und es entspricht sogar der säkularisierten abendländischen Tradition, wie sie in unser Grundgesetz eingeflossen ist.

Zeitgemäße Orientierung

Nun hat die EKD unter dem Titel „Zwischen ­Autonomie und Angewiesenheit“ eine sogenannte Orientierungshilfe veröffentlicht, mit der ich mich sehr schwer tue, weil sie all dies leichtfertig relativiert. Diese Relativierung kommt aus dem (an sich lobenswerten) Bemühen, auf die ­Lebensbedingungen heutiger Menschen von evangelischer Seite her verständnisvoll einzugehen. Äußerst bedenklich ist nur, dass dieses verständnisvolle Eingehen auf Kosten theologischer und logischer Stringenz geschieht.

Das theologische Problem besteht darin, dass die Denkschrift das normative Verständnis der Ehe als göttliche Stiftung, wie es in der Schrift be­zeugt wird, einfach für überholt erklärt mit der Begründung (S.13): „Angesichts der Vielfalt biblischer Bilder und der historischen Bedingtheit des familialen Zusammenlebens bleibt entscheidend, wie Kirche und Theologie die Bibel auslegen und damit Orientierung geben.“ Die Bibel soll also nicht die einzige Offenbarungsquelle sein, die aus sich selbst heraus auszulegen ist, wie es reformatorische Grundüberzeugung ist, sondern sie soll offenbar auch nach anderen, „zeitgemäßen“, außerbiblischen Kriterien interpretierbar sein. Aus Angst, an irgendeiner Stelle mit dem Zeitgeist nicht konform zu gehen, aus Angst, irgendjemand könne sich durch das biblisch begründete normative Verständnis von Ehe infrage gestellt fühlen, wird die Grundregel aller evangelischen Theologie, nämlich das reformatorische Schriftprinzip, leichtfertig aufgegeben.

Die Denkschrift enthält aber nicht nur dieses schwerwiegende theologische Defizit, sondern auch einen logischen Fehler, der zu absurden Konsequenzen führt: Wenn die Ehe keine ­besondere Dignität hat, also nur eine von vielen allesamt gleichwertigen „Lebensformen“ ist, wie Menschen „in Freiheit, Verlässlichkeit, Verantwortung, Fürsorge und Respekt“ zusammen­leben, müssten (wie Wilfried Härle in einem Offenen Brief an den Ratsvorsitzenden der EKD zu Recht betont hat) in Zukunft auch Bigamie, Polygamie, sexuelle Dauerbeziehungen in Kommunen, inzestuöse Beziehungen etc. gutgeheißen werden, wenn sie nach den genannten Maßstäben geführt werden. Auch diese Lebensformen müssten dann im Namen Gottes gesegnet werden, was die EKD sicher nicht will. Hier wird die logische Inkonsistenz der Denkschrift deutlich.

Zeitlose Gültigkeit

Alles in allem spüre ich, nicht zuletzt durch vielerlei Gespräche und Rückmeldungen in der Gemeinde, dass die sogenannte „Orientierungshilfe“ von vielen als zutiefst desorientierend, verunsichernd und empörend empfunden wird. Wie ich finde: zu Recht.

In einem Wort der Bekennenden Kirche zu Ehefragen vom Mai 1944 (!) heißt es:
Wir wissen alle, dass die Anschauungen über die Ehe sich in den letzten Jahren mehr und mehr ­gelockert haben. Es ist, als wollte die Welt zurücklenken zu den Ehebegriffen der griechischen und römischen Welt, wie sie vor dem Christentum ­gewesen waren … Lassen Sie uns gemeinsam Gott bitten, dass er uns seinen Heiligen Geist gebe, ­damit wir denen, die unser Wort erreicht, von der Herrlichkeit, aber auch von der Heiligkeit der Ehe Zeugnis geben, und dass wir selber die Ehe heiligen lernen in rechtem, freudigen Glauben!“

Diesem Wort kann ich mich nur anschließen. Es erinnert mich auf tröstliche Weise an mein Ordinationsgelübde und an den großen und schönen Auftrag, unter dem mein Leben als Pfarrer steht, nämlich – unabhängig vom Zeitgeist! – das Wort Gottes in seiner tröstlichen, befreienden, aber auch bindenden und verpflichtenden Kraft zu bezeugen.

Von

  • Stefan Kunz

    Dr., ist Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim. Er engagiert sich u.a. im Vorstand des Vereins Evangelisches Exerzitium (Zentrum für geistl. Theologie und christl. Lebensgestaltung, Volkenroda). Mit seiner Frau Janny ist er seit vielen Jahren Wegbegleiter unserer Gemeinschaft.

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