Welch eine Zumutung

Geburtstagsbrief an meine Mutter

Reichelsheim, den 14. Februar 2013

Liebe Mama,

le chaim – auf das Leben! Auf Deinen Geburtstag! Auf 70 gute Jahre und ein ereignisreiches Leben darfst Du heute zurückschauen. Als jüngster Deiner Söhne möchte ich Dir danken für das Leben, das Du uns, das Du mir ermöglicht hast.

Der Tag meiner Geburt lag nur einen Tag vor Deinem Geburtstag. So eng wie diese beiden Tage beieinander liegen, so eng waren Tod und Leben miteinander verwoben, denn an dem Tag, an dem ich entbunden wurde, war die Beerdigung Deines Sohnes Stefan, meines mit vier Jahren verstorbenen Bruders. Er war so alt wie meine Tochter Mirjam heute ist, und ich kann mir nicht vorstellen, was es bedeutet, ein Kind in diesem Alter zu verlieren. Wie hast Du die Gleichzeitigkeit all dieser Ereignisse bewältigen können: Der Schock, dass Stefan nach der letzten Herzoperation nicht mehr aufgewacht ist; meine Geburt, die genau auf den 9. Geburtstag von Alex, Deinem Zweitältesten fiel, und die Beerdigung von Stefan, an der Du nicht teilnehmen konntest; und Dein Geburtstag am Tag darauf? Dennoch blieb meine Kindheit, wie ich empfinde, erstaunlich unbelastet von dem Gewicht dieses schicksalhaften Tages. Daran hast Du einen großen Anteil. Vor einigen Jahren stieß ich bei der Lektüre des namhaften Reformpädagogen Janusz Korczak auf das „Grundgesetz für das Kind“. Das darin behauptete erste Grundrecht klingt zunächst befremdlich, enthält aber eine tiefe Wahrheit. Es ist das „Recht des Kindes auf seinen eigenen Tod“. Korczak formulierte diesen Satz bewusst als kritisches Korrektiv angesichts einer von Ängstlichkeit dominierten Erziehungskultur. Du aber, die Du Dich selbst intensiv mit Pädagogik und Erziehung auseinandergesetzt hattest, Du hast dieses „Grundrecht“ gelebt und hast es Stefan und mir zugestanden. Stefans Tod war sein Tod – und blieb es. Er durfte sterben, ich durfte leben. Heute weiß ich, was für ein Gnadengeschenk es ist, dass dieser Schatten mein Leben nicht verdunkelt hat. Dafür bin ich unendlich dankbar. Auch Dir. Ich erlebe in meinem Umfeld immer wieder, wie der Verlust, über den die Eltern nicht hinwegkommen, bleischwer auf der Familie lastet und der Tod des einen Kindes unterschwellig zum Tod aller wird.

Ich weiß nicht viel über Deine Trauer. Ich weiß nicht, wie es Dir gelungen ist, den einen Sohn loszulassen und den anderen innerhalb so kurzer Zeit aufzunehmen, ohne mich als Jüngsten mit einer übermäßigen Besorgtheit zu beladen. Du hättest mir mit dem Versuch, mich vor Gefahren zu bewahren, dem „Leben nehmen können“, stattdessen hast Du mich ohne Vorbehalte dem Leben, wie es sich ergab, anvertraut. Das Leben geht weiter! – das war die stärkste Botschaft, die sich meiner Existenz eingeprägt hat. Ich weiß auch nicht, wer oder was Dich getröstet hat. Eure schwarzen Freunde gaben mir den Beinamen Kgomotso, was in ihrer Sprache Tröster heißt. Gewiss, ich war ein Trost, aber ich danke Dir, dass ich nicht Zeit meines Lebens als tröstender Ersatz für meinen Bruder herhalten musste oder eine Leistung einlösen, die er nicht hatte vollbringen können. Meine Welt gehörte mir, und heute noch zehre ich von der Erinnerung an eine Kindheit, der die Fülle der Zeit geschenkt war: Ich konnte in den Tag hinein leben, ganz im Hier und Jetzt, unbeschwert von dem, was vor mir ­gewesen ist und unbekümmert um das, was mich in der Zukunft erwartete. Auch dafür danke ich Dir, denn damit hast Du mir nach Korczak das zweite Grundrecht zugestanden: „Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.“

Ihr habt mich Konstantin genannt, was soviel heißt wie der Beständige, Standhafte. Papa und Du, Ihr habt mir einen „eigenen“ Stand zugestanden, mich früh meinen Weg gehen lassen und mich auch nie an meinen Brüdern gemessen, mir meinen Beruf, meine Ehe, meine Familie, meine Kommunität – stets ohne Vorbehalt – zugetraut. Dein Vertrauen in mein Leben war eine starke Kraftquelle. Heute, selbst vierfacher Vater, ahne ich, welche enorme Herausforderung es oft gewesen sein muss, mir auch das dritte Grundrecht zu gewähren: „Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist.“

Auch nach dem schweren Schicksalsschlag seid Ihr Eurer Berufung, in der schwarzafrikanischen Kirche Südafrikas zu dienen, treu geblieben. Ihr habt uns Söhnen den Alltag in der konfliktdurchtränkten Apartheidskultur zugemutet, ohne uns auf die sichere Seite zu verfrachten. Unter den Schwarzen, die mich nicht näher kannten, war ich als Weißer nur geduldet und unter den Weißen wurde ich misstrauisch beäugt, erstens weil ich Deutscher war und zweitens, weil ich gerne unter den Schwarzen lebte. „Das Kind zum Leben ermutigen und ihm das Leben zumuten“ – diesem Leitsatz bist Du intuitiv gefolgt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich vor allem von diesem Zumuten, diesem speziellen Ausdruck elterlicher Liebe und Wertschätzung, profitiert habe. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Montage. Da wart Ihr Eltern (fast) immer unterwegs. Nach dem intensiven Pfarrdienst am Wochenende brauchte Papa den Abstand und Ihr habt den freien Tag konsequent in Anspruch genommen. Oft seid Ihr am Sonntagnachmittag aufgebrochen und erst Montag nachts wieder zurückgewesen. Handys gab es noch keine. Weil die beiden älteren Brüder schon in einer anderen Stadt zur Schule gingen und uns Jüngeren die Variante mit der Übernachtung im Internat nicht behagte, blieben wir lieber allein zuhause. Diesem Wunsch habt Ihr den Vorrang vor Eurer Angst gegeben. Es war ein Abenteuer, ich war damals Zweit- oder Drittklässler. Es kam vor, dass wir den Schlüssel verbummelten und ins Haus einbrechen mussten, und was die Mahlzeiten anbelangt – na ja. Als wir Dir an einem Muttertag mitteilten, von nun an morgens um 5 Uhr selbstständig aufzustehen, zu frühstücken, Pausenbrote zu schmieren und um 6 Uhr in den Schulbus zu steigen, bist Du, ohne mit der Wimper zu zucken, auf das Angebot eingegangen. Du hast auch eingewilligt, als ich mit meinen dreizehn Jahren, frisch eingeschult in der deutschen Schule von Pretoria, entschied, nicht ins Internat zu ziehen, sondern mich bei Bekannten einzuquartieren, obwohl wir alle wussten, dass ich dort mit eigenem Eingang und eigenem Schlüssel kommen und gehen konnte, wie es mir beliebte. Erst jetzt, da meine Älteste bald ins Teenageralter kommt, dämmert mir das Ausmaß der Überwindung, die Dich das gekostet haben mag.

Doch nicht die Eigenständigkeit an sich, die ich mit großer Selbstverständlichkeit in Anspruch nahm, sondern Deine vertrauensvolle Zurückhaltung hat meine Freude am Leben genährt. Dass bei aller von mir eingeforderten und von Dir gewährten Autonomie doch Dein Zutun zur entscheidenden Wende in meiner Laufbahn führte, scheint mir heute ein Beweis dafür zu sein, dass mütterliche Fürsorge im Verborgenen nicht weniger, vielleicht sogar mehr, auszurichten vermag als alles geschäftige Kümmern. Nach dem Abitur wollte ich in Deutschland Architektur studieren und hatte vor, mich in Göttingen bei einer Tante einzuquartieren. Der Brief aber, der sonst auf dem Postweg zwei Wochen brauchte, war ein halbes Jahr unterwegs. Eine Alternative musste her, weil der Flugtermin immer ­näher rückte. Du hattest damals den OJC-Freundesbrief bezogen und wolltest mir die OJC schmackhaft machen, in der angeblich ein Architekt namens Klenk mitlebte und überhaupt ziemlich viel gebaut wurde. Zu der Zeit hatte ich mit dem Glauben so gar nichts am Hut, machte einen ­großen Bogen um Gottesdienst und Kirche und hielt mit meiner Meinung darüber auch vor Dir nicht hinterm Berg. Zum Glück las ich den Rundbrief damals nicht so genau durch, sonst hätte ich mich nie auf eine Zwischenlandung in Reichelsheim eingelassen.
Um es kurz zu machen: In der OJC kam ich neu zum Glauben und wurde von der Idee des gemeinsamen Lebens infiziert. Dort lernte ich auch meine zukünftige Ehefrau kennen. Wir haben uns schließlich als Familie auf das Abenteuer eines unangepassten missionarischen Lebensstils eingelassen – allerdings im Odenwald und nicht im afrikanischen Busch. Wenn ich jedoch heute auf mein eigenes Familienleben schaue und mich über meine Kinder freue, entdecke ich staunend, wie sehr Du mich, meine Haltung zum Leben, meine Haltung zu meinen Kindern geprägt hast. Gelegentlich ertappe ich mich dabei, ihnen in der allerbesten Absicht, mit meiner Fürsorge und meiner Sorge, die ich mir denn doch um sie mache, im Weg zu stehen. Und mir selber auch. Dann kommt mir in den Sinn, was ich von Dir gelernt habe: Das Leben selbst ist der beste Lehrmeister. So will auch ich lernen, ganz für sie da zu sein und sie freizugeben – so kann ich sie ins Leben lieben.

Es tut mir leid, dass ich Dir dies nicht schon viel früher gesagt habe. Und es ist schade, dass ich Dir keinen Anteil geben kann am quirligen Leben meiner Familie hier in Reichelsheim! Während ich das schreibe, liebe Mama, frage ich mich, an was Du Dich wohl noch erinnerst. Und was Du heute, an Deinem Siebzigsten, von meiner Sorge und meinem Wohlwollen für Dich mitnehmen wirst auf Deinen ganz eigenen, durch die fortschreitende Demenz immer kindlicher werdenden Lebensweg. Auch Eltern haben wohl „ein Recht auf den heutigen Tag“. Das Leben, der große Lehrmeister, lehrt mich so eine besondere Lektion: Mich für heute über Dein Leben zu freuen, Dich dankbar und ­liebevoll loszulassen und – wie Du einst Deine Söhne – ganz dem Liebhaber des Lebens anzuvertrauen.
Danke für das Leben, das Du mir geschenkt hast. Le chaim – auf Dein Leben!

Dein Konstantin

Von

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