Mein Leben ist kein Fotoalbum

Ein Chilene im OJC-Jahresteam

Dass ich mich in der OJC und auf den Seiten dieses Salzkorn wiederfinde, hat eine Vorgeschichte. Es ist mir nie schwer ­gefallen, Kontakt mit Fremden an fremden ­Orten zu knüpfen. Vielleicht, weil ich in meinem Land selbst „Ausländer“ bin. Meine brasilianische Mutter hat mich in Ecuador geboren, mein Vater dagegen ist gebürtiger Chilene. In Chile bin ich aufgewachsen. All dies hat aus mir eine manchmal introvertierte, aber doch neugierige Person gemacht, einen Menschen mit dem Hang, der Monotonie auszuweichen und dem tiefen Bedürfnis, sein soziales Umfeld zu verstehen. Mit diesem Marschgepäck bin ich in Reichelsheim angekommen.

Das „soziale“ Umfeld in meinem Land, das sich der Geschichte Chiles verdankt, ist in besonderer Weise zwiespältig: voller Anmut, zugleich auch von tiefen Wunden gezeichnet. Die Ideale der Liebe, Annahme und des Respekts sind tief im kulturellen Bewusstsein der Chilenen verankert. Diese Tugenden sind, denke ich, weit mehr als nur eine poetische Vorstellung und hätten das Potenzial, die Gesellschaft wirksam zu prägen – wären sie nicht durch politische und wirtschaftliche Faktoren stark zurückgedrängt.

Mehr als ein Pinselstrich

Auf der Suche nach neuen Perspektiven und ­einer tieferen Verbindung zum geistlichen Leben, das mir inmitten der Alltagspflichten abhanden ­gekommen war, beschloss ich, mich dem großen Team namens OJC anzuschließen. Ich hatte eine Vorstellung davon, weil ich 2007 bereits an einem Internationalen Baucamp in Reichelsheim teilgenommen hatte. Es zeigte sich jedoch, dass das nur ein Pinselstrich in einem großen Gemälde war. Die Gemeinschaft, so stellte sich heraus, ist weit mehr als eine Gruppe von Menschen, die zusammen arbeiten. Sie ist in Wirklichkeit eine große Familie mit vielen Mitgliedern, die das ­Leben in Gott und Jesus zu feiern wissen, wie ich es vorher noch nie erlebt habe. Mit jedem Tag wird diese Wirklichkeit zu meiner eigenen, und ich tauche ein in diese Bewegung des Lebens. Ich bin hier auf etwas gestoßen, das im Alltag – rund um den Globus – an Bedeutung eingebüßt hat: das Leben zu feiern. Was das bedeutet, habe ich am Tag meines Geburtstags und eine Woche später bei meinem „Geburtstagserzählen“ verstanden. Am Morgen meines Geburtstags hat mir die Jahresmannschaft ein wirklich geniales, wit­ziges Frühstück bereitet, mit so viel Hingabe, wie es nur enge Angehörige oder Freunde fertig­bringen. Alles war zu meinen Ehren und nach meinem Geschmack ange­richtet. Viele Glück­wünsche und Geschenke kamen, auch von Leuten, die ich nur ein paar Mal getroffen hatte. Familie Rasmussen bereitete mir ein köstliches Mittagessen und ein paar Tage später gab es noch ein lustiges Abendessen bei Hammers mit einigen aus dem Freiwilligenteam.

Mit Worten ausgemalt

Dann kam der Abend, an dem ich aus meinem persönlichen Leben erzählte. Aus Dankbarkeit für das schöne Geburtstagsfest wollte ich diesen Abend so interessant wie möglich gestalten. Das war gar nicht so einfach, denn ich wollte nicht wie aus einem Fotoalbum von meinem Leben ­erzählen, sondern mich zeigen, wie ich mich sehe, mitsamt meiner sozialen und kulturellen Herkunft und meinen Überzeugungen. So kam ich auch auf den Militärputsch und die Diktatur in meiner Heimat zu sprechen und auf ­deren Spätfolgen, die sich wie ein Riss durch unser Selbstverständnis in der „Post-Diktatur“ ziehen und die Ursache für die eklatante soziale Ungleichheit sind. Es war mir nicht leicht gefallen, darüber zu reden, denn das Thema ist mit Tod und Ungerechtigkeit schwer beladen. Aber Chile ist davon geprägt, und auch mein eigenes Leben. Dennoch sind die Aussichten nicht nur trübe. Ich war sehr überrascht, dass das Thema bei vielen Zuhörern auf großes Interesse stieß. Das zeigte mir, wie wichtig der „Andere“ ist und wie es hilft, sich selbst besser zu verstehen, wenn man ihn versteht. Am Ende meines Berichts lag Spannung im Raum, bei allen kamen Gedanken und Gefühle zum Vorschein. Wir hatten einander zugehört und mit Begeisterung unsere Meinungen ausgetauscht.

Das bunteste aller Feste

Der Erzählabend wurde zum Entré für weitere Rückfragen und Einladungen. Es gab Klärungsbedarf über kulturelle, sprachliche, kulinarische und traditionelle Fragen. Dabei spürte ich stets echtes Interesse und Respekt. Oft war der Austausch mit einem guten Witz garniert. Ich selbst habe auch viele Fragen und es gibt immer Neues zu entdecken. Je mehr ich mich einbringe, desto mehr verstehe ich, dass die Menschen hier alles daran geben, den Anderen kennenzulernen, mit ihm zu leben, ihn zu begleiten und, wenn er ein Problem hat, ihm zu helfen, so wie Jesus es vorgelebt hat. Ich begreife die transzendente Dimension dessen, was es bedeutet, das Leben zu feiern. Nicht die besonderen Anlässe, zu denen man sich trifft und einander der Verbundenheit versichert, sind das Wesentliche, im Gegenteil: Der Andere ist mir an jedem Tag wertvoll und hat etwas zu geben, woraus ich lernen kann. Leben heißt, die Möglichkeit zu feiern, dass wir fühlen, erleben, weinen und lachen, uns ärgern, versöhnen und vergeben können. Ist das nicht das bunteste aller Feste?

Von

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