Rettende Goldreserven

Rettende Goldreserven

Raus aus Chaos, Wüste und Langeweile

Dieses Kind wird wahrscheinlich kein Jahr alt, hatte der Arzt gesagt“, so erzählte es mir meine Mutter. Und demnächst feiere ich meinen 65. ­Geburtstag – ein Sieg des Lebens! Denke ich diese zurückgelegte Wegstrecke entlang, begegnen mir etliche Kreuzungen, an denen ich mich zum Teil sehr bewusst für einen Weg in Richtung Leben entscheiden musste.

An solch einer Weggabelung stand ich im Spätsommer 1968. Mein damaliges Studentenleben war aufregend und unruhig, auch bedingt durch einige chaotische Beziehungen, die ich pflegte. Gleichzeitig erlebte ich mich in einer inneren Wüste und Langeweile gefangen. Auf diesem Hintergrund hörte ich von einem „anderen Leben“ und von „Freundschaft mit Jesus“. Das kannte ich noch nicht und wählte unter anderem deshalb „Jesus als Experiment“. Seitdem habe ich ihn als einen humorvollen und ideenreichen Freund, innovativ und zuverlässig erfahren, als einen nicht aufgebenden Begleiter, einen echten Liebhaber des Lebens!

Mehr als eine Theorie

Ich habe ihn nicht zufällig gewählt, sondern eher aus Neugier. Das kam so: In einem Tagungsgebäude wartete ich auf jemanden, der sich verspätet hatte. Auf einem der Tische lag eine Bibel. Ich blätterte einfach mal so durch und las dann völlig überrascht folgende Verse: Bei deiner Geburt war es so ... und ich ging vorüber und sah dich in deinem Blut liegen und sprach: Du sollst leben ... und nahm dich auf und zog dich groß.

Mir blieb die Spucke weg – das war ja meine Geschichte! Ungewolltes Leben gleich am Anfang und auch später dem Tod oft näher als dem Leben. Wenn es so einen Gott wirklich geben sollte, wollte ich mir diese Bekanntschaft nicht entgehen lassen! Die Findelkind-Erzählung des Propheten Hesekiel wurde mir ein entscheidender Wegweiser ins Leben hinein: Der „Vorübergehende“ sagte Ja zu dem Kind, zu mir, auch zu all dem an meinem Leben, was ich selbst verachtete. Mehr noch, über das Ja sagen weit hinausgehend, tat er das Lebenswichtige: Er hob es auf, reinigte, nährte, kleidete es und ließ das Kind in einer Familie aufwachsen.

Die biblische Geschichte vom Findelkind kennt auch tiefe Abstürze und Brüche zwischen dem, der das Baby ins Leben zieht und der herangewachsenen jungen Frau – genau wie bei mir! Umwege und Irrwege gehören zur leidvolleren Seite unseres Menschseins. Und oft genug bleiben Narben und Trümmer zurück, bei uns und bei anderen. Umso wichtiger wurde mir in den letzten Jahren das Wort aus Jesaja 52,9: Die Trümmer werden fröhlich sein und jubeln … Denn der Herr hat getröstet und erlöst, dass ­aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes. Im Rückblick auf meine Lebensstrecke sehe ich ­einige Ruinen. Doch in den Trümmern unserer Ideale und Wünsche, mitten in Zerbruch und Unheil ist das Heil Gottes am Wirken und lässt uns wachsen hin zu mehr Lebendigkeit. Das blieb auch für mich keine Theorie.

Goldene Flecken auf dunklem Grund

Ich erlitt drei schwere Unfälle – jeder hätte tödlich enden können; jeder hat bis heute spürbare Folgen hinterlassen, jeder wurde zu einer weiteren Hinwendung zum Lebensfürsten und zum Leben. Ich war knapp 30 Jahre alt, als ich mir durch einen Sturz den Schädel angebrochen und einige Schäden an der Halswirbelsäule zugezogen hatte. Schwere Jahre folgten. In den langen ­Monaten voller Schmerzen und zunehmender Lähmungserscheinungen zerbrachen mir viele ­Illusionen und Vorstellungen, ganz besonders von meiner Freiheit, meiner Unabhängigkeit, meiner Selbstbestimmtheit, meinem Können. Sie wurden mir förmlich aus der Hand gerissen und zertrümmert. Dass ich nicht mehr konnte, wie ich wollte, dass ich dem Schaden nicht ausweichen konnte, sondern ihn annehmen musste, dass es nie mehr wie vorher sein wird, dass ich für einfachste Dinge auf Hilfe angewiesen war, wurde zu einer furchtbar schweren Lebenslektion. Schwester Ruth von den Marienschwestern in Darmstadt fand damals einen Satz, der mir zum Wegweiser wurde. Ich konnte schon wieder besser laufen und besuchte mit anderen den Gottesdienst, war aber alles in allem mit meinem Zustand – häufig von Schmerzen überschwemmt – sehr unzufrieden. Da nahm sie mich beiseite, führte mich zurück in die Kirche, zeigte auf eines der Glasfenster, welches einen Passionsengel mit dem Kreuz darstellt und sagte: „Maria, vergessen Sie nie – das Kreuz hat goldene Flecken.“ Ein tröstliches Bild, auch wenn mir manchmal diese goldenen Flecken verschwindend klein zu sein scheinen, geradezu unsichtbar. Dieses Bild hat mich seitdem zu einer Fährtenleserin werden lassen in Sachen „goldene Flecken“. Ich will die Segensspur Gottes, seine heilsame Gegenwart mitten in Ruinen und Trümmern des Lebens suchen und finden, bei mir und bei anderen. Jesus lebte es uns vor, bis zu seinem letzten Atemzug. Jesus ist der Lebensfürst. Und das gilt nicht nur für den einzelnen, sondern überall dort, wo Gott sein Leben mit uns teilt und wir uns darauf einlassen. Und wenn wir teilen, was er uns anvertraut, dann entstehen Orte des Lebens, Biotope zur Ehre Gottes. Le chaim!

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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