Editorial über das Leben

Le chaim,
auf das Leben, liebe Freunde!


Le chaim sprechen wir einander zu, wenn wir in den Familien am Samstagabend die Weingläser erheben und den Sonntag begrüßen. Der hebräische Zuspruch erinnert daran, dass wir uns am Leben freuen und den Arbeitsalltag mit seiner Eigendynamik jetzt bewusst hinter uns lassen dürfen. Wer den siebten Tag bejaht, zelebriert den Höhepunkt des Schöpfungsgeschehens und wird hineingenommen in das Staunen angesichts der vom Schöpfer wohlkomponierten Ordnungen. Die Schöpfung selbst spielt das Lied vom Leben.

Zwei Kerzen

... stehen auf dem Tisch und werden zum Auftakt der Feier entzündet. Sie sind Sinnbild der Dualität von Schöpfer und Geschöpf, von Tag und Nacht, von Himmel und Erde. Sie stehen auch für die Polaritäten des Menschenlebens: Mann und Frau, Eltern und Kinder – letztlich auch Geburt und Tod. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich die Berufung des Menschen, sein Leben als Ebenbild Gottes fruchtbar zu gestalten. Der darin enthaltene Segen kommt gerade im Verwiesensein des jeweils einen auf das andere zum Ausdruck. Das Leben wird ganz durch den Schalom zwischen ihnen. Gerade an den Grenzen unserer Existenz gewinnen die anthropologischen Konstanten Kontur und werden wir als Menschen erkennbar. Sie definieren uns – nicht etwa wir sie, wie es uns eine verhängnisvolle ­Illusion, der Sündenfall, vorgaukeln will. Unsere ­Lebenswirklichkeit ist heute von einer zunehmenden Entgrenzung geprägt. Wir lassen uns – oft unbemerkt – vom Primat der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung leiten und nehmen dafür in Kauf, dass unser Miteinander diffuser, ja konfus wird. Die „Majorität“ hat sich darin „behaglich“ eingerichtet und reagiert geradezu paranoid auf Grenzziehungen. Eine Kultur aber, die nicht mehr zu unterscheiden weiß, wann das Menschenleben beginnt und wie es in Würde ­enden kann, die den Mutterleib zum gefährlichsten Ort werden lässt und das Getötetwerden als finales Menschenrecht einfordert, wird unausweichlich zu einer „Kultur des Todes“. Die aktuelle Diskussion um aktive Sterbehilfe etwa möchte die Grenze vom Ende her für den Einzelnen kontrollierbar machen. Sie fordert Maßnahmen, deren Folgen wir gar nicht abschätzen können. Lassen wir uns warnen vor dem „Gewöhnungseffekt: Was heute als Recht und Selbstbestimmung dem Bürger verkauft wird, ist morgen eine Pflicht ... mit der Folge: ‚bist du nicht gesund oder fit? – dann stirb wenigstens rasch!’“ *

Hier tun sich die Abgründe eines vom Schöpfer entfremdeten Daseins auf. Bernd Wannenwetsch zeigt die Paradoxien einer heillosen, da vom Heil abgeschnittenen Angstkultur auf, die den Tod durch Technik bekämpfen will und dabei immer mehr vom Tod durch Technik dominiert wird (S. 20). Auf den Spuren Bonhoeffers legt der Theologe die geistlichen Wurzeln unserer ­Todesverfallenheit frei und lenkt den Blick auf die Überwindung des Todes durch Christus. Ein Lebenszeugnis (S. 17) und ein persönlicher Brief (S. 26) illustrieren auf eindrückliche Weise, wie selbst in der schmerzhaften Verworrenheit von Leben und Sterben dennoch das Leben siegen kann.

Der Advent 2012 hatte uns eine ungebetene Chance zur Positionierung (S. 12) beschert. Im Dezember startete eine „Aufklärungskampagne“ gegen die OJC mit zwei Kleinen Anfragen im Hessischen Landtag, die u. a. die Legitimation unserer Mannschaftsarbeit im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres auf den Prüfstand stellen. Beide Anfragen monieren, dass ein Verein mit „solch kruden Vorstellungen über Sexualität“ wie die OJC als öffentlicher FSJ-Träger fungieren darf und fragen, ob FSJ-Anwärter von der Landesregierung „über die Geisteshaltung und den Missionierungsauftrag der OJC informiert werden“. In den Medien wurde die Position des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft zur Homosexualität undifferenziert kritisiert und ihre Leiterin Christl R. Vonholdt auf diffamierende Weise verunglimpft. Die Kampagne zielt ­offensichtlich darauf, die OJC zu diskreditieren und uns von anderen kirchlichen Werken zu isolieren.
Dass wir in dieser stürmischen Zeit den Zuspruch von zahlreichen Betroffenen und die Unterstützung vieler Freunde erfahren durften, bestärkt uns darin, weiterhin klar Stellung zu beziehen. Nach unserem Verständnis von Demokratie und Pluralismus muss es in einer freiheitlichen Gesellschaft unterschiedliche Auffassungen darüber geben dürfen, was die Kern­identität des Menschen ausmacht und was Sinn, Ziel und Bestimmung menschlicher Sexualität ist. Wir stehen für das, was wir als lebensförderlich erkannt haben, auch in Zukunft Rede und Antwort und geben „Rechenschaft über die Hoffnung, die in uns ist“ (1. Petrus 3,15).

Der überfließende Becher

... ist ebenfalls ein – besonders von den Kindern mit Spannung erwartetes – Element der Sonntagsbegrüßung. Der Hausvater gießt den Wein in den Kelch. Nach kulinarischer Konvention würde das Glas nur etwa zu einem Drittel ­gefüllt; hier aber wird so lange eingeschenkt, bis der Kelch überfließt. Ein eindrückliches Bild dafür, dass der Schöpfer uns die Fülle schenken will. Um diese Fülle empfangen zu können, gibt uns Gott „Gefäße des Lebens“: seine Gebote. Nicht um uns zu knechten, sondern in die Freiheit zu führen. Christus versichert uns der guten Absicht des Vaters, wenn er betont, dass der Sabbat für den Menschen gemacht ist und nicht umgekehrt. Unfrei ist einer, der nicht weiß, woher er kommt, wozu er geschaffen wurde und an was er sich binden soll. Ein solcher Mensch ist seinen situationsbedingten Empfindungen ausgeliefert und ein Getriebener seiner Lust oder Unlust. Ohne die Leben schützenden Leitplanken geht er irre und verliert sich selbst. Nicht nur ein Sabbatgebot, sondern zehn Gebote dienen dem Leben, damit der Mensch Mensch sein kann, wie Heinz Zahrnt es formuliert (S. 29).

Zu einem Leben aus der Fülle gehört auch das Abenteuer ungeeilter Nachfolge. Ralf und Marsha Nölling haben sich darauf mit Haut und Haaren eingelassen und sind in unsere Kommunität ein-getreten. Sie geben uns Anteil an ihren Beweggründen für ein „Lebenslänglich“ (S. 8). Ein Abenteuer anderer Art steht Melanie und Daniel Böhm in Bangkok bevor. Sie berichten von dem Ruf und ihrer Sehnsucht, einem Volk in der Ferne aus nächster Nähe zu dienen (S. 34).

Zwei Laibe frischgebackenes Brot

... liegen auf einem besonderen Teller. Sie erinnern daran, wie der Hüter Israels während der Wüstenwanderung für sein Volk sorgte. In der Woche konnten die Israeliten jeweils so viel Manna sammeln, wie sie für den Tag brauchten, alles andere verdarb über Nacht. Nur am sechsten Tag durfte ein Vorrat angelegt werden, der dann für den Sabbat reichte. Auch wir haben im vergangenen Jahr erleben dürfen, wie sich der Liebhaber des Lebens um unser Wohl kümmert. Ihm und allen, die uns in Fürbitte und mit tatkräftiger finanzieller Unterstützung bedacht haben, gilt unser großer Jahresdank. (S. 41)

Die Sonntagsbegrüßung setzt ein Signal für die „Kultur des Lebens“. Wir sind von Christus ­beauftragte JA-Sager, die Ja zum Leben, Ja zu den Grenzen seiner lebensförderlichen Ordnung ­sagen. Selbst wenn wir in dieser windschiefen Zeit als Nein-Sager und Grenzzieher wahrgenommen werden, dürfen wir den Widerspruch um des größeren JA willen nicht scheuen, um in Wort und Tat Zeugnis abzulegen von der Quelle unses Lebens. Es braucht vom Geist ­Gottes ­bereitete Gefäße, die uns täglich helfen, gemeinsam in die Gegenwart Gottes zu treten. Diese müssen der Gemeinde Christi – seinem Leib – in Fleisch und Blut übergehen, um nicht den zersetzenden Tendenzen der Zeit zu erliegen. Um stärkende geistliche Prophylaxe wird es auch beim Tag der Offensive an Himmelfahrt gehen: Gefährten im Gegenwind – aufrecht in einer windschiefen Zeit. Wir laden Sie herzlich ein, an diesem Festtag mit uns gemeinsam im Gottesdienst, bei thematischen Seminaren und kreativen ­Impulsen aufzutanken (S. 7). Machen Sie sich vor Ort Ihr eigenes Bild von der OJC und treffen Sie alte und neue Freunde!

Der diesjährige OJC-Gebetskalender lebt von den Worten aus unserer inneren Ordnung, der Grammatik. Dankbar blicken wir zurück auf den vierjährigen Prozess, der vom Lesen des ersten (Ent-)Wurfes von Dominik Klenk bis zur Verabschiedung der letzten Fassung reichte. Auf dieser Grundlage des gemeinsamen Lebens möchten wir unseren Auftrag beherzt und konzentriert wahrnehmen und ihn generations- und ortsübergreifend gestalten. Mit der Veröffentlichung der Grammatik im Brunnen Verlag Basel ist dieser Prozess nun an seinen Höhepunkt und vorläufigen Endpunkt gelangt. Das ansprechend gestaltete Buch Wie Gefährten leben – Eine Grammatik der Gemeinschaft ist auf dem Buchmarkt erhältlich. Wir legen es besonders jenen ans Herz, die das Abenteuer Gemeinschaft lockt.

Das Feiern der Ewigkeit im Heute

Die Sonntagsbegrüßung * ist kein Schwelgen in Nostalgie, sondern die lebhafte Vergegenwärtigung von Gottes Handeln in der Geschichte und seiner Verheißungen für die Zukunft. Denn das Werk, das der Auferstandene in uns begonnen hat, ragt über das Heute hinaus – bis in die Ewigkeit. Das verbürgt die Jahreslosung für 2013 aus dem Hebräerbrief: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir (S. 14). Lassen wir uns ermutigen, nicht nur im Hier und Jetzt standzuhalten, sondern auch die Sehnsucht nach dem Tag wachzuhalten, an dem wir mit IHM an seinem Tisch sitzen und das unvergängliche Leben feiern werden. Die Freude darüber beginnt schon jetzt: La chaim!


Ihr


Konstantin Mascher
Reichelsheim, den 8. Februar 2013

Von

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal