Transitpassagiere

Unterwegs in die Zukunft
Ein Blick in die Jahreslosung für 2013

Die Jahreslosung schaut nach vorne, vom Vorhandenen ins Kommende. Nicht um vor der Gegenwart die Augen zu verschließen, sondern um mit einem geschärften Blick bewusst im Heute zu leben: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14) Dieser Leitsatz für 2013 steht im dritten und letzten großen ­Abschnitt des Hebräerbriefes. Wir werden dort zu einem standhaften Glauben aufgefordert, weil nur so unser Leben gelingen kann.

Wir leben im Vergänglichen

Beständigkeit ist die Sehnsucht der Menschen. Wir wollen bleiben, am besten ewig. Aber im biblischen Denken ist Vergehen der Wesenszug alles Irdischen; Beständigkeit wird nur Gott zugeschrieben. ER allein ist der Ewige! Beständigkeit ist allein bei Gott dem Ewigen. Wer also ­beständig sein möchte, muss bei IHM sein.

„… keine bleibende Stadt“, das erinnert an Weihnachten: „… sie hatten keinen Platz“. In dieser kleinen Feststellung ist das Entscheidende über unsere Welt ausgesagt. Kein Platz heißt griechisch: ouk topos – der Begriff, von dem Utopie abgeleitet ist. Nicht das Künftige, sondern das Vorhandene, die vermeintlich bleibende Stadt, ist die Utopie. Wo Gott keinen Platz hat, ist alles in dieser Welt utopisch. Geben wir IHM Raum, so wird unsere Welt zu einer Herberge auf dem Weg zur Heimat; verweigern wir IHM Raum, so wird sie zur Wildnis.

Wir leben vor der Stadt

Im Kontext des Hebräerbriefes wird die Verortung eines Lebens in der Nachfolge Jesu sichtbar: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt sondern die zukünftige suchen wir.“

Die Realität der Christenheit liegt nicht in der vergänglichen Stadt, sondern vor den Toren. Dort hat Christus seine Schmach getragen. Dort bin ich aufgefordert, diese Schmach auf mich zu ­nehmen und so meinen Glauben und mein ­Leben zu bewähren.

Dieser Zeit erleben wir ein vehementes Bestreben, den gewachsenen Baum unserer europä­ischen Kultur von seinen christlichen Wurzeln zu trennen. Und dies in einer Einfalt, die nur ideologisiertes Denken hervorbringen kann; als könnte ein Baum ohne Wurzeln überleben! Es ist meine feste Überzeugung, dass die Krisen Europas darin ihren tiefsten Grund haben: die moralischen und die monetären – auch die Euro-Krise –, denn Entwurzelung zerstört den Baum! Das sieht auch der Präsident des Europäischen Rates, Herman van Rompuy: „Politik ist letztlich Ausdruck von Ethik. (…) Heute bin ich stärker denn je davon überzeugt, dass das Christentum die Antwort auf eine Sehnsucht der Menschen und der Gesellschaft ist.“1

Unser Platz ist bei Christus, vor der Stadt. Auch in diesem Jahr wird Weggemeinschaft mit ­Christus bedeuten, wenn es darauf ankommt, seine Schmach zu tragen. Das gehört zu unserem ­­Anteil am messianischen Geschehen. Bei Otto ­Michel lese ich: „Die Absage an die alte Welt ist nicht als Weltflucht (…) gedacht, sondern als die Bereitschaft, Rechte und Besitz aufzugeben, sich auf den Leidensweg zu stellen.“2 Das ist freiwillige Hingabe an den Heiland der Welt! Schon Maria, der jungen Mutter, wurde die Bereitschaft zu dieser Hingabe zugemutet: … ein Schwert wird durch deine Seele dringen. (Lk 2,35)

Die Jahreslosung ermutigt uns, den Platz der Schmach, das Schwert, das die Seele durchdringt, nicht zu scheuen, sondern vertrauensvoll und kompromisslos bei Jesus zu bleiben. Damals wie heute kommt Heil in diese Welt nur in Verbindung mit Schmach. Christus in diese Welt zu tragen, braucht die Bereitschaft, den damit auch verbundenen Schmerz auf sich zu nehmen. ­Alles andere wäre Verharren in einer Utopie. Wir bezeugen eine Kultur des Lebens; wenn es sein muss auch im Widerstand. Wir wappnen uns aber nicht, indem wir Bollwerke der Angst und Abwehr aufschütten, sondern indem wir als Einzelne und als Kirche nahe bei Christus sind. Weil Jesus Christus „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist, gibt es für uns und unsere Gesellschaft einen Weg in die Zukunft, einen Weg der Wahrheit in einer sich immer mehr der Wirklichkeit entfremdenden Welt, und einen Weg des Lebens inmitten einer Welt der Entfremdung und der Profitmaximierung.

Wir leben aus dem Suchen

In unserer Zeit ist alles aufs Haben ausgerichtet. Wer nicht hat, der will. Und wer hat, der will noch mehr. Wir nennen das Wohlstand, – und doch ist uns in unserem Stand nicht wohl, denn der Handlungsweise des Habens liegt die Lebenshaltung der Angst zugrunde. Die Gegenbewegung zum Habenwollen ist das Suchen. Sie ist die Grundbewegung des anbrechenden Gottesreiches. Weihnachten gibt es nicht, weil Gott ein lauschiges Kerzenfest wollte, sondern weil Gott uns Menschen sucht. Suchen ist eine Grundbewegung des Evangeliums: der Hirte, der sein verlorenes Schaf sucht; die Frau, die ihren verlorenen Groschen sucht; der Kaufmann, der die schönste Perle sucht und findet. Suchen ist aufs Finden und Gefundenwerden ausgerichtet. So wie die Schmach Anteil am messianischen Geschehen gibt, so gibt das Suchen Anteil an der messianischen Existenz.

Noch leben wir in der vergänglichen Stadt, aber wir sind aufgefordert, inmitten dieses Lebens die zukünftige zu suchen. Die lateinische Übersetzung der Jahreslosung nennt diese Stätte ­übrigens nicht urbs (Großstadt), sondern civitas (Bürgergemeinschaft). Denn nicht um den Flair der Urbanität geht es dort, sondern um Zivilisation und Kultur, um den gedeihlichen Lebensraum, der uns nicht auf einen statischen Ort festlegt, sondern in ein dynamisches Zu- und Miteinander hineinnimmt. Augustinus schreibt in seinem „Gottesstaat“, dass sich in unserer Welt zwei Städte im Aufbau befinden: die Metro­pole Babylon, auf Eigenliebe gegründet, und die ­Gottesstadt, das neue Jerusalem, auf Gottesliebe gegründet. Christen sind Suchende, das macht ihr Leben dynamisch und stark.

Wir leben aus dem Künftigen

Im Advent schrieb ich in mein Tagebuch: „Der nächste wirklich große Schritt in meinem Leben heißt Ewigkeit – allein diese Perspektive erzeugt ein freies Lebensgefühl. Was sollen wir Menschen in dieser Zeit ausrichten, wenn wir nicht auf die Ewigkeit hin ausgerichtet und aufgerichtet von Gottes Ewigkeit her zu leben vermögen? Ohne Ewigkeit keine erfüllte Zeit!“ Heute und hier ist das Übungsfeld dafür.

Christen als Bürger zweier Welten wissen, wo sie Gaststatus und wo sie Heimat haben. Beides ist wichtig, ist aber nicht zu verwechseln. Meine Beheimatung gibt meinem Gastsein auf dieser Erde seine Klarheit und Kraft, seine Hingabe und Freiheit. Nicht Weltflucht, sondern das prophetische Wirken ist unser Auftrag. Wir haben als Christen mehr zu bieten als die Gefangenschaft in der Diesseitigkeit –, und mehr als das Leben in dieser Zeit – und damit Vergänglichkeit. Nicht rückwärts gewandt, sondern von der Ewigkeit her dürfen wir leben: vom Finden und Gefundensein. Von dem, was uns schon geschenkt ist und noch auf uns wartet. Von dem, was heute schon zeichenhaft durch unser Leben anbrechen will. Wir leben auf die Zukunft ausgerichtet ganz in der Gegenwart – aus dem Ewigen auf das ­Ewige hin.

Worauf wird es 2013 ankommen?

Wichtig ist nicht so sehr, was im Einzelnen auf uns zukommt. Viel wichtiger ist, ob wir unseren Platz einnehmen und von welcher Ausrichtung her wir leben. Als Bürger zweier Welten bleiben wir unterwegs. Hier ist nicht unser Ziel, hier ist eine Durchgangsstation, die gestaltet und gefeiert werden will und die nichts so sehr braucht, wie das konkrete Zeugnis unseres Lebens, das im Ewigen verortet ist.

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

    Alle Artikel von Klaus Sperr

Das Salzkorn im Abonnement

Jede Ausgabe dieser Zeitschrift können Sie kostenfrei bestellen »

Auch künftige Ausgaben vom Salzkorn (erscheint vier Mal im Jahr) senden wir Ihnen gerne zu. Hier können Sie das Salzkorn abonnieren »

Unsere Veröffentlichungen unterstützen

Helfen Sie uns mit Ihrer Spende, christliche Werte und eine kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit Strömungen der Zeit auf der Grundlage des Evangeliums an nachfolgende Generation zu vermitteln.

So können Sie spenden:

» Bankverbindung
» Spendenformular
» PayPal