Hier strömt es zusammen

Reichelsheim – Argentinien und zurück
Unser interkontinentaler Berufungsweg

von Ute und Frank Paul

Ernst blickte der alte Mann uns an: „Ich bin traurig, dass ihr gehen werdet. Aber wenn Gott ruft, dann muss man hören“, sagte er. Wir nickten und fühlten uns ein klein wenig getröstet. Der Wind war heiß, der schrille Gesang der Zikaden erfüllte die Luft, die Schatten waren brüchig. Als der Abschied nahte, hatte der alte Mann Tränen in den Augen und wir auch. Gott ruft – und wir gehen? War das so einfach?

Radikale Nachfolge als Sehnsucht

Viele Monate hatte es gedauert, bis wir uns entschließen konnten, unseren Freunden und unseren Kindern zuzumuten, Argentinien zu verlassen, um der Einladung in die OJC zu folgen. In unsere OJC. Gab es nicht mehr Gründe zu bleiben? Nach so vielen Jahren, in denen die Fremden uns Vertraute geworden waren – und wir ihnen. Wer würde im unwirtlichen argen­tinischen Norden unseren Platz ausfüllen? Würde es überhaupt möglich sein, Vertrauen zu vererben? Was würde aus unserem Team werden? Wir ließen die Vergangenheit an uns vorüberziehen, versuchten die Logik der Ereignisse zu erkennen, spürten die Verantwortung. Vor allem suchten wir die Einigkeit unserer beider Herzen – und sagten „ja“ zum Gehen und „nein“ zum Bleiben. Später verstauten wir unsere Habe in drei Koffer und einige Bücherkisten, feierten ungezählte Abschiedsfeste, verschenkten unsere Hunde und das Pferd und brachen auf in einen neuen Lebensabschnitt.

Unsere Geschichte hatte fast 30 Jahre zuvor ­begonnen: Frank aus einer seit vielen Generationen frommen Familie und Ute aus einer entkirchlichten Akademikerfamilie. Wir waren als Teenager im christlichen Schülerkreis und in unserer Freien Evangelischen Gemeinde engagiert, fühlten uns stark, wollten die Welt verändern und konsequent in der Nachfolge Jesu leben. Unbeirrt und mit großem Tatendrang strebten wir unseren zweifachen Zielen entgegen: heiraten und Gott im Ausland dienen, radikal einfach leben, alles geben. Das konkretisierte sich bei Frank im Theologie-, bei Ute im Lehramtsstudium und in der Mitarbeit in Lateinamerika und Afrika als Freiwillige. Theorie und Praxis in den Studienjahren weiteten unseren Horizont. Es wurde uns ein Herzensanliegen, unsere Welt zu lieben und mitzugestalten, Mission und soziale Verantwortung als sich gegenseitig bedingend zu begreifen. Ronald Siders Der Weg durchs Nadelöhr – Reiche Christen und Welthunger, Siegfried Großmanns Hoffnung gewinnen – glauben und leben in der Jahrtausendwende und Viv Griggs Companion to the Poor hatten uns angezündet. Ihre Schriften und vor allem ihr glaubwürdiges und hoffnungsvolles Lebenszeugnis ermutigten uns, in der Bibel nach dem „Reich Gottes und den Armen“ und über „Dritte Welt in der Grundschule“ zu forschen.

Ernüchterung als Lebensschule

Wir suchten nach lebbaren Alternativen gemeinschaftlicher Lebensformen und bekamen unser erstes Kind, Johannes. Entschlossen planten wir zwischen Referendariat und erster Pastoren­­­­­­­tä-tigkeit unseren Aufbruch. Der Theologe René Padilla lud uns für ein Jahr nach Argentinien ein, unter der Bedingung, dass wir zunächst ­einige Monate in der OJC mitlebten. Er pflegte eine lange Freundschaft zu Horst Klaus Hofmann und war von der Einschätzungsfähigkeit der Gemeinschaft überzeugt. Frank und ich kannten die OJC kaum vom Hörensagen, zogen aber erwartungsvoll im Oktober 1988 ins Schloss Reichenberg. Gerade rechtzeitig, denn eine erste Ernüchterung stand an: die OJC nahm uns zu einem Zeitpunkt auf, an dem unsere jugendlichen Ideale gerade erheblich mit der Realität dessen zusammen­gestoßen waren, was wir zwar voller Freude, aber doch fast wie nebenbei zu leben versuchten: Die Verantwortung für eine Familie. Wir rieben uns an der Unterschiedlichkeit unserer Persönlichkeiten und dem auf beiden Seiten ausgeprägten Freiheitsbedürfnis. Zwei Menschen, gewohnt, stark und entschlossen zu sein, begegneten nun ihrer eigenen menschlichen Unreife. Das Leben in der Schlossgemeinschaft, die Ehrlichkeit des Umgangs taten das ihre. Nicht Heldentum war gefragt, wohl aber unser Menschsein. Konflikte und Ängste, Ideale und Wirklichkeit, Scham und Schuld: Vieles wurde benannt – und uns vertraut. Wir fassten Mut, erst einmal den Weg zu uns selbst zu betreten. Aus geplanten sechs wurden achtzehn Monate, unsere Charlotte wurde noch im Odenwald geboren. Und als wir dann im Mai 1990 tatsächlich nach Buenos Aires aufbrachen, ausgesandt von unserer Gemeinde im hessischen Haiger und mitgetragen von der OJC, blühte ­gerade der Goldregen im Schlosshof. Es war fast zu schön, um zu gehen. Oder hatten wir uns verliebt in die Menschen hier? In die Weite der ökumenischen Gemeinschaft, in die kraftvolle Tiefe der Reflexion, der Revolution der Herzen, die zur Weltverantwortung drängt?

Fremdheit als Herausforderung

Der fremde Kontinent forderte mehr, als wir uns hatten vorstellen können. Unser ganzes bisheriges Lebensmuster (die Klänge, die Vogel-stimmen, der Stand der Sonne, der Geruch des Herbstwaldes, die Direktheit der Fragen, die nötigen Vorsichtsmaßnahmen, die Essenszeiten, der Geschmack von Sauerteigbrot, warmes Wasser aus der Leitung, Ladenöffnungszeiten, der Klang unserer Sprache) traf auf eine unbekannte Ordnung. Fremd sein, das bedeutet abhängig sein, hilfsbedürftig, nur unzureichend ausgerüstet für ungewohnte Lebensumstände. Es bedeutet, den Überblick zu verlieren, viele Fehler zu machen. Erst waren wir Fremde, dann Gäste, großherzig aufgenommen von den Menschen im Armenviertel und in der kleinen evangelischen ­Basisgemeinde „Fe y Vida“ – Essen und Trinken an langen Tischen, Zusammensitzen in den Häusern, im Gottesdienst, in ihrem Kreis, bestaunt, belächelt, ertragen. Die Jahre machten aus Fremden Vertraute – wir fühlten uns privilegiert, kostbare Freundschaften entstanden. Das Leben wurde nach und nach übersichtlicher. Die hohen Erwartungen an uns selbst, uns mit zwei kleinen Kindern im Stadtviertel zu integrieren, im fremden Umfeld mit fast ständig ­offenen Türen zu leben, brachte uns jedoch bald an unsere Grenzen. 1992 wurde unsere Tochter Ana geboren. Da ereilte uns überraschend der Ruf in ein kleines internationales Team in den argentinischen Norden, weg von den „urban poor“, hin zu indigenen Völkern im Chaco. Das ging den Freunden in Deutschland dann doch zu weit und wir wurden Ende 1994 für ein paar Monate nach Hause gerufen. In der OJC schaute man hinter die Kulissen unseres brüchigen Familienlebens (hatten wir selbst nichts gemerkt?) und begleitete uns behutsam auf dem Weg zur Genesung. Unsere drei kleinen verunsicherten Kinder fanden mit ihren Bedürfnissen nun mehr Gehör bei ihren Eltern, die aus dem „Geschirr“ genommen waren. Manche Erkenntnisse waren beschämend und schmerzlich. Die OJC war dabei unser Auffanglager. Da konnten wir immer wieder hinkommen. Wir erlebten intensive Auseinandersetzung, Neu-Ausrichtung, Befriedung. Auch die Beziehungen in die Gemeinschaft wurden erneuert und vertieft.

Vertrauen als Geschenk

Frank belegte Kurse bei Wycliff und lernte, wie man Sprachen lernt, für die es kein Lehrbuch gibt. 1995 brachen wir auf in eine neue Fremde, an den Rand der Provinzstadt Resistencia. Wir waren dort eingebunden in ein internationales Team, das in einem Radius von mehreren hundert Kilometern indigene Gemeinschaften und ihre eigenständigen Kirchen begleitete. Mit der Herausforderung des Spracherwerbs, der An­näherung an die Menschen in der Nachbarschaft und in den indigenen Siedlungen nahm die neue Etappe Gestalt an. Wieder mussten wir lernen, uns als Gäste zu benehmen. Die Berührung mit Menschen einer Minderheit, die um ihr Lebens- und Identitätsrecht ringen und darum, ihre Wurzeln nicht zu verlieren, ließ uns neu nach ­unserer eigenen (deutschen) Identität fragen. Wir begleiteten andere darin, sie selbst sein zu dürfen und erlebten, wie sie uns sein ließen – anders eben. Wir wurden nicht vereinnahmt, wohl aber zu Gästen. Wir wurden nicht zu Tobas, sondern zu Vertrauten, verbunden mit ihnen durch den Geist Gottes. Wir mussten mehr wir selbst werden, um uns im Fremden nicht aufzulösen, und uns zugleich davon verändern lassen. Eingeladen in ihren Kreis betraten wir heiligen Boden: Sie erschlossen uns ihre Sprech- und Fühlweise, ihre Mythen, Weisheiten, Leitungsformen, Familien­strukturen, Träume, Erinnerungen. Je länger die Annäherung dauerte, desto genussvoller und müheloser lernten wir, uns im Fremden zu be­wegen. Auch Äußerliches wurde ins Unter­bewusste integriert: der Stand der Sonne, der Ruf der Vögel, der Geruch von frittiertem Brot, das Maß der Zeit. Für unsere Kinder war dies der Lebensraum ihrer Kindheit und Jugend.

Loslassen als Beweis der Treue

Mit unserem intensiven Eintauchen in die Wirklichkeit des Chaco wuchsen erstaunlicherweise auch die Bande zur OJC. Aufmerksam verfolgten wir die Entwicklung „unserer Gemeinschaft“. Während unserer Besuche gab man uns Anteil an Freud und Leid, an Veränderungen und Visionen. So erfuhren wir auch von den Plänen für das Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg. Aus Reichelsheim bekamen wir Besuch in Resistencia. Deutsche Freunde kamen mit hinein in die Fremde, die uns vertraut geworden war. Im Oktober 2005 erschütterte uns ein Motorradunfall mit tödlichen Folgen in unseren Grundfesten. Die undurchsichtigen Anwalts- und Gerichts­angelegenheiten machten uns unser Ausländersein schmerzlich bewusst. Im Januar 2006 erreichte uns ein Brief aus Reichelsheim. Ob wir es uns vorstellen könnten, uns in Reichelsheim zu reintegrieren? Wir würden gebraucht. Ohne den schrecklichen Unfall hätten wir diese ­Frage wohl noch nicht einmal erwogen. Waren wir doch 2004 mit neuen Bücherkisten über den Atlantik gereist und fühlten uns nach sechzehn Jahren soweit eingearbeitet, um richtig durchstarten zu können. In der Zeit des Abwägens half uns ein Gedanke von Piet van Breemen: „Es gibt eine vitale Spannung in der Sendung, ... und zwar eine Spannung zwischen zwei Polen. Der eine Pol besagt, dass ich voll und ganz da bin, wo ich gesandt bin, und mich einsetze für das, was mir aufgetragen ist ... Ich flattere nicht herum, und ich träume nicht von anderen Sachen, sondern ich bin da, mit meiner ganzen Person und setze mich ein. Der andere Pol: Ich bin zu jeder Zeit bereit zu etwas anderem, zu jeder Zeit verfügbar … vielleicht ist es zwanzig Jahre lang dasselbe. Aber auf einmal wird mir eine andere Sendung anvertraut. Wenn ich dann bereit und imstande bin, sie anzunehmen, dann bin ich wach geblieben, dann lebe ich noch immer aus der Sendung. Wer aber eine Sendung vereinnahmt, sich auf sie fixiert und für nichts Neues mehr offen ist, der kann das nicht … Die Spannung ist weg, die Sendung war vereinnahmt, man hat sich mit ihr eingerichtet.“ (Was zählt ist Liebe, S. 83)

Brücke sein als Lebensberufung

Inmitten der beschriebenen Spannung trug uns ein Grundgefühl von Freiheit. Wir waren überzeugt: Gott würde unsere Wahl respektieren. Und so entschieden wir uns für die OJC – und ­begegneten den Folgen: Enttäuschung bei unseren Freunden in Argentinien, neue Fremdheit in Deutschland, Entwurzelung unserer Kinder. Als wir im März 2008 wieder in Reichelsheim landeten, spürten wir, wir sind willkommen und dürfen uns einbringen mit dem, was wir mitbringen. Wir krempelten die Ärmel hoch – und waren doch in mancher Hinsicht verwirrt, verunsichert oder abwehrend kritisch. Wir suchten nach Worten, um zu beschreiben, was uns gerade widerfuhr. Manche taugten nur bedingt, und wenn wir uns erklären wollten, blickten wir oft in fragende Augen. Wie könnten wir vermitteln, wie sich das Hier-Sein – angereichert mit all dem, was wir aus dem Dort-Sein mitgebracht haben – anfühlt?

Folgendes Bild trifft es am eindrücklichsten: Nördlich von Resistencia fließt der große Paraguay-Strom in den noch größeren Paraná. Der Paraguay bringt rotbraunes schlammiges Wasser mit sich, das Wasser des Paraná schimmert blau und klar. An der Mündung führt eine riesige Brücke über den Fluss. Von dort aus sieht man, wie sich das Braun und das Blau allmählich vermischen, um dann flussabwärts nicht mehr unterscheidbar zu sein. In das, was uns als Deutsche ausmacht, war ein mächtiger, Leben verwandelnder Zustrom hineingeflossen und vermischte sich mit unseren Lebenserfahrungen und Perspektiven. Der Zustrom des Lebens und der Freundschaft mit den Armen in Buenos Aires und in Nordargentinien hat unser Denken, ­Fühlen, Riechen und Vorstellen geprägt; ihnen bleiben wir weiterhin verbunden. Wir möchten Brücken sein, Brücken bleiben, Brücken bauen. Und nun von hier aus mit anstiften zu gemein­samem Christenleben in Kirchen und Gesellschaft – gemeinsam mit unseren Freunden in allen Kontinenten. Dieses Gewordensein und die vielfältig geprägte Liebe bringen wir mit ein; nicht mehr als Gäste, sondern als Hausgenossen. Wir haben es im Bundesversprechen auf „lebenslänglich“ besiegelt: Die OJC ist unsere Gemeinschaft, wir sind nun mitverantwortlich für ihre Treue.

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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