Bindung als Grundlage von Identität

Bei dir zuhause - in mir zuhause

Bindung als Grundlage von Identität

von Christl R. Vonholdt

Zum reifen, erwachsenen Menschsein gehört es, anderen ein Stück „Zuhause“ anbieten zu können, anderen Raum zu schaffen, damit sie sein können, da-sein, damit sie wachsen, sich entfalten und ihre Grenzen annehmen können.

Anderen ein Zuhause geben – also ein mütterlicher und väterlicher Mensch sein –, kann am besten, wer selbst ein Zuhause in sich gefunden hat. Am leichtesten ist das für Menschen, die schon als Kleinkind bei ihrer Mutter ein Zuhause erfahren haben: ein Grundgefühl des Wohl-Seins („ich darf da sein, ich darf Raum einnehmen“), Geborgenheit, Sicherheit, Zugehörigkeit. In ­dieser beständigen, geborgenen An-Bindung kann das Kind entspannen und sein, und nur so kann es sein Selbst umfassend entfalten und wachsen. Martin Buber hat es so ausgedrückt: „Anders (als das Tier) ist der Mensch: von einem mitgeborenen Chaos umwittert, schaut er heimlich und scheu nach einem Ja des Seindürfens aus, das ihm nur von menschlicher Person zu menschlicher Person werden kann; einander r­eichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins.“ 1 In der Regel empfängt das Kind dieses grundlegende „Ja des Seindürfens“ durch die Verbundenheit mit seiner Mutter.

Von Anfang an ist der Mensch also ein soziales Wesen. Säuglinge schauen lieber und länger in menschliche Gesichter als auf unbelebte Muster. Beim visuellen Abtasten von Gesichtern zeigen sie ein „harmonischeres“ Blick- und Bewegungsverhalten. Und selbst bei Mustern bevorzugen sie diejenigen, die dem menschlichen Gesicht am ähnlichsten sind. 2 Sein ist immer Bezogensein. Der Mensch braucht das Du, um sein Selbst zu entwickeln, um Ich zu werden.

Berührt am eigenen Wesenskern

Frühkindliche Bindung

In den 1950er Jahren begann sich die Bindungsforschung zu etablieren. Sie untersucht die Bedeutung früher Beziehungen für die Entwicklung des Kindes und für sein Beziehungsverhalten im Erwachsenenalter. Die Ergebnisse sind heute empirisch gut belegt. „Bindung“ meint zunächst die besondere Beziehung des Kindes zu seinen ­Eltern. 3 Um sein Selbst zu entwickeln, braucht das Kind (zuzeiten auch der Erwachsene!) eine „Bindungsperson“, eine Person, die „weiser und stärker“ ist als es selbst und die dem Kind psychische Sicherheit gibt. Sie gibt Fürsorge, Schutz, Wertschätzung, Trost, Unterstützung und behutsame Herausforderung. Das Bedürfnis nach Bindung ist angeboren und für ein Kind so lebensnotwendig wie das Bedürfnis nach Nahrung. Eine „sichere Bindung“ des Kindes an seine Eltern – in der Regel zuerst an die Mutter, dann an den Vater – ist ein wichtiges Fundament für seine weitere Entwicklung.

Das folgende Beispiel kann die herausragende Bedeutung von Bindung veranschaulichen:

In einer älteren Studie wurden Kinder im Alter zwischen sieben und dreißig Monaten aus einem Waisenhaus in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Gruppe der besser entwickelten blieb im Waisenhaus. Die Gruppe der geistig zumeist zurück­gebliebenen wurde zu jungen, geistig behinderten Frauen in ein anderes Heim verlegt. Die Frauen bauten eine stabile 1:1-Beziehung auf, die Kinder erhielten viel emotionale Zuwendung. Nach zwei Jahren hatte sich die Intelligenzleistung der Kinder bei den geistig behinderten „Pflegemüttern“ deutlich verbessert, die im Waisenhaus verbliebenen Kinder hatten ein Entwicklungsdefizit. 4

In der sicheren Bindung an Mutter und Vater lernt das Kind vertrauen: „Ich bin geborgen, ich werde gehalten. Ich werde berührt, also bin ich da. Es ist so gut, dass es mich gibt, ich bin geliebt, ich werde gehört und verstanden.“ Wenn alles gut geht, füllen die Eltern den inneren Raum des Kindes vorwiegend mit Daseinsfreude, Vertrauen und Liebe – eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass das Kind später anderen einen Raum zum Sein und zum Wachsen geben kann. Was die Eltern aus ihrem eigenen Selbst heraus geben, verinnerlicht das Kind. Was sich in der Verbundenheit zwischen Eltern und Kind abspielt, wird zu einem Teil im Kind: Freude, Unterstützung, Hilfe, Trost bei Versagen und Annehmen von Grenzen.

Damit ein Kind sich verstanden erlebt – und nur dadurch kann es lernen, auch sich selbst zu verstehen – müssen die Eltern die Gefühle und sozialen Signale des Kindes feinfühlig wahrnehmen und prompt und fürsorglich beantworten. Damit Bindung gelingt, müssen insbesondere Mutter und Säugling sich aufeinander „einstimmen“. Das ist wie bei einem gemeinsamen Tanz, der beiden Genuss bringt. Das Kind ist dabei ein aktiver Partner. Es nimmt wahr, unterscheidet, bevorzugt und lehnt ab. Beispielsweise erkennen wenige Tage alte Säuglinge die Milch ihrer Mutter am Geruch und bevorzugen sie vor der Milch anderer Frauen. Beim Geruch anderer Milch wenden sie ihr Köpfchen ab.

Eingestimmt auf das Gegenüber

Das kindliche Gehirn

Zum Zu-Hause-Sein gehört neben dem Vertrauen das Entspannen und Ruhen. Säuglinge möchten auch nach der Geburt noch am liebsten und häufigsten diejenige Stimme hören, die ihnen schon vor der Geburt vertraut war: die Stimme der Mutter. Da können sie am besten entspannen. Ein wesentlicher Teil von Bindung verläuft über Sprache: angesprochen werden, hören und antworten.

Entspannen und ruhen sind wesentliche Voraussetzungen dafür, dass sich das kindliche ­Gehirn gut entwickelt. In den ersten Lebensjahren ist die Gehirnentwicklung rasant: Im Alter von drei Jahren hat das Gehirn 90 Prozent seiner ­Erwachsenengröße erreicht und ein zweijähriges Kind hat mehr neuronale Verschaltungen als ein Erwachsener. Anders als vielfach angenommen, erfolgt die Entwicklung des Gehirns vor allem über das Gehör und deutlich weniger über visuelle Reize, die heute dominieren. Bindung, Hören und Sprachentwicklung fördern sich gegenseitig.

Ein kleines Kind ist noch nicht in der Lage, seine Gefühlszustände selbst zu regulieren. Es wird rasch von Gefühlen des Unwohlseins, des Hungers, der (Todes-)Angst, des Alleingelassenseins und damit dem Nichts ausgeliefert zu sein, überflutet. Erlebt ein Kind weder Empathie noch Unterstützung, kann das unerträgliche Ängste, Wut und Trauer in ihm auslösen. Auch neue, unbekannte Situationen können ein Kind über­fordern. Zweijährige, so aktuelle Studien, brauchen mindestens so viel Nähe zur Mutter wie Einjährige. 5 Die mit den belastenden Gefühlen verbundene Erregung kann das Kind nicht steuern. Es braucht Mutter oder Vater als Bindungsperson, die es – auch durch ihre Stimme und ihre Worte – beruhigen können.

In Stresssituationen schaltet das kindliche Gehirn zunächst in den Überlebensmodus. Alle Energie wird zum Durchhalten gebraucht. Stresshormone werden freigesetzt, was kurzfristig hilfreich, langfristig aber schädlich ist. Nach der Übererregung (Weinen und Schreien) fällt das Kind in Erschöpfung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Die Erregung endet in emotionaler Verschließung. Werden belastende Situationen zum Dauerzustand, kann das Kind nicht mehr entspannen. Längere Stressperioden beschädigen das kindliche Gehirn auch langfristig und behindern seine Entwicklung. Häufigste Ursache für ungesunden Stress beim Kind ist die Unterbrechung seines Bindungssystems: die wiederkehrende und zu frühe Trennung von der Mutter, die Nicht-Verfügbarkeit von Mutter (oder Vater), wenn das Kind sie braucht. Möglicherweise ist es auch eine beständige Unfähigkeit der Eltern, die sozialen Signale des Kindes emotional aufzunehmen und feinfühlig zu ­beantworten, sodass sich das Kind dadurch in seinem Bindungsbedürfnis immer wieder abgelehnt fühlt. Wiederholte und längere Bindungsunterbrechungen können ein schwerwiegendes Trauma für das Kind darstellen. Untersuchungen an Kleinkindern in ganztägiger Krippenbetreuung zeigen, dass viele von ihnen eine chronische Erhöhung ihrer Stresshormonspiegel aufweisen, und zwar auch bei qualitativ sehr guter außerhäuslicher Betreuung. In einer Wiener Studie hatten Kinder unter zwei Jahren nach fünf­monatiger Krippenbetreuung Stresshormonwerte, die denen vergleichbar waren, die in den 1990er Jahren bei zweijährigen rumänischen Waisenkindern gefunden wurden. 6

Bereit, sich anzuvertrauen

Der Erwachsene

Die Bindungsforschung belegt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen den Erfahrungen, die ein Kind mit seinen Eltern gemacht hat, und seiner späteren Fähigkeit, emotional für andere zugänglich zu sein und anderen feinfühlig Bindung und Beziehung anzubieten. Für unser Thema heißt das: Menschen, denen eine aus­reichend sichere Bindung an Mutter und Vater in der Kindheit gefehlt hat, haben es als Erwachsene schwerer, ein Zuhause in sich selbst zu finden und damit auch, ein Zuhause für andere anzubieten. Statt eines Grundgefühls des Wohl-Seins erscheint ihnen ihr innerer Raum leer, trostlos, zu eng zum Da-Sein, voller Verlassenheitsängste und Anspannung. Nicht selten ist ihr Leben von einer zwanghaften Unabhängigkeit oder von emotional abhängigen Beziehungen geprägt statt von gesunder Autonomie innerhalb von Beziehungen.

Doch immer gibt es hoffnungsvolle Perspektiven. Wenn Kindheitserfahrungen auch im ­Gehirn verankert sind, kann das Gehirn sich doch lebenslang verändern. Anders als das Kind kann der erwachsene Mensch sich nun aktiv eine feinfühlige Bindungsperson suchen; eine Person, die ihm hilft, alte, belastende Erlebnisse zu verarbeiten und neue Beziehungserfahrungen zu machen. Sich Hilfe zu suchen, ist nicht einfach für ihn, denn er erwartet von Beziehungen nicht viel. Es braucht Mut, sich einzulassen, denn die Erfahrung sagt ihm, dass er emotional nicht „landen“ oder sogar neu verletzt wird. Eine ­geeignete Bindungsperson kann ein guter Freund sein, der Ehepartner, ein einfühlsamer Seelsorger oder – je nach Schwere der erlebten Bindungsverletzungen – ein geeigneter Therapeut. Wenn Erwachsene lernen, ihre frühen Erfahrungen und Entbehrungen zu benennen, wenn sie dabei ­einen gefühlsmäßigen Zugang zu den immer noch belastenden Erinnerungen finden, wenn sie das, was sie noch heute dabei empfinden, sprachlich für sich zugänglich machen können und wenn dies alles in der Verbundenheit mit einem warmherzigen, emotional zugewandten Gegenüber geschieht, kann vieles anders werden. Der innere Raum wird frei für neue Erfahrungen – und damit wächst die Fähigkeit, anderen Raum zu geben.

Berufen in den Bund

Die geistliche Dimension

Es gibt noch eine weitere und tiefere Dimension. Lange vor der Bindungsforschung bezeugt die Bibel, dass der Mensch Bindung braucht, dass er eine Bindungsperson braucht, die „stärker und weiser ist“ als er, dass der Mensch sein Ich über die Verbundenheit mit dem großen Du finden und entwickeln kann, dass das Bindungsbedürfnis dem Nahrungsbedürfnis gleichgestellt ist und dass Bindung wesentlich auch über Sprache ­geschieht, über angesprochen werden, hören und antworten. So heißt es beispielsweise in der Heiligen Schrift: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (5. Mose 8,3; Matthäus 4,4). Gott bietet dem Menschen Beziehung an, einen Bund. In der Verbundenheit mit ihm, in der Bindung an ihn, den Schöpfer und Erlöser seiner Schöpfung, findet der Mensch sein tiefstes Zuhause. Gott, der alles in allem war, hat sich zurückgenommen, um Raum für den Menschen (und die Schöpfung) zu schaffen, damit der Mensch da sein und wachsen kann. In einer viel tieferen Weise als Mutter oder Vater es je können, hat Gott dem Menschen „etwas von seinem eigenen Selbst“ 7 gegeben, etwas von sich selbst in ihn hineingelegt. Gott selbst will im Menschen wohnen. In einem englischen Gebet heißt es, dass Gott in dem Menschen, der sich ihm öffnet, sein „schönstes Zuhause“ hat („his homeliest home“), seinen „Ruheplatz“ („God’s resting place“) 8, der es auch dem Menschen ermöglicht, zu entspannen und zur Ruhe zu kommen. Johannes vom Kreuz betet Jesus mit den Worten an: „O du lebendige Liebesflamme… sanft und liebend wachst du in meinem Herzen ...“ 9

Wenn ein Mensch anfängt, sich immer wieder neu für diese Wirklichkeit zu öffnen, durch Lesen der Heiligen Schrift, in Gebet und Abendmahl, wird er allmählich entdecken, dass der Raum des „Zuhause“ bei ihm und in ihm wächst, dass allmählich Freude und Zuversicht wachsen und dass er irgendwann auch anderen – ohne selbst leer zu werden – ein Zuhause anbieten kann.

Anmerkungen

  1. Martin Buber, Urdistanz und Beziehung, 1978, S. 37.
  2. Vgl. Daniel N. Stern, Die Lebenserfahrung des Säuglings, 1992.
  3. Vgl. Karin und Klaus Grossmann, Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, 2004.
  4. Vgl. die Studie von Harold M. Skeels, 1966, zit. nach Katharina Braun et al.: Bindung und der Einfluss der Eltern-Kind-Interaktion, in: Karl Heinz Brisch et al., Wege zu sicheren Bindungen in Familie und Gesellschaft, 2009, S. 55.
  5. Vgl. Laura Lindsey Porter, The Science of Attachment: The Biological Roots of Love, www.naturalchild.org.
  6. Zit. nach Rainer Böhm, Die dunkle Seite der Kindheit, FAZ 4.4.2012.
  7. Abraham Heschel, Die ungesicherte Freiheit, 1985, S. 130.
  8. Penny Roker, Homely Love – Julian of Norwich, 2006, S. 96.
  9. Zitiert nach Andreas Kusch, Liebe, ich will dich lieben, 2012, S. 40.

Von

  • Christl Ruth Vonholdt

    Dr. med., Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Arbeitsschwerpunkte: Identität, Identitätsentwicklung, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie.

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