Heimisch werden im Evangelium

Wiedervereinigung als seelsorgerlicher Lernprozess

von Joachim Wanke

Heimat ist für mich mehr als geografische Herkunft. Zu wissen, woher man kommt, ist Teil menschlicher Identität. Ich bin als Jahrgang 1941 noch in Breslau/Schlesien geboren, habe aber meine wache Kindheit und Jugendzeit in Ilmenau, Thüringen, verlebt. So betrachte ich dieses schöne Land durchaus als meine Heimat. Ich merke das daran: Wenn ich bei Reisen oder im Urlaub in der Fremde Thüringer treffe, vermittelt diese Begegnung „Heimatgefühl”. Es entsteht so etwas wie eine Gestimmtheit der „Zugehörigkeit”, des Mitempfindens, der Solidarität. Und das ist etwas durchaus Menschliches. Diese persönliche Erfahrung hat aber auch ihre Entsprechung in meinem Dienst als Seelsorger und Bischof. Theologie, kirchliches Leben und Seelsorge sind immer mitgeprägt von der konkreten gesellschaftlichen Situation, in der Christen leben. Mir geht das so im Blick auf die dramatische Wende, die der Osten Deutschlands durchlebt hat. Hier in einem neuen und gleichzeitig auch von langer Geschichte geprägten Bundesland, in Thüringen, habe ich mein Bischofsamt auszuüben. Hier lebe ich zusammen mit anderen katholischen und nichtkatholischen Christen konkret die Nachfolge Christi und „baue” Kirche. Meine „Heimat” wird mir so zu einem Ort des theologischen Nachdenkens und der seelsorgerlichen Inspiration.

Umbruch und Abbruch als Chance

Ich habe als Bischof die tiefgreifende Zäsur erleben können, die uns die politische Wende innerhalb unserer Ortskirche gebracht hat. Der Wandel vom Staatssozialismus zum demokratischen Verfassungsstaat ließ auch unser kirchliches Leben und die Gestalt unserer Seelsorge nicht unberührt. Es ist in diesem Zusammenhang übrigens eine interessante Frage, ob Ost und West in ihren unterschiedlichen Erfahrungen in der Seelsorge nicht auch etwas voneinander lernen könnten.

Ich verweise als Analogie für den Zusammenhang zwischen Evangelium und konkreter „Heimat” der Verkünder des Evangeliums auf die Apostelgeschichte. Wer die – zugegebenermaßen – harmonisierende Darstellung der frühen ­Kirchengeschichte in der Apostelgeschichte nachliest, wird erst auf den zweiten Blick die Brüche und Spannungen entdecken, die mit dem „Weg” des Evangeliums von Jerusalem nach Rom, in die hellenistische Welt hinein, verbunden waren.
Der Vergleich der „Wende” in Ostdeutschland und Osteuropa mit den Transformationen, ­denen das Evangelium auf seinem Weg aus dem jüdischen Binnenraum in die Welt des Hellenismus aus­gesetzt war, mag etwas weit her­geholt sein. Dennoch wage ich diesen Vergleich, weil ich meine, dass Paulus und die christlichen ­Missionare im Raum des spätantiken Hellenismus vergleichbare Aufgaben zu lösen hatten wie die Ortskirchen in den postkommunistischen Ländern Ost und Mittelosteuropas. Paulus wirkte in einer Welt, in der die überkommenen religiösen Großmythen ihre stabilisierende Kraft verloren hatten. Die „Heimat” des Paulus war die Stadtluft von Tarsus, von Korinth und Ephesus. In dieser Welt war der religiöse Synkretismus modern. Die Menschen wurden von existenziellen Ängsten und Ver­lorenheitsgefühlen umgetrieben. Sie warfen sich östlichen Mysterienkulten in die Arme, so wie manche heutzutage fragwürdigen Esoterik-Kulten anhängen.

Zeit, Zeichen zu setzen

Die Kirche kann nur das Herz und das Denken der Menschen erreichen, wenn sie sich „inkulturiert” – also eine Gestalt gewinnt, in der das Evangelium Jesu Christi mit der „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art” (Vaticanum II, „Gaudium et spes”, Nr. 1), in Berührung kommt. Ein Menschenleben mag zu kurz erscheinen, um solch ein gewaltiges Vorhaben realisieren zu können. Doch erfolgen Wandel und Erneuerung, Umbruch, Abbruch und Neuanfang in der Kirchengeschichte immer so, dass einzelne Menschen Zeichen setzen, beispielhaft handeln, in Worten und noch mehr durch ihr Tun andere inspirieren und so zum Ferment werden, durch das eine Gesellschaft vom Evangelium „eingefärbt” wird. Dazu kann uns die Grundsolidarität mit den Menschen unserer jeweiligen Heimat verhelfen.

Wir stehen derzeit neu vor der Herausforderung, in Europa noch einmal die kulturelle, Sinn er­öffnende Kraft der Botschaft des christlichen Glaubens unter Beweis zu stellen. Dabei kommt uns durchaus auch manches aus unserem Umfeld zu Hilfe. Lässt sich vielleicht doch mehr von dem, was unsere Mitmenschen umtreibt, für diese ­„Inkulturation” lernen als wir meinen? Ich deute nur an, in welche Richtung meine Überlegungen zielen.

Inkulturation als beidseitiger Lernprozess

1. Das Handeln der Kirche hat auf die wachsenden Freisetzungen der Menschen zu achten, die natürlich auch von neuen Zwängen be­gleitet werden. Insgesamt jedoch dürfen wir uns nicht durch die wachsende Liberalität in der ­Gesellschaft den Blick für unserer Zeit zu­grunde l­iegende Grundströmungen trüben lassen. Der epochale Freiheitsaufbruch im Osten war mehr als nur ein Verlangen nach Anschluss an ­Konsum und freie Reisemöglichkeiten. ­Natürlich sind solche Umbrüche komplexe Ereignisse mit mancherlei, auch quer laufenden, Tendenzen und Motiven. Doch ist der Ruf nach Freiheit von menschenverachtenden, auf Lüge aufgebauten Gesellschaftssystemen ein „Zeichen der Zeit”, das der „Freisetzung” des Menschen im Evangelium ahnungsvoll entgegenkommt.

2. Unser pastoraler Dienst hat auf das feine Gespür der Menschen für Wahrhaftigkeit zu achten. Das gilt für die Kirche insgesamt. Es gibt keine Evangelisation durch die Kirche ohne Selbst­evangelisation der Kirche. Auch die Unerbittlichkeit, mit der uns von der Gesellschaft der Spiegel vorgehalten wird, kann eine verborgene Hilfe Gottes für seine Kirche sein.

3. Ich bemerke hier im Osten eine neue Aufmerksamkeit gegenüber dem Einzelnen und seiner Würde. Es gibt ein tiefes Gespür für den Wert der einzelnen Person, trotz zunehmender Inhumanität. Wir wollen „menschlich“ behandelt werden. Es gibt das Verlangen, den Zufälligkeiten einer undurchschaubar gewordenen Welt, aber auch den Zwängen einer rein ökonomisch denkenden Umwelt zu entkommen. Ich erlebe Menschen, die sich Zielen jenseits von Haben und Ge­nießen verschreiben, die einfach leben, die in der Hingabe an andere sich selbst überschreiten. Die Seligpreisungen der Bergpredigt werden auch außerhalb der Kirche gelebt.

4. Ich erkenne mehr und mehr, dass die Menschen ein tiefes Verlangen haben, in glückenden Beziehungen leben zu können. Manches mag dagegen sprechen. Der Zeitgenosse, wie ich ihn in meinem Umfeld erlebe, leidet weniger an ­materieller Armut als vielmehr an Beziehungsarmut. Darin erkenne ich eine Herausforderung für uns Christen. Wir brauchen eine Kirche, in der durch das Lebenszeugnis gläubiger Menschen erfahren wird: Eine Freiheit wird dadurch kostbar, dass in ihr ein Anruf hörbar wird. Man könnte sogar sagen: Im Du des anderen, in seinem „Ruf”, der mich trifft, wird meine wahre Freiheit erst konstituiert. Mein Leben ist nicht ein beliebiges, austauschbares Produkt anonymer Gesetzmäßigkeiten, sondern es antwortet auf eine von 
außen kommende Stimme, die wirklich mich selbst meint.

Der Marxismus östlicher Prägung hatte die Sinngebung menschlichen Lebens auf ein imaginäres kommendes Paradies auf Erden verlagert. Der Waren- und Genussfetischismus der liberalen Gesellschaft westlicher Prägung vertröstet auf den unmittelbaren Genuss im Hier und Jetzt. Mich lehrt der Blick auf die Menschen hier im Osten: Der Hunger bleibt und die Suche nach Erfüllung geht weiter. Das ist meine tägliche Erfahrung. So gehört beides für mich zusammen: das Evangelium und meine Heimat, in der das Evangelium auch heute Menschen berühren und wandeln will.

Aus: Wir sind Heimat. Annäherungen an einen schwierigen Begriff. Hg: Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering und Joachim Klose, Dresden 2012
http://www.kas.de/upload/dokumente/2012/heimat/Heimat_wanke.pdf

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