Ein sicherer Hafen

Luba und das Hoffnungsprojekt The Harbor in St. Petersburg

von Claudia Jersak

Direktorinnen flößen mir grundsätzlich Respekt ein – erst Recht Luba Yarovaya, die bereits zehn Jahre Direktorin von The Harbor war, als ich sie 2011 während ihrer Deutschlandreise kennenlernte. Dieses Jahr hatte ich die Gelegenheit, sie in ihrem Lebens- und Arbeitsumfeld in St. Petersburg zu besuchen und mehr über die junge Frau zu erfahren, die ein so verantwortungsvolles Amt schultert.

Luba ist in einer gläubigen Familie in einer ukrainischen Großstadt aufgewachsen. Ihre Kindheit war glücklich und sie wollte, dass auch andere glücklich sind. Sie erzählt mir, wie sie im zarten Alter von zehn Jahren – zum Entsetzen ihrer Mutter – alle Kämme und Handtücher ihrer -Familie ruinierte und das heimische Badezimmer in einen Wasch- und Friseursalon für verwahrloste Straßenkinder verwandelte. Berührungsängste waren ihr fremd. Nach der Schul- und Ausbildungszeit eröffnete sie mit Freundinnen eine kleine Schneiderei. In der damaligen Sowjetunion war Kleidung knapp, daher fanden die selbst entworfenen und genähten Stücke guten Absatz und bald hatten alle ihren eigenen Broterwerb. Die stille, introvertierte Frau entdeckte ihr organisatorisches Talent. Ihr kleines Geschäft blühte und das erfüllte sie mit Zufriedenheit. Ebenso blühte auch die kleine Glaubensgemeinschaft, die sich regelmäßig im Haus ihrer Eltern traf – dort engagierte sich Luba in Chor und Orchester. Im sowjetischen System mit stark eingeschränkter Religionsfreiheit waren Freikirchen verboten, weil sie sich staatlicher Kontrolle entzogen. Lubas Vater bekam die Repressalien wiederholt zu -spüren und verlor mehrfach seinen Arbeitsplatz.

Eine verhängnisvolle Frage

Als ihre ältere Schwester und später ihr jüngerer Bruder heirateten, blieb Luba, wie damals üblich, als ledige Tochter im Elternhaus. Hier erlebte sie den politischen Umbruch, den Zerfall der Sowjetunion und die Gründung der unabhängigen Ukraine. Der gesellschaftliche Wandel mit den neuen Freiheiten und der wirtschaftlichen und kulturellen Verunsicherung veränderte Menschen in Lubas Umfeld, auch in der Verwandtschaft. So kam einer ihrer Onkel, damals überzeugter Atheist, in eine tiefe Krise. Erschüttert durch den plötzlichen Tod seiner Frau begann er, neue Fragen zu stellen und öffnete sich für den Glauben. Sein Leben verwandelte sich grund-legend. Dieser Onkel war es, der mit einer Frage Lubas Leben eine neue Wendung gab. Gerade war ein Missionsteam aus Amerika abgereist, als er sie fragte: „Und wann gehst du auf Missionseinsatz?“

Luba schob die Frage zunächst irritiert beiseite. Zu sehr hing sie an ihrem Umfeld, an Familie und Gemeinde. In ihrem Herzen aber klang die Frage beständig weiter. Auch den Vorschlag ihrer Freundin, sich mit ihr an einer neu gegründeten christlichen Hochschule in St. Petersburg für Theologie einzuschreiben, schlug sie aus. Luba blieb, aber tief im Innern wuchs die Gewissheit, dass Jesus sie just in die russische Metropole am finnischen Meerbusen rief. Es dauerte weitere zwei Jahre, bis sie dem Ruf ihres Herzens zu folgen und den Eltern die Entscheidung zu diesem ungeheuerlichen Schritt zu eröffnen wagte. Als sie gerade den Mund öffnen wollte, kam ihr die Mutter zuvor: „Ich weiß, du sollst nach St. Petersburg gehen.“

Ein verheißungsvoller Aufbruch

Der Aufbruch fiel ihr nicht leicht. Sie musste nicht nur von Elternhaus und Heimat Abschied nehmen, auch der Wunsch nach eigener Familie wurde aufgeschoben. Luba verkaufte ihren Anteil am Geschäft, um mit dem Erlös das Studium in Russland zu bestreiten. In der Metropole fühlte sie sich mit ihrem ukrainischen Akzent als Fremde, aber dank ihrer Anpassungsbereitschaft fand sie sich bald zurecht. Das Studium machte ihr große Freude, und auch das notwendige Geld für missionarische Einsätze kam immer wieder zusammen – für Luba eine Bestätigung ihrer Berufung. Ein Professor riet ihr zum Psychologiestudium in den Vereinigten Staaten. Das schien sinnvoll, denn Luba hatte beobachtet, wie im Zuge der politischen Wende viele Menschen zwar empfänglich wurden für den Glauben, aber nicht in der Lage waren, ihr Leben im Sinne des Evangeliums zu gestalten. Zu viele lebensgeschichtliche Altlasten nahmen ihnen die Lebenskraft und verhinderten einen Durchbruch zur Freude, zu einem freien Leben ohne Gebundenheiten. Ihnen wollte Luba als Therapeutin beistehen.

Die hatte die notwendigen Papiere bereits angefordert, als sie Melinda Cathey kennenlernte. Die Amerikanerin war dabei, mit dem gebürtigen St. Petersburger Alex Krutov ein Projekt für Straßenkinder zu starten. Alex selbst war als Sozialwaise in sowjetischen Heimen aufgewachsen, auf der Straße gelandet und hatte wie durch ein Wunder überlebt. Mit Melinda zusammen wollte er Waisen, die mit sechzehn Jahren aus staatlichen Heimen entlassen werden, eine Perspektive bieten. Sie wollten ein Programm für diese Zielgruppe entwickeln, das Fertigkeiten vermittelte, die die Jugendlichen für ein selbstbestimmtes Leben als Erwachsene brauchten: praktische Tätigkeiten im Haushalt, berufliche Grundqualifikationen, gesunde Lebensführung, Umgang mit Geld, Hygiene usw. Vor allem aber auch das Wissen um einen liebenden und fürsorglichen Vater im Himmel und um den Bruder Jesus, der ihnen zur Seite steht.

Ein ungewöhnlicher Einsatz

Luba war von dem Vorhaben begeistert. Voller Pioniergeist widmete sie die verbleibenden Monate bis zum Studienbeginn dem Aufbau des Projekts. Zügig erarbeitete sie ein taugliches Konzept und fand sogar eine Wohnung, in der das Projekt starten konnte. Gott sorgte auf wunderbare Weise für die Finanzen und brachte sie mit den ersten drei Mädchen zusammen, die mit ihr ins „neue Zuhause“ zogen. Das war der -Beginn von The Harbor (der Hafen) – auch wenn der Name erst später gefunden wurde. Im Nu waren sechs Monate um. Es zeigte sich, dass es mit dem „Zwischenjob“ nicht getan war: Melinda würde mit ihrer Familie wieder nach Amerika zurückkehren und Alex war auf dem Absprung zu seinem eigenen Studium. Längst hatte Luba die Jugendlichen ins Herz geschlossen – wie hätte sie sie wieder verlassen können?! Nach weiteren sechs Monaten fand sie zu einem vollen „Ja“ zu ihrem Platz und der Arbeit in St. Petersburg.

Heute blickt Luba auf zehn bewegte Jahre zurück. Immer neue Jugendliche, Mitarbeiter, Wohnungen, Finanzen und Arbeitsbereiche kamen hinzu. Inzwischen gehören zu The Harbor vier Wohngruppen mit jeweils sechs bis acht Jugendlichen, die zwei bis vier Jahre mit ihren Mentoren leben. Auch das Angebot ist gewachsen: Im sogenannten Vocational Training Center lernen staatlich betreute Kinder in Kleinstgruppen das Arbeiten am Computer, töpfern, kochen, schreinern oder Seidenmalerei. Hier hören sie auch von The Harbor – und nehmen den liebevollen Umgang miteinander, der sich aus der Güte Gottes nährt, sehr wohl wahr. Einige werden in eine der Wohngruppen ziehen, wenn sie das Waisenhaus verlassen. Die Stadt St. Petersburg stellt Räume für die Initiative Kultur-Club zur Verfügung. Mit ihren Mitarbeitern bietet Luba Workshops für gesellschaftlichen Umgang und Beziehungsfragen an. Für heim- und elternlose Jugendliche sind dies unverzichtbare Fertigkeiten für ein gelingendes Erwachsenenleben. Der vierte und jüngste Arbeitszweig – und Lubas Lieblingsprojekt, das sie in Zukunft weiter ausbauen möchte, ist die Unterstützung von jungen Müttern. Als die ersten Harbor-Absolventinnen Kinder bekamen, fragten sie Luba um Rat: Wie wickelt, badet und ernährt man ein Baby? Wie findet man als (sehr) junge Frau in die neue Mutterrolle hinein? Ohne familiären Rückhalt und oft auch ohne verlässliche Partner fühlen sich die meisten überfordert. Für sie wäre es naheliegend, das eigene Kind dahin zu geben, wo sie selbst herkommen: ins Waisenhaus. Hier will Luba ansetzen, um den Teufelskreis der Verwaisung zu unterbrechen.

Eine lebensverändernde Hoffnung

Ich begleite Luba zu einem Müttertreffen. Außer Tee und Snacks erwartet die Gäste eine warme, freundschaftliche Atmosphäre. Hier treffen sich Mütter mit Kindern zwischen zwei und acht Jahren. Die Gastgeberfamilie hat ihr Zuhause geöffnet, in allen Räumen liegen Spielsachen. Nach dem geistlichen Auftakt mit gemeinsamem Singen wird Material zur kreativen Betätigung verteilt: Knete, Buntstifte, Papier. Kinderpsychologin Natascha leitet die Kinder beim Singen und Musizieren an und erklärt den Müttern die Stadien der kindlichen Entwicklung. Bereitwillig antwortet sie auf die Fragen der jungen Frauen. Was vom Keks- und Obst-Buffet übrig bleibt, wird für eine Mama in einer schwierigen Lage zusammengepackt. Zum Abschluss ein Dank an alle, an Gastgeber und Gäste, für das Programm und für das Essen. Das engagierte Team erläutert die Idee: Sie wollen die jungen Frauen, die nie in den Genuss eines echten, liebevollen Familienlebens kamen, in erster Linie durch Wertschätzung ermutigen und durch konkrete Hilfe dazu befähigen, selbst fürsorgliche Mütter zu werden. Dass es gelingen kann, davon sind sie überzeugt. Luba selbst hält sich zurück; im Reden lässt sie anderen den Vortritt. Sie arbeitet lieber im Verborgenen und trägt die Verantwortung für das Projekt, kümmert sich um die Administration, die Zusammenarbeit mit den Behörden und die Personalführung. Die Herausforderungen wachsen – und mit ihnen auch Luba. Aus der jungen „Pionierin“ mit Vision und hohen Zielen ist eine Frau mit Weitblick und Tiefe geworden. Mein Respekt vor Frau Direktorin hat sich in große Wertschätzung für eine beeindruckende Frau und liebe Freundin gewandelt.

Von

  • Claudia Jersak

    arbeitet als Bürokauffrau. Schon als Schülerin entdeckte sie ihr Interesse an der Sprache und Kultur Russlands; insbesondere St. Petersburg hat es ihr angetan. Sie kennt und unterstützt dort die Arbeit des dortigen OJC-Partners Pristin/The Harbor.

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  • Luba Yarovaya

    hat „Pristin/The Harbor“, ein Hoffnungsprojekt für Sozialwaisen in St. Petersburg mit konzipiert und leitet das Werk seit zehn Jahren (2013).

    Alle Artikel von Luba Yarovaya

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