Der Himmel ist kein Fünf-Sterne-Hotel

Der Himmel ist kein Fünf-Sterne-Hotel. Einladung zu einem anderen Weg. Copyright: Böhringer Friedrich, Wikimedia (CC-BY-SA-3.0)
Böhringer Friedrich, Wikimedia (CC-BY-SA-3.0)

Einladung zu einem anderen Weg

von Rudolf Böhm


„Ich bin ein Gast auf Erden und hab’ hier keinen Stand; der Himmel soll mir worden, da ist mein Vaterland“, heißt es in einem Lied von Paul Gerhardt (EG 529). Unser Leben ist eine Pilgerreise hin zur ewigen Heimat und soll in allen unseren äußeren und inneren Be­wegungen auf das eigentliche Zuhause ausgerichtet sein, das im Himmel ist.

Meine Großmutter sprach in den letzten Jahren vor ihrem Tod immer wieder davon, wie sehr sie sich auf den Himmel freue. Ich war damals noch weit weg von jeglichen Gedanken an den Tod und das Danach. Dennoch hat es mich berührt, wie tief sie mit dieser himmlischen Wirklichkeit gelebt hat. Für mich wurde ihr erwartungsvolles Sterben zum kostbaren Vermächtnis, das sich bis heute in meinem Leben auswirkt.

„Wo habe ich mein Zuhause?“ Der Philipperbrief antwortet auf diese Frage kurz und bündig: „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20).
Wie ist das zu verstehen? Kritiker haben der Kirche vorgeworfen, dass der Glaube eine billige Vertröstung auf eine bessere Welt sei. Damit rechtfertige man lediglich Missstände der Gegenwart und stabilisiere Unrechtssysteme – frei nach der Parole: „Weil im Himmel alles besser wird, musst du heute wegstecken, was auf dieser Erde falsch läuft.“ Genau das Umgekehrte scheint mir richtig zu sein: Weil wir Christen um die himmlische Zukunft wissen und von der Auferstehung Jesu herkommen, wollen wir die Gegenwart so gestalten, dass sie lebenswert ist. Auferstehung ist keine Vertröstung, um die Gegenwart besser zu ertragen, sondern die Motivation, möglichst allen Menschen schon heute einen Geschmack vom wahren Leben zu vermitteln und mit ganzem Einsatz und aller Kraft der Herrschaft der Liebe Christi in uns und um uns Raum zu geben.

Wo ich erkannt werde

Heimat ist dort, wo ich geliebt werde und meiner Liebe Ausdruck gebe. Wie sehr eine Liebes- oder Freundschaftsbeziehung wächst, hängt von der Zeit ab, die wir miteinander verbringen. Genau so verhält es sich mit der Liebe zu Gott. Was möchte ich aus dem Munde Gottes hören, wenn ich eines Tages vor ihm stehen werde? Möchte ich, dass der Gott des Himmels und der Erde dann zu mir sagt: „Du hast dich in deinem Leben bewährt“?

„Liebe ist die einzige Währung, die im Himmel noch zählt“, betonte Irmela Hofmann, die Gründerin unserer Gemeinschaft. Wir sind erschaffen, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben und ihm in dieser Welt mit unserer Liebe zu dienen. Gott zu erkennen, nicht nur über ihn Bescheid zu wissen, sondern ihn wirklich zu kennen, ist der erste Sinn und Zweck des Lebens. Schlussfolgernd kann ich mir die Frage stellen: „Kenne ich Gott? Kenne ich ihn so gut wie meine eigene Frau, meine Kinder, meinen besten Freund? Kenne ich Jesus?“ Wir Menschen investieren so viel Zeit und Energie in Dinge, die vorübergehend sind und letztendlich nicht zählen. Vor allem wollen wir anderen Menschen gefallen und vor ihnen gut dastehen. Entscheidend ist am Ende aber nicht, wie wir in den Augen der Menschen erscheinen, sondern wer wir in den Augen Gottes sind. Es hat mich beeindruckt, als mein geistlicher Begleiter einmal äußerte: „Der Gott des Himmels und der Erde ist der Eine, dem ich mehr als irgendjemandem sonst auf der Erde gefallen möchte. Es kümmert mich nicht im Geringsten, ob die übrige Welt denkt, Pfarrer XY war großartig oder war unmöglich. Ich möchte nur wissen, was der Gott des Himmels und der Erde zu mir sagt. Genau deshalb versuche ich jeden Tag, jede Woche meines Daseins, dies als Maßstab vor Augen zu haben. Ich will das tun, was ihm gefällt!“

Was Zugehörigkeit schenkt

Um einen solchen Weg gehen zu können, ist Umkehr zur Liebe nötig. Sie ist kein einmaliges Ereignis im Leben eines Christen, sondern ein stetiges, immer neues Antworten auf die Anrufe Gottes in meinem Alltag, durch die Er mich einlädt, und auch befähigt, mich von ihm lieben zu lassen und seine Liebe weiterzugeben. Vertrauen und Mühe sind die beiden Zutaten, aus denen die Kost des ewigen Lebens zubereitet wird. Natürlich sind wir durch seine Gnade gerettet, aber es geht darum, empfänglich für diese Gnade zu bleiben, indem wir unsere von Gott empfangenen Gaben einsetzen. Wer nicht umkehrt, lebt verkehrt. Verkehrt leben heißt, sich nach den gewohnten Mustern zu richten, z. B. „wie du mir, so ich dir.“

Gottes Weg der Liebe, der uns in Jesus Christus vorgestellt ist, ist nicht der Weg des Reagierens aus unreflektierten und unwillkürlich ablaufenden Verhaltensmustern, sondern des Antwortens, das ein hörendes und empfängliches Herz für Gottes Anruf erfordert (vgl. Joh 5,30). Jesus verhält sich zu seinem Vater als der beständig von ihm Angerufene und ihm Antwortende. „Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn“ (Joh 5,19). Jesus hat seine Heimat ganz beim ­Vater. Den Willen des Vaters zu tun, ist seine Speise (vgl. Joh 4,34). Ganz in Verbundenheit mit ihm zu leben, gibt ihm ein sicheres Zuhause und bewahrt ihn vor der Gefahr der Entfremdung durch Einflüsse, die nicht Gottes sind. Dazu lädt Jesus uns ein mit den Worten: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. So wie die Rebzweige mit dem Weinstock verbunden sind, so gehört ihr zu mir! Und dieses Zu-ihm-Gehören ist nicht irgendein ideal gedachtes Verhältnis, sondern ein lebensvolles Miteinander. Wo immer wir also in dieser innigen Verbundenheit mit ihm leben, finden wir Heimat in der Rückkehr zu unserem Ursprung. Jesus selber hat sich immer wieder in die Stille zurückgezogen. Im Gebet hat er sich Wegweisung und Kraft geholt. Er lehrt die Jünger mit kindlichem Vertrauen zu beten: „Vater unser im Himmel ...“ (Mt 6, 9-15). So können wir die Begegnung mit Gott finden – wenn wir still werden und den Umtrieb des Alltags loslassen. Stille und Rückzug sind Voraussetzung für das Gebet.

Was etwas kosten darf

Als Christen leben wir heute in einer säkularisierten Welt und sind nicht selten auch von ihrer Kultur geprägt: Brauchen wir Gott noch? Und wenn ja, wozu? Wir alle spüren in uns die Neigung zur Selbstbezogenheit. Es liegt uns so nahe, uns nur um uns selbst zu kümmern und anderes als Störfaktoren unseres Glückes abzutun. Diese am Vergnügen und Konsum orientierte Mentalität begünstigt auch bei den Nachfolgern Jesu ein Abdriften in Oberflächlichkeit und Egozentrik. Der moderne Mensch ist satt und gleichzeitig leer. Wir sehnen uns nach dem Himmel, aber wir kennen den Weg nicht mehr. Zumindest suchen wir ihn nicht mehr da, wo er zu finden ist, sondern fühlen uns hingezogen zu Dingen, die uns den Geschmack am Himmel vergehen lassen. Jesus warnt vor dem breiten Weg, auf dem es vor allem darum geht, dass alles zu einem Mittel wird, die eigenen Bedürfnisse zu stillen.

Ein tschechischer Priester war nach dem „Prager Frühling“ für zwei Monate in den Westen eingeladen worden. Bei seinem Abschied sagte er: „Ich war zwölf Jahre im Gefängnis, weil ich meinen Glauben nicht verleugnen wollte. Mein Glaube hat mich meine Gesundheit gekostet. Aber dieser Glaube gab mir eine Ruhe, die meine Kerker-jahre zu den glücklichsten meines Lebens gemacht haben. Im Westen habt ihr den Glauben so untergraben, dass er euch keine Sicherheit mehr gibt. Ihr werft in eurer Freiheit das weg, wofür wir in der Unterdrückung gelitten haben. Der Westen hat mich enttäuscht.“

Dieses ernste Urteil eines Bekenners der verfolgten Kirche sollte uns nachdenklich machen. Im Westen laufen wir nicht Gefahr, um des Glaubens willen ins Gefängnis geworfen oder getötet zu werden. Jedoch erleben wir tagtäglich, dass der Glaube auf die Probe gestellt wird. Heutzutage den Glauben aufrichtig zu leben, heißt, bereit zu sein, ein spöttisches, bestenfalls bemitleidendes Lächeln zu ertragen. Es gehört zum guten Ton in den Medien, sich über die Kirche und die Wahrheiten des Glaubens lustig zu machen und sie her­abzusetzen. Der Glaubende wird als rück­ständig bezeichnet und aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt. Es ist nicht leicht, sich als gläubig zu bekennen, die eheliche Treue zu verteidigen oder eine kinderreiche Familie zu haben. Aber je schwerer die Situation, desto wertvoller wird der Glaube. Das Zeugnis der Märtyrer kann uns helfen, uns nicht feige aus dem Kampf zurückzuziehen und zu verbittern, sondern mutig jedem Rede und Antwort zu stehen, der uns fragt.

Was in Bewegung hält

Was wir heute ins Zentrum unseres Lebens rücken, bestimmt die Zukunft. Wovon ist mein Leben bestimmt? Worum kreist mein Denken? Für wen lebe ich? Für wen möchte ich mein Leben einsetzen? Was ist mir wichtig? Der Weg in den Himmel führt beständig vom Ich hin zum Du, von der Selbstliebe zur Gottes­ und Nächstenliebe. Unsere Entscheidungen heute haben Folgen für unsere Zukunft. Uns ist kaum noch bewusst, wie schnell die Zeit vergeht und wie sehr wir alles als selbstverständlich betrachten. Mache ich mir bewusst, dass ich einmal sterben werde? Hat mein Leben einen Sinn? Gibt es etwas nach dem Tod?

Die Gabe Gottes, die der Glaube vergegenwärtigt, ist die Ankündigung, dass der letzte Sinn unseres Lebens in der vollen Einheit mit Gott liegt, die wir am Ende der Zeiten erwarten. Die ersten Christen wurden von ihren Mitbürgern „Menschen des Weges“ genannt. Man spürte ihnen den Aufbruch in das Neue offensichtlich ab. Christen sind beständig unterwegs; für sie ist dieses Erdenleben ein Vorbereitetwerden zum Ewigen Leben. Gott geht es vornehmlich um ein inneres Wachstum in einen noch größeren Horizont; in den noch weiteren Raum der uns verheißenen Lebensfülle (Hebr. 13,14). Doch dieser Weg ist im höchsten Maße gewöhnungsbedürftig und geht uns an vielen Stellen gegen den Strich. Unbekanntes macht uns natürlicherweise Angst. Nach Arthur Schopenhauer sucht der Mensch nicht das, was gut für ihn ist, sondern das, was ihm vertraut ist. Das Gleichnis vom neuen Kleid und vom neuen Wein (Lk 5,33-39) deutet darauf hin, dass es schwierig ist, unser altes Ich abzulegen. Aber wir müssen den Schritt tun und erkennen, woraus unser altes, selbstbezogenes Ich besteht und uns entscheiden, es hinter uns zu lassen, um Christi Botschaft anzunehmen. Die Entscheidung bleibt ganz frei, aber unser Ja soll ein Ja und das Nein ein Nein sein!

Im christlichen Glauben besitzen wir zahlreiche Mittel, die uns den Weg in den Himmel bahnen helfen. Dazu gehören vor allem das Wort Gottes, die Gemeinschaft, das Gebet und die praktische Nächstenliebe. Wer sie nutzt und immer wieder aufsteht, auch wenn es mal nicht gut gegangen ist, der befindet sich auf dem Weg zum Himmel. Ein Ideal, das nicht umsonst zu haben ist, aber auch keiner besonderen Fähigkeiten bedarf.

Was ins Ziel führt

Als ich ein Junge war, schenkte mir meine Großmutter eine Medaille. Auf der Rückseite standen die Worte Jesu: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber dabei sein Leben einbüßt?“ (Mk 8,36). Diese Frage beschäftigt mich bis heute. Keinem von uns bleibt es erspart, eine Entscheidung zu fällen: Werde ich von nun an für die Ewigkeit leben oder nur für den heutigen Tag?

Paul M. Zulehner trifft die Feststellung: „Uns Heutigen bleibt der Himmel die meiste Zeit verschlossen. Die jahrhundertelang zu Recht befürchtete Vertröstung auf das Jenseits ist einer anstrengenden Vertröstung auf das Diesseits ­gewichen.“ Wenn aber selbst der Tod keinen Ausblick mehr auf das Jenseits erlaubt, dann besteht die große Gefahr – so die Experten des postmodernen Lebens – dass die Menschen entweder nur noch Arbeit kennen und oder sich zu Tode amüsieren.

Der Himmel ist kein Fünf-Sterne-Hotel, das den meisten Menschen verschlossen bleibt, weil es zu teuer ist. Gott ist der Vater aller Menschen, er liebt jedes einzelne seiner Geschöpfe. Er möchte uns alle bei sich haben. Darum hat er das Himmelstor in Jesus Christus weit aufgestoßen. Wilhelm Busch schrieb: „Ich kann nirgendwo die Liebe Gottes besser ablesen als am Kreuz Jesu. Da stirbt der Sohn Gottes für mich. Da eröffnet er die Quelle, die mich frei macht von aller Schuld. Da ist ein Opfer, das mich mit dem heiligen Gott versöhnt. Da ist eine Tür in den Himmel hinein.“ Hindurchgehen müssen wir selber.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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