Editorial über Wachstum trotz Widerstände

Liebe Gefährten,

für die meisten von uns ist die Palme Inbegriff von Urlaub. Da sie in diesen Breitengraden als exotisch gilt, prangt sie auf fast jedem Reiseprospekt. Palmen wecken Sehnsucht nach Ferne, nach Auszeit von der Tretmühle und animieren uns, auch mal tiefer in die Tasche zu greifen. Weil uns im Alltag so manches auf die Palme bringt, sehnen wir uns nach einem entspannten Platz im Schatten ihrer Blätter am weißen Strand mit türkisfarbenem Wasser.

Die Palme steht aber auch für Wachstum trotz Widerstände: Am Meer muss sie dem Wind trotzen, in der Wüste der Hitze und der Dürre. Überleben kann sie nur, weil ihre Pfahlwurzel tief bis zum Grundwasser reicht und ihr Stabilität gibt. In der Bibel ist die Palme Sinnbild für das ­Leben, für den Sieg und den Frieden. Der aufrechte Mensch wird mit der Palme verglichen, die im „Hause des Herrn“ gepflanzt ist und gedeiht und Frucht bringt (Psalm 92). So gilt die im Orient typische immergrüne Dattelpalme auch als ein Auferstehungs- und Hoffnungssymbol. Das alles schwingt mit im Sprichwort „Eine Palme wächst unter der Last“, das auf den Römer Aullus Gellius (2. Jh. n. Chr.) zurückgeht. Der schrieb: „Wenn man auf das Holz des Palmbaums große Gewichte legt und ihn so sehr beschwert, dass er der großen Last nicht standhalten kann, dann weicht die Palme nicht nach unten aus und wird auch nicht gebogen, sondern steht gegen die Belastung wieder auf und richtet sich ungekrümmt empor.

Das Bild der gegen den Widerstand aufwärts strebenden Palme nehmen wir in diesem Salzkorn auf als sommerliche Weiterführung des windigen Mottos vom diesjährigen Tag der Offensive an Himmelfahrt: Gefährten im Gegenwind – aufrecht stehen in windschiefer Zeit. Das gemeinsame Feiern mit alten und neuen Freunden hat uns große Freude gemacht und Aufwind gegeben. Eine große Ermutigung war die Predigt unseres langjährigen Freundes und Begleiters Pfarrer Burkard Hotz. Sein leidenschaftliches Plädoyer für entschlossene Nachfolge möchten wir mit Ihnen teilen.

Was verleiht Christen in stürmischer Zeit Standfestigkeit und Orientierung? Wie stemmen wir uns dem Mainstream erfolgreich entgegen, um Frucht zu bringen? Ein Workshop am Tag der Offensive stellte unsere neu erschienene innere Ordnung vor, die Grammatik der Gemeinschaft. Darin haben wir die drei evangelischen Räte Armut, Keuschheit und Gehorsam für uns dekliniert. Es sind die Maßgaben für ein Leben im Geiste der Frohen Botschaft, die sich insbesondere in der Tradition der Klöster bewährt haben. Auch heute sind sie für eine beherzte und konzentrierte Christusnachfolge von Bedeutung.

Uns geht es dabei in erster Linie darum, wie wir täglich das einüben können, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wie es gelingt, uns nicht von Geld, Sex und dem Streben nach Macht versklaven zu lassen, uns vielmehr auszustrecken nach dem rost- und mottenfreien Reichtum, der wahren und beglückenden Liebe und der wirklichen Freiheit von Zwängen und Bindungen.

Das Monetäre ist allgegenwärtig und das damit verbundene Versuchungspotenzial immens.Wenn sich das Leben und Streben nur noch um den Besitz dreht, korrumpiert der Mammon das Herz und das Miteinander. Nicht umsonst warnt Jesus vor den Folgen der Gier, die sich nicht nur des Einzelnen bemächtigen kann, sondern die Gesellschaft strukturell deformiert. Wir haben den Steuerexperten Markus Meinzer vom Tax Justice Network und Mitglied der Micha-Initiative Deutschland, zu deren Mitgründern auch die OJC gehört, über die Mechanismen der Korruption befragt.

 

Der Begriff „Keuschheit“ ist mittlerweile auch bei Christen zum Fremd- bzw. Unwort geworden, mit dem man meist eine puritanisch-prüde Leib- und Sexfeindlichkeit assoziiert, die die dunklen Seiten der Kirchengeschichte prägte. Der Duden hingegen erklärt Keuschheit mit „Integrität“. Dies kommt unserer Grammatik sehr nah: „Wir wollen als Glieder der Kommunität ein keusches Leben führen; keusch im Sinne von eindeutig und entschieden: entschieden mit Jesus leben.“

 


Im Zusammenhang mit den öffentlichen Angriffen auf die OJC und das Institut hat eine Ehemalige aus einer früheren Jahresmannschaft sich entschieden, uns zu schreiben, wie es ihr bei uns ergangen ist. Die Suche nach sich selbst und ihrer Identität als Frau begann damals mit ihrem Coming out. Um ihr persönliches Zeugnis nicht einer möglichen Diffamierung oder Lächerlichmachung preiszugeben, haben wir entschieden, ihren Namen zu schützen. Diese hoffnungsvolle Erfahrung, deren Zeugen wir sein dürfen, legen wir Ihnen besonders ans Herz.

möchten wir an die ureigene Aufgabe der Gemeinde Jesu erinnern, einzustehen für das biblische Modell des Liebesbundes: Der Bund der Ehe ist eingebettet in den Bund Gottes mit seinem Volk, die Liebe zwischen Mann und Frau getragen von der Liebe Christi zu seiner Kirche, seinem Leib. Folglich müssen wir nicht selbst die Garanten unserer Ehe sein. Was für eine Ent­lastung! Es ist nach wie vor die klarste Weg­weisung, die uns als Mann und Frau gegeben ist in einer desorientierten Zeit. Dazu wollen wir weiterhin ermutigen!

 

“ Das Versprechen des Titels täuscht, tatsächlich wird mit der bisher gültigen reformatorischen Lehre von Ehe und Familie ­gebrochen: Die Ehe wird aus der Familie herausgelöst und die Vielfalt der neuen Familienwirklichkeiten wird offen zur „normativen Orientierung“ erklärt. Fundament und Richtschnur ist offensichtlich nicht mehr der sich in seinem Wort offenbarende Gott, sondern die Bestandsaufnahme des auf sich selbst verwiesenen Zoon politikon. Hier spiegelt sich die Kirche im Zeitgeist. Wenn aber die biblisch-theologische Entleerung so unverhohlen fortschreitet, wie ist Kirche noch von ihrem gesellschaftlichen Umfeld zu unterscheiden? Eine Moral ohne Transzendenzbezug, eine Lehre ohne unveräußerliche geistliche Werte ist im doppelten Sinne des Wortes wert-los. Besonders schmerzt uns als ökumenische Kommunität der Rückschlag, den dieser „soziologische Alleingang“ der evangelischen Kirche für den Dialog mit den anderen Konfessionen bedeutet.

 

Die politisch motivierte Auflösung des bewährten Konzeptes von Ehe und Familie schreitet voran – und trifft auf Widerstand! In Frankreich protestiert die Bewegung La Manif Pour Tous dagegen. Millionen gehen auf die Straße, um für das Recht von Kindern auf Vater und Mutter zu demonstrieren. Ist das in Deutschland denkbar? Wir haben doch eine Überzeugung für Ehe und Elternschaft nach biblischer Maßgabe, scheuen wir uns also nicht, sie kundzutun, „wenn auch die Menge darüber ganz anders denkt“! Unsere Redaktion freut sich auf konstruktive Rückmeldungen, Gedanken und Ideen.

 

„Macht ist ein größerer Verführer als Geld oder Sex“, schreibt der Hirnforscher Gerhard Roth. Jesus hat die Machtverhältnisse dieser Welt vom Kopf wieder auf die Füße gestellt, als er den Verführer, der ihn versuchte, in die Schranken wies. Standfest konnte er bleiben, weil er in Verbundenheit und Gehorchsamkeit zu seinem Vater lebte.

 

Gehorsam kommt von Horchen, in Hörweite bleiben und aus dem Gehörten handeln. Für uns heißt das, an Jesu Worten und Weisungen zu bleiben und miteinander hörfähig zu werden.

Um Verbundenheit und aufeinander Hören geht es auch in dem Bericht von Ute Paul über eine Gruppe, die das Erfahrungsfeld mit verbundenen Augen erkundet und das Erlebte gemeinsam reflektiert. Anschaulich wird dabei ein Satz aus unserer Lebensregel: „Jedes Glied der Gemeinschaft ist gerufen, durch Gehorchsamkeit in die Mitverantwortung des Leibes hineinzuwachsen.“ Als eine solche „Gehörschule“ hat Lukas seine Zeit als Oberprimaner und das Jahr in Reichelsheim erlebt. Er beschreibt eindrücklich, wie er vom frommen Outsider zu  jemandem wurde, der den Glauben inside trägt.


Das OJC-Jahr neigt sich seinem Ende zu. Wir blicken dankbar zurück auf die vergangenen Monate des gemeinsamen Lebens mit unserem Jahresteam. Sechzehn junge Menschen haben uns mit ihrer Offenheit und ihrem beherzten Einsatz für den gemeinsamen Auftrag reich beschenkt.  Nun ziehen sie weiter. Euch allen eine guten Start und Gottes Geleit auf Eurem weiteren Lebensweg. Wir bleiben Euch verbunden!

Auch Ihnen, liebe Gefährten, wünsche ich im Namen der OJC-Gemeinschaft eine gesegnete und behütete Sommer- und Urlaubszeit. Ob am Palmenstrand, im Gebirge oder auf Balkonien; erholen Sie sich an Leib und Seele! Für ein offensives Christsein braucht es Zeiten der Rekreation. So bleibt das kreative, schöpferische und widerständige Potenzial frisch und lebendig.

Ihr


Konstantin Mascher

Reichelsheim, am 10. Juli 2013

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