Hindernislauf über das Erfahrungsfeld

von Ute Paul

 

Tiefgänger möchten sie sein, die sieben Menschen aus Frankfurt, die sich an diesem Wochenende in unserem Gästehaus verabredet haben. Hier setzen sie fort, was sie sonst vierzehntägig tun: sich verbindlich und intensiv dem persönlichen und geistlichen Wachstum stellen. Dazu lesen sie gemeinsam Bücher, erarbeiten Lebensbilder und suchen die Verbindung zu ihrem eigenen Leben. Sie nutzen die Zeit, der OJC-Kommunität zu begegnen und lassen ihr Reden und Nachdenken durch eine Einheit auf unserem Erfahrungsfeld ergänzen.

Das Terrain sichten

Mutig stellen sie sich der Aufgabe auf unserem Gelände: Ihnen stehen 20 Minuten zur Verfügung, in denen sie sich einen weiten Gang von einem Start- bis zu einem Zielpunkt einprägen müssen, um ihn dann anschließend als Gruppe mit verbundenen Augen zu bewältigen. Einzige Regel: Die Gruppe muss während des gesamten Weges in Verbindung bleiben und jeder übernimmt mindestens einmal die Leitung. Schon in der Planungs- und Sondierungsphase schwirren die Vorschläge durcheinander: „Ihr müsst die Schritte zählen!“ „Diesen Baum will ich mir merken. Ich stell mich mit dem Rücken dagegen und richte mich 90 Grad in diese Richtung aus.“ „Der Untergrund! Ich präge mir ein, dass hier das Gras in einen Kiesweg übergeht!“ Sie einigen sich auf Streckenabschnittsverantwortliche und machen einander auf markante Punkte aufmerksam. Die 20 Minuten sind schnell vorbei und der Trupp sammelt sich am Startpunkt. Letzte freundliche Zurufe – das Lächeln sehen sie schon nicht mehr, denn alle Augen verschwinden hinter Augen-binden – und los gehts!

Schritt für Schritt nach vorne

Im Dunkeln wird unser Gehör geschärft, im Dunkeln müssen wir andere Antennen ausfahren, um uns zurechtzufinden. Die Vordersten rudern mit den Armen und tasten mit den Füßen den Untergrund ab. Warnungen werden nach hinten durchgegeben („Vorsicht: Busch!“) oder auch erleichterte Ausrufe („Hier, ja, ich hab den Pfosten gefunden!“). Von hinten gibt es Klagen: „Nicht so schnell! Wir kommen nicht nach!“ oder: „Sagt doch mal was, wir kriegen ja gar nichts mit!“ Mittendrin ertönt die Stimme der Fürsorglichen: „Geht es euch da vorne gut?“ Je länger, je deutlicher entfaltet sich die Dynamik unter den ­sieben Menschen: Der Analytiker stellt Berechnungen an, wie weit es noch bis zur nächsten Markierung sein müsste, und liefert hilfreiche Vorschläge. Der Umsetzer sorgt dafür, dass die Spitze nach Plan jeweils ausgetauscht wird. Dann kommt eine in die Leitung, die keine Hindernisse fürchtet, aber den anderen zu schnell ist. In der Mitte vermittelt jemand: „Wir sollten jetzt alle mal darauf hören, was Anja sagt!“ Zwei weitgehend stille Beobachter laufen ruhig mit, ganz hinten wird es einem Erfinder zu langweilig und er fängt an, selbst seinen Spielraum nach rechts und links zu erkunden.

Kurskorrektur vornehmen

Die Stimmung ist vergnügt. Dann aber verliert ganz vorne einer die Orientierung und läuft an seiner Markierung vorbei. Weiter hinten werden die ersten Stimmen laut: „Bist du sicher, dass wir noch richtig sind? Ich habe in Erinnerung, dass wir weiter nach links gehen mussten. Hier geht es bergab. Da stimmt was nicht!“ Unruhe macht sich breit. Der Vorderste hält verunsichert inne. Er tastet mit Händen und Füßen rundherum, aber die rettende Markierung kann er nicht finden. Jetzt fliegen die Vorschläge durcheinander. „Es ging nach links!“ „Nein, wir müssen zurück, wir sind schon viel zu weit!“ Jemand ruft verschmitzt: „Die Leitung hat sich verlaufen. Wir tauschen die Leitung aus!“ Das löst Protest bei den einen und Gelächter bei den anderen aus. Die aktuelle Leitung bittet um Ruhe: „Bitte, seid still, ich muss nachdenken!“ Und dann: „Seid ihr einverstanden, wenn wir jetzt umdrehen? Mir scheint, dass wir eine Chance haben, wenn wir an diesen Büschen entlang zurückgehen.“ Der Zustimmung folgt die Wende – und nach fünf Metern stoßen sie auf die gesuchte Treppe. Die Gesichter leuchten auf, spontan klatscht jemand in die Hände, die Erleichterung ist offensichtlich.

Nach langer Geduldsprobe und diversen ­Krisen landet die ganze Gruppe am Zielpunkt, dem Ziehbrunnen. Beim vorsichtigen gegenseitigen Nassspritzen entlädt sich die Spannung, man klopft einander auf die Schultern, hebt die Arme. Alle lachen.

Im Rückblick neu verstehen

Gern erzählen sie anschließend, was sie erlebt haben. Ich höre gespannt zu, während sie von der Erfahrung berichten, aufeinander angewiesen gewesen zu sein. Davon, dass es für ­einen allein zu viel gewesen wäre, sich die ganze ­Strecke einzuprägen, dass sie sich in der Gruppe so aufgehoben gefühlt hätten – und sie sind voller Lob füreinander: „Alle haben mitgedacht! Wir konnten uns aufeinander verlassen.“ Eine Frau meldet sich zu Wort: „Als ich ganz vorne war, haben mir eure Tipps aber nicht wirklich geholfen. Sie haben mich von dem abgebracht, was ich eigentlich tun wollte.“ Später sammeln wir die einzelnen Themen, um die es bei der Blind-Übung eigentlich ging, und schreiben sie auf Zettel: Verantwortung, Vertrauen, Orientierung, Wendepunkte, Ich in der Gruppe, Leitung. Jeder hat Gelegenheit, sich zu einem der Themen noch mal zu äußern. Während wir auf die Beiträge lauschen, merken wir, welche Bedeutung diese Erfahrung für ähnliche Situationen im Alltag bekommt. „Wie gelingt es, dass in einer Gruppe, die den Weg sucht, sich einzelne nicht ausklinken?“ „Wenn an den Wendepunkten alle ihre Fühler ausstrecken, könnte das helfen, dass die Gruppe den Weg wieder findet.“ „Es braucht sehr viel Vertrauen, um mit anderen zusammen ein Ziel zu verfolgen. Besonders, wenn es ernst wird.“ „Die Wendepunkte hätten uns auch zum Verhängnis werden können. Aber wir haben die Ruhe bewahrt und sind nicht in blinden Aktionismus verfallen! Das war super!“ „Ja, wir haben echt aufeinander gehört. Und dann doch der Leitung die Entscheidung überlassen.“ „Ein schönes Erfolgserlebnis!“

Nach dem Spiel reflektieren die Teilnehmer das Erlebte. Copyright - OJC
Nach dem Spiel reflektieren die Teilnehmer das Erlebte. © OJC

Die Gruppe hat Worte gefunden für ihre Erfahrung an diesem Vormittag. Manche dieser Worte klingen wie diejenigen, die wir als Kommunität gefunden haben, um das Spannungsverhältnis zwischen Leitung und Mündigkeit unter uns zu beschreiben. Wir nennen das feinhörig dienen – um Jesu willen gehorsam sein.

Ich stelle am Ende unserer Begegnung den „Tiefgängern“ unsere Worte zur Verfügung.

 

Wir wollen bereit sein, Weisung anzunehmen und Autorität auszuüben im Sinne von Jesu­ ­Gebot: Der Erste unter euch soll aller Diener sein. Leiten bedeutet dabei, den Weg der Gruppe und ihrer Glieder hörend zu begleiten und Entscheidungen zu treffen und zu verantworten. Folgen heißt, sich ins Gespräch der gemeinsamen Weg- und Entscheidungsfindung einzubringen und dann der Weisung zu vertrauen. Jedes Glied der Gemeinschaft ist gerufen, durch Gehorchsamkeit in die Mitverantwortung des Leibes hineinzuwachsen. (Aus der Grammatik der Gemeinschaft, Abschnitt 37)

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

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