Ich versuch's

Dinge, über die wir regelmäßig stolpern.

30 Minuten auf Sparflamme

Seit einem halben Jahr leben wir als Familie auf dem Schloss. Um 12 Uhr lädt die Glocke in die Kapelle zum Mittagsgebet ein. Fünf Minuten lang, genug, um die Schürze an den Haken zu hängen und die wenigen Schritte dorthin zurückzulegen. In der Liturgie heißt es: „Wir gehören nicht der Arbeit, nicht den Menschen, nicht uns selbst. Wir gehören dir. Unsere Zeit steht in deinen Händen.“ Aber was, wenn ich am Vormittag nicht alles geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe? Durch das Mittags-gebet verkürzt sich gefühlt der Vormittag, ich muss um 11 Uhr anfangen zu kochen, vor allem, wenn wir Gäste haben. Während ich diesen Beitrag schreibe, schaue ich auf die Uhr – es ist zwanzig nach elf. Weiterschreiben oder unterbrechen und kochen, damit ich um 12 Uhr die Nudeln auf Sparflamme warm halten kann? Es gibt immer gute Gründe, warum es heute nicht klappt mit dem Mittagsgebet: Gründe, die ich vor mir selbst und vor Gott gut gelten lassen kann. Dann bleibt mein Platz in der Kapelle leer. Aber als wir aufs Schloss zogen, hatte ich mich grundsätzlich dafür entschieden, dem gemeinsamen Mittagsgebet als Mitte unseres Zusammenlebens eine zentrale -Bedeutung zu geben. Da möchte ich präsent sein. Ob es mir gelingt, meine Schürze abzulegen, wenn die Glocke bimmelt, entscheidet sich schon morgens, wenn ich Ja zum Mittagsgebet sage und meinem Vormittag eine entsprechende Struktur gebe. Diesen Schritt muss ich jeden Tag neu vollziehen. Beim Läuten gebe ich mir einen Ruck und entdecke, dass ich im Gebet reich beschenkt werde. Ich komme zur Ruhe, Druck fällt von mir ab und eine halbe Stunde später kann ich da sein für meine Familie und meine Gäste. Die Ziellinie auf der Höhe des Tages ist nicht der Tisch, den ich selber decke, sondern der Tisch, den mir Gott deckt. Im Innehalten und in der Kühle der Kapelle ordnet sich in meinem Kopf, was wirklich wichtig ist und was noch warten kann. Jetzt zeigt die Uhr 11.54 Uhr – höchste Zeit! Die Nudeln kochen noch, es gibt heute ein einfaches Essen, und es muss nicht perfekt sein. 

Christine Casties

Ich schaff das schon

Wenn ich meine Talente ein­bringen kann und dafür gelobt werde, wenn­ ich mich an gute Vorsätze gehalten habe, dann schwelge ich in Selbstzufriedenheit und gerate in Versuchung zu glauben, dass ich das alles allein geschafft habe. Ich vergesse den, der mir alles ermöglicht, der mir Fingerfertigkeit und geistige Fähigkeiten schenkt, mir zur richtigen Zeit die richtigen Gedanken und Worte gibt und der mich immer wieder mit dem versorgt, was ich benötige. Statt mich darauf zu verlassen, mache ich mich abhängig von der Meinung anderer. Jede Kritik kratzt dann an meiner Eitelkeit und ich versuche, sie zu vermeiden, indem ich es allen recht mache. Solange ich davon überzeugt bin, dass ich tüchtig und sympathisch bin, geht es mir gut. Die Enttäuschung ist allerdings umso größer, wenn ich dieses Bild von mir nicht mehr aufrechterhalten kann. Im Scheitern merke  , dass ich doch nicht alles unter Kontrolle habe. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, denn sie ist mit vielen schlechten Gefühlen beladen. Ich fühle mich ohnmächtig und hilflos, ich schäme mich für meine Schwäche, meine Dummheit, meine Naivität, und ärgere mich über meine Inkonsequenz, meine Unbeherrschtheit und Ungeduld. Ich brauche es, dass Gott mich immer wieder daran erinnert, dass ich auf ihn angewiesen bin. Ich brauche Zeiten der Stille, in denen mir das bewusst werden kann. Gott konfrontiert mich mit meinen Schwächen, damit ich nicht abhebe. Er lässt es zu, dass ich mit ­meinen ­guten Vorsätzen breche, dass ich mich vergleiche und mich in falscher Sicherheit wiege. Wenn ich in die ­Bibel schaue, merke ich, dass ich in guter Gesellschaft bin, dass Gottes Leute immer schon eine regelmäßige ­Erdung nötig hatten. Dann kann ich mir eingestehen, dass ich ein Angewiesener bin. Und dass Gott mich am besten gebrauchen kann, wenn ich von ihm abhängig bleibe. Denn er nutzt nicht nur meine Stärken und Fähigkeiten, sondern auch mein Scheitern und meine Schwächen. 

Daniel Schneider

Ich explodiere wie ein Vulkan

Ich will eine liebevolle Mutter sein. Aber gerade in meinem Alltag mit drei Kindern (2, 4 und 6 Jahre) stolpere ich oft über meinen Jähzorn. Wenn sich z. B. mein Kind ein Glasschälchen mit Apfelmus über den Kopf hält, um zu sehen, wie voll es ist, und es dann auf den Boden fällt und in tausend Stücke zerbricht, -gelingt es mir nicht, die Sache mit Humor zu nehmen. Ich explodiere wie ein Vulkan und ein heftiges Geschimpfe ergießt sich über meine Kinder. Wenn ich dann in ihren Augen Verunsicherung und Angst sehe, beschämt mich das sehr und macht mich unglaublich traurig. Ich mache mich innerlich selber schlecht: Ich habe wieder versagt! Ich bin eine schlechte Mutter! Ich fühle mich meiner Wut gegenüber machtlos. Voraussetzung für Veränderung ist, dass ich mir sowohl meine Überforderung als auch meinen Jähzorn eingestehe. Nicht die Umstände "sind schuld“; ich mache mich schuldig, mein Verhalten ist zerstörerisch. Ich muss mich verändern, nicht die Umstände. Außerdem hilft es mir sehr, mit meinem Mann und mit Seelsorgern über meinen Jähzorn im Gespräch zu sein, die tieferen Gründe für meine Wut zu ergründen, Wege heraus zu finden und nach dem Stolpern immer wieder aufgerichtet zu werden. Während des Wutanfalls versuche ich, in Ich-Form zu schimpfen. Also statt "Du bist aber ein Tölpel! Immer fällt dir was runter!“, eher "Ich bin wahnsinnig wütend! Ich habe die Nase voll, dass dauernd Sachen runter fallen!“ Leider fehlt mir eine vorausschauende Geistesgegenwart, damit es erst gar nicht zur Explosion kommt. Nach dem Wutausbruch entschuldige ich mich oft bei meinen Kindern und hoffe, so zu verhindern, dass sie sich die Schuld für mein Verhalten geben. Ich halte Gott meine Ohnmacht hin und bitte ihn auch, meine Kinder vor meinem Jähzorn zu schützen. Ich habe außerdem das Wort "Sanftmut“ für mich wiederentdeckt. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes (Gal. 5, 22 – 23). Ich habe angefangen, Gott um Sanftmut zu bitten. 

Rahel Rasmussen

Der Teufel ist erfinderisch

Satan versucht die ganze Zeit, uns auszutricksen und ist dabei sehr erfindungsreich. Mich versucht er vor allem dadurch, dass er mich drei Dinge glauben lassen möchte. Erstens: Wir sind ganz alleine, niemand interessiert sich für uns und unsere Arbeit ist für niemanden wichtig. Zweitens: Wir sind blöd und ziemlich verrückt, bei den Armen zu leben. Drittens: Im Alter werden wir Hunger leiden. Wenn ich aber Gottes Wort und Gottes Geist glaube, erlebe ich, dass das alles   stimmt. Erstens: Viele Menschen in unseren ARMONIA-Zentren sind Gott begegnet, haben ihn kennengelernt und sich dadurch verändert. Und andere, wie z. B. ihr von der OJC, interessieren sich für unsere Arbeit und unterstützen uns. Zweitens: Das Kreuz Christi ist schon verrückt genug für die ganze Welt. Aber es ist die einzige Quelle der Erlösung. Wenn wir am Kreuz leben, beschützt und behütet er uns. Das führt zu drittens: Wir mussten in den letzten dreißig Jahren weder hungern noch frieren. Gott hat uns ein Haus geschenkt, in dem wir heute leben können. Warum sollte das in der Zukunft, wenn wir alt und gebrechlich werden, anders sein?

Saúl Cruz, Mexiko

Einfach nicht genug

Es gibt eine Stimme in mir, die sagt: Du bist nicht ­genug! Manchmal glaube ich ihr. Das macht mich unglücklich und unzufrieden. Ich bin entmutigt und ziehe mich in Ängstlichkeit und Selbstmitleid zurück. Neid und Eifersucht gegenüber anderen werden wach. Das stört meine Beziehungen erheblich. Ich bin dann nicht mehr in der Lage, mich nüchtern einzuschätzen: Was sollte ich tun und was besser lassen? Dann tue ich viel, um mich zu beweisen, und verstärke damit die Unzufriedenheit, weil mein Leben mir zu schwer, zu voll erscheint. Ich fühle mich überfordert. Ich werde unsicher und unfähig, Entscheidungen zu treffen. Ich suche nach Bestätigung und Sicherheit bei den Menschen, mit denen ich lebe. Das hilft aber nur für kurze Zeit, denn die Stimme der Versuchung wird vielleicht leiser, aber sie lässt sich nicht zum Schweigen bringen durch menschlichen Zuspruch. Was mir hilft, ist erstmal ehrlich wahrzunehmen: So denke und fühle ich gerade. Das tut weh! Aber Gott denkt so niemals über mich: „Nicht genug“! Das ist nicht seine Stimme! Er schaut mich voll Liebe an, sogar voll Freude. Er hat mich gemacht, ich bin ein Original aus seiner Hand und alles, was in meinem Leben war, ist durch sein Herz gegangen. Er hat mit mir gelacht, geweint, gelitten und gekämpft. Er hat auf mich acht gehabt und gute Ideen für mein Leben. Alle meine Wünsche und tiefen Bedürfnisse hat er sehr ernst genommen und geprüft, was mir und meiner Entwicklung gut tun könnte. Dann hat er gegeben und genommen, zugemutet und geschenkt und mich in all dem wachsen und reifen lassen. Wenn mich die Angst, nicht zu genügen, überwältigt, dann weiß ich inzwischen: der Einzige, der mir wirklich festen Boden geben kann, ist Gott, mein Schöpfer und Erlöser. Ich will mit ihm darüber sprechen: „Schau, so ist es gerade. Ich versinke wieder in meinem Sumpf – bitte hilf mir! Lass mich mit deinen Augen sehen: mich, den anderen, die Situation. Ich will der Stimme der Versuchung nicht glauben! Und wo ich es bereits getan habe, bitte ich um Vergebung.“ Manchmal reicht dieses Gebet, manchmal brauche ich mehrere Etappen oder noch einen Menschen, dem ich vertraue, in dessen Ohr ich alles sprechen kann und der mit mir betet und mir Vergebung und Befreiung zuspricht.

Ursula Räder

Von

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