Zerbrechliches Glück

Zerbrechliches Glück. Zerbrechliches Glück. Wenn der Partner geht.
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Wenn der Partner geht

Interview mit Maria Schmidt*

Du hast Erfahrungen gemacht mit der Zerbrechlichkeit des Glücks, als dein Mann dir nach 26 Jahren eröffnete, dass er ausziehen wird. Wie war das damals?

Seine Ankündigung hat mich völlig unvorbereitet getroffen. Ein, zwei Jahre früher hätte ich es vielleicht erwartet, weil er es verschiedentlich angedeutet hatte. Einige Monate zuvor hatte er einen fast tödlichen Unfall und war sechs Monate rekonvaleszent. Das hatte uns neu zusammen­geschweißt. Deshalb war es ein wirklicher Schock. Äußerlich habe ich weiter funktioniert, aber innerlich fiel ich ins Bodenlose.

Wie bist du damit umgegangen?

Mir war rasch klar, dass wir uns Hilfe suchen müssen, dass jemand uns durch diese Trennungs­zeit begleiten muss, denn ich wollte und konnte nicht alleine klären, was unsere Kinder, das Geld, das Haus und die Altersversorgung betraf. Auch was die Seele anging, brauchte ich Unterstützung. Mein Mann war einverstanden.

Wie haben es eure Kinder aufgenommen?

Unsere Kinder waren damals ca. 16, 18 und 20 Jahre alt. Bis auf die Älteste waren sie noch mehr oder weniger zu Hause. Mein Mann hat unsere Tochter im Ausland angerufen und es ihr selbst gesagt. Ich habe später mit ihr gesprochen, sie war einfach sehr, sehr traurig. Wir haben jahrelang mit unseren Kindern wöchentlich Familienrat gehalten und das haben wir nun auch mit den beiden anderen gemacht und es ihnen mitgeteilt. Sie waren traurig, auch enttäuscht. Die Jüng­ste sagte, sie sei so stolz gewesen, dass sie noch ­Eltern habe, die zusammen seien und jetzt sei das auch kaputt.

Und deine Eltern und Freunde?

Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie meine Eltern reagiert haben. Ich habe das ausgeblendet. In meinem Freundeskreis und im Hauskreis waren die Reaktionen von verständnisvoll über geschockt bis sehr entrüstet und vorwurfsvoll, so etwas könne man einfach nicht machen. Mein Mann hat daraufhin den Kontakt mit den meisten abgebrochen.

Als Christin hattest du wahrscheinlich Vorstellungen von einer Ehe, in der Scheidung keinen Platz hat.

Es war undenkbar für mich gewesen, dass meine Ehe in die Brüche geht und dass ich mich scheiden lassen muss. Die Unterschrift unter die Scheidungsurkunde war für mich die schwerste meines Lebens. Zugleich war es für mich auch das letzte Zeichen der Achtung meinem Mann gegenüber, dass ich ihn frei gebe für seinen Weg.

Mit wem konntest du reden, wer hat dich aufgefangen?

Meine vier Geschwister und meine Eltern haben­ mich getragen und unglaublich unterstützt. Auch mein Freundeskreis, er wurde zwar dünner, aber die Freunde, die geblieben sind, sind es auch heute noch. Wichtig waren für mich auch der Hauskreis und die Berufskollegen. Einen Monat nach der Ankündigung der Trennung wurde ich krank. Ich hatte wochenlang starke Koliken und Schmerzen, bis ich notfallmäßig ins Krankenhaus eingeliefert und operiert werden musste. Die ganze Zeit hindurch wurde ich von Freunden mitgetragen. Sie haben mich gefahren, für mich eingekauft und mich eingeladen.

Bringst du die Krankheit mit deiner Situation in Verbindung?

Auf jeden Fall. Der Arzt sah mich reinkommen und fragte nur: Gute Frau, warum geht Ihnen die Galle über? Da hatte er mich noch nicht einmal untersucht. Der Körper hat mein Inneres offensichtlich widergespiegelt.

Oft kommen nach Schuld- und Ohnmachtsgefühlen Zorn und Wut. Gab es diese Phase?

Ja, aber sie kam spät, nach einer sehr langen Trauer­phase. Ich vermute, weil Wut für mich bedeutet hätte, endgültig Abschied zu nehmen, den anderen­ wie aus meinem Leben heraus­ zu ­schieben.
Ich brauchte einige Zeit, mir diese Aggressionen einzugestehen, dass ich mich von ihm ungerecht behandelt und hintergangen fühlte. Die Gefühle waren schon früher da, aber da habe ich sie in den Garten hinein gegraben, mit dem Unkraut ausgerupft und mit dem Holz zerhackt. Sie laut auszusprechen war viel schwieriger. Interessanterweise war es bei meinem Mann umgekehrt. Er hatte sehr lange nur Aggressionen, am Schluss kam auch bei ihm Trauer.

Frühere Krisen konntet ihr gemeinsam bewältigen.

Die allererste Krise hatten wir schon vor unserer Heirat. Nach sechsjähriger Freundschaft wollten wir uns eigentlich trauen lassen. Da verließ er mich zum ersten Mal, kam aber relativ schnell wieder zurück. Als unser drittes Kind geboren wurde, ging es ihm wieder sehr schlecht, er kam nicht mehr klar mit seinem und unserem Leben und zog aus. Ich war etwa drei Jahre allein, nur mit den Kindern.

Hast du die Gründe für seine endgültige Trennung erfahren?

Er teilte mir mit, dass er so, wie er bisher gelebt habe, nicht mehr leben könne und dass er auf keinen Fall weiter zwei Leben führen wolle. Das hatte er wohl schon länger gemacht, ich wusste allerdings nichts davon.

Du hast erst da erfahren, dass er eine andere Frau hat?

Er hat das nicht direkt gesagt, nur dass er immer wieder Gefühle für andere Frauen habe, aber es wurde schnell klar, dass es eine ganz bestimmte gab und er definitiv gehen wollte.

Was hat dir in dieser Zeit Stabilität gegeben?

Der Beruf und die Menschen. Ich habe wieder­  als Lehrerin gearbeitet. Der geregelte Arbeits­alltag und Haus und Garten zu versorgen, war das wichtigste. Die Leere und die Trauer kamen,­ wenn es still wurde, in der Nacht und am Sonntag. Ich hatte aber Menschen, von ­denen ich wusste, ich darf sie anrufen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Manchmal riefen­ sie mich an: Können wir vorbeikommen, mit dir essen? Ein Glücksfall war für mich auch, dass ich länger in der OJC mitgelebt hatte. Ich habe dort neue Freunde gefunden. Für sie war ich so oder so „vollständig“. In meinem Umfeld war ich nur noch die Hälfte von vorher.

Herrschte Funkstille zwischen dir und deinem Mann?

Wir hatten vereinbart, dass wir den Trennungsweg miteinander gehen, also nicht Anwalt gegen­ Anwalt, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen. Es waren keine einfachen Gespräche. Wenn ein Gespräch, z. B. über Finanzen, ganz schwierig wurde, habe ich einen Freund meines Mannes gefragt, ob er dabei sein kann. Er war auch mein Freund und ist es geblieben. Er kam immer wieder und hat sich dazwischen gesetzt und uns geholfen.

Warum war es dir wichtig , dass auch die seelische Seite zur Sprache kommt?

Uns ging es darum, einen würdigen Abschied für fast dreißig Jahre Ehe zu finden und nicht im Streit oder vor dem Anwalt auseinanderzu­gehen. Wir hatten das Buch Warum hast du mir das ­angetan? von H. Jellouschek gelesen und haben eine kompetente Trennungsbegleitung gesucht. Wir dachten dabei an drei bis vier Gespräche. Tatsächlich fuhren wir fast drei Jahre etwa drei Stunden dort hin, jeder getrennt mit Auto oder Zug, um am Freitag und Samstag jeweils zwei Gespräche von anderthalb Stunden zu haben. Da ist so viel hochgekommen und so viel ­Unausgesprochenes endlich ausgesprochen worden, einfach weil ein geschützter Rahmen da war und eine professionelle Gesprächsvermittlerin. Sie hat ab und zu nachgehakt oder uns ­gebremst, wenn es nur noch emotional war. Wir konnten dort über Finanzen, Haus und Kinder ebenso sprechen wie über die eigene Kindheit und die Sexualität. Anfangs hatten wir den Eindruck: Das ist ganz schön weit weg und kostet auch. Aber mein Mann meinte, er finde dieses Geld gut eingesetzt, das müssten wir sonst alles für den ­Anwalt aufwenden.

Du hast Dinge gehört, die für dich schmerzhaft waren?

Manchmal ging ich sehr erleichtert nach Hause,­ manchmal ganz geknickt. Manchmal gab es Momente, wo ich mir ein bisschen mehr Unterstützung von der Begleiterin gewünscht hätte. Aber am Ende war es ausgewogen, beide sind wir gleich oft mit diesem Gefühl nach Hause gefahren. Sie hat uns ein Forum geboten, wo auch ich zum ersten Mal ausgesprochen habe, was in mir war.

Konntet ihr euch in Frieden verabschieden?

Ja, es gab ein richtiges Abschiedsritual. Wir ­haben einander gedankt für das, was wir vom anderen bekommen haben und wir haben in Worten ­formuliert, was wir dem anderen wünschen. Jeder hat in einem eigenen persönlichen Abschiedssatz formuliert, dass wir einander in Frieden ziehen lassen. Wir hatten es schriftlich formuliert. Ich habe es als sehr natürlich empfunden, dass die Begleiterin uns zwei, drei ­Abschiedssätze vorgesprochen hat. Wir hätten sie nicht sprechen können ohne Hilfe, so haben wir sie nachgesprochen. Sie hat stille Musik dazu laufen lassen. Es war wirklich sehr feierlich, ein bisschen ein Pendant zur Eheschließung. Die Scheidung selbst war dagegen ein Fünfminuten­akt vor einer Notarin, nur Papier, sonst nichts.

Wie hast du die geistliche Seite des Trennungsprozesses erlebt?

Schon bei der ersten und auch bei der letzten Trennung habe ich erlebt, dass alles, was äußere Gewohnheit, Tradition und Hülle ist, nicht hält. Es hält nur das Geborgensein bei Gott. Ob man am Morgen die Bibel liest oder dies und jenes einhält, hat alles keine Bedeutung mehr. Ein ­Augenöffner war für mich, unseren Trauspruch aus Hebräer 13,5 neu zu verstehen: „Ich werde meine Hand gewiss nicht von dir abziehen und dich niemals fallen lassen.“ Das hatte mein Ehemann mir an der Hochzeit versprochen. Von ­diesem Hochzeitsversprechen zum Verständnis  zu kommen, dass es Gott ist, der mir das zusagt, war ein langer Weg. Die Trennung tut immer noch weh, aber die Gewissheit bleibt, Gott lässt mich nicht fallen, auch nicht, wenn ich nicht perfekt bin.

Welche Rolle spielte für dich die Vergebung?

Ich habe dazu sehr viel aufgeschrieben, was ich nicht sagen konnte, ab und zu habe ich einen Brief an meinen Mann abgeschickt, das hat mich dann erleichtert. Hilfreich war für mich auch ein Satz von F. Steffensky, der sagte, dass Verzeihen Zeit braucht. Das hat mir wahnsinnig gut getan und sehr geholfen. Ich bin nicht verpflichtet, ­sofort zu verzeihen, sondern dann, wenn es reif ist. Es gibt noch Schritte, die getan werden müssen, anderes konnte ich wirklich vergeben.

Sieben Jahre sind vergangen, wie sieht dein ­Leben heute aus?

Es war alles sehr viel auf einmal: Der Mann ging weg, die Kinder sind ausgeflogen, ich musste von vorne anfangen. Ich habe deutlich mehr unterrichtet, denn ich musste mich finanziell durchbringen. Aber ich habe auch Neues begonnen, das mir Freude bereitet: Ich singe in einem Chor, habe Malkurse genommen, bin zu meinen Kindern gereist, um sie in allen Teilen der Welt zu besuchen. Und ich habe mir einen Wunsch erfüllt, indem ich das Haus behalten und mit Gästezimmern ausgestattet habe. Das wollten wir einmal beide. Jetzt habe ich es allein verwirklicht.

Wie viel Schmerz ist noch da? 

Es gibt zwei Sorten von Schmerz. Wenn ich zurückschaue, kommt immer wieder mal Schmerz hoch, der aber geht. Und es gibt den Schmerz des Alleinseins. Der geht nicht weg. Da weiß ich nicht, was die Zukunft bringt. Ich habe so ein ausgefülltes Leben, aber alleine Ferienmachen oder ganze Wochenenden alleine verbringen, das sind Herausforderungen. Schön ist, dass meine Töchter und die zwei Schwiegersöhne jetzt in der Gegend wohnen. Es ist ein Geschenk für mich, im Moment einbezogen zu sein in dieses junge Leben.

Was würdest du Frauen sagen, die gerade verlassen wurden?

Es ist ganz wichtig, sich nicht im Selbstmitleid zu wälzen, sondern aktiv Hilfe zu suchen – bei vertrauten Menschen oder auch professionelle. Ich habe beides gemacht. Es gehört dazu, dass man immer wieder traurig und todunglücklich ist. Und es braucht die Erfahrung, dass ich als eigenständige Person wertvoll bin, egal in welchem Stand. Dass es kein Makel ist, wenn ein gemeinsamer Weg scheitert. Das kann man sich nicht selber sagen, man muss es von anderen zugesprochen bekommen. Ich bin dankbar, dass mir das im richtigen Moment zuteil wurde.

* Name von der Redaktion geändert. Das Gespräch führte Angela Ludwig.

Von

  • Angela Ludwig

    Germanistin und Romanistin, Mitglied des OJC-Redaktionsteams und geistliche Begleiterin für viele innerhalb und außerhalb der OJC-Gemeinschaft.

    Alle Artikel von Angela Ludwig

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