Die Schattenspender

Wie lichtempfindliche Sprösslinge im Umgang mit Internet, Computer und Smartphone gedeihen

Technologie gräbt heute den Garten der Kindheit um. Computer – vor allem die tragbaren Varianten Smartphone, Tablet und Laptop und deren Vernetzung – haben das Pflügen und Streuen, das Wässern und Jäten, kurz das Gedeihen von Kindern, revolutioniert. Es sind sicherlich dieselben Nährstoffe wie vor 30 Jahren, die das Aufkeimen, Wachsen und Reifen eines Kindes gelingen lassen. Doch der Boden, auf dem der Same „Kind“ aufgeht, hat sich nicht nur enorm verändert, sondern unterliegt einem ständigen Wandel. Jeder Menschengärtner muss neu hinzulernen.

Technologie an sich ist weder gut noch böse. Stets kommt es auf den Umgang mit ihr an. Computer, Internet, Gaming und Kurznachrichten bieten unglaubliche Chancen für das Lernen, die Unterhaltung und das In-Verbindung-Sein. Doch für die Entwicklung eines Kindes scheinen mir die Risiken eines negativen Einflusses durch Technologie oftmals größer als die Chancen zum positiven, sinnvollen Umgang mit ihr. Jede Altersstufe begegnet ihren spezifischen Herausforderungen.1

Bis zum Alter von zwei Jahren

bietet Techno­logie nichts von dem, was ein Kind benötigt. Was es in diesem Alter vor allem braucht, ist eine gute, stabile Beziehung zu einem feinfühligen Erwachsenen, meist der Mutter. Durch Blickkontakt, An­sprache und Berührung erfährt das Kind, dass­ es existiert und wert ist, Liebe, Fürsorge und Aufmerksamkeit zu empfangen. Jeder Mensch ist daraufhin angelegt, durch Beziehung – vor allem die Primärbeziehung – seine Identität, sein Verständnis von der Welt und seine Eigenwahrnehmung zu empfangen. Das Ich wird am Du, sagt der jüdische Religionsphilosoph Martin ­Buber. Wenn wir nun die Technologie dieser Szene­ hinzufügen, wird aus dem Zwiegespräch eine Dreierbeziehung. Und ein ständiger Kampf um Aufmerksamkeit beginnt. Wie soll ein Säugling sich zum Beispiel in der Beziehung zur Mutter wahrnehmen, wenn er immer wieder erlebt, wie die Mutter kurz, für eine Weile oder ganz und gar ihre Aufmerksamkeit einem anderen Objekt, dem Bildschirm zuwendet. Selbst wenn sie gut im Multitasking ist, ihre Fähigkeit, feinfühlig auf die Signale, Bedürfnisse, Gefühle und Stimmungen des kleinen Kindes zu reagieren, wird automatisch eingeschränkt. Wie kurz auch immer wir in den Bildschirm eintauchen, unsere Aufmerksamkeit ist gebunden und alles und jeder um uns herum wird – wenn überhaupt – nur verschwommen wahrgenommen. Die Psychologin Catherine Steiner-Adair sagt es treffend: „In einer hyperverbundenen Kultur vergisst man leicht, dass die Eltern-Kind-Bindung genau das ist: eine Bindung zwischen zwei Personen.“ Aus dieser feinfühligen Bindung schöpft das Kleinkind sein Urvertrauen in die Tragfähigkeit menschlicher Beziehungen überhaupt.

Vom dritten bis zum fünften Lebensjahr

durchläuft ein Kind ungeheuer viele Entwicklungsschritte. Es wird sich seiner selbst ganz bewusst und sprachlich immer wortgewandter. Versprechen der Tech-Industrie, wie Kinder durch Apps ihre Sprache, Kreativität und ihr Wissen vermehren können, klingen verlockend. Und irgendwie klingt es auch plausibel, dass der frühe Kontakt mit einer Fremdsprache, einer Idee und kreativer Betätigung am Bildschirm die späteren Chancen auf Erfolg im Leben drastisch erhöht.

Doch Kinder be-greifen nur, was sie selbst in der Hand (und oftmals auch im Mund) gehabt haben. Nicht durch das Verschieben eines virtuellen Gegenstands mit Maus oder Fingerstrich. Eine „Waldspaziergang“-App fürs Tablet mag tausend tolle Möglichkeiten bieten: Hörproben vom Wolfsgeheul und Buntspechtgetrommel, Bilder von Bärentatzen und Eulengewöllen, in Geschichten vermitteltes Wissen über Borkenkäfer, Waldsterben und Jagdschutzzeiten. Alles wichtig und gut. Entscheidender ist aber, was ein Kind vor dem Schirm alles nicht lernt und erlebt: einen steilen, anstrengenden Weg erklimmen, Sonne und Schatten wahrnehmen, Hunger, Durst und Müdigkeit spüren, Frust bewältigen, wenn es statt Bärentatzen nur Mäuselöcher zu sehen bekommt, und die Freude, wenn ein Reh vor einem aufschreckt. Zudem findet der reale Waldspaziergang mit weiteren Personen statt, mit denen das Kind interagiert und lernt, ­seine Erschöpfung wahrzunehmen und angemessen zu äußern. Die Vielschichtigkeit des realen ­Geschehens – motorisch, sozial und emotional – überbietet in ­jedem Fall das, was eine Erfahrung aus zweiter, technologischer Hand ­bereithält. ­Gewiss ist das gelegentliche Spielen an Mamas iPad oder das vereinzelte Schauen eines Videos über Zugvögel, während Papa seine Arbeit ­erledigt, unproblematisch. Wenn dies aber häufig wiederholt zu einem Verhaltensmuster wird und Technologie als primäre Beschäftigung die direkte Ansprache, Begegnung oder Selbst­beschäftigung ersetzt, ­berauben wir uns und unsere Kinder der Möglichkeit, wirkliche Erfahrungen zu machen und an ihnen zu wachsen.

„Zu viel und zu früh“.

Auf diese kurze Formel lässt sich das Problematische am Verhältnis der Sechs- bis Zehnjährigen zur Technologie ­bringen. In dieser Altersspanne ereignet sich Mannigfaltiges: Das Kind bildet eine innere kriti­sche Stimme, entwickelt ein Verständnis für ­richtig und falsch, Selbstbeherrschung wird zunehmend eingeübt und Verhalten wird nach­geahmt, erlernt und verfestigt sich.

Zu viel: Wer sich am Tablet oder Computer mit sieben, acht oder neun Jahren in ein spannendes oder lustiges Spiel verliert, ist nicht in der Lage, die Spielzeit selbst zu begrenzen – viele spüren dabei weder Hunger noch Durst. Und weil viele Computerspiele so programmiert sind, dass der Spieler beim Lösen von Aufgaben unmittelbar belohnt wird, ist es verständlich, dass Kinder aus sich selbst heraus keine Grenzen ziehen und einhalten können. Es ist Aufgabe der Eltern, dies zu tun. Technologie hat auch zur Folge, dass das Kind potenziell rund um die Uhr erreichbar ist. Nicht nur, dass dadurch die Gespräche vom Schulhof am Nachmittag oder Abend weitergeführt werden können, die Sticheleien und das handfeste Mobbing machen auch keine Pause. Dabei ist freies, ungestörtes Spielen auch für dieses Alter immens wichtig, um Erlebnisse aufzuarbeiten und einzuordnen und später im Gespräch mit einem vertrauten Erwachsenen zu reflektieren.

Zu früh: Die Online-Welt ist eine Welt der ­Erwachsenen. YouTube, soziale Netzwerke, ­Online-Erotik, gewalthaltige Spiele und ver­lockende Werbung: die – womöglich zufällige – Begegnung mit Bildern und Informationen, denen Kinder noch nicht gewachsen sind, ist im Internet immer nur einen Klick entfernt. Für ein Kind, das gerade entdeckt, wer es ist, was es mag und wie es sich im Vergleich mit Gleichaltrigen schlägt, können solche Inhalte geradezu traumatisch sein. Nach dem amerikanischen Kultur- und Medienwissenschaftler Neil Postman besteht einer der Hauptunterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen darin, dass „der ­Erwachsene bestimmte Seiten des Lebens – seine Geheimnisse, seine Widersprüche, seine Gewalttätigkeit, seine Tragik – kennt, von denen [...] das Kind nichts wissen soll und die ihm ohne weiteres zu offenbaren tatsächlich schamlos wäre.“ 2 Es gilt, diese Erwachsenengeheimnisse dem Kind erst nach und nach zu offenbaren – seinem ­Entwicklungsstand jeweils angemessen. Für den Fall der Fälle können Eltern ihrem Kind wiederholt vermitteln: „Es gibt nichts, was so schlimm, ­beängstigend oder Ekel erregend ist, dass du ­damit nicht zu uns kommen kannst.“

Je älter ein Kind wird, desto mehr tritt die ­Suche nach dem ganz Eigenen in den Vordergrund. Spätestens für den Teenager wird sie virulent: Wer bin ich? Wie sehen mich andere? Wohin ­gehöre ich? Tiefe und gewichtige Fragen, die zu beantworten eine mühevolle Aufgabe ist und die sich am besten in Beziehung und in Gesprächen mit Freunden, Eltern und Vorbildern lösen lässt. Die Gefährdung durch Technologie ist in diesem Stadium ähnlich gelagert wie bei den Drei- bis Fünfjährigen: Wenn Prozesse, die letztlich nur verleiblicht – face-2-face – in ihrer Tiefe durchschritten werden können, vorwiegend medial vermittelt ablaufen, bleibt Wesentliches auf der Strecke. Laut der Psychologin Sherry Turkle steht dadurch Erhebliches auf dem Spiel: Authentizität, Intimität, Gefühle, die Wirkung meiner Worte und meine Reaktion auf die Worte anderer, Kreativität, die aus der Stille und dem Alleinsein wächst, Aufmerksamkeitsspannen u.v.a.m. „Alle Angelegenheiten – einige heikel, andere nicht – werden in ein Medium hineingestopft, das blitzschnell einen Zustand kommuniziert, sich jedoch nicht dafür eignet, einen Dialog über die Komplexität von Gefühlen zu eröffnen.“ 3 So kommt es zu dem paradoxen Erleben: Ständig stehen wir mit anderen in Verbindung, fühlen uns jedoch ihrer Aufmerksamkeit beraubt.

Die digitale Kultur von heute konfrontiert uns mit bisher ungestellten Fragen. Noch haben wir kaum gesichertes Wissen darüber, welche­ ­Auswirkungen Computer und Vernetzung langfristig auf die Entwicklung von Kindern im Werden zu späteren Erwachsenen haben. Wir können nicht abschließend sagen, was uns daran bereichert und was uns menschlich verarmen lässt. Eltern und alle, die mit Heranwachsenden zu tun haben, müssen sich aber eine Meinung bilden. Wie ist, wie soll ihr eigener Umgang mit Technologie sein? Was gilt für die Kinder? 

Ich persönlich empfinde es als hilfreich, meine Beziehung zur Technologie anhand der so ­genannten Evangelischen Räte 4 – Armut, Keuschheit und Gehorsam –, mit denen wir in der OJC-Gemeinschaft verbindlich leben, zu überprüfen.

Armut

– hat in Bezug auf Technologie primär mit Verzicht zu tun. Ziehe ich die langsame und langsam wachsende Beständigkeit einer leiblich-realen Beziehung den schnellen, Aufmerksamkeit heischenden Veränderungen virtueller Beziehungen vor? Arm heißt auch konsumarm: Benötigen meine Kinder und ich wirklich sowohl Smartphone, Laptop, Desktop, E-Reader als auch Smartwatch? Wo verbringe ich meine Zeit? Und meine Kinder ihre? Gelingt es uns, Zeiten miteinander beim Spielen und im Gespräch – auch ohne Bildschirm – zu verbringen? Hier geht es um die Frage, wovon wir unser Leben und unsere Beziehungen bereichern lassen.

Keuschheit

– keusch heißt auf Latein conscius, bewusst. Es geht also um die bewusste Entscheidung für oder gegen etwas – häufig im sexuellen Bereich; Stichwort Pornografie. Grundsätzlicher wäre zu fragen: Setze ich bewusst Grenzen für unseren Medienkonsum, entsprechend dem ­jeweiligen Alter, aber auch für meinen eigenen? Was ziehe ich mir alles bei YouTube und anderswo rein? Ein anderes Wort für Keuschheit ist Enthaltsamkeit. Wie bewusst, wie keusch gehe ich mit Daten und Informationen über andere und über mich um? Wer sich enthält, gibt sich nicht preis und ist nicht frei verfügbar. Wie steht es um meine Verfügbarkeit? Bin ich zu jeder ­Tages- und Nachtzeit zu erreichen? Hier geht es um bewussten Verzicht und die Einübung eines techno­logisch einfache(re)n Lebensstils. 

Gehorsam

– kommt von Ge-horch-sam und ist in der Bibel in Verbindung mit der Machtfrage gestellt: Wer darf zur Rechten und Linken Jesu sitzen? Jesu Antwort für heute: Es geht ums Dienen statt ums Darstellen! Wie viel Zeit verbringe ich damit, mich ins rechte Online-Licht zu stellen? Bin ich mit meinen Kindern über Sein und Schein im ehrlichen Austausch? Gehorchsamkeit heißt auch: Wem oder was schenke ich mein ­Gehör? Wer ruft mich und wozu? Habe ich ein Ohr für die Erlebnisse meiner Kinder, die Gedanken meiner Frau? Oder nimmt mich eine virtuelle Welt am Bildschirm so sehr in Beschlag, dass meine Aufmerksamkeit nur geteilt zu haben ist? Gehorchsamkeit ist als Anruf zu verstehen, mich ganz meinen Nächsten zuzuwenden

Wer mit Kindern lebt, stellt schnell fest: Nicht was gesagt wird, prägt am nachhaltigsten, sondern wie und was gelebt wird! Wie ich mit Technologie umgehe, so werden es meine Kinder auch tun. Die Herausforderung an jeden – vor allem an Eltern – lautet: Den Garten so zu ­bestellen, dass beste Wachstumsbedingungen herrschen. Kinder sind empfindliche Sprösslinge. Sie brauchen ihre Eltern als Schattenspender gegen das grelle Licht einer entgrenzten Aufklärung, die ihnen die Kindheit raubt, weil sie alle Geheimnisse zur ­Unzeit enthüllt. Und sie brauchen ­einen geschützten, familiären Raum, in dem sie sich fernab des pausenlosen Rauschens virtueller ­Beziehungen in der Begegnung von Angesicht zu Angesicht ehrlich und vertrauensvoll ent­wickeln können. Auf solchem Boden gedeihen sie am besten.

Anmerkungen

1

Grundlage der folgenden Abschnitte über die Altersstufen ist: 
Catherine Steiner-Adair: The Big Disconnect. Protecting Childhood and Family Relationships in the Digital Age. New York 2013. 

2

Neil Postman: Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt am Main 1983, S. 25.

3

Sherry Turkle: Verloren unter 100 Freunden. Wie wir in der digitalen Welt seelisch verkümmern. München 2012, S. 451.

4 Ratschläge für den Lebenswandel gemäß den biblischen Evangelien.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, gehört zum Team des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

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