Herr, verschone mich

© Silke Eilders

Was einem Egoisten weh tut

Unser Vater,
der du bist in den Himmeln,
heilige selbst deinen Namen.
Errichte dein Reich.
Setze deinen Wille durch,
sowohl im Himmel wie auch auf Erden. 
Gib uns heute das tagsnötige Brot
und erlass uns unsre Schulden,
wie wir hiermit denen erlassen, 
die in Schulden stecken gegenüber uns.
Und führe uns nicht in die Gewalt der 
Versuchung,
sondern erlöse uns von Satan.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft
und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.

Das Vaterunser ist der größte Märtyrer, hat man gesagt. Damit ist gemeint, dass das Vaterunser so oft und manchmal so ­gedankenlos gebetet wird, dass man kaum von Beten sprechen kann. Wer kennt es nicht, wie der Schlaf einen mitten im Vaterunser überwältigt. Es ist aber nicht das Schlimmste, dass das Fleisch schwach ist, wenn der Geist willig ist, wie Jesus in Gethsemane seinen Jüngern sagte, als er sie vorfand, mitten im Beten eingeschlafen. Nein, sehr viel schlimmer ist es, wenn das Vaterunser mit einem ganz anderen Inhalt gebetet wird, als Jesus diesem Gebet gegeben hat.

Hintenrum

Das Vaterunser wird oft gebetet, als ob man es „von hinten“ bete, sagt Luther. Damit ist gemeint, dass das Herz den Bitten eine umgekehrte Reihenfolge oder Rangfolge gibt. Diese Weise könnte man die knechtische Weise nennen. Wer das Vaterunser mit knechtischem Herzen betet, betet als ob das Gebet diese Form hätte:

7.

Befreie uns von allem, was einem Egoisten unbequem ist und weh tut.

6.

Und führe uns so, dass wir dem Teufel nicht entsagen müssen, weil er uns in Ruhe lässt.

5.

Vergib uns unsere Schuld, auch wenn wir ­anderen nicht vergeben.

4.

Lass uns immer genug zum Essen und zum Trinken haben, damit wir gut bedient und zufrieden sein können. 

3.

Sorge dafür, dass dein Wille auch auf Erden geschieht, damit wir es auf alle Fälle gut ­haben werden.

2.

Wenn es hier auf Erden nicht länger geht, dann bitten wir, dass wir es im Himmel noch besser haben werden.

1.

Außer um alles, was nötig ist, um leben zu können, bitten wir auch, dass wir weniger f­luchen. Dies kommt aber selbstverständlich an zweiter Stelle unserer Wünsche.

Wenn das knechtische Herz seinen Wunsch­zettel vorträgt, fängt es scheinbar demütig und bescheiden an. Wird das Gebet aber nicht sehr bald erfüllt, hört das knechtische Herz sehr bald auf zu beten und richtet enttäuscht seine Bitterkeit ausgerechnet gegen den himmlischen Vater. So beten die Heiden, sagt Jesus. Das Vaterunser ist aus Jesu eigenem Beten zum Vater im Himmel entsprungen. Es ist der Wunschzettel Gottes für uns, den wir zu unserem Gebet und Wunsch­zettel machen dürfen und sollen. 

Das Vaterunser ist das Gebet des echten Sohnes­herzens. Wenn die Menschen unserer Zeit wirklich wüssten, was darin liegt, Vater unser zu sagen, so würde es nicht wenigen den Atem verschlagen, etlichen aus Freude, anderen wegen der Anstößigkeit. Denn für den natürlichen Menschen gibt es wohl kaum etwas Anstößigeres als den Gedanken, dass ein solches Häuflein von Jüngern um Jesus herum als Gottes eigene ­Kinder und Volk gelten soll. Sie sind es aber, weil ­Jesus ihnen den Zugang zur Kindschaft beim Vater eröffnet hat, statt in der Knechtschaft des natürlichen Menschen bei Gott zu leben und zu sterben. Das Vaterunser setzt den neuen, wunderlichen Bund mit dem Vater durch Jesus, den Sohn des lebendigen Gottes, in Kraft.

Kalt erwischt

Führe uns nicht in Versuchung, sondern ­erlöse uns von dem Übel. In dieser Bitte geht es nicht darum, von der Versuchung verschont zu werden, sondern um Hilfe in der Versuchung. Nicht zu ­irgendeiner Abschweifung im Leben, sondern die, in der alles auf dem Spiel steht: die Ver­suchung zum Abfall vom himmlischen Vater. Das dritte große Grundbedürfnis der Jünger­gemeinde Jesu auf dem Weg zum Reich Gottes ist die Bewahrung vor dem Abfall.

Die Stunde der Versuchung gehört zum ­Anbruch des Himmelreiches. Sie gehört zu den Wehen, unter welchen die Welt zum Reiche Gottes ­geboren werden soll. Es war die Stunde, die ­Jesus in Gethsemane überfallen hat, als die große Auseinandersetzung mit der Macht der Finsternis bevorstand. Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallet. Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach (Mt 26, 41), hat Jesus seinen Jüngern gesagt. Selbst wachte und betete er, ja, er hat seine Jünger gebeten, mit ihm gemeinsam im Gebet zu kämpfen. Denn in der Stunde der Versuchung wird man einsam. Was vorher die Stärke war, wird jetzt zur Schwäche. Die gefährlichsten Angriffe setzen in der Stunde der Versuchung immer dort ein, wo man sich stark und widerstandsfähig wähnt und die Verteidigung daher vernachlässigt. Die Macht der Finsternis verbirgt uns, ob der Vater für oder gegen uns ist. Wer von der Versuchung glaubt, dass es nur gut für den Menschen sei, die eigene Stärke geprüft zu bekommen, um dadurch zu einer größeren Stärke zu gelangen, weiß nicht, worum es geht. Er weiß auch nichts mit dieser Bitte anzufangen. Für ihn wäre es passender zu beten: Führe uns in Ver­suchung, damit wir stärker als das Böse werden.* Darüber haben wir eindringliche Apostelworte: Sei nicht stolz, sondern fürchte dich (Röm 11,20). Darum, wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle (1. Kor 10,12).

Wenn die Versuchung einen faktisch überfallen hat, hat es keinen Sinn, um Verschonung vor der Versuchung zu bitten. Jesus hat uns gelehrt, um Hilfe während der Versuchung zu bitten, weil Hilfe zu bekommen ist. In der Bitte führe uns nicht in Versuchung kann das angefochtene Herz des Jüngers genau das im Gebet sagen, was das Innerste seines Herzens verdunkelt: „Vater, du hast uns selbst auf den Weg geführt, wo die Finsternis sich in übermenschlicher Gefährlichkeit auflehnt, um uns zu Fall zu bringen. Ja, in uns selbst lehnt sich die Finsternis auf. Wenn du mich nun im Stich lässt, dann kann ich nicht länger ­widerstehen.“ Diese Bitte ist nicht als eine Anklage oder als ein Anzweifeln des Willens des himmlischen Vaters, sich zu erbarmen, gemeint. Wenn die Not am größten ist, wird auch die Vertraulichkeit am größten, so, wie Jesus am Kreuz ausrief: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Ps 22,1; Mt 27,46). Wir können es auch so sagen: Bewahre uns in der Versuchung vor dem Fall. Die Bitte erinnert stark an ein Gebet, das von den damaligen Juden im sogenannten Achtzehn-­Bitten-Gebet täglich gebetet wurde: „Führe nicht meinen Fuß in die Gewalt der Sünde und bringe mich nicht in die Gewalt der Schuld und nicht in die Gewalt der Versuchung und nicht in die Gewalt der Schande.“

Gekidnappt

Führe uns nicht in Versuchung ist eine Bitte um Bewahrung vor dem Fall in der Versuchung. In Versuchung geführt zu werden, ist dasselbe wie unter die Gewalt des Fürsten der Finsternis zu kommen. Wir könnten auch den modernen Ausdruck gebrauchen: In Versuchung geführt zu werden, ist, gekidnappt zu werden. In Versuchung zu fallen bedeutet, dass ein Kind des himmlischen Vaters durch den Bösen entführt und von ihm ferngehalten wird. Die Versuchung ist die Lock- und Schreckmethode des Kidnappers, um das Kind in seine Gewalt zu bekommen. Deshalb kommt die Versuchung bald in der ­Gestalt eines Angebots, ein leichteres und angenehmeres Leben zu erlangen, bald in der Gestalt von Androhungen von Leiden. 

Wie können wir nun wissen, ob es „erlöse uns von dem Bösen“ als von einer Person oder ob es „erlöse uns von dem Übel“ als von bösen ­Taten gesprochen heißen soll? Man hat versucht, das Vaterunser in die aramäische Muttersprache Jesu zurückzuübersetzen und dadurch die Ent­deckung gemacht, dass es offensichtlich in der ersten und zweiten Bitte einen Schlussreim ­gehabt haben muss, und dass auch die sechste und siebte Bitte, verstanden als zwei Hälften, ­einen Endreim haben, wenn man das hebräisch-aramäische Wort „Satan“ gebraucht. Die Bitte ­bedeutet also wortwörtlich übersetzt: sondern ­erlöse uns von Satan. Als Jesus seinen Jüngern den Befehl gab, hinzugehen und alle Völker zu seinen Jüngern zu machen und sie auf den ­Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zu taufen und sie alles, was er befohlen hat, halten zu lehren, hat er sie nicht allein gesandt. Auch nicht allein mit diesem Gebet. Er hat ihnen ein Versprechen gegeben, und dieses Versprechen ist die eigentliche Antwort des himmlischen Vaters auf die Bitte, nicht allein gelassen zu sein, wenn das Licht entzündet wird und die Finsternis sich auflehnt. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende (Mt 28,20). Darüber sagt der ­Apostel zur Gemeinde in Korinth: Gott ist getreu, der euch nicht lässt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, dass die Versuchung so ein Ende gewinne, dass ihr’s könnt ertragen (1. Kor 10,13). Die größte Gefahr für die Jüngergemeinde ist daher, dass sie in der Stunde der Versuchung diese Bitte gar nicht betet. 

Rundum versucht

Die größte Not und Gefahr, die Jesus und seine­ Jüngergemeinde kennen, ist die Versuchung, den Lock- und Schreckmitteln des Widersachers Gottes nachzugeben. Gegen Jesus unternahm Satan drei Versuche, ihn zum Missbrauch seiner Möglichkeiten zu bewegen. Wir kennen drei Beispiele:

1.

die Versuchung, die Weltherrschaft durch die Huldigung Satans als Lehnherrn zu erlangen,

2.

die Versuchung, die Kraft Gottes zu missbrauchen, um Wunder zum eigenen Vorteil zu wirken oder 

3.

die Versuchung zur Selbstverherrlichung, d.h. zu zeigen, dass er nach Wunsch Brot und Schauspiele herbeischaffen könnte.

Gute Worte aus der Heiligen Schrift waren immer für diejenigen zu finden, die zum Unge­horsam locken und verleiten wollten. Und wo gute Worte wirkungslos waren, gab es Androhung von Gewaltanwendung. Gegen die Ver­suchungen setzte Jesus den Gehorsam gegenüber dem ersten Gebot: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen (Mt 4,10). Jesus hat in der Versuchung gesiegt, indem er sich in allen Dingen unter das erste Gebot gestellt hat. Weder das Reich noch seine Wunderkraft sollten zum eigenen Vorteil oder zur Selbstverherrlichung missbraucht werden, sondern dazu allein, das Reich zu errichten, in dem der Vater, nachdem der Teufel endgültig und für ewig besiegt worden ist, alles in allen sein wird. Gerade dieses Endziel ist auch das Endziel des Vaterunsers. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit. Amen! 

Rundum erlöst

Hier begründet die Jüngergemeinde ihr Gebet mit den Worten, die ganz und gar den Worten entsprechen, mit denen Jesus in seinen Ver­suchungen Satan zurückgewiesen hat. Sie beruft sich in Gemeinschaft mit Jesus ganz und gar auf den Vater im Himmel. Und sie macht sich verbindlich, vertrauensvoll bei Jesus in ihren Versuchungen zu beharren, koste es, was es wolle. Der Vater wird diejenigen nicht im Stich lassen, die sich auf ihn verlassen. Aber in diesen Worten greift die Jüngergemeinde zugleich der Anbetung und dem Lobgesang vor, wie sie von Jüngern aus allen Völkern und Stämmen und Zungen um den Thron Gottes zusammenklingen, wenn er (Christus, der Sohn Gottes) das Reich Gott, dem Vater, überantworten wird, wenn er aufheben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und alle Gewalt. ­

(1. Kor 15,24) Denn: Der auf dem Stuhl sitzt und dem Lamm sei Lob und Ehre und Preis und ­Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! (Off 5,13) Nach dieser Anbetung und nach diesem Lobgesang der Allkreatur seufzen wir im Vaterunser auch schon mit den Worten: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen!


* Vgl. Dietrich Bonhoeffers Schrift Versuchung: „Der natürliche Mensch und der ethische Mensch kann dieses Gebet nicht verstehen. Der natürliche Mensch sucht die Bewährung seiner Kraft im Abenteuer, im Kampf, in der Begegnung mit dem Feind. Das ist das Leben.“ „Auch der ethische Mensch weiß, dass seine Erkenntnisse nur wahr und überzeugend werden in der Erprobung und Bewährung, dass das Gute nur leben kann vom Bösen, dass das Gute ohne das Böse nicht mehr gut wäre. So fordert der ethische Mensch das Böse heraus, sein tägliches Gebet ist: Führe mich in Versuchung, auf dass ich die Kraft des Guten in mir erprobe.“ (1953, S. 7).


Jørgen Glenthøj, lutherischer Pfarrer in Dänemark und Bonhoeffer-Forscher (Mitherausgeber der Bonhoeffer-­Gesamtausgabe), war Freund und Lehrer der OJC-Gemeinschaft.

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  • Jørgen Glenthøj

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