Familie Akpa in Nigeria - Januar 2012

In der Fremde wurde Gott mir vertraut

Interview

Katharina, wir kennen dich als Globetrotterin. Vor und nach deinem Freiwilligenjahr bei der OJC hast du fünf Kontinente bereist, in vielen Ländern gelebt, meist auf eigene Faust und ohne genau zu wissen, für wie lange. Hattest du nie Angst, dass dich das Unbekannte und Unabsehbare überfordern oder überwältigen könnte?

Im Gegenteil. Mich zog es zum Unbekannten, zum Abenteuer! Ich fühlte mich in Deutschland beengt und dieser Enge wollte ich entkommen. Inzwischen komme ich gerne zu Besuch hierher zurück, schätze auch das Vertraute, den Komfort und die Schönheit, aber es ist dann auch gut, ­wieder zu gehen. Jetzt ist mein Zuhause im nigerianischen Busch nahe der Stadt Jos.


Deine Odyssee startete aber ganz woanders.

Stimmt. Ich bin am 28. April 1998 auf unbe­kannte Frist nach Israel aufgebrochen. Allerdings hätte ich damals nicht gedacht, dass es auf den Tag genau neun Jahre dauern würde, bis ich mich häuslich niederlasse! Und erst recht nicht in Jos, als Ehefrau eines nigerianischen Missionars.


Was gab jeweils den Ausschlag für den Aufbruch?

Es war sicher eine Mischung aus den Impulsen meiner Sehnsucht und Neugier und dem Führen und Rufen Gottes. Mein Aufenthalt in Jerusalem war zum Beispiel mein Herzenswunsch und Gott tat mir die Türen auf, um dort zwei Jahre zu ­leben. Dass es von dort aus aber nach Australien weitergehen sollte, war nicht meine eigene ­Vi­sion. Gott lenkte meine Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen Kontinent, als flüsterte er mir ins Ohr: „Komm, ich warte dort auf dich!“ Als ich im Flugzeug saß, dachte ich, dass ich verrückt sein muss! Ich hatte kaum Geld und kannte niemanden dort.


Was solltest du dann dort?

Ich denke, es war diese unbedingte Abhängigkeit von ihm, der ich mich aussetzen sollte. Ich lernte, mich Tag für Tag ganz auf Gott zu verlassen, in jeder Hinsicht. Auf den Tag genau ein Jahr lang hatte ich in Australien und Neuseeland an unterschiedlichen Orten eine Bleibe bei wunderbaren Menschen, und meine Beziehung zu Gott hat sich in dieser Zeit enorm vertieft. Ohne das ­tiefere Kennenlernen seines Herzens, seiner Treue und Fürsorge wäre ich sicherlich den ­Herausforderungen und Unsicherheiten hier gar nicht gewachsen gewesen. In der Nacht vor ­meiner Rückreise hatte ich schließlich einen ­erhellenden Traum: Ich versuchte verzweifelt, in einen Raum hineinzugelangen, in dem ich längst drin war. Mich weckte mein eigenes ­Lachen über die absurde Situation und ich verstand. 
Augustinus formuliert es treffend: „Ich suchte dich an vielen Orten und fand dich nicht, denn du warst die ganze Zeit in mir, und da war ich nicht.”    Das ist die tiefste Offenbarung, das Wesentliche: „Christus in mir, Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Und daran können wir ja jahrelang, ein Leben lang, vorbeileben.


Christus in uns, das ist in der Tat sehr nah. Hattest du nie das Gefühl, dass dir der Glaube sprichwörtlich ans Leder geht?

Mit Sicherheit! Zu meinen Erfahrungen mit Gott gehört z. B. auch die Erfahrung seiner Strenge. Ich wollte mich nach meinen Reisejahren in England endlich niederlassen und wieder ein „normales“ Leben führen. Ich war geschockt, als sich herauskristallisierte, dass es mich nach Afrika, in ein schwieriges Land in schwierige Umstände verschlagen könnte. Da ging es nicht mehr um mich, um meine Sehnsüchte und Erfahrungen, sondern um Menschen in bitterer Not, um ­Waisenkinder, die dringend Hilfe brauchten. 


Wie hat dich dieser Ruf ereilt?

Mein Berufungsweg nach Afrika setzt sich aus vielen Puzzleteilen zusammen. Das erste bekam ich bei einem Gottesdienst in Neuseeland, am Abend vor meiner Abfahrt überreicht. Der mir fremde Pastor rief Leute heraus, für die er betete. Während der Predigt schrie ich innerlich förmlich zu Gott um Weisung für mein Leben, als ich auch schon nach vorne gerufen wurde. Der Pastor betete und sagte dann zu meiner Verblüffung: „Ich sehe viel Aktivität, viele Kinder um dich herum – und mir scheint, dass die meisten davon nicht deine eigenen sind.“ Als noch ­le­dige und kinderlose Frau konnte ich mir darauf gar keinen Reim machen, das lag mir so fern! In Deutschland angekommen wurde ich aufmerk­sam auf ein Campus für Christus-Projekt für Waisenkinder in Uganda, das brachte mir die Szene wieder in Erinnerung. Weil ich mir gerne alles einmal unverbindlich angucke, ohne mich festlegen zu lassen, machte ich mich auf zum Campus-Büro in Gießen. Eine Mitarbeiterin, die am nächsten Tag eine Missions-Gruppenreise nach Nigeria buchen musste, fragte mich, ob sie meinen Namen für ein zehntes Ticket angeben könnte, um den billigeren Tarif zu bekommen. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, aber nichts lag mir ferner, als bei dem Afrikaprojekt mitzumachen. 

Zwei Tage später bist du nach England ge­flogen. Wie hast du die „Kurve“ nach Afrika gekriegt?

In England wurde mir in einem interessanten Prozess immer deutlicher bewusst: Gott steckt auch in den Details! Er hat alle meine Einwände entkräftet. Ich bin doch für die afrikanische Hitze gar nicht gerüstet – postwendend wird ein Sack mit Sommerkleidern bei meiner Zimmerwirtin abgegeben – alles in meiner Größe! Ich habe doch keine Gelbfieberimpfung für Nigeria – da entdecke ich am Ende der Straße, in der ich wohnte, ein Gelbfieberzentrum! Ich habe doch gar nicht genug Bargeld für die teure Impfung – da drückt mir eine wildfremde Frau 35 Pfund in die Hand, genau die Summe, die ich noch brauchte. Und weitere zeichenhafte „Zufälle“ folgten, bis ich unter Tränen kapitulierte und meinen Koffer packte. Wenig später, es war im Oktober 2005, fand ich mich in der Gesellschaft von neun Deutschen und einer Gruppe nigerianischer Missionare in Abuja wieder.


Wo du prompt deinen Zukünftigen kennenlerntest.

Ja, mein Mann Israel war einer dieser Missionare. Das folgende Jahr war voller klarer Bestätigungen für meine Berufung nach Nigeria zu den Waisenkindern. An Israels Seite, als seine Frau.


Israel hat eine ganz andere christliche Sozialisation erfahren. Wie findet ihr im Glauben zueinander?

Von Anfang an verbanden uns die gemeinsame Vision und die Berufung, aber auch die ­Unterschiede kommen zum Tragen. Bei meinem zweiten Nigeriabesuch nahm Israel mich mit zu einem Gottesdienst. Die Predigt war ohren­betäubend laut, die Verkündigung für mich theologisch fragwürdig. Ich war sehr irritiert, während Israel das ganz normal fand. Wir haben aber die gleiche Sehnsucht nach einem tieferen Glauben, der sich nicht in den kulturellen und konfessio­nellen Standards erschöpft, sondern die Begegnung mit Gott sucht. Wir schätzen ähnliche Bücher, ähnliche Predigten. Es gibt wohl auch im persönlichen Glaubensleben Unterschiede. Israel steht z. B. oft nachts auf zum Beten. Mich nervt es, wenn ich nicht beten will und trotzdem nicht mehr einschlafen kann. Andererseits bewundere ich es und es fordert mich heraus.


Du hattest in Australien verstanden, was „Christus in mir“ bedeutet. Wie aber ist es mit „Christus im Anderen“, wenn man sich als Fremde unter Fremden erlebt?

Zunächst wurde mir Gott selbst in Nigeria richtiggehend fremd. Ich konnte mich mit fast nichts in der frommen Szene identifizieren. Mich versetzte aber die Großherzigkeit vieler Christen hier in Erstaunen. So haben mich Freunde von Israel vier Monate lang beherbergt und mir nicht einmal das Gefühl gegeben, ich sei ihnen eine Last. Diese Gastfreundschaft – das ist für mich Gott in Aktion! Ich war auch tief berührt von der Opferbereitschaft der Missionare. Israel selbst war sieben Jahre lang als Missionar mit der Great Commission Movement of Nigeria unterwegs. Oft musste er weite Strecken zu Fuß gehen, um ein Dorf zu erreichen, auf dem nackten Boden schlafen, Speisen essen, vor denen es sogar ihm gegraust hat. Ganz zu schweigen von der Lebensgefahr, wenn er einen Jesusfilm im muslimischen Gebiet zeigte.


Deine Gastgeber waren immerhin Freunde. Was ist mit den anderen Anderen?

Ich sehe auch in der unverwüstlichen Fröhlichkeit der Menschen inmitten harter Lebensumstände etwas von Christus, auch in der Dankbarkeit für das Leben, wo der Tod hier allgegenwärtig ist. In Deutschland haben wir die Einstellung, dass uns das Gute zusteht. Hier erleben die Menschen nahezu täglich Tragödien: Mord an Familien­angehörigen, Verlust von Heimat, Hab und Gut. Wir werden viel schneller bitter und klagen Gott an. Die Menschen hier nehmen Schicksalsschläge und selbst den Tod als Teil des Lebens an. Es ist ihnen deutlicher bewusst, dass sich der größte Teil des Daseins nicht auf dieser Seite der Ewigkeit abspielt. 

Frauenschicksale gehen dir sicher besonders nahe ...

Witwen mit Kindern haben es besonders schwer, weil sie keinerlei staatliche Unterstützung ­bekommen. Rose, die Frau, die uns am Wochen­ende hilft, ist eine von ihnen. Wenn sie am Freitagabend bei uns ankommt, strahlt sie immer und klagt nie, stattdessen bringt sie den Kindern noch etwas Kleines mit. Oder die Stärke der Menschen, die uns Weiße oft wie Weichlinge aussehen lässt: Frauen, die ihre Kinder auf dem Rücken tragen und auf dem Kopf einen riesigen Behälter mit Wasser. Oder die Männer, die mit bloßen Händen die Felder bearbeiten. Da schimmert für mich die Stärke Gottes durch!


Du sagst „Gott in Aktion“. Agiert er in Afrika anders als bei uns?

Wir machen andere Erfahrungen. Ich habe hier viel über die Vollmacht gelernt, die im Namen Jesu ist. Das Böse kommt nicht so vornehm verhüllt daher wie in der westlichen Welt, es springt einem unverhohlen ins Gesicht. Auch Hexerei wird täglich so massiv praktiziert, dass man ihr nicht ausweichen kann. Ein Freund von uns, ein begnadeter Musiker, gab ein Konzert zu Ehren Jesu. Am nächsten Tag zeigte er uns einen extrem schmerzhaften roten Fleck am Bauch und gegenüber am Rücken, so als wäre ein Pfeil durch ihn hindurchgeschossen worden. Er hatte nicht die Kraft zu beten. Israel und ich beteten kurz, zogen im Namen Jesu diesen „Pfeil” heraus und stellten den Freund unter den Schutz und die Heilkraft Gottes. Augenblicklich waren die Schmerzen abgeklungen und die roten Punkte verschwanden im Laufe des nächsten Tages.

Empfindest du die Fremdheit – auch das Fremde an Gott – nicht manchmal als belastend?

Doch, darin erfahre ich oft eine große Einsamkeit, für mich die schwerste Bürde dieser Jahre. Sogar in meiner eigenen Familie bin ich die einzige Weiße. Meine beiden Kinder sind dunkler als die Weißen, aber viel heller als die Afrikaner hier. Eigentlich die Hautfarbe, die sich alle wünschen. Und sie sind wunderschön! Wenn ich aber Videoaufnahmen anschaue, auf denen meine ältere Tochter Jairah noch klein war, staune ich manchmal: Ist das wirklich meine Tochter?  Wirklich belastend waren die Enttäuschungen mit Menschen: Betrügereien, Diebstahl, Lügen. Mein Vertrauen ist sehr oft missbraucht worden. Irgendwann kam ich an einen Punkt, dass ich gar nichts Gutes mehr in meinen Mitmenschen ­sehen konnte. Aber Gott hat mir diese Bürde ­eines Tages abgenommen, ein Akt seiner Gnade. Er hat mir die Augen für die Dinge, die ich gerade beschrieben habe, aufgetan. So konnte in mir eine neue Achtung den Menschen gegenüber wachsen. Es gibt immer noch Momente, in denen ich mich frage: Was um alles in der Welt machst du hier?! All das Heruntergekommene und Hässliche um mich herum, die Korruption, die Nachrichten von Massakern nicht allzu weit von hier – das nimmt mich sehr mit. Ich muss mich dann wieder zu einem Ja zu dem Leiden durchringen, das das Hiersein für mich beinhaltet. 


Ist das die Strenge, von der du gesprochen hattest?

Es hat lange gedauert, bis ich hinter Gottes Strenge, auch mir gegenüber, wieder seine Barmherzigkeit entdecken konnte. Jetzt aber weiß ich, dass er in dieser Berufung nicht nur die Kinder segnet, sondern auch mich! Wo wäre ich, wenn er mir nicht „den Arm verdreht“ hätte? Von mir aus wäre ich kaum bereit gewesen, mich dauerhaft und verbindlich festzulegen. Als eine Frau aus dem Westen musste ich erst lernen, dass Nachfolge notgedrungen auch in die Dunkelheit führt, weil Gott dort sein Licht anzünden will. Für die Christen hier ist das selbstverständlich. So ist Gott. So hat er es selbst gemacht.

Die Fragen stellte Ìrisz Sipos.

Von

  • Katharina Akpa

    geb. Härlin. Sie kam im Jahr 1998/99 nach ihrer Ausbildung als Ergotherapeutin in die OJC-Jahresmannschaft. Anschließend war sie in vielen Ländern und Projekten auf der ganzen Welt unterwegs. Heute lebt sie mit ihrem Mann Israel, den Töchtern Jairah (8) und Noa (4) und acht Waisenkindern nahe der Stadt Jos in Nigeria.

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