Alon Gutfreund

Wo wohnst du?

Jesus nimmt seine Jünger mit. Bibelarbeit

Andreas und Johannes antworten auf die Frage Jesu: „Was wollt ihr?“, mit einer Gegenfrage: „Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wohnst du?“ (Joh 1,38). Wie öfter bei Johannes spielt diese Gegenfrage auf zwei verschiedenen Ebenen: Zum einen erkundigen sich die Jünger ganz buchstäblich nach der Bleibe, der Wohnung, der „Herberge“ (Luther) Jesu. Zum anderen bezieht sich die Frage auf das Zuhause Jesu, auf seine Heimat, auf seinen Ursprung, und der Evangelist hat dabei schon den Vater im Blick. Später wird Jesus sagen: „Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin“ (Joh 10,38). Es geht hier um das tiefste Geheimnis Jesu, seine Wesenseinheit mit dem Vater, die vor allem von Johannes immer wieder hervorgehoben wird.

Im Geheimnis daheim

Mit dem Psalmisten beten wir: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn ... Denn ein einziger Tag in den Vorhöfen deines Heiligtums ist besser als -tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler“ (Ps 84,2f). Im Neuen Testament offenbart uns Jesus, dass er selbst dieser Tempel ist: „Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten ... Er aber meinte den Tempel seines Leibes“ (Joh 2,19.21). In ihm wohnt der Vater, und er wohnt im Vater. Danach fragen die beiden Jünger, ohne selbst die Tiefe ihres Fragens auszuloten.

Im menschlichen Leben gibt es viele Probleme, die man so gut wie möglich lösen muss. Aber es gibt auch Geheimnisse. Diese sind unlösbar, und keinesfalls darf man versuchen, sie zu lösen. Sie sind enorm kostbar. Es ist ein fataler Fehler, wenn ein Mensch Probleme und Geheimnisse nicht unterscheidet. So ist etwa die Eucharistie kein Problem, sondern ein überaus reiches Geheimnis. Wir können aus ihm leben. Im Geheimnis sind wir beheimatet. Ein armer Mensch, der keine Geheimnisse hat: Er ist wie ein geistlich oder affektiv Obdachloser. Geheimnisse muss man hegen und pflegen: „Wer sich dem Geheimnis anvertraut, ist bereits daheim“ (Goethe). Das Wort „wohnen“ oder „bleiben“ (im Griechischen menein) ist ein Lieblingswort des Johannes; 40 Mal kommt es in seinem Evangelium vor und 27 Mal in den ihm zugeschriebenen Briefen. Die räumliche Idee tritt meist ganz in den Hintergrund, und das Wort wird zum bildhaften Ausdruck für Geborgenheit und sogar Einheit. Geheimnisse darf und muss man bewohnen als ein Zuhause.

Von Anfang an abgelehnt

Jeder Mensch verlangt nach Geborgenheit, nach einem Daheim. Wer keine Geborgenheit findet, kann nicht der werden, der er ist, und er wird niemals den wahren Frieden erfahren. Auf manchen Menschen lastet ein schweres Problem, weil sie am Anfang ihres Lebens diese Geborgenheit zu wenig empfangen haben. Ablehnung kommt in vielen Formen vor. Da ist das ungeliebte Kind, das im Elternhaus niemals erfuhr, angenommen zu sein. Es erlebt sich in einer Atmosphäre ständiger Ablehnung und lehnt daher selbst andere ab: Es wird entweder ganz verängstigt oder ständig streitsüchtig sein, und vielleicht empfindet es sich zeitlebens als Last für andere. Es gibt erfolgreiche Menschen, die sich noch in der zweiten Lebenshälfte ständig beweisen müssen, was sie wert sind, bis hin zu krankhaftem Ehrgeiz, und die niemals lernen, mit einem Misserfolg gut umzugehen. Ablehnung kann sich verschleiern, was den Eltern oft nicht bewusst ist, etwa wenn ein Kind „falsch“ angenommen wird: ein Mädchen, das nach dem Wunsch der Eltern ein Junge hätte sein sollen, oder ein Junge, den sie sich als Mädchen gewünscht hatten. Ein solches Kind wird möglicherweise nie so angenommen, wie es ist, und es muss in einer Atmosphäre unausgesprochener Enttäuschung heranwachsen. Vielleicht gehört auch das überforderte Kind in diese Kategorie: Es wird zu Leistungen angehalten, die ihm nicht entsprechen. Auch wer ein Kind starr annimmt, lehnt es verschleiert ab, denn das Annehmen eines Kindes ist nicht ein einmaliger Akt, der sich bei der Geburt vollzieht, sondern das Kind muss in jedem Lebensabschnitt erneut und auf neue Weise angenommen werden. (…)

Im Vater verwurzelt

Wenn Johannes das Wort „bleiben“ so häufig benutzt, drückt er damit an erster Stelle die innige Einheit zwischen Jesus und seinem Vater aus. Jesus ist in seinem Vater beheimatet und immer mit ihm vereint. „Ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30). Hier liegt die Quelle der Leichtigkeit Jesu, die ihn angstfrei und befreiend mit unterschiedlichsten Menschen umgehen lässt. Weder vor einem Aussätzigen noch vor dem Hohenpriester, weder vor einer Ehebrecherin noch vor Pilatus hatte er Angst. In seiner Kontaktfreudigkeit war er niemals oberflächlich oder selbstbezogen, sondern ehrlich und liebevoll auf die anderen ausgerichtet. Wenn es sein musste, scheute er keine Konfrontation und keinen Konflikt, blieb darin aber immer sachlich und fair und bewahrte die innere Ruhe, eben weil er stets im Vater verwurzelt war und von da aus lebte. „Er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht allein gelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt“ (Joh 8,29). Jesus lebte in einer ­Geborgenheit, die unsere Erfahrung und unser Verstehen weit übersteigt. Das johanneische Bleiben deutet immer wieder darauf hin.

Bleiben bezieht sich im Johannesevangelium jedoch nicht nur auf die Einheit Jesu mit dem Vater, sondern in vielen Fällen auf die Beziehung zwischen Jesus und seinen Jüngern. Am Ostermorgen sendet er Maria Magdalena zu den Jüngern mit der Botschaft: „Sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“ (Joh 20,17). In diesen Worten fasst Jesus die Vollendung seiner Sendung zusammen. Er ist gekommen, damit sein Vater unser Vater werde und damit wir mit ihm in dem Geheimnis beheimatet seien, in dem er selbst verwurzelt und gegründet ist. In diesem Sinne betet er im hohepriesterlichen Gebet für alle, die durch das Wort der Jünger an ihn glauben: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit“ (Joh 17,21-23). Wir sind nicht länger Sklaven, die sich immer noch fürchten müssen, sondern wir haben den Geist empfangen, in dem Vater und Sohn vollkommen eins sind und in dem auch wir als Kinder Gottes wie Jesus rufen dürfen: „Abba, Vater“ (vgl. Röm 8,15f.).

„Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,2), versichert uns Jesus. Die Eigenart eines jeden wird dort respektiert und kommt vollends zum Zug. Die in Gott begründete Einheit lässt eine große Vielfalt zu, ja fordert sie. Wahre Einheit ist sowieso nie Einförmigkeit. „An jenem Tage werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir, und ich bin in euch“ (Joh 14,20). Das Innewohnen Jesu in uns und unser Innewohnen in ihm beruhen beide auf Jesu Einheit mit dem Vater. Auch hier handelt es sich nicht um eine räumliche Vorstellung, sondern gemeint ist vielmehr die Einheit des Lebens und der Liebe. Wir sind die Reben, in denen der Saft, ja die Lebenskraft des Weinstocks präsent und wirksam und fruchtbar ist. Wir können den Mitmenschen in seiner Einzigartigkeit lieben, weil Jesus mit seiner ganzen Liebesfähigkeit in uns ist. „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch“ (Joh 15,4). (…)

Als Pilger unterwegs

Dieses Bleiben in Jesus und in seinem Vater ist nicht statisch, sondern birgt eine enorme Dynamik. Gott ist immer größer. Wie groß wir auch über ihn denken, er ist doch noch größer. Und wenn wir dann tatsächlich größer über ihn denken, dann ist er immer noch größer. So bleiben wir ständig unterwegs hinter ihm her. Ignatius nannte sich oft „Pilger“. Nicht nur, weil er viel „allein und zu Fuß“ pilgerte, sondern vor allem, weil er stets auf dem Weg zu dem immer größeren Gott blieb, den er nie ganz erreichen konnte. So ist auch die Nachfolge Jesu ein ständiges Unterwegssein, wobei wir immer wieder loslassen müssen, um Neuland zu betreten. „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet“ (Lk 14,33).

Auf die Frage der beiden Jünger, wo Jesus wohne, antwortet er mit einer großzügigen Einladung: „Kommt und seht!“ (Joh 1,39). Komm, mit ­deiner ganzen Person, mit deinen Stärken und mit deinen Schwächen, mit deinen Idealen und mit deinen Enttäuschungen. Lass dich ganz auf die Begegnung ein. Schicke nicht eine künstlich zurechtgemachte Persönlichkeit auf die Suche nach Gott, sondern komm, wie du bist, damit du werdest, wie du gemeint bist. Der Mensch ist die Frage, deren Antwort Gott ist. Spiele keine Rolle, sondern wage es, diesem Jesus gegenüber echt zu sein. Die Wahrheit wird dich freimachen, und in Jesus wirst du der Wahrheit begegnen (vgl. Joh 8, 32.36). „Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen“ (Ps 18,20). Du bist herzlich willkommen, denn für dich ist er gekommen. Er will dich in deiner Einmaligkeit und wird sie vertiefen und läutern.

Und siehe! Die Jünger blieben den ganzen Tag bei ihm. Sie schauten und wunderten sich. Nie mehr in ihrem Leben konnten sie diese Begegnung vergessen, sie veränderte ihr Leben von Grund auf und machte ihr Herz weit. Das ganze Johannesevangelium ist eine einzige Einladung, zu kommen und zu schauen. In diesem Schauen, in der Kontemplation, wird der Mensch ver­wandelt. (…)

In sein Bild verwandelt

In Jesus finden wir Gott und damit uns selbst in einer neuen Wahrhaftigkeit. Im Gebet Jesus zu begegnen verwandelt den Menschen. Darin liegt das Geheimnis der geistlichen Übungen. Paulus drückt die Wirksamkeit der Kontemplation in einem dichten Satz so aus: „Wir alle spiegeln mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn wider und werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn“ (2 Kor 3,18). Die Verwandlung in das Bild Jesu geschieht nicht durch eigene Kraft und Anstrengung, sondern der Geist des Herrn bewirkt sie in uns. Meistens bleibt diese Verwandlung uns selbst lange Zeit verborgen. Sie geschieht im tiefsten Grund unseres Wesens, so tief, dass wir selbst keinen direkten Zugang dazu haben und sie sich erst nach geraumer Zeit in unserem Denken und Benehmen bemerkbar macht.

Diese (leicht gekürzte) Bibelarbeit stammt aus dem Buch: Im Geheimnis daheim, von Piet van Breemen SJ, Copyright: Echter Verlag, Würzburg 2008, S. 19 - 26

Von

  • Piet van Breemen

    geboren 1927 in Bussum (Niederlanden), Autor zahlreicher Bücher, ist seit 1945 Jesuit und seit 1958 Leiter ignatianischer Exerzitien.

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