Predigt zur Jahreslosung 2014

OJC-Kalender 2014: Gott nahe zu sein, ist mein Glück (Psalm 73,28)
OJC-Kalender 2014: Gott nahe zu sein, ist mein Glück (Psalm 73,28)

Gott nahe zu sein ist mein Glück.

Gerade haben wir das Lied (EG 406,1-4) von Philipp Spitta aus dem Jahr 1833 ­gesungen. Bei dir, Jesu, will ich bleiben … Könnt ich’s irgend besser haben … Wo ist solch ein Herr zu finden … Ja, Herr, Jesu, bei dir bleib ich. Man könnte meinen, er hätte beim Dichten unsere Jahreslosung vor Augen gehabt: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Spitta studierte Anfang der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts Theologie in Göttingen. Dort begegnete er in einem der poetischen Freundeskreise ­Heinrich Heine. Auch dieser spricht vom Glück:

Glück und Unglück

Das Glück ist eine leichte Dirne,
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küsst dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Der eine – Heine – sieht auf Glück und Unglück. Genauer, auf sein Glück und Unglück. Auf seine Wünsche und sein Ergehen. Der andere – Spitta – sieht auf Gott und sein Wirken und setzt sich dazu in Beziehung. Ohne Frage ist beides möglich. Aber wie so oft führen unterschiedliche Wege auch zu unterschiedlichen Zielen! Nun haben wir es aber weder mit Heine noch mit Spitta, sondern mit ­einer biblischen Aussage zu tun: Gott nahe zu sein ist mein Glück. Und so wollen wir in drei Schritten diesem Wort der Heiligen Schrift lauschen.

1. Des Menschen Glück hängt nicht an seiner Wahrnehmung

Das Wörtchen Glück ist ein zauberhaftes Wort. Es spricht meine menschliche Sehnsucht an – nach einem glücklichen Leben, dem Liebesglück mit meiner Frau, dem Glück meiner Kinder. Ich will, dass alles so ist, wie ich es mir wünsche. Dann kann ich glücklich und zufrieden sein. Bei Glück denke ich aber auch an Hoffnungen, die ich habe. Manches Mal sage ich: Glück gehabt! und meine damit ein Moment, das ich selbst nicht so recht in der Hand habe. Obwohl ja manche behaupten, man müsse seines Glückes Schmied sein, ahnen wir doch: Es liegt längst nicht alles in meinen Händen. Schon gar nicht die Erfüllung meines Lebens! Auf das Psalmwort lauschend sei uns gesagt: Wo unsere Übersetzung „Glück“ nennt, steht im hebräischen Grundtext schlicht und einfach tow – „gut“. Glück meint also weder meine Sehnsucht noch meine Hoffnung und auch nicht meine Wünsche. Das wäre viel zu kurz gegriffen, weil ich mein eigenes Leben so wenig übersehe. Weil meine Wahrnehmung so kurzsichtig und begrenzt ist und weil beileibe nicht alles, was sich mir als Glück nähert, es am Ende auch ist. „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, „und siehe, es war sehr gut!“ Dieses tow spricht nicht der Mensch, der sein Ergehen oder gar Gottes Handeln beurteilt; dieses „gut" spricht allein Gott, der sein Wirken gegenüber dem Menschen zu erkennen gibt. Was gut ist, definiert Gott, er hat die Deutungshoheit. Wenn es um Glück geht, gar um Lebensglück, zählt Gottes Werturteil. Der Zustand des Wohlergehens, so weiß es das Alte Testament, wird allein von Gott herbeigeführt, nach seinem Ermessen und nicht nach meinen Wunschvorstellungen. Das führt uns zu einer weiteren Bedeutung des Wortes: der des Heilshandelns Gottes. Weil Gott der Geber des ­Glückes ist, ist das Gute – towa – gleichbedeutend mit Segen oder Heil. Was er gibt, ist Heilsgut wie z. B. die Gabe des verheißenen Landes für sein Volk. Heilsgut ist, was meinem Leben dient, was ihm förderlich und nützlich ist. Dabei mag mir manches auf den ersten Blick unnütz oder ungut scheinen; wenn Gott es aber als gut qualifiziert, dann wird es mir, meinem Heil und damit meinem Lebensglück auch dienen.

2. Des Menschen Glück hängt nicht an seinen Wünschen

Glück meint gut – denn gut ist seine Nähe! Dabei ist das hebräische qirabat grundsätzlich beidseitig zu verstehen. Man kann übersetzen:  „Wenn ich Gott nahe bin, ist das mein Glück“. Ebenso richtig wäre: „Wenn Gott mir nahe ist, ist das mein Glück.“ Beides stimmt, und beides gehört untrennbar zueinander. Es geht nie um eine einseitige, sondern immer um eine beidseitige Beziehung. Qirabat ist die wechselseitige Annäherung von Gott und Mensch. Sie kommt in ganz dichten Bildern zum Ausdruck. So entsteht Nähe durch die Darbringung des Opfers, und sie meint die Blutsverwandtschaft ebenso wie den Geschlechtsakt. Qirabat steht für alles, bei dem sich zwei aufs engste untrennbar und einzigartig nahekommen.

In der Heiligen Schrift wird immer wieder die Nähe Gottes zu den Menschen betont, und dass der Mensch sich Gott nahen darf: „Gott ist denen nahe, die ihn anrufen.“ Zum Beispiel im Gebet. Die Lutherübersetzung der Jahreslosung betont genau diesen Aspekt: „Aber das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den HERRN, dass ich verkündige all sein Tun.“ Das gesamte Kirchenjahr mit ­seinen Feiertagen lädt dazu ein, die wechsel­seitige Nähe zu vertiefen, denn von ihr werden wir auch 2014 leben; nicht von der Erfüllung aller unserer Wünsche und Hoffnungen.

3. Des Menschen Glück hängt nicht am Zufall

Möglicherweise haben Sie gar nicht bemerkt, dass die, die unsere Jahreslosung aussuchten, uns um ein kleines, aber entscheidendes Wort gebracht haben. Denn der Satz lautet eigentlich: „Aber – Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Aber, waani, meint genau „ich aber“, oder „was mich betrifft“. Dieses Aber spielt im Grundthema des 73. Psalms eine gewichtige Rolle. Darin empört sich der Beter über das Glück der Gottlosen auf der einen Seite und das Unglück des Frommen auf der anderen Seite. In den ersten zweiundzwanzig Versen kommt diese Spannung voll zum Tragen, dann aber – wieder so ein Aber! – entscheidet sich der Psalmbeter zu einem grund­legenden Blickwechsel, weg von sich, hin zu Gott: „Dennoch (waani) bleibe ich fest an dir, denn du hältst mich.“ Sein Dennoch ist ein entschlossener Gegen-Satz zu allen Widerständen und allem vermeintlichen Glück, ein angemessenes Misstrauen gegenüber dem eigenen Urteilsvermögen und ein vertrauensvoller Blick auf Gott, seine Gaben und seine Führungen. Denn allein davon ist Glück zu erwarten, anhaltendes, erfüllendes Lebensglück! Dieses Aber ist immer mitzudenken, mitzusprechen, mitzubeten. Man kann es nicht ohne Verlust wegglätten – denn nichts, was Gott mir schenkt, wenn er sich mir schenkt, ist Zufallsprodukt; es ist die Frucht meines Mich- Einlassens auf IHN! Ja, Gott schenkt mir Gutes, sein Heilsgut für mein Leben. Ja, Gott schenkt mir seine Nähe, die um meine Nähe wirbt. Ja – aber: Ich muss mich täglich neu und alternativlos auf eben diese einlassen. Des Menschen Glück hängt nun mal an IHM. Glück meint gut – gut meint Nähe – und Nähe braucht mein Aber!

Gott nahe zu sein ist mein Glück! Heine oder Spitta? Hadernd: das Glück als flüchtige, leichtlebige Dirne oder als Frau Unglück, die strickend an meinem Bett verweilt? Oder doch lieber betend: Bei dir, Jesu, will ich bleiben – könnt ich’s irgend besser haben als bei dir – wo ist solch ein Herr zu finden? Ja, Herr, Jesu, bei dir bleib ich!

Amen. 

Von

  • Klaus Sperr

    evang. Pastor und Seelsorger, verantwortlich für die Liturgie des Alltags in der OJC-Kommunität.

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