Sasha Skvortsov aus der Jahresmannschaft 2011/2012

Ein durchweg heilsamer Schock

Als St.-Petersburger in Reichelsheim

Ich habe eine außergewöhnliche Lebensgeschichte – bekomme ich oft zu hören. Wenn gewöhnlich bedeutet, in einer ­Familie mit Vater und Mutter aufzuwachsen, dann stimmt das sicher. Aus der Perspektive der Waisenkinder, die in einem Kinderheim aufgewachsen sind oder aufwachsen, ist mein Schicksal nur eines von Tausenden. Ich wuchs in einem Kinderheim im Norden meiner russischen Heimatstadt St. Petersburg auf. Meine ­Eltern waren Alkoholiker und drogensüchtig. Als ich gerade fünf war, kam meine Mutter mit einer Blutvergiftung in die Klinik – und ich mit meiner ­siebenjährigen Schwester und meinem dreijährigen Bruder in eine staatliche Anstalt.

Raue Zeiten im Kinderheim

Bei all dem hatte ich noch das, was man eine verhältnismäßig gute Kindheit nennt: Meine Erzieher waren wohlwollend und ich erhielt eine passable Ausbildung. Zu vielen guten Freunden aus dem Heim und aus der Schule habe ich in den letzten acht Jahren, seit ich das Heim verlassen habe, Verbindung gehalten. Aber es gab auch raue Zeiten. Ich musste mir den Respekt meiner Umgebung hart erkämpfen und lernte, meine eigenen Interessen durchzusetzen. Nachts weinte ich oft ohnmächtig, mit dem Gesicht im Kopfkissen und klagte: „Wann kommst du, Mama, und nimmst mich wieder zu dir?“ Dann wischte ich die Tränen trotzig vom Gesicht und hielt die Ohren steif. Als ich aus dem Alter für das Heim herausgewachsen war, kam ich aus Mangel an Alternativen wieder zu den Eltern. Ich war bereits fünfzehn und bemühte mich sehr, ihnen nahezukommen. Sie aber tranken weiter, wenn auch nicht mehr so exzessiv. So zerschellten meine Annäherungsversuche an ihrer Sucht. Das war die Atmosphäre, in der ich mündig wurde.

Beobachtungen in Reichelsheim

Als junger Erwachsener fand ich einen Freund und Mentor in Alex Krutov, dem Mitgründer von The Harbor, das von der OJC unterstützt wird. In dieser Einrichtung, die Sozialwaisen in ein eigenständiges Erwachsenenleben begleitet, habe ich Jugendlichen den Umgang mit dem PC beigebracht. Alex war es, der mir die FSJ-Stelle in Reichelsheim vermittelte. Da ich einen Abschluss im internationalen Tourismusgeschäft anstrebte und Deutsch lernen wollte, um später in Berlin zu studieren, kam mir das Angebot sehr gelegen. Gott aber hatte wohl einen anderen Plan.

Ein erster Kulturschock ereilte mich beim jähen Wechsel von der Fünfmillionen-Metropole in das beschauliche deutsche Hinterland. Weil ich dem Glauben gegenüber distanziert war, irri­tierte mich auch der von Gebets- und Stillezeiten, Bibelarbeiten und Kommunitätsveranstaltungen geprägte Lebensalltag. Doch dank der Offenherzigkeit der Leute dort lebte ich mich bald ein und fühlte mich immer mehr zu Hause. Drei Monate lang beobachtete ich den geschwisterlichen Umgang untereinander, die gegenseitige Unterstützung und das Vertrauen. Das war vollkommen anders als das ständige Rivalisieren und die harte Selbstbehauptung, die ich kannte. Ich glaube, ich begann durch die Menschen hindurch Jesus zu erkennen. Als ich über Weihnachten zu meiner Familie zurückreiste, übergab ich in eben dem Raum, in dem ich jetzt diese Zeilen schreibe, mein ganzes Leben Jesus. Ich wollte so werden wie die Reichelsheimer und Anteil haben an ihrer Freude, an ihrer Hoffnung und ihrem Glauben. Meine beiden Ferienwochen in St. Petersburg waren erschütternd. Ich kam voller Begeisterung an, brachte meine sorgfältig ausgesuchten Weihnachtsgeschenke mit und wollte mit der Familie feiern, wie ich es bei der OJC gesehen hatte. An Heiligabend betranken sich meine Eltern. Das war’s. Auf dem Rückflug fühlte ich mich von Schmerz und Wut überwältigt. Da begann Gott wirklich an meinem Herzen zu arbeiten, die Wunden der Vergangenheit zu berühren und zu heilen. Es hat mich Monate des Ringens und viele Tränen gekostet, viel Hass und Bitterkeit stiegen auf. Ich hielt sie im Gebet immer wieder Gott hin und kam etwas zur Ruhe.

Ankommen beim Vater im Himmel

Sehr genau erinnere ich mich an den „Stillen Tag“ beim FSJ-Seminar. Wir bekamen die Aufgabe, anhand von einigen Leitfragen unser Leben zu reflektieren und Pläne für unsere Zukunft zu formulieren. Mein ganzes Leben lag vor mir aufgeklappt und ich wusste, es führt kein Weg daran vorbei: Ich werde meinen Eltern vergeben, dass sie mich zehn Jahre abgeschoben hatten, dass sie tranken, dass sie mich vernachlässigt und verletzt hatten. Ich wusste, ich muss die Bitterkeit in meinem Herzen loslassen, um ohne diese ­erdrückende Last weiterzuleben, selbst dann, wenn meine Eltern mich nie um Vergebung bitten. Da ich ja die Vergebung meiner eigenen Sünden erfahren hatte, als ich Jesus in mein Herz ließ, war ich nun bereit, selbst zu vergeben. Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich eine unendliche Erleichterung und tiefen Frieden. Seither konnte mich die Scham aus der Vergangenheit nie mehr überwältigen. Ich konnte glauben, dass Gott mir nichts vorwirft; es war nicht meine Schuld, dass meine Familie unglücklich war, dass meine Eltern tranken, dass wir ins Waisenhaus kamen. In all den Jahren hat mein Vater im Himmel liebevoll zu mir gehalten und mich niemals im Stich gelassen!

Nicht Maschine, lebendiger Leib!

Gott gebrauchte die OJC, um mich, den Verlorenen, heimzubringen und mein gebrochenes Herz zu heilen. Ich hatte mal zu Michael Wolf gesagt, die OJC sei wie eine Fabrik zur Produktion von neuen Christen. Heute verstehe ich, warum er mir widersprach: „Keine Fabrik, sondern ein ­lebendiger Organismus!“ Das ist es: ein Leib, der leidet, wenn ein Glied leidet, und sich freut, wenn es den Gliedern gut geht. Heute bin ich bewusst Christ und gerne ein Glied am Leib Christi, ­seiner lebendigen Kirche.

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