Lebenslinien in der Kapelle des Euskirchener Hospiz

Lebensfries im Sterbenshaus

Spurensuche an der Schwelle

Gespräch mit Michael Blum

Herr Blum, Sie haben die Kapelle in einem Hospiz gestaltet. Wie kommt man zu einem so ungewöhnlichen Auftrag?

Zuerst einmal bin ich gefragt worden, ob ich bereit wäre, diese Kapelle zu gestalten. Ich hab Ja gesagt. Dann ging es darum nachzudenken, was das heißt, zu sterben, seine letzten Tage im Leben zu erfahren. Im Nachdenken, Meditieren und auch im Gebet haben sich mir weite Tore geöffnet. Ich kam auf Lebenswende, Lebensweg, Lebenslinien. Ich habe mich dann entschlossen, Lebenslinien aufzuzeichnen, von der Geburt an durch die Lebensphasen bis zum Tod.

Hat Sie die künstlerische Auseinandersetzung mit der Situation des Sterbens gereizt?

Ich dachte, am Ende meines Lebens ist es hilfreich, wenn ich durch Bilder oder Impulse auf bestimmte Lebenssituationen hingewiesen oder noch einmal daran erinnert werde. Man braucht Mut und Kraft, das eigene Leben noch einmal zu reflektieren.

Ein Fries als Mutmacher?

Ich habe beobachtet, dass manche Sterbende mit ihrem Leben nicht versöhnt waren. Da gab es vieles, was zu kurz gekommen, was sachlich nicht geregelt war, bis hin zum Nachlass. Wenn man am Ende seines Lebens vor einer Assoziationskette wie diesem Fries durch sein Leben geht – da müssen ja nicht alle Bilder stimmig sein – kann das helfen, darüber zu reflektieren und festzustellen, dass das eigene Leben nicht so schlecht war, sondern auch wunderbare Höhepunkte hatte, dass einem manches zugefallen ist, aber auch Turbulenzen, die es in jedem Leben gibt. Da kann man Trost und auch ein Ja dazu finden.

Was war bei dieser Arbeit besonders herausfordernd?

Einmal war es dieser Raum, der nur ein Fenster hatte und eine Tür – wenig formale Ansatzpunkte für ein künstlerisches Gestalten. Wie gehe ich damit um? Diese vordergründige Frage ist für die inhaltliche Gestaltung unglaublich wichtig. Wie viel Fläche habe ich, wie viel Platz, welche Gliederung kann ich vornehmen, welche Bildzeichen setzen? Ich hatte vor, einen Fries zu machen mit einem hoch aufliegenden Putz, habe dann aber lieber Leinwände genommen, die durch den ganzen Raum fließen. Die nächste Überlegung war: Welche Elemente braucht eine Kapelle? ­Einen Altartisch, Sitze, Osterleuchter, ein goldenes Band... Und wie kann ich das, was ich als Christ und Künstler wahrnehme und glaube – in der Bibel und in meinem Leben – so verkünden, dass andere es verstehen? Das ist nicht ohne, da zeigt man für jeden sichtbar, wes Geistes Kind man ist.

Und wes Geistes Kind sind Sie?

Das vorgegebene Thema war Lebensweg, aber im Hintergrund immer auch Auferstehung, ewiges Leben. Das ist das große Thema in meiner Kunst und in meinem Glauben. Ich kann mit dem Christentum so unglaublich gut leben, weil mir Christus verspricht, dass ich, wenn ich mich an ihn halte, mit ihm ewig leben werde. Das wollte ich möglichst klar realisieren: Auferstehung. Wie kann man das bebildern? Wie kann ich sichtbar machen, dass ich den Schritt aus diesem Leben in das andere getröstet und gestärkt tun kann? Das sind große Worte – aber in dieser Kapelle sollte jeder sehen und hören: Habt keine Angst. Euch erwartet etwas Gutes.

Nicht nur Christen sterben hier, sondern auch Menschen, die mit dem Glauben nichts anfangen können oder einer anderen Religion angehören.

Mein Auftrag war es, eine christliche Kapelle zu gestalten. Mit dem Lebensfries aber kann jeder für sich den Weg gehen, auch wenn er kein Christ ist. Ich habe eine Maltechnik entwickelt, die dem des Reliefs sehr nahe kommt. Die Bilder haben ein Strukturgel als Untergrund. Darin sind viele archaische Zeichen aus vielen Kulturen hineingeritzt – das, was man vorfindet in der Welt. Sie ist ja bereits gestaltet. Mein Auftrag ist es, sie weiterzugestalten. Jetzt kommt die nächste Dimension hinzu: Es laufen sieben Lebenslinien über diese Bilder. Man kann dem Lebensweg nachgehen, man kann aber auch in der Tiefe schauen.

Von wem wird die Kapelle genutzt?

Da gibt es Sterbende – hier werden sie Gäste genannt –, die wollen oder können nur noch in ihrem Zimmer bleiben. Andere lassen sich ­einen Schaukelstuhl in die Kapelle bringen und nehmen sich dort viel Zeit. Intensiv wird sie von ­denen benutzt, die hier Sterbende begleiten, für die ist sie ein großer Trost. Und einige kommen wieder, Monate, nachdem ihre Verwandten ­gestorben sind, und bitten, sich weiter in die ­Kapelle setzen zu dürfen.

Zielpunkt Jenseits – wie bebildert man etwas, das man nicht kennt?

Das bunte große Fenster ist eine starke Metapher für die Auferstehung, für das Hineingehen in das große Licht, in die Sonne – auch ein Symbol für Christus. Direkt davor liegt die letzte Wegstrecke, die durch das Kreuz in die Auferstehung führt. Die Endstation als Übergang.

Und der Startpunkt für den Betrachter?

Der Ausgangspunkt ist meine Geburt, was ich vorfinde, wenn ich auf die Welt komme. Ein Haus, mit schönen Räumen, Sonne, Wasser. Es geht vom Kind zum Jugendlichen, zum Erwachsenen, zur Liebe, die dann kommt, und zu dem, was man sich in diesem Leben erarbeitet. Ich wollte, dass sich jedes Lebensalter an verschiedenen Punkten, die im Leben wichtig sein können – nicht müssen –, wiederfindet. Ein Leben kann zwölf Jahre dauern, oder dreißig, oder auch 89. Und ich wollte dem Betrachter die Angst vor dem Sterben, vor dem Tod nehmen.

Michael Blum in der Kapelle des Euskirchener Hospiz
Michael Blum in der Kapelle des Euskirchener Hospiz

Die Angst vor dem Tod ist aber ziemlich hartnäckig...

Der Mensch, die Menschheit ist stark von Angst geprägt. Der Tod wird oft als Sensenmann, als schreckliches Gerippe dargestellt. Ich halte das für einen falschen Zugang. Der Tod – ich nenne ihn lieber den Todesengel – hilft viel mehr wie eine Hebamme beim Wechsel vom irdischen ­Leben in das geistig-geistliche Leben. Das ist doch wunderbar! Wir haben keinen Grund, das Sterben zu verteufeln. Seit einigen Jahren lade ich in meinem Morgengebet den Todesengel ein, an meine Seite zu kommen, mir durch den Tag ein guter Begleiter zu sein, ein Berater und Freund.

Der Todesengel als Lehrmeister zum Leben?!

Für einen Christen ist der Tod nicht der Feind des Lebens. Seit ich mir das bewusst mache, ist mein Leben reicher geworden, gelassener, weil ich keine Angst mehr vor dem Sterben habe. Die Engel der Bibel, davon bin ich fest überzeugt, sind auch meine ständigen Begleiter. Ich vertraue darauf, dass sie mir beistehen, wenn ich arbeite oder ein großes Thema anfange. Wenn Gott seine Engel schickt, in so viele Situationen meines Lebens hinein, ob ich das nun merke oder nicht, kann ich davon ausgehen, dass, wenn ich hier aufhöre und auf der anderen Seite anfange, Gott mir jemanden schickt, der mir da durchhilft. Ich glaube an diesen Todesengel, der mich abholt und liebevoll dahin bringt, wo ich Gott begegnen werde. Diesen wichtigen Akt muss ich nicht allein tun.

Dennoch bleibt Sterben furchterregend.

Den leiblichen Tod, auf den ich zugehe – so nennt Franziskus ihn sehr genau, um ihn vom geistlichen, dem endgültigen Verdammnistod zu unterscheiden – kann ich ertragen, auch wenn er schwer ist, weil ich glaube, dass Gott mich nicht fallen lässt, dass er mich auferweckt und ich in einer Glücksgemeinschaft mit ihm leben darf. Menschen, die wirklich wissen, dass sie zu Christus gehören, müssten viel gelassener sein, viel weniger Spektakel machen um den Tod.

Hinter dem Sterben erwartet mich Unbekanntes. Und ein weitgehend unbekannter Gott.

Der unbekannte Gott – das ist ein außerordentlich schwieriges Thema. Was uns von Gott bereits gesagt wurde, ist schon sehr viel: Wir haben Gott, den Vater, Gott, den Sohn und den Heiligen Geist – in einer Person. Ausschlaggebend für mich ist, dass wir Gott einen großen Schritt näher kommen durch seinen Sohn. Er fühlt mit uns und fühlt wie wir: Kälte, Hunger, Lieblosigkeit – bis zum bitteren Tod. Ich selbst habe Jahrzehnte gebraucht, um diesen Gott als Vater zu erkennen und lieben zu lernen, vielleicht, weil ich selber keinen besonders guten Vater hatte. Diesem ­liebenden Gott muss ich nichts vorenthalten, meine Sünde nicht, meine Schuld nicht, meine Freude nicht. Alles, was ist, lege ich in seine Hand, weil ich von Jesus weiß, wie dieser Gott ist. Dazu müssen wir nicht immer dicke Bücher lesen, das sagt uns alles Jesus: Ich bin die Auf­erstehung des Lebens, wer an mich glaubt, wird leben in Ewigkeit. Entweder glaube ich ihm das und freue mich und bin fest bei ihm aufgehoben. Oder ich kann oder will das nicht glauben.

Nicht jeder hat einen solchen Glauben mit­bekommen.

Ich wurde nach dem Krieg streng katholisch erzogen. Jede Andacht, jeder Gottesdienst musste mitgemacht werden. Es wurde der Rosenkranz gebetet und von den Pfarrern wurde uns gesagt: Der liebe Gott sieht alles! Wer nicht spurt, landet in der Hölle. Ich bin mit viel Angst groß geworden. Mit 18 Jahren kam ich nach Köln und da war Schluss mit Katholischsein. Nach einiger Zeit ­befreundete ich mich mit einem jungen Kaplan, der mir von der Gnade Gottes, von Barmherzigkeit und Sündenvergebung, von der Liebe Gottes erzählt hat. Langsam – über Jahrzehnte – ist in mir ein neues Vertrauen gewachsen zu einem liebenden Gott. Ich hatte Glück und fand gute Freunde, die auch um Glauben rangen. Durch die Zusage: Gott ist gut, Gott will, dass dein ­Leben gelingt, bin ich geheilt worden. Es war ein langer Prozess, der mein Leben durchzog.

Welcher Wesenszug Gottes hat sich Ihnen neu erschlossen?

Seine Barmherzigkeit. Ich weiß, ich bin ein armer Sünder, aber das kann ich alles diesem Gott entgegenwerfen. Gott ist die Liebe! Dem kann ich doch alles, was mich belastet, bringen. Viele stürzen ins Schweigen darüber. Andere suchen sich klammernd Hilfe. Wichtig ist, dass man einen ersten Schritt auf diesem Weg tut. Selbst auf dem Totenbett kann Gott uns vergeben. Ich vertraue ganz fest auf die Barmherzigkeit Gottes. Ziemlich am Ende des Frieses in der Kapelle findet sich ein Labyrinth. Wir können noch so alt werden, uns noch so sehr bemüht haben, um im Glauben zu wachsen, Gott muss sich unser erbarmen, und das tut er gern. Wir dürfen auch mit dem, was nicht gelöst und nicht geregelt, nicht gut ist, ankommen. Er erweist sich barmherzig, verzeiht gern. Das Leben bleibt eine große Aufgabe, auch im Alter. Und für mich ist die Zeit, in der ich jetzt lebe, die schönste, ein ganz großes Geschenk. Ich würde mit niemandem tauschen, obwohl ich mit einigen Krankheiten fertig werden muss.

Wir haben alle eine „Restzeit“ zu leben. Was gehört da für Sie auf die Prioritätenliste?

Versöhnung muss ganz oben stehen. Versöhnung mit mir selbst, mit den Mitmenschen, mit Schicksalen, mit Zu-kurz-Gekommenem. Loslassen, was mich beschwert. Ich denke an einen Menschen in unserer Familie, der sich nicht versöhnt hat. Wir haben ihn kurz vor seinem Tod besucht und er sprach kein Wort, sondern knirschte nur mit den Zähnen. Das war furchtbar. Ein Schwager hingegen rief uns alle vor seinem Tod an: Ich muss sterben, das hat mir der Arzt gesagt. Hast du noch etwas gegen mich? Habe ich dir etwas angetan, womit du nicht fertig wirst? Er hat sich mit möglichst allen versöhnt und ist ganz ruhig gestorben. Versöhnung bewirkt Frieden. Herzensfrieden.

Verändern sich Menschen, wenn sie den Tod vor Augen haben?

Das Hospiz gibt es nun gut zwei Jahre. Ich habe immer gestaunt, wie gelassen, freundlich und sogar heiter die Menschen sind, die hier arbeiten. Obwohl sie doch immer nur Tod und Sterben vor Augen haben, weinende Angehörige. Mir ist aufgegangen, dass sie im Angesicht des Todes lernen, was wichtig ist und was total überflüssig. Junge Mädchen, die ein Praktikum machen, sind faxig, albern, lustlos, wenn sie kommen. Einige Zeit später sehe ich, wie sie einen sterbenden Mann in den Arm nehmen, mit ihm reden, fragen, was er braucht. Sie bringen ihm ein Schnäpschen, wenn er das mag, nehmen ihm die Pfanne weg, ohne Gezeter. Sie spüren Barmherzigkeit. Der Tod ist ein Korrektiv. Es führt in die Wahrhaftigkeit und richtet unseren verstellten Blick wieder auf den Gott, der Liebe ist.

Ist es leichter, wenn man weiß, wie viel Zeit einem bleibt?

Die Frage nach dem Countdown wird hinfällig, weil ich mich in die Hände meines barmherzigen Gottes fallen lasse. Ich gebe mein Leben zurück: Hier ist es, nimm es auf mit allem, was dir nicht gefallen hat. Der Tod beendet ja nichts, was wichtiger ist als das, was kommt. Ich kann morgen gehen, oder in drei Jahren. Und wenn ich noch zehn Jahre lebe, freue ich mich auch. Da kann ich noch ein paar Bilder malen und mich am Blühen  freuen – aber das Ende ist für mich keine Frage mehr. Ich kann morgen ohne Meckern gehen.

 

Das Interview entstand im Gespräch mit Írisz Sipos, Ralph Pechmann, Helma Blum und Dorothea Jehle. Mehr über die Bilder im Fries finden Sie hier.

 

Michael Blum, ehem. Schulleiter und Kunsterzieher, lebt in Euskirchen und arbeitet als freischaffender Künstler. Der OJC-Gebetskalender 2006 war mit seinen Bildern zu biblischen Themen gestaltet, der Kalender 2013 mit Ausschnitten vom Lebensfries aus der Kapelle im Euskirchener Hospiz ­(Stiftung Marien-Hospital Euskirchen).

Von

  • Cornelia Geister

    ausgebildete Buchkauffrau, im Redaktions- und Kalenderteam der OJC-Gemeinschaft.

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  • Michael Blum

    ehem. Schulleiter und Kunsterzieher, lebt in Euskirchen und arbeitet als freischaffender Künstler. Der OJC-Gebetskalender 2006 war mit seinen Bildern zu biblischen Themen gestaltet, der Kalender 2013 mit Ausschnitten vom Lebensfries aus der Kapelle im Eukirchener Hospiz (Stiftung Marien-Hospital Euskirchen).

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