Caro salutis est cardo - Das Fleisch ist der Angelpunkt des Heils.
(Tertullian, nach 150–220 n. Chr.) 

Liebe Freunde

das mit der Erschaffung des Menschen ist eine ­erdige Angelegenheit. Unser aller Prototyp wurde­ aus Lehm gemacht (hebräisch adamah, aus dem Acker genommen). Mit Weihnachten­ geschieht etwas Unvorstellbares: Gott ist sich nicht zu schade, jene Substanz anzunehmen, die in Philosophie und Theologie oft als unrein und minderwertig bezeichnet wurde. Er wird zu einem dieser erdigen Exemplare. Ein radikaler Schritt, der in der Kirchengeschichte für heftigen Zoff sorgte: „Wie kann Gott die Gestalt eines ­gefallenen Menschen annehmen und zugleich Gott sein? Das ist ein absoluter Widerspruch.“
Wenn aber ­Jesus kein richtiger Mensch gewesen ist, wie können wir ihn als Freund und Bruder bezeichnen? Wenn der Sohn nicht wirklich aus Gott ist, welche Autorität hat dann seine Heilsbotschaft? Das Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.) hielt nach zähen Streitigkeiten an diesem Paradox fest: ­Jesus ist „vollkommen derselbe in der Gottheit, vollkommen derselbe in der Menschheit, wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch“.

Christus, das Geschenk

Der heruntergekommene Gott „hat ... in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen, um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat“ (Hebr 2, 14). Das ist Kern- und Frohbotschaft des Advent. Denn das Unfassbare geschieht: Der Unsichtbare wird sichtbar. Der große Herrscher wird ganz klein und schutzlos. Ein Gott, der alles verlangen könnte und alles hat, schenkt dem Homo oeconomicus eine radi­kal neue Währung: die Liebe in Person, die sich schenkt, ohne auf eigene Verluste zu achten. Dieses Geheimnis feiern wir in den kommenden Wochen. Ohne sein Mensch­werden keine ­Erlösung, ohne seine Hingabe keine Sündenvergebung, ohne seinen Tod keine Auferstehung. Das fleischgewordene Wort ist damit für uns zum Dreh- und „Angelpunkt des Heils“ (Tertullian) geworden.

Was wäre der Mensch, wäre Christus nicht Mensch geworden? Vermutlich immer noch ge­fangen im verweslichen, armseligen, schwachen und irdischen „alten Adam“ (Paulus). Mit der Inkarnation des Logos kam der „neue Adam“, dem wir bereits zugehören und nach dessen Vorbild wir eines Tages selbst auferstehen werden: unverweslich, herrlich, stark und ewigkeitstauglich. Bis dahin ist uns durch die MenschwERDUNG Christi schon hier auf Erden geholfen „Denn da er selbst in Versuchung geführt wurde und gelitten hat, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden“ (Hebr 2, 18).

Gemeinschaft: Ort der Erdung

Damit wir der Versuchung nicht preisgegeben sind, braucht geistliches Leben verbindliche Gemeinschaft, sei es in der Gemeinde, im Hauskreis, in einer Zweierschaft oder im kommunitären Leben. Hier finden wir Gefährten, die für uns beten, uns tragen und ermutigen. Gemeinschaft ist zugleich ein Ort der SelbstwERDUNG, denn sie holt mich mit meiner verdrängten Unvollkommenheit und uneingestandenen Unfähigkeit, mit meinen über­höhten Idealen und unausgesprochenen Ängsten auf den Boden der Tatsachen zurück – ein Katalysator für persönliches und geistliches Wachstum. Denn wo ich aufrichtig mir selbst und dem anderen gegenüber  werde, kann Gott viel leichter hineinsprechen und mich verändern. Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, schreibt: „Weiß ich mich aber angenommen samt meinen Fähigkeiten und Grenzen, dann wird Gemeinschaft zum Ort der Befreiung.“
Trotz der MenschwERDUNG Gottes, trotz Konzilen und Dogmen tendieren wir weiterhin zu der Vorstellung, der Leib wäre in den „guten“ Geist und das „schlechte“ Fleisch aufzuteilen. Als sei das Fleisch verantwortlich für zielverfehltes Begehren und sündhaftes Verhalten. Ja, das Fleisch ist zu allem fähig: zu Mord, Diebstahl, Lüge usw., doch es ist genauso fähig, tatkräftig zu helfen, sinnlich zu lieben. Der Ort, an dem sich das entscheidet, ist das Herz mit seiner Sehnsucht. In ihm entscheidet sich, was der Träger unseres Willens tut. Die Heiligung des Menschen geschieht also nicht in der Ablösung vom Fleisch und seinen Bedürfnissen, sondern durch die bewusste Hin- und Zuwendung zu seinen Sig­nalen, damit der eigentliche Hunger, der eigentliche Durst der Seele gestillt werden kann. Unser Fleisch wird dann zur Falle, wenn es sich vom Feind – der übrigens im Gegensatz zu Christus gerade nicht „leibhaftig“ ist, sich uns aber in „hunderterlei Gestalten“ (Wilhelm Stählin) ­nähert – von seiner eigentlichen Bestimmung abbringen lässt.

Jesus, der Geerdete

In unserer Vorstellung geistert Jesus oft als ein „ab­gehobenes“, geschichts- und geschlechtsloses ­Wesen herum, das bedürfnislos durch die ­Gegend zog, so nett, universell und aufopferungsbereit, dass es nicht wirklich Mensch gewesen sein kann. Aber Jesus war sehr wohl Kind seiner Zeit, Sohn seiner ­Eltern und ein Mann des Handwerks, im Judentum verwurzelt und in jeglicher Hinsicht geerdet. Er konnte zupacken, ging Konflikten nicht aus dem Weg und war alles andere als ein frommer Softie. Für die Jünger war er die Herausforderung in Person und für die Pharisäer eine Provokation. Für uns heute ist er all dies nicht weniger. Das wird in den „anstößigen“ Artikeln von­ Wilhelm Bruners (S. 152) und John Piper ­(S. 168) jeweils anschaulich.
Von Jesus können wir lernen, die großen und ewig gültigen Fragen im Hier und Heute, in ­dieser Generation und Kultur zu erden. Dass das nicht ohne Konfrontation mit der Außenwelt und innerhalb der frommen Community geht, sollte uns nicht davon abhalten, sie zu stellen, nach konstruktiven Antworten aus dem Evangelium zu suchen und sie offensiv zu artikulieren. Die Positionierung der OJC im Gender-Diskurs dieser Tage ruft einiges an Echo hervor. Wir freuen uns, dass neben der unduldsamen Kritik und dem Versuch der gesellschaftlichen Isolierung zunehmend auch positive Stimmen Raum gewinnen. Und wir staunen, welchen Auf- und Gegenwind die Stuttgarter „Demo für alle“ ­gegen die Umsetzung des Bildungsplans 2015, der die ­Akzeptanz sexueller Vielfalt als Leitperspektive verankert, bekommen hat. Ähnliche Kund­gebungen von Eltern in weiteren Bundesländern folgen; ein nicht zu unterschätzendes Signal für Politiker, die sich für den Erhalt bewährter ­ethischer Werte einsetzen. So wagte beispielsweise der nordwürttembergische CDU-Verband sich öffentlich neu zu positionieren: „Die Gender-Theorie erfüllt im gleichen Maße das Kriterium der Wissenschaftlichkeit wie die kreationistische Lehre, die Astrologie oder die Alchimie.“ Oder die Initiative einer Hamburger Fraktion im Senat, die dazu führte, dass das Hamburger Lehrinstitut das höchst umstrittene Buch „Sexual­pädagogik der Vielfalt“ für Lehrer nicht mehr empfiehlt. Endlich ist die kontroverse Debatte über Sexualpädagogik auch in den ­Medien angekommen und wird im Protest auf der Straße Fleisch. Nur wo sich Menschen sichtbar hinstellen, kann sich etwas verändern.*

Gott zieht mit ins Exil

Die Ereignisse der letzten Monate führen uns die Fragilität unserer Welt vor Augen. Alles ­gerät aus den Fugen: Der Ukrainekonflikt und das unheilvolle Säbelrasseln zwischen Ost und West, die an den Grenzen nicht Halt machende Ebola­epidemie. Der in Flammen stehende Nahe ­Osten, der Vormarsch der IS in Syrien, die wie Rattenfänger Scharen kampfwilliger junger Männer und Frauen in einen brutalen und menschenverachtenden Krieg locken. Verunsichert fragt man sich: Wie lange bleiben Frieden und ­Sicherheit bei uns noch erhalten? Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – wie das Volk Gottes und wie einst der Sohn der Verheißung. Die ­Adventsmeditation von Rebekka Havemann entzündet ein Licht mitten in diesen Finsternissen (S. 171). Sie finden sie in der Mitte des Heftes zum Herauslösen, Ausschneiden, Aufstellen – und zum Mitbeten.
Dass Christus uns Heimat bietet, haben wir im Sommer in Greifswald bei der 10-Jahresfeier des Hauses der Hoffnung mit Freunden aus allen Himmelsrichtungen feiern dürfen (S. 186). Gerade in dieser zunehmend obdachlos werdenden Welt strahlt von diesem Ort Hoffnung, Wärme und Licht in die Welt. Öffnen wir einander unsere Türen und Herzenstüren  im Advent mal ganz praktisch! (S. 166)

Freundschaft muss sich verleiblichen

Seit ihren Anfängen denkt die OJC in globalen Zusammenhängen. Das hat mir schon vor achtzehn Jahren in der Jahresmannschaft imponiert: Die Welt kommt nach Reichelsheim, einem Dorf im tiefsten Odenwald. Und die OJC geht in die weite Welt zu unseren Projektpartnern, die unter widrigen Bedingungen Menschen zur Selbst­hilfe ermutigen und unterstützen. Frank Paul, verantwortlich für die Weihnachtsaktion, besuchte­ Albert und Martha Baliesima und schildert eindrücklich, was die beiden, auch Dank Ihrer ­Unterstützung, in ihrem Land leisten können. (S. 156). Ihr Einsatz veranschaulicht den Satz von Irmela Hofmann: „Große Türen drehen sich in kleinen Angeln“. Gott gebraucht das Ja von Einzelnen, um große Dinge zu bewegen.
Wir legen Ihnen die aktuelle Weihnachtsaktion ans Herz (S.161) und sind guter Hoffnung, dass das Glaubensziel von 220.000 Euro wieder erreicht werden kann. 2013 wurde dieses Ziel sogar um 14.000 Euro überschritten! Dank auch allen, die als Spender und Zustifter in 10 Jahren ojcos-stiftung mit gewährleisten, dass wird unseren Auftrag „gesellschaftlich zu handeln“ auch langfristig erfüllen können (S. 175). Einen Einblick in unseren Umgang mit den von Gott durch Sie anvertrauten Pfunden gewährt Ihnen die Jahresbilanz 2013 (S. 190).

Entwurf des neuen Ostfensters der Michaelskapelle von Robert Münch

Kapelle in neuem Licht

Dass man gern in alten Kathedralen und Kirchen verweilt, liegt nicht zuletzt am Licht, das durch die schön gestalteten Fenster fällt. Die reich­haltigen Motive kündeten einst dem leseunkundigen Publikum von der Schönheit der Schöpfung und von den Heilstaten Gottes. Bibeln aus Licht, ­deren Faszination bis heute anhält. In Zeiten der medialen Bilderflut bieten Kirchenfenster ein scharfes und klares Kontrastprogramm, weil sie nicht zum hastigen Konsumieren drängen, sondern zum Innehalten und Nachsinnen einladen. Wie Fenster zum Himmel können sie uns neue Zugänge zum Glauben eröffnen. Unsere gotische­ Michaelskapelle auf Schloss Reichenberg wird nun um diese visuelle Dimension reicher. ­Damit geht der seit der Restaurierung der Kapelle immer wieder aufgeschobene Wunsch nach ihrer „endgültigen“ Fertigstellung in Erfüllung. Gestaltet werden sie vom Odenwälder Glasrestaurator und Künstler Robert Münch und sollen bis Ende Januar 2015 installiert sein.

Rechts sehen Sie den Entwurf für das Ostfenster im Chorraum, der von der Auferstehung Christi kündet – zum Vorfreuen! Spätestens am Tag der Offensive, am 14. Mai 2015 , werden wir unseren Freunden die Fenster präsentieren. Merken Sie den Termin doch schon vor!

Offensive Jünger Christi

Anfang Oktober, in der Wochenklausur unserer Kommunität, haben wir im konspirativen Mit­ein­ander die Anliegen unserer Gemeinschaft und ihres Auftrags bewegt. Unter anderem die Frage, was einen offensiven jungen Christen ausmacht. Angesichts der fast 50-jährigen Geschichte der OJC und der zunehmend älter werdenden ­Pioniergeneration braucht es da neue Antworten. Bei allen pragmatischen Überlegungen rund um das Altwerden in der Kommunität war die Antwort, die wir fanden, schlicht: Jeder kann ein offensiver Jünger Christi sein. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern dass uns die Haltung „Herr, ich will tun, was du willst“ in Fleisch und Blut übergeht. Die Bereitschaft zur Hingabe und dazu, alles für die Sache Gottes einzusetzen, ist das Signal an die kommende Generation, um die es uns weiterhin vor allen Dingen geht, und die wir zu einem offensiven Christsein einladen und ­ermutigen.
Christus, der geerdete Gottessohn, macht es uns vor: Leben wie die Eigentumslosen, die nicht mehr sich selbst gehören, sondern dem himm­lischen Vater. Leben wie die Herrschaftslosen, die die Herrschaft über sich selbst an den Schöpfer des Universums abgeben. Leben wie die Machtlosen, die sich ohnmächtig auf Gottes Vollmacht verlassen und tun, was in ihrer Macht steht. Ein derart entschiedenes Leben wird einen Unterschied machen.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen eine frohe Advents- und Weihnachtszeit,
Ihr und Euer

Konstantin Mascher

abgeschlossen, Reichelsheim, den 13. November 2014

Von

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