Konkret krass

Die Provokation der Fleischwerdung

Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns ­erschienen ist –, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. (1. Joh 1,1-3)

Johannes nennt Christus hier schlicht „das ­Leben“. Das Leben ist erschienen. Es ist Christus, der offenbar wird, Christus in menschlicher Gestalt. Das ewige Leben, das Gott uns gab, ist das Leben in seinem Sohn. In der Gemeinschaft mit ihm haben wir Anteil am Leben. Dieses Leben selbst ist ewig, ohne Anfang und Ende, und geht nicht in der Fleischwerdung auf, sondern ist der Ursprung alles Erschaffenen. Sie ist Quelle, nicht nur eine Flussstrecke. „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Es war am Anfang bei Gott; und alles Geschaffene hat durch ihn das Sein und ohne ihn ist nichts erschaffen.“ (Joh 1,1-3). In Christus als der Quelle des Lebens erkennen wir seine ewige Majestät.

Der ewige Christus wurde sichtbar, er ist erschienen, damit wir ihn hören, mit unseren Augen ­sehen, ihn betrachten und mit den Händen greifen können. Johannes redet von der Fleischwerdung: Der ewige Christus, der von Beginn beim Vater war und der aus Gott ist, dieser Christus ist im Fleische erschienen. Er wurde Mensch – und das ist ziemlich anstößig. Seit den Tagen des Apostels nehmen Menschen daran heftigen Anstoß. In seinem zweiten Brief schreibt Johannes (V 7): Es werden viele Verführer in der Welt umhergehen, die das Kommen von Jesus Christus im Fleische nicht anerkennen; so einer ist der Verführer und der Antichrist. Viele könnten sich ganz gut mit dem Glauben an Christus arrangieren, wenn er nur ganz vergeistigt bliebe; sobald er jedoch als konkreter Mensch verkündet wird, der an einem konkreten Ort konkrete Regeln formulierte und an einem konkreten Kreuz starb, um die konkreten Sünden unseres konkreten Lebens zu demaskieren, finden das die meisten unerträglich.

Fleischwerdung: Affront gegen 
unseren Autonomieanspruch

Dabei ist es nicht so sehr das Mysterium der göttlichen und menschlichen Natur in der einen­ Person, die uns Menschen die Lehre von der Inkarnation so vergällt; anstößig wird sie, weil ihr zufolge ein jeder auf Erden zum Gehorsam gegenüber diesem ganz konkreten Mann vom Stamme Juda gerufen ist. Was er lehrt, wäre dann Gesetz. Und was er tut, vollkommen. Und die Konkretion seiner Worte und Werke, die aus der Schrift in die Welt strömte, die vom Geist konkret inspirierte und konkret auf Hebräisch und Griechisch verfasst ist, würde eine universelle Verbindlichkeit vor allen anderen jemals verfassten Schriften behaupten. Genau darin liegt die anstößige Provokation der Inkarnation: Wenn Gott Mensch wird, dann räumt das mit jeder Vorstellung auf, dass der Mensch Gott ist. Dann können wir nicht nach unserem eigenen Gutdünken handeln, sondern müssen tun, was dieser bestimmte Mann aus Juda uns zu tun heißt. Wir sind der Verblendung durch unsere Selbstgefälligkeit über­führt und müssen uns anhören, dass wir von Sünde siech und entstellt sind und nur bei diesem Juden Heilung finden. Wir können uns bei der Suche nach Leben nicht mehr auf unsere Klugheit verlassen, denn dieser gewisse Mann aus Juda, der 30 Jahre lang schlicht und unerkannt in einem mickrigen Land des Mittleren Ostens wirkte, behauptet: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wenn Gott wirklich zum Menschen wird, dann sind auf einmal nicht mehr wir das Maß aller Dinge, sondern dieser eine Mann wird zum Maß aller Dinge. Unzumutbar für uns rebellische Männer und Frauen! Die Inkarnation wäre die blanke Missachtung der Menschenrechtscharta, wie sie Adam und Eva in Eden meinten einfordern zu müssen. Inkarnation? Das wäre was Absolutes. Das ist autoritär! Imperialistisch! Übergriffig! Eine Anmaßung! Was glaubt er, wer er ist?! – Nun: Gott.
Darum ist das Bekenntnis der Fleischwerdung von Anfang der Prüfstein für die rechte Lehre und für die Scheidung der Geister. Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch ­gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott.
(1. Joh 4,3) Der Geist Gottes allein vermag unsere Abwehr gegen die machtvolle Konkretheit der Inkarnation zu überwinden und uns in die frohe Hingabe an diesen einen Mann aus Juda als unseren Herrn zu führen.

Verleiblichung: Überwindung 
unserer Vereinzelung

Vers 3 endet mit den Worten: Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn J­esus Christus. Gemeinschaft (koinonia) ist die persönliche Erfahrung, etwas sehr Bedeutendes mit ­anderen zu teilen; der Genuss, in Gemeinschaft zu sein, wenn einem das Wesentliche aufleuchtet; wenn man die gleichen Werte hat und über die wichtigsten Dinge im Leben ähnlich empfindet; wenn ich meine Söhne Tom, Steve, Dean und Char als die größte Freude meines ­Lebens ­sehen kann. Das, was meiner Ehe mit Noël Wurzeln, Fasern und Früchte gibt. Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn zu haben bedeutet, die gleichen Dinge für kostbar zu halten und sie zu teilen, sie in alles mit einzubeziehen, was ich tue und eine große Freude bei dem Gedanken zu empfinden, dass ich die gesamte Ewigkeit damit verbringen kann, sie immer besser und tiefer kennenzulernen. Diese Gemeinschaft, das weiß Johannes, verdanken wir der Fleischwerdung­ von Jesus Christus. Er kam und wurde zum Freund für Zöllner, für Sünder und bietet jedem seine Gemeinschaft an, der seine Werte teilen und die Welt mit seinen Augen sehen möchte. Und unsere Freude wird vollkommen, wenn sie uns in Gemeinschaft miteinander, als Leib Christi,­ führt. Denn die Freude, dass andere Freude an Gott haben, vertieft und vervollkommnet unsere Freude an ihm.

Der Text ist ein Auszug aus einer Bibelarbeit vom Januar 1985: Eternal Life Has Appeared in Christ. Hier finden Sie den englischen Originaltext.

Von

  • John Piper

    geb. 1946 in Tennessee, ist baptistischer Geistlicher, Professor für Praktische Theologie und Autor.

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