Plötzlich gehörst du dazu

Christoph bei seiner Gastfamilie
Christoph bei seiner Gastfamilie

Zu Gast bei Roma in Sarajevo

Für unser Jahresteam war der zehntägige Besuch­ in Sarajewo ein Höhepunkt ihrer OJC-Zeit. 
Sieben Freiwillige und vier Mitarbeiter brachen nach Bosnien auf, um mit und unter Roma-Familien zu wohnen, ihr Lebensumfeld kennenzulernen und die junge Roma-Kirche zu unterstützen. Es waren spannende und herausfordernde Tage – auch für Christoph.

Nach Bosnien kommen, in Gastfamilien aufgeteilt werden, Alltag teilen, Gemeinschaft haben – das sollte in den nächsten Tagen auf mich zukommen. Im Vorfeld wurden wir gut auf das Thema „interkulturelle Begegnung“ vorbereitet. Ich fühlte mich gewappnet für das Abenteuer, denn ich war schon öfter im Urlaub im Ausland. Was es aber bedeutet, die ­Sicherheit einer gemeinsamen Sprache und Kultur aufzugeben, wurde mir erst klar, als uns unsere Gastfamilie begrüßte – der Moment des ersten konkreten Kontaktes mit Emrah, in dessen Familie drei von uns untergebracht waren.
Emrah, seine Frau Silvia und ihre beiden ­Kinder leben mit Silvias Eltern und Geschwistern in einer Reihenhauswohnung am Stadtrand. Die elfköpfige Familie wohnt neben drei weiteren­ ­Roma-Familien abseits der „normalen“ Wohnungen­ in einfachsten Verhältnissen. Es gibt zwar fließendes Wasser, das ist allerdings nur warm, wenn es Strom gibt, und Strom gibt es nur, wenn die Straßenlaternen angehen. Nach deutschen Maßstäben wäre der Häuserblock eine Art Miniatur-Slum. Mich faszinierte, dass die Menschen, die dort leben, oft zufriedener sind als wir. Sie haben einander und das ist für sie das höchste Gut.

Ein beobachteter Beobachter

Als Gäste hatten wir einen Ehrenstatus. Die ­Familie hatte nicht viel, aber wir bekamen von allem das Beste: im Wohnzimmer die besten Plätze, den einzigen Tisch im Haus, wir bekamen als Erste zu essen; von dem, was wir übrig ließen, musste die Familie satt werden. Zum Schlafen wurde uns das Wohnzimmer überlassen und unsere Gastgeber drängten sich in einem kleinen Raum zusammen.
Die ersten gemeinsamen Stunden waren die schwie­rigsten. Emrah war der Einzige, der ein paar Worte Deutsch sprach. Welch ein Segen, dass wir unsere Wörterbücher dabei hatten! Wir redeten mit Händen und Füßen und konnten uns doch kaum verständigen.
Was wir mit Worten nicht erreichten, das schaffte die Musik. Wir hatten uns dafür extra ein kleines Heft mit bosnischen Liedern zusammengestellt. Als Daniel und ich unsere Gitarren auspackten, brach das Eis zuerst bei den Kindern. Sie trommelten zur Musik und versuchten mitzusingen. Überhaupt sind sie mir schnell ans Herz gewachsen.
So saßen wir viel im Wohnzimmer oder auf der kleinen Veranda und schauten den Kindern beim Spielen oder den Frauen beim Kochen zu. Wir wurden oft zum Fußballspielen aufgefordert. Die Männer fuhren zwei Mal am Tag mit dem Auto los, um Kartons und sonstigen Müll zu sammeln. Einmal fragte Frank, ob wir mitkommen dürfen. Doch für Emrah war klar, dass seine­ Gäste­ keinen Müll sammeln.

Vom Fremden zum Freund

Eine Wende trat ein, als am Freitag der Laster kam, um die gesammelten Kartons abzutransportieren. Emrah erlaubte uns, mitzuhelfen. Als die Arbeit getan war, offenbarte er mit strahlendem Gesicht, dass wir jetzt zur Familie gehören. Von da an veränderte sich etwas im Alltag. Das Zusammensein war entspannter und herzlicher. Die Frauen, die sich vorher im Hintergrund gehalten hatten, brachten sich aktiver in die Unter­haltungen ein. Mittlerweile waren wir auch mit der Sprache vertrauter, sodass die Kommunikation etwas glatter verlief und wir sogar Späße machen konnten.
Am meisten Bosnisch lernten wir, als wir den Kindern UNO beibrachten. Das Kartenspiel selbst war eine Kommunikationsform, die ohne viele Worte auskam. UNO wurde der Hit in der Familie. Nach und nach wurden auch die Älteren in seinen Bann gezogen, bis wir schließlich in der großen Familienrunde Partie um Partie spielten.
Auch die Nachbarn nahmen von unserer ­An­wesenheit Notiz. Anfangs herrschte Neid. Warum wohnen die reichen Deutschen ausgerechnet bei Emrah? In den ersten Tagen gab es viel Streit darüber. Erst als wir jeder Familie ein Hühnchen aus dem Supermarkt mitbrachten und damit zum Ausdruck brachten, dass wir ­ihnen keineswegs Emrahs Familie vorzogen, wendete sich das Verhältnis zum Guten.
Beim Abschied rief Frank die Familie zusammen, um sich zu bedanken, und Gerson Witzlau, der OJC-Partner in Bosnien, übersetzte seine Worte. Die Familie war ganz still und wir spürten, dass auch ihnen der Abschied naheging. Von draußen kamen die Nachbarn herzu und jeder bat uns, unbedingt wiederzukommen. Wenn man bedenkt, wie holpernd unser Besuch begonnen hatte und welche Herzlichkeit beim Abschied herrschte, kann ich Gott nur danken für all das Vertrauen und Miteinander, das in diesen Tagen zwischen uns gewachsen ist.

Von

  • Christoph

    aus Hamburg gehörte zum Jahresteam 2013/14. Er macht z. Zt. ein Praktikum für das Studium der Landschaftsarchitektur.

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