Gott und seine Rotznasen

Gott und seine Rotznasen

Hierarchie mal anders. Eine Betrachtung zu Lukas 9, 46-48

Es kam aber der Gedanke unter sie, welcher unter ihnen der Größte wäre. Da aber Jesus den Gedanken ihres Herzens erkannte, nahm er ein Kind und stellte es neben sich und sprach zu ihnen: Wer dies Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß. Lukas 9, 46-48

Ich möchte Sie heute auf eine Reise mitnehmen. Dort, wo wir hingehen, ist es warm, sogar heiß. Die Sonne brennt vom wolkenlosen Himmel, rotbrauner Staub wirbelt auf bei jedem Schritt, den wir auf die festgetretene Erde setzen. Das Gras am Wegrand beginnt bereits zu verdorren, so lange hat es nicht geregnet. Da vorn verdunkelt eine dichte Staubwolke den Horizont. Wir kommen näher und sehen: Es ist eine WG – eine Wandergesellschaft, ein Rabbi mit der Schar seiner Schüler – nichts Ungewöhnliches in dieser Gegend. Ungewöhnlich höchstens, dass der Rabbi jung ist, so um die 30, und gekleidet wie ein Handwerker. Auch die jungen Männer, im Alter zwischen 15 und 25, sind verschwitzt und verstaubt, sie haben offensichtlich einen langen Weg hinter sich. Die Hitze scheint sie nicht zu stören, aufgeregt und begeistert reden, lachen und diskutieren sie.

Sie besprechen die Ereignisse der vergangenen Tage und Wochen. Jesus, ihr Rabbi, ist offensichtlich auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit und Wirksamkeit. Sie werden begeistert und gespannt von den Menschen in den Dörfern und Städten des galiläischen Berglandes empfangen, wo immer sie Station machen. Da ist von einem Mädchen die Rede, das tot gewesen war und das ihr Meister wieder ins Leben gebracht hat. Zwölf Jahre alt soll sie gewesen sein. Und von ihrem ersten eigenständigen „Outreach“, zu dem Jesus sie ausgesandt hat, immer zwei und zwei. Wahnsinn, was da passiert war: Sie selbst konnten plötzlich alle öffentlich predigen, es hörte sich fast an, als ob Jesus selbst reden würde. Kranke wurden gesund und sogar Dämonen fuhren aus – auf ihr Wort hin! Sie konnten sein wie Jesus, konnten tun, was sonst nur Jesus tat! Unglaublich!

Als sie zurückkamen, um Jesus begeistert von ihren Erlebnissen und Erfolgen zu erzählen, sammelte sich eine so große Menschenmenge um sie, dass sie fast erdrückt wurden. Dann kam der Abend und alle hatten Hunger. Andreas war es, der den kleinen Jungen mit den fünf Gerstenbroten und zwei gebratenen Fischen fand. Aber was war das schon unter so viele? Jesus aber nahm das Angebot an und dankte Gott ganz aufrichtig dafür, brach die Brote in Stücke und legte sie ihnen in die Hände, damit sie sie an die Menschen austeilten, die inzwischen im Gras Platz genommen hatten. Immer wieder kamen sie zu Jesus zurück und immer hatte er noch etwas, das sie weitergeben konnten – bis alle satt waren.

Als kurz darauf Petrus, ihr Anführer, auszusprechen wagte, was alle dachten: Du bist der Christus! – da widersprach Jesus nicht! War nicht auch das, was Petrus, Johannes und Jakobus danach mit Jesus auf dem Tabor erlebt hatten, ein Zeichen dafür, dass der Himmel auf Erden angebrochen war? Mose und Elia! War doch ganz klar, was das bedeuten sollte: Das messianische Reich brach an! Jetzt endlich! All das, worauf ihre Eltern und Großeltern und deren Eltern und Großeltern gewartet hatten, wurde jetzt wahr. Und sie waren dabei!

Was für Aussichten: blühende Landschaften, Brot für alle, endlich! Die römischen Machthaber würden aus dem Land getrieben und der verlogene Klerus aufgemischt! Ein freies Land für freie Bürger würde entstehen! Und sie mitten drin. Sie, die jetzt reden, heilen, sein konnten wie Jesus, würden mitmischen und notfalls mit Gewalt allen klar machen, dass Jesus die Antwort auf die großen Fragen des Lebens ist. Mit seiner Hilfe würden sie das Land neu aufbauen und alles besser machen, was die Alten verbockt hatten. Sie würden gerecht regieren – denn sicher würde Jesus sie als seine Vertrauten an der neuen Regierung beteiligen.

An dieser Stelle gerät das eben noch so fröhliche Gespräch ins Stocken. Wie war das mit „den Vertrauten“? Warum eigentlich durften nur Petrus, Johannes und Jakobus dabei sein, als Jesus das Mädchen vom Tod auferweckte? Und auf den Berg hatte er auch nur sie mitgenommen. Sind die etwa wichtiger? Bloß weil sie die ersten Jünger waren? Würden sie dann auch die Ersten im neuen Reich sein? Das wäre ja wieder typisch und total ungerecht. Hitzköpfe wie Johannes und Jakobus würden noch alles ruinieren! Und Petrus, der immer alles besser wusste, konnte eine echte Landplage sein. Hatten die sich etwa so nah an ihn gehalten, damit sie die besten Plätze ergattern können, wenn es soweit ist? Das geht doch nicht. Jetzt werden Profis gebraucht, die das Land voranbringen! Leute, die wissen, was sie tun und wie man es tun muss – das wird Jesus doch hoffentlich klar sein! Wenn man nur wüsste, wie er sich das eigentlich gedacht hat? Wem wird er wohl welchen Posten anvertrauen?

Unmerklich ist die Gruppe stehengeblieben. Sie befinden sich jetzt nah bei einem Dorf. Schon kommen die Dorfkinder angerannt, aber die Jünger haben keinen Blick für sie. Immer heftiger fliegen Worte hin und her. Die Gesichter röten sich, vor Hitze und vor Ärger. Jemand stößt die Faust in die Luft, ein anderer bückt sich und hebt einen dicken Stock auf – da dreht Jesus sich nach ihnen um. Eine Weile blickt er sie nur an, kommt dann die paar Schritte zurück und greift sich im Vorbeigehen einen Jungen aus dem Rudel der Dorfkinder, das sich in Vorfreude auf eine deftige Prügelei zusammengedrängt hat.

Jesus nimmt einen vier- oder fünfjährigen Knirps und stellt ihn neben sich in den Kreis der Erwachsenen. Der Kleine grinst über das ganze ungewaschene Gesicht und zieht geräuschvoll die Nase hoch. Sein rechtes Knie blutet, aber das scheint seine Begeisterung nicht zu stören. Jesus schaut, immer noch schweigend, in die Runde.

Hier, an der spannendsten Stelle, halten wir die Geschichte an. Wir stehen sozusagen zwischen Jakobus und Johannes und Andreas und Philippus und wie sie alle heißen, und sehen auf den Steppke vor uns mit Rotznase und aufgeschlagenem Knie. Und wir fragen uns wie sie: Was heißt das: Wer der Kleinste ist unter euch, der ist groß? Was hat ein Kind mit uns und unseren Plänen für Gottes Reich zu tun?

Die Jünger sind – gelinde gesagt – verdutzt. Sie sind mit der Rangverteilung im Reich Gottes beschäftigt und nun sagt Jesus ihnen, dass der Maßstab, um Groß und Klein, oben und unten zu beurteilen, ein Kind sei. Nicht er selbst, sondern ein Kind.

So wichtig ist Jesus dieses Kindsein, dass er es buchstäblich in die Mitte rückt. Es lohnt sich also, einmal genauer hinzuschauen, was das bedeuten könnte, denn es geht ja nicht um einen frommen Wettbewerb nach dem Motto „Wer ist der Kleinste?“.

Das Kind ist ein Anfänger

An Reife und Größe im Reich Gottes zuzunehmen, bedeutet nicht, eine Erfahrung auf die andere zu schichten und eine Erkenntnis mit der nächsten zu zementieren. Es geht nicht einmal darum, alles zu verstehen und mit den tiefsten Gedanken fertig zu werden. Es geht überhaupt nicht ums Fertigwerden, sondern ums Anfangen – immer neu anfangen und sich danach ausstrecken, dass Gott in mir und mit mir immer neu anfängt. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde und Im Anfang war das Wort – das ist der gewaltigste Anfang, aber auch jeder neue Morgen seitdem ist ein neuer Anfang, ein neuer Versuch Gottes mit uns. Gott liebt Anfänge. Ob ER das Anfangen immer wieder braucht, weiß ich nicht, aber wir Menschen brauchen es, denn es erinnert uns daran, dass wir alle den eigentlichen Anfang noch vor uns haben. Auch in unserem Zusammenstehen in der Gemeinde, in der Gemeinschaft ist vielleicht nicht so sehr gefordert, mit allen Fragen fertig zu werden, als vielmehr bereit zu sein, jeden Tag neu miteinander anzufangen.

Das Kind lebt vom Empfangen

Ein Kind hat und besitzt erst einmal gar nichts, es ist darauf angewiesen, dass ihm alles gegeben wird. Alles ist für das Kind eine Gabe. Es wird unser Zusammenleben von Grund auf umkrempeln, wenn wir den Gedanken wagen: Ich lasse mir den anderen als eine Gabe von Gott geben. Das reicht aber noch weiter: Jesus hat einmal gesagt: Alles, was mir der Vater gibt, kommt zu mir (Joh 6,37). Er weiß sich selbst ganz arm und darauf angewiesen, dass Gott, der Vater, ihm gibt. Sein Wesen ist Liebe und seine Liebe wäre eine unglückliche, wenn er sich nicht jene (Menschen) geben ließe, die er lieben kann und die sich von ihm lieben lassen. Das heißt, Jesus lässt sich mit uns beschenken. Was für eine Vorstellung: Der andere, auch der, der mir schwer fällt, ist ein Geschenk Gottes an Jesus! Ja noch mehr: Ich selbst bin eine Gabe Gottes an Jesus und Jesus lässt sich mit mir beschenken.

Das Kind ist ein Dilettant

Das Wort Dilettant hat einen abwertenden Beigeschmack. Wenn wir sagen, etwas ist dilettantisch ausgeführt, meinen wir, dass es unprofessionell oder oberflächlich gemacht ist. Doch „dilettieren“ist vom lateinischen Wort delectare abgeleitet und bedeutet ursprünglich sich erfreuen. Ein Dilettant ist also ein Amateur, das heißt ein Liebhaber, der eine Sache um ihrer selbst willen ausübt, weil sie ihn erfreut, der aus Interesse, mit Vergnügen und mit Leidenschaft dabei ist. Wenn Kinder Höhlen bauen, basteln, Fußball spielen oder ihre Puppe versorgen, tun sie es so selbstvergessen, mit solcher Hingabe und Liebe, dass in diesem Augenblick alles andere unwichtig wird. Es geht ihnen nicht darum, alles richtig und ja keine Fehler zu machen. Sie sind ganz der Sache hingegeben und füllen sie mit ihrer ganzen Person aus.

Jesus selbst hat auf die Profi-Rabbi-Rolle verzichtet, als er mit zwölf Jahren – an der Schwelle zum Erwachsensein – mit seinen Eltern zurück nach Nazareth ging und Handwerker wurde, statt in Jerusalem die Schrift zu studieren. Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass wir eine Sache richtig gut können und uns viel Fachwissen aneignen, doch wenn es um die letzten Dinge, um das Reich Gottes geht, braucht Gott uns als Dilettanten und Amateure, als Sich-Erfreuende und leidenschaftliche Liebhaber. Denn diese Welt wird nicht durch unsere Kompetenz lebens- und liebenswerter, sondern dadurch, dass wir uns vorbehaltlos hineingeben in das, was uns aufgetragen ist, und das Leben segnen, wo und wie immer es uns entgegenkommt.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

    Alle Artikel von Rebekka Havemann

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