Jenseits der Komfortzone

Jenseits der Komfortzone

Erleben, Begreifen, Wagen im Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg

Die einen lassen sich nicht mal auf einen Versuch ein. Die anderen preschen kopflos vor. Die einen beteuern, dass sie das noch nie konnten. Die anderen achten nicht auf die Vorsichtsmaßnahmen. Die einen wollen von Anfang an alles richtig machen. Die anderen lassen's drauf ankommen. Ob es balancieren, kneten, malen, raten, schaukeln, klettern, fallen, tragen, reden oder Gefühle zeigen ist: im Erfahrungsfeld geht es in Echtzeit und ganz selbst-aktiv zu. Nicht zuschauen ist angesagt, sondern sich einbinden lassen in konkrete Aktionen. Sich und die anderen neu erleben, dabei etwas begreifen und dann mutig etwas wagen. Dabei tritt deutlich zutage, dass dann, wenn das Wagnis des einen anfängt, wenn sein Puls schneller geht, sich eine andere womöglich noch völlig entspannt bewegt. Was so selbstverständlich klingt, ist in der Praxis der Beziehungsgestaltung eine grundlegende Bewährungsprobe: Keiner kann alles, niemand ist das alleinige Maß aller Dinge. Das Schielen auf die Stärken der anderen bringt nicht weiter, wohl aber der beherzte Einsatz dessen, was ich habe.

Ich und die anderen erfahren uns neu

Und genau dazu bietet das Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg den Besuchern reichlich Gelegenheit. Die Gruppen-Aufgaben sind so ausgelegt, dass sie in unterschiedliche Richtungen herausfordern: Da braucht es die Planerin ebenso wie den Breitschultrigen, die mit der ruhigen Hand ebenso wie den Seiltänzer, die Zögerliche ebenso wie den Spontan-Täter. „Mach mit! Was du kannst, wird gebraucht!“, ermutigen wir die Gäste. Gelegentlich kommt noch eine Schwierigkeitsstufe hinzu. Wir vergeben gezielt Handicaps: Dann versucht eine mit verbundenen Augen gemeinsam mit einem, der nicht reden darf, und einer Dritten, der die Hände gebunden sind, über einen schmalen Stamm zu gelangen. Oder jeder hat nur einen Farbstift in der Hand, aber es soll ein einziges farbiges Bild gemalt werden. Jedes Handicap kann sich dabei als besondere Chance entpuppen. Die Begrenzung des einen kann für die andere zur Chance werden. Die Aufgabe ist dann wirklich gelöst, wenn jeder Mitspieler seine eigenen Grenzen annimmt und innerhalb dieser Grenzen mutig etwas wagt.

Ich bin doch (k)ein Elefant!

Die Erlebnispädagogik zieht vielfach ein sogenanntes „Lernzonen-Modell“ heran. Darin werden mit Hilfe von konzentrischen Kreisen persönliche Erfahrungsräume sichtbar gemacht: Da gibt es den Bereich der Tätigkeiten, Situationen oder Aufgaben, die gewohnt, vertraut und überschaubar sind. Den nennen wir „Komfortzone“. Wer allerdings davon ausgeht, dass dieser Bereich nicht erweiterbar ist und in diesem Wirkungradius verharrt, wird sein Leben nur schwer entfalten können. Wie der kleine Elefant, der als Jungtier in Gefangenschaft die Erfahrung machte, dass er sich von dem Seil, mit dem er gebunden war, nicht losreißen konnte – und deshalb auch als ausgewachsener Koloss nicht mehr versuchen wird, das eigentlich leicht durchtrennbare Seil zu zerreißen. Er bleibt in seinen eingebildeten Grenzen; aus Gewohnheit, aus Sicherheitsbedürfnis. Erst in der „Lernzone“ pocht das Herz schneller und verfliegt die Gemütlichkeit. Und das sogar bis hinein ins Gehirn. Da werden nämlich im System Synapsen, neue Verbindungswege gebaut. Eben solche, die es vorher noch nicht gab, weil das Gehirn diese Aufgabe noch nie zu lösen hatte. Erst im „Aktivierungsmodus“ lernen wir. Jeder startet an einem anderen Punkt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das Erfahrungsfeld will keiner Dauer-Adrenalin-Situation Vorschub leisten, die einen früher oder später in die „Panikzone“ katapultiert. Der Elefant könnte das Seil zerreißen, aber er könnte nie fliegen, und es wäre verhängnisvoll, wenn er versuchen würde, sich durch das Schlagen mit den Ohren in die Luft zu erheben. Lernzone fühlt sich nach Risiko an, nicht nach Panik. Pflöcke werden ein wenig weiter gesteckt als gewohnt, Grenzen werden ausgedehnt. In der Lernzone kann man sich sehr lebendig fühlen. Von Langeweile keine Spur.

Ich werde belohnt

Damit die Besucher des Erfahrungsfeldes sich freiwillig auf kleine Wagnisse einlassen, veranschaulichen wir ihnen das Lernzonenmodell. Große Kreise auf dem Boden markieren die Zonen. Zu bestimmten Situationen wie z. B. Überholen auf der Autobahn, ein neues Konzept im Beruf einbringen, Fehler einsehen und zugeben, das Handy am Feierabend anlassen oder ausschalten, positionieren sich die Teilnehmer selbst im jeweiligen Ring. Das allein fordert schon Ehrlichkeit mit sich selbst und Achtsamkeit und Respekt anderen gegenüber. Und damit sind wir schon mitten drin in der Lernzone.

In den Aktionen erleben wir, wie ein Konfirmand seiner tief sitzenden Furcht vor Blamage trotzt und sich auf eine Leiter wagt, die nur von einem Gleichaltrigen gehalten wird. Eine andere steigt trotz Furcht und Platzangst ins Verlies und wird in der dunklen Tiefe von einem Zuspruch überrascht. Oder der Mann in mittlerem Alter und gehobener Position, dessen Alltag sich durch viele Verpflichtungen in so engen Grenzen abspielt, dass ihm die innere Freiheit zum Spielen und Ausprobieren fehlt, lässt sich auf einmal ganz beglückt auf ein Experiment ein – wie ein Kind. Und der Lohn? Das ist Freude und Erleichterung über die bewältigte Herausforderung, die sich oft ganz sichtbar und hörbar bei den Besuchern äußert: Ein Freudenschrei, ein Abklatschen, ein tiefes Durchschnaufen, ein breites Lächeln, manchmal auch: „Darf ich es gleich noch mal versuchen?“

Die Botschaft im Erfahrungsfeld lautet: Erprobe deine Möglichkeiten! Erprobe dich und erprobe, was Gott noch für dich bereithält. Denn er, der dich kennt, hat viel mehr für dich in Petto. Er stellt deine Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9). ■

Von

  • Ute Paul

    Pädagogin und pädagogische Leiterin des ­Erfahrungsfeldes „Wege zum Leben“ auf Schloss Reichenberg.

    Alle Artikel von Ute Paul

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