Liebe Freunde

Der Mensch weiß nicht, wie er sich einordnen soll.Er ist offensichtlich verirrt und von seinem wahren Standort gefallen,ohne ihn wiederfinden zu können.Er sucht ihn überall, in undurchdringlicher Finsternis, voll Unruhe und ohne Erfolg. Blaise Pascal – Gedanken [133]

 

Für meine Kinder ist die Blaupause ein Relikt aus dem analogen Zeitalter. Meine Eltern nutzten die Blaupause noch fast täglich in ihrem kirchlichen Dienst, um Durchschläge für die Ablage oder zur Weitergabe zur Verfügung zu haben. Als Praktikant im Architekturbüro stand ich häufig vor einem Lichtpausgerät, umnebelt von Ammoniakdämpfen, um eine Blaupause von einer technischen Zeichnung für die Baustelle herzustellen. Dieses Verfahren war mal mehr, mal weniger praktisch, doch eines war immer klar: An der Kopie erkennt man, dass es ein Original gibt.

Angekommen im satten Grün des Frühlings, folgen wir weiter der Spur unseres Jahresthemas „Was ist der Mensch?“ Im ersten Heft „Gott fällt immer aus dem Rahmen“ fragten wir nach dem Original. Denn die Suche nach dem Menschen ist immer auch eine Suche nach seinem Ursprung. Diesmal geht es um die „Blaupause“, dem Abbild vom Urbild. Der Schöpfungsbericht bezeugt: Der Mensch ist ein lebendiger und sichtbarer Beweis für die Existenz Gottes. Jeder Einzelne und alle zusammen verweisen auf den Einen, der vollkommen und einzigartig ist, der keine anderen Götter neben sich duldet. Einer, der sich auf die Suche nach dem Menschen begibt und sich uns auf vielfältige Weise offenbart. Jeder von uns ist in sich ein Unikat, und ist doch im Gegensatz zum Urbild für sich selbst noch nicht vollendet. Er ist und bleibt Empfänger, Anfänger und ewiger Dilettant. Was damit gemeint ist, erläutert Rebekka Havemann an den „Gott und seine Rotznasen“ (S. 56).

Der begrenzte Mensch

Trotz seiner Beschränkungen aber hat der Mensch in der Schöpfung einen besonderen Stand. Zum Bilde Gottes erschaffen sind Mann und Frau das „Kunstwerk im Kunstwerk“ des Gartens Eden. Als „Gottesstatue“ (Norbert Lohfink) ist das Menschenpaar gut aufgestellt, mit Sachverstand im Haus der Schöpfung installiert und überdies mit Herrlichkeit und Würde ausgestattet. Wie diese Sicht auf unseren Ursprung das kulturell tradierte Verständnis von der Menschenwürde prägt, hat uns Pfarrer Dr. Stefan Kunz an einem Kommunitätstag im Januar auf inspirierende Weise ausgewickelt (S. 60).

Die Menschenwürde ist der Mittelpunkt des deutschen Grundgesetzes, das Zentrum, von dem aus sich unsere Verfassung entfaltet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1 GG). Ralph Pechmann legt in seinem Beitrag dar, wie neuerliche Deutungen und Kommentare den Rechtsbegriff der Würde neu definieren (S. 82). An die Stelle der auch juristischen „Unantastbarkeit“, die die Würde jeglicher subjektiven Deutung und Abwägung enthebt, tritt ein Verständnis von Würde als ein im Wandel der gesellschaftlichen Werte sich veränderndes „Optimierungsprinzip“. Ein Konzept, für das allen voran Susanne Baer, Verfassungsrichterin und ehemalige Leiterin des Berliner GenderKompetenzZentrums, plädiert. Diese Neudefinition der Würde-Klausel ist ein „Dammbruch in der Rechtsgeschichte“ (Thomas Kreuzer), über dessen Konsequenzen sich die wenigsten im Klaren sind.

Die zunehmende Unklarheit in der Frage, was der Mensch ist und wer ihn definieren darf, ist die Ursache für Verwirrung und Orientierungslosigkeit. In Gesellschaft, Politik und Kirche erleben wir, dass der Mensch „von seinem wahren Standort gefallen“ (B. Pascal, Gedanken) ist. Die Koordinaten, die die biblische Tradition als von Gott gesetzte, lebensverheißende Ordnungsrahmen benennen, werden sukzessive aufgelöst. Umso wichtiger ist, dass wir wieder neu sichtbar und hörbar werden, unsere Stimme erheben und bekennen, wer und was uns trägt. Eine gute Gelegenheit bietet dazu der „Christustag“ in Stuttgart am 19. Juni 2014. Kommen Sie und unterstützen Sie den Aufruf „Zeit zum Aufstehen“ (www.zeit-zum-aufstehen.de) und besuchen Sie uns am OJC-Stand (S. 62)!

Der entgrenzte Mensch

Schon das erste Menschenpaar im Schöpfungsbericht hat der Versuchung nachgegeben, die Grenzen des Seins nach eigenem Gutdünken zu definieren und über sich selbst zu verfügen. Seither will der Mensch autonom sein und bestimmen, was das eigene Leben lebenswert macht und was nicht. Mit der Ausweitung der technischen Möglichkeit ist uns heute vieles möglich, was vorher unvorstellbar war – und das wirkt zurück auf unser Selbstverständnis. Die im Grundgesetz als unverfügbar bestimmte Würde wird nun als Argument ins Feld geführt, um in einem noch nie dagewesenen Maße über das Leben verfügen zu können, im Extremfall über die Produktion eines neuen Menschenlebens bzw. über sein Ende. Die Kehrseite dieses Zugewinns an Verfügungsmacht ist der Verlust der Fähigkeit, aus dem Empfangen zu leben und sich und andere leben zu lassen. Während es früher als Ausdruck höchster Würde galt, auch sein Schicksal und das darin enthaltene Leiden hin- und anzunehmen, wird im Zeitalter der Machbarkeiten jegliche Ohnmachtserfahrung zunehmend als „würdelos“ empfunden. Dass das Leben in jedem Stadium und selbst unter schmerzvollen Erschwernissen seinen Sinn und seine Würde in sich selbst trägt, und dass in jeder Verfassung des Menschen noch ein unerschöpfliches Potenzial des Lebens steckt, darauf weist das beschwingende Interview mit Birgit Hein hin (S. 66). Sie versteht es, ihr Leben auch angesichts der Diagnose Parkinson als Geschenk zu bejahen und als Herausforderung kreativ zu gestalten.

Der segmentierte Mensch

Letztlich geht es auch in der Debatte über den Baden-Württembergischen Bildungsplan 2015 um die Frage, welches Menschenbild unserem Verständnis von Würde und Menschenrecht zugrunde liegt. Der elterliche Unmut, der sich bereits über die Landesgrenzen hinaus auf der Straße und in der Tagespresse Luft macht, war ein Erfolg des „Aufstehens“ gegen vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Der Bildungsplan 2015 soll nochmals einer Überarbeitung unterzogen werden. Es wäre sehr zu wünschen, wenn der Gesetzgeber die impliziten Denkverordnungen nochmals überprüfen würde: Erstens jenes Verständnis von Sexualität, das ein von Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit entkoppeltes Konsumverhalten propagiert.

Zweitens jene Pädagogik, die Identität und biologisches Geschlecht als voneinander trennbare Wirklichkeiten versteht und die daraus resultierende Vielzahl von Identitätskonstrukten als normatives Wertesystem etablieren will. Drittens jene unkritische Genderperspektive, die die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen negiert und deren erklärtes Ziel es ist, Mann und Frau als „Ordnungskategorien in Frage zu stellen und ihnen ihre Selbstverständlichkeit zu nehmen.” * Unsere Kirche assistiert all dem mit ihrem gegenderten Bibelverständnis. Nachdem die EKD mit der „Orientierungshilfe“ zur Ehe und Familie bereits neue Gefilde der Sexualmoral und Sittlichkeit erschlossen hat, kündigt sie nun an, mit ihrem Studienzentrum für Genderfragen „der Vielfalt menschlicher Begabungen auf allen Ebenen ohne Einschränkungen durch Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentitäten“ zur Entfaltung zu verhelfen. Wäre angesichts des Anstiegs der Scheidungsrate, der grassierenden Alterseinsamkeit, der Not der Scheidungskinder und des nach wie vor angespannten Verhältnisses zwischen den Geschlechtern ein Nachdenken über gelebte Versöhnung zwischen Mann und Frau und zwischen den Generationen nicht nur dringlicher, sondern auch weitaus zukunftsweisender? Der Protestantismus, der die Familie als sakramentalen Ort und unverzichtbaren „Nukleus“ des mündigen Christenlebens wiederentdeckt hatte, sollte diese Kernkompetenz wieder neu in den Fokus nehmen.

Es braucht eine aus dem Geist der Reformation erneuerte theologischanthropologische Fundierung und Begründung des Menschen, die Männer und Frauen lehrt, mit ihrem Menschsein, mit ihrem Leib, ihrer Sexualität und ihrer göttlichen Herkunft versöhnt zu leben. Denn dort, wo der Mensch sich findet, da findet er Gott und wo er Gott findet, findet er sich selbst. Das ist unsere Erfahrung aus über vierzig Jahren gemeinsamen Lebens und Forschens im OJC-Auftrag. Unsere Hoffnung setzen wir dabei nicht auf die eigene Klugheit und Kraft, sondern auf Gottes Verheißungen. So laden wir herzlich zu unserer Sommerakademie vom 21.-25. Juli ein, in der wir uns theologisch und anthropologisch fundiert mit dem Thema „Was ist der Mensch?“ auseinandersetzen möchten. Miteinander arbeiten wir weiter an einer biblisch inspirierten Vision für den Menschen, für Mann und Frau und für unser Miteinander (S. 94).

Wir positionieren uns neu

Neue Gewitterwolken brauen sich gerade über Kassel zusammen, wo im Rahmen des Kongresses „Sexualethik und Seelsorge“ des Weißen Kreuzes Dr. med. Christl Vonholdt, die Leiterin unseres Instituts für Jugend und Gesellschaft, über das Thema „Als Menschenkinder in der Identität wachsen“ referieren wird. Der medienwirksam inszenierte Protest ist uns schon vertraut. Das erste Mal war der Stein des Anstoßes ein Seminar beim Christival 2008 zum Thema Homosexualität, das ich mit einer Mitarbeiterin zu verantworten hatte. Damals wurde in Funk und Presse gegen uns Stimmung gemacht und das Christival in der öffentlichen Darstellung auf dieses Thema reduziert. Wir hatten, um die Veranstaltung zu entlasten, das Seminar zurückgezogen. Die erhoffte Deeskalation aber blieb aus und die gelenkte Empörung entlud sich in Angriffen auf Seminare von anderen Organisationen. Beim APS-Kongress (Akademie für Psychotherapie und Seelsorge) in Marburg 2009 erhitzten sich die Gemüter an der Ankündigung der Seminarevon Markus Hoffman (wuestenstrom, Tamm) und C. Vonholdt. Der Tumult eskalierte, sodass schließlich 1000 Polizisten den Kongress schützen mussten. Auch für 2014 in Kassel mobilisiert der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland. Für die Grünen in Hessen ist das ein willkommener Anlass, um die Verunmöglichung der OJC-Arbeit voranzutreiben. Es werden erneut Forderungen laut, uns und diesmal auch das Weiße Kreuz aus dem Diakonischen Werk auszuschließen. Wieder möchten wir den Angriff und die negative Publicity als ungebetene Chance zur Positionierung und Klärung nutzen. Und wieder bitten wir um Ihre Fürbitte und Ihr Mittragen.

Wir formieren uns neu

Die OJC-Gemeinschaft ist in Bewegung, sie befindet sich mitten im Um- und Aufbruch! Die Umwidmung von Schloss Reichenberg als Erfahrungsfeld hat innerhalb eines Jahres zum Umzug von sieben Haushalten innerhalb von Reichelsheim geführt; Rebekka Havemann wird im Sommer nach Greifswald ziehen, um das Team an der Ostsee zu unterstützen. Damit stellen wir sicher, dass in unseren Zentren junge Gefährten in Verantwortung treten, sodass der Auftrag der OJC in die Hände der kommenden Generation übergehen kann. Außerdem sind drei neue Familien am Horizont, sie werden bis zum Jahresende zu uns stoßen. Und Claudia Groll, Mitarbeiterin im Gästehaus, wechselt nach einem Jahr des Mitlebens in den Assoziiertenstatus. Sie will prüfen, ob ihre und unsere Berufung in eine gemeinsame Zukunft führen.

Auch unser Drei-Generationen-Gefüge fordert eine Neuorientierung. Immer mehr Pioniere der Anfangszeit treten in den aktiven Ruhestand. Wir Jungen schauen dankbar und voller Achtung auf das Werk, das sie gegründet und mit ihrem Leben getragen haben. Dankbar erlebe ich das gute Miteinander und den gelingenden Stabwechsel. Das ist alles andere als selbstverständlich. Miteinander suchen wir nach gangbaren neuen Wegen, auch nach Wegen, das hohe Alter mit all seinem Reichtum und seinen Beschwernissen in das Leben der Kommunität zu integrieren. Das erfordert Geduld, Kreativität und neuerlichen Pioniergeist.

10 Jahre ojcos-stiftung

Irmela Hofmann, die zusammen mit ihrem Mann Horst-Klaus die OJC gründete, hatte stets den Wunsch, ein Instrument zu schaffen, das nicht nur nachhaltig hilft, die vielfältigen Dienste der OJC zu finanzieren, sondern darüber hinaus dazu beiträgt, Ruheständler, die ein Leben lang im missionarisch-diakonischen Dienst von Taschengeld und minimalen Einkünften gelebt haben, verlässlich zu unterstützen. Ein Jahr nach Irmelas Tod konnte die OJC am 20. Juli 2004 mit dem Nachlass unseres Schweizer Freundes Marcel Wyss die ojcos-stiftung gründen. Der Name der Stiftung erinnert, abgesehen vom C aus OJC, an das griechische Wort oikos, dessen Grundbedeutung Haus oder Gebäude ist. Davon leiten sich auch die Begriffe Ökonomie, Ökologie und Ökumene ab. In der Bibel steht oikos für das „Haus Gottes im Geist“ und bezeichnet die lebendige und gelebte Gemeinschaft in Christus. Solche weltumspannende Gemeinschaft erleben wir als barmherzig, nachhaltig und innovativ – und genau diese Erfahrung wollen wir durch die Arbeit der ojcos-stiftung weitergeben (S. 78). Ganz im Sinne von Irmelas Wahlspruch: „Liebe ist die einzige Währung, die im Himmel noch gültig ist!“

Tag der Offensive

Dem Himmel ein bisschen näher kommen wir immer an Himmelfahrt. Auch in diesem Jahr wollen wir den Herrschaftsantritt des Auferstandenen mit Ihnen feiern. Bei seinem Abschied versprach Jesus den Jüngern, dass sie die Kraft des Heiligen Geistes empfangen würden. Es ist dieselbe Kraft, die uns heute hilft, am Puls der Zeit zu bleiben und unserer Zeit offensive Impulse und hilfreiche Anstöße zu geben. Herzliche Einladung zum Tag der Offensive! Wir freuen uns, wenn auch Sie dazustoßen (S. 96)!

In diesem Sinne: Viel Kraft und Gottes Segen in dieser vorsommerlichen Zeit! Mögen die Blaupausen Gottes – gemäß seinem Bild in uns – an Farbe und Profil gewinnen.

Ihr

Konstantin Mascher, Prior

* Jutta Hartmann: Vielfältige Lebensweisen transdiskursiv. Zur Relevanz dekonstruktiver Perspektiven in Pädagogik und sozialer Arbeit. In: Jutta Hartmann (Hg.): Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationsdiskurs. Innsbruck 2004, 18.

Von

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