Gut Aufgestellt

Die Menschenwürde im Spiegel des Schöpfungsberichtes

Von Stefan Kunz

Auf die Frage, welches Bibelwort am stärksten in die Gesellschaft, die Politik und das Rechtswesen hineingewirkt hat, gibt es eine ganz einfache Antwort. Es ist dieser eine Satz aus Genesis 1, 26: Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei. (Luther 1984). Alles, was sich historisch im Begriff der Menschenwürde verdichtet, wurzelt in diesem Bibelvers – eine schmale Grundlage von ungeheurer Bedeutung. Genesis 1 ist ein Hymnus. Er besingt die Erschaffung der Welt, in deren Kontext die Bedeutung der Ebenbildlichkeit des Menschen erst verständlich wird.

Angewiesen

Am ersten Tag scheidet Gott das Licht von der Finsternis, er scheidet den Tag von der Nacht, und begründet damit die Zeit. Am zweiten Tag schafft er das Himmelsgewölbe. Gott errichtet damit einen wunderbaren Schutzraum, in dem das künftige Leben gedeihen kann. Vom dritten Tag wird berichtet, dass Erde und Wasser sich trennen und Gott befiehlt: Die Erde lasse aufgehen allerlei Kraut und Grün. Hier erklärt Gott die Erde gleichsam zu seiner Mitarbeiterin. Juden und Christen glauben, dass Gott allmächtig ist und alles kann, aber nicht alles alleine machen will. Er möchte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Und die erste ist Mutter Erde. Am vierten Tag dann erscheinen Sonne, Mond und Sterne – das Licht als eigene Dimension, als Urform von Energie und Lebensmöglichkeit. Am fünften Tag wird der Meeresraum gefüllt mit den Fischen und der Luftraum mit den Vögeln. Am sechsten Tag werden die Landtiere erschaffen und zuletzt der Mensch.

Interessant ist, dass der Schöpfungsbericht an zwei Stellen vom Grundschema abweicht: Während es an vier Schöpfungstagen einhellig heißt: Und Gott sprach, es ist gut! (hebräisch tov), fehlt diese Wertung am zweiten Schöpfungstag. Es ist viel spekuliert worden über diese Ausnahme in dem so streng komponierten Text. In der rabbinischen Tradition heißt es, dass dies die einzige Handlung des Schöpfers war, die einer Notwendigkeit folgte und nicht einer zweckfreien, schöpferischen Freiheit; denn erst die Einrichtung einer klaren Trennung zwischen Sein und Nicht- Sein, zwischen Ordnung und Chaos macht die Schöpfung zu einer „Welt“, in dem Leben möglich ist. Die biblische Vorstellung vom Kosmos mit seinen Gesetzmäßigkeiten, die sich nicht dem Prinzip des Zufalls oder der Willkür irgendwelcher Urkräfte verdanken, beinhaltet auch das Wissen darum, dass diese Welt weder sich selbst überlassen ist, noch autark existieren kann. Sie ist darauf angewiesen, dass der Schöpfer den Schutz über ihr aufrechterhält, sie segnet und das Tohuwabohu an seinen Platz verweist.

Herausgehoben

Die zweite Ausnahme ist ebenfalls von zentraler Bedeutung. Am sechsten Tag heißt es: Es ist „sehr gut“. Mit dem Menschen erschafft Gott etwas bzw. jemanden, der sich innerhalb der kunstvollen Schöpfung des Kosmos als Inbegriff künstlerischer Vollendung ausnimmt: ein Kunstwerk im Kunstwerk. Der Mensch erscheint auf der Erde in herausgehobener Stellung. Das erkennt man an der feierlichen Formulierung. Der Alttestamentler Norbert Lohfink, der sich auf die Erkenntnisse der modernen Hebraistik stützt, übersetzt: Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen als unsere Statue, gleichsam in unserer Ähnlichkeit, damit sie herrscherlich weiden den Fisch des Meeres, den Vogel des Himmels, das Vieh und das Wild der Erde und alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott erschuf den Menschen als seine Statue, als Gottesstatue erschuf er ihn, männlich und weiblich erschuf er sie. (Gen 1, 26-27)

Lohfink verwendet das Wort „Statue“ statt des uns seit Luther vertrauten „Ebenbildes“. Das hebräische Wort hier lautet „tselem“. Es meint in seiner ersten Bedeutung jene Statue, die im Tempel der alten orientalischen Gottheiten stand. Lohfink führt aus, wie dieses Standbild Gottes im Schöpfungsbericht positioniert ist: Genesis 1 ist noch nicht wirklich verstanden, wenn man nur das Schema der sieben Tage und der acht göttlichen Werke beachtet. Tiefer dringt man schon, wenn man sieht, dass zunächst ein Raum erstellt und dieser dann mit beweglichen Wesen ausgefüllt wird. ... Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Gott ist Architekt, er baut ein Haus und füllt es an. ... Wir müssen Gebäude vor Augen haben, wie etwa den Felsendom in Jerusalem, diese riesige, wunderbare, goldüberdeckte Kuppel auf schweren Mauern und Pfeilern über dem festen Felsengrund. ... Dann erkennen wir das kosmische Haus dieses Schöpfungstexts, ins Chaoswasser hineingestemmt. Das Himmelsgewölbe oben und die feste Erde unten umfangen den Weltinnenraum, der ein kosmisch dimensioniertes Hausinneres ist. Das Bild sagt Sicherheit und Bergung. Dieses Haus wird ausgestattet. Wie ein Teppich und wie Mobiliar wird die vielfältige Vegetation auf der Erde ausgebreitet und hingestellt. ... In diesem Haus sind für die zu erwartenden Bewohner schon die Tische gedeckt. Sonne, Mond und Sterne werden dann am Gewölbe als Lampen befestigt. ... Dann kommen die Bewohner: All die sorgfältig klassifizierten Tiere des Wassers, der Luft und des Festlands. Sie alle sind Bewohner in diesem kosmischen Haus. So auch, am Ende, der Mensch. Doch er ist noch mehr. Er ist in diesem Haus die ‚Gottesstatue‘.1

Gleichgestellt

Der Mensch ist das Standbild, das den Architekten selbst, den Künstler und Herrn dieses Hauses repräsentiert. Im Kult der antiken Völker war die Macht und die Strahlkraft der Götter in Statuen aus Stein oder Holz oder Metall konzentriert. Die Ägypter hatten als erste behauptet, dass daswahre Götterbild ein lebendiger Mensch sei – und zwar der jeweilige Pharao. Diese gewagte Vorstellung wird im Wortgebrauch der Genesis sozusagen demokratisiert. Das Ebenbild Gottes ist nicht nur der Pharao, sondern der Mensch als solcher. Mann und Frau sind je Ebenbild Gottes. Damit ist schon im Alten Testament die Grundlage gelegt für das, was heute unser Grundgesetz trägt. Die im römischen Imperium aufgestellten Standbilder etwa markierten den Herrschaftsbereich des Kaisers, der zwar in Rom wohnte, aber in dem Standbild an dieser Wegkreuzung oder vor diesem Rathaus präsent war. Die Genesis macht einsichtig, dass Gott uns Menschen diesen Auftrag zudachte, ihn, den unsichtbaren Gott auf dem Planeten Erde zu repräsentieren – in Liebe und Vernunft. Das ist der Auftrag und darin resultiert die Würde des Menschen.

Wirkmächtig

Das Thema Gottebenbildlichkeit taucht an vielen anderen Stellen in der Bibel auf. In Psalm 8 heißt es: Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? (Vers 4-5). Hier fällt ein Blick auf die Nichtigkeit des Menschen – ein Staubkorn im Universum ist er. Warum sollten wir fragwürdigen Wesen bevorzugt werden, wieso sollte uns von Gott her eine besondere Würde zugesprochen werden? Nach der staunend-verständnislosen Frage kommt im nächsten Vers der Aufblick zu Gott und der Psalmist zu der Erkenntnis, dass der Mensch im Bilde Gottes erschaffen ist: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan (V6). Die Ehre des Menschen, seine Würde besteht in seinem Auftrag, die Welt und alles, was lebt, „herrscherlich zu weiden“. Aus dem Auftrag in Genesis 2, den Garten Eden zu bebauen, geht klar hervor, dass unser Auftrag ein Auftrag der Pflege ist: Wir Menschen sollen den Garten bewahren und die Welt bebauen.

Allerdings ist dem Menschen eben diese Würde zur Bürde geworden. Die Bibel bezeugt, dass nach dem Sündenfall dieses Ebenbild beschädigt wurde und Risse bekommen hat. Menschen sind gierig, grausam und unbarmherzig. Sie legen Verhaltensweisen an den Tag, die denen Gottes, seiner Liebe, seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit diametral gegenüberstehen. So bricht durch den Menschen, der die Ordnungen Gottes missachtet, das lebensfeindliche Tohuwabohu in sein Leben ein. Immer wieder muss Gott helfend eingreifen, seinen guten Plan in Verheißungen kundtun und durch sein Gesetz neue Grenzen ziehen, damit ein gedeihliches Miteinander überhaupt möglich wird.

Wiederhergestellt

Der Schöpfer der Welt begnügt sich aber nicht mit Notlösungen. Sein zerstörtes Bildnis wird im Menschen auf originelle Weise wieder geheilt: Gott wird Mensch. In Jesus von Nazareth wird eine Gottesstatue erschaffen, die diesem Auftrag hundertprozentig gerecht wird, denn Jesus war ein Mensch, der den Menschen und der Welt in göttlicher Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit begegnete. Dieser Jesus Christus ist unser Bruder geworden, er nimmt uns mit auf seinen Weg und gibt uns die Kraft, unseren ursprünglichen Auftrag wenigstens ansatzweise wahrnehmen zu können. Wie im Alten Testament, so wird auch im Neuen Testament immer wieder daran appelliert: Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist (Lk 6,36); oder: Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist (Mt 5,48). Vollkommen nicht im Sinne von unfehlbar oder technisch perfekt, sondern von integer, in sich gerundet, ganz im Sinne der ursprünglichen Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen.

Im Gleichnis vom Verlorenen Sohn kommt die dem Menschen innewohnende Würde zum Leuchten. Der Vater nimmt diesen ohne Vorbedingungen an, ohne ihm erst eine Buße aufzuerlegen: Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße (Lk 15,22). Damit ist der Sohn wieder in seine Würde als Erbe, in die Würde der Sohnschaft eingesetzt. Die Menschenwürde ist unantastbar, das ist das Prinzip Gottes. Auch wenn wir durch die Sünde völlig entstellt sind, sieht Gott immer noch sein Kind in uns. Er hat den unbedingten Willen, dass wir zu der ursprünglichen Würde der Gotteskindschaft zurückfinden. Dieses restaurierte Ebenbild taucht im Evangelium immer dann auf, wenn Menschen geheilt werden. Jesus spricht zu dem Gelähmten: Steh auf, hebe dein Bett auf und geh heim (Mt 9,6) oder zu der Tochter des Jaïrus: Er aber nahm sie bei der Hand und rief: Kind, steh auf! (Lk 8,54). Jesus lässt Menschen aufstehen zu ihrer Würde, zu der wir alle geschaffen sind. Sehr deutlich wird das auch in der Heilungsgeschichte der verkrümmten Frau. Sie ist in den Augen aller nur noch ein Häufchen Elend und wird von Jesus wieder aufgerichtet zu ihrer ursprünglichen Würde. Auch diese Frau ist ein Kunstwerk, eine Erbin der Herrlichkeit: Auch sie ist eine Tochter Abrahams (Lk 13,10-17). In und durch Jesus Christus, den Gott selbst vom Tode auferweckt und zur Herrschaft über die ganze erschaffene Welt setzt, wird diese Wiederherstellung manifest, und jeder, der zu Christus gehört, hat Anteil an dieser aufstrahlenden Majestät des Menschseins.

Ins Recht gesetzt

Die Gemeinde Jesu soll dieser neuen Wirklichkeit gemäß leben. Im Jakobusbrief geht es im Zuge der Ermahnungen, die Zunge zu hüten, ebenfalls um das Ebenbild: Denn jede Art von Tieren und Vögeln und Schlangen und Seetieren wird gezähmt und ist gezähmt vom Menschen, aber die Zunge kann kein Mensch zähmen, das unruhige Übel, voll tödlichen Giftes. Mit ihr loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr fluchen wir den Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind (Jak 3,7-9). Wer durch seine Worte die Würde seines Mitmenschen antastet, der vergreift sich am Bild Gottes. Meine Würde ist etwas, das ich in Dankbarkeit annehme, der ich aber auch mit großer Ehrfurcht begegnen muss – bei mir selbst und beim anderen. Denn auch er ist zum Bilde Gottes geschaffen, ob er mir gefällt oder nicht. Ich habe kein Recht, ihm seine Würde abzusprechen, mich über ihn zu setzen. Im menschlichen Miteinander wird unsere Menschenwürde erst real.

Mit Würde gekrönt

Mit der Ausbreitung der christlichen Lehre bricht eine neue Zeit an, in der die Vorstellung von dem unveräußerlichen Recht eines jeden Menschen auf die Unantastbarkeit seiner Würde in nie dagewesener Weise zum Motor der Geschichte wird. Die Gesetze des Volkes Israel forderten schon in großer Klarheit die Achtung der Würde eines jeden, insbesondere der Schwachen, der Armen und Hinfälligen, der Flüchtlinge und Fremden, mit besonderer Sorgfalt zu gewährleisten. Ja, Gott selbst macht sich zum Anwalt der Witwen und Waisen und zum Fürsprecher der Entrechteten. Diesem Appell folgt auch die Gemeinde Jesu Christi und weitet den Anspruch weiter aus – im Einklang mit der Ausweitung des Bundes auf alle Völker. In der Universalität des Taufsakraments, die Männer wie Frauen, Freie und Sklaven, Arme und Reiche, Kranke und Gesunde ohne Unterschied zu Bürgern des Reiches Gottes macht, radikalisiert sich die Idee vom bedingungslosen, dem Menschen eingeborenen Anrecht, zur großen Familie Gottes zu gehören. Etwas Vergleichbares gab es in der gesamten antiken Welt nicht. Selbst die ausdifferenzierte und philosophisch begründete Ethik der hellenistischen Kultur, die unsere Auffassung von Ethik, Staat und Mensch nachhaltig geprägt hat, kennt die Vorstellung von der Ebenbürtigkeit aller Menschen hinsichtlich einer ihnen innewohnenden, unhinterfragbaren Würde nicht.

Reformation und Revolutionen

Natürlich konnte auch das christliche Abendland dem hohen Anspruch nicht aus sich selbst heraus gerecht werden, die Würde des Menschen verdunkelte sich auch durch die Geschichte der Kirche hindurch immer wieder. Im Zuge der geistlichen und gesellschaftlichen Aufbrüche der Reformation rückte sie wieder neu ins gesamtgesellschaftliche Blickfeld, als die Lehre von der Rechtfertigung des Menschen gemäß der ursprünglichen Radikalität neu formuliert wurde: Der Mensch ist weder die Summe seiner Fehler noch die Summe seiner Leistungen; er ist als Person von Gott geschaffen und ohne jegliche Eigenleistung durch Christus mit Gott wieder versöhnt. Jedes Menschen Würde hängt einzig an der barmherzigen Liebe Gottes, ob fromm oder ein Verbrecher, ob klug oder töricht. Jesus, Gottes Sohn, hat uns von der Sünde befreit, uns zu Kindern des Vaters gemacht und durch den Heiligen Geist zu mündigen Bürgern seines Reiches.

Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit werden in ihrer säkularisierten Form zur politischen Forderung im Zuge der Revolutionen in Europa und Übersee, in denen die Gleichheit vor dem Gesetz als fundamentaler Anspruch und die Menschenrechte als unveräußerbares Gut etabliert werden. Wieder sind es Christen, die jenseits von ideologischen Mustern und Machtfragen an den biblischen Maßstab der Nächstenliebe erinnern, wenn es darum geht, auch die neuzeitliche Form der Sklaverei, den weltweiten Menschenhandel mit den rassisch und kulturell „Minderwertigen“ anzuprangern und auf die Universalität der Menschrechte zu pochen. Das können sie, weil sie an eine höhere Instanz als die Vernunft des Menschen und die Durchsetzungsfähigkeit des Stärkeren appellieren.

Universelle Menschenrechte

Doch erst nach dem unermesslichen Leid zweier Weltkriege wurde als Richtlinie für die UNVölkergemeinschaft deklariert: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Ein Jahr danach proklamierte das deutsche Grundgesetz in Artikel 1 Absatz 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Diese Erklärungen sind weder religiös konnotiert noch begründet, doch ist es ratsam, ihre historischen Wurzeln nicht aus dem Auge zu verlieren. Heute meinen viele, auch Christen, die Wahrung der Menschenrechte und die Unantastbarkeit der Menschenwürde wäre auch losgelöst vom biblischen Menschenbild garantierbar. Aber schon zwischen den Kulturen der Erde ist das Verständnis von dem, was die Würde eines Menschen ausmacht, sehr unterschiedlich. So wird sie z. B. nach fernöstlicher Vorstellung – ob religiös oder atheistisch – weitgehend aus der Funktion des Einzelnen im gesellschaftlichen Ganzen hergeleitet; wer aus dem Gesamtgefüge herausfällt oder sich herauslöst, verspielt damit auch den Anspruch auf die Achtung seiner Würde. Der Islam wiederum kennt keine theologische Begründung für die Ebenbürtigkeit von Männern und Frauen und pflegt eine entsprechend andere, für uns heute nicht akzeptierbare Handhabung der Grundrechte. Und wie soll schließlich das säkularisierte Abendland Menschenwürde und Menschenrechte ganz aus sich selbst, ohne Transzendenzbezug begründen und garantieren?

Wie gülden ist die „goldene Regel“?

Der durch alle Kulturen hindurch bekannte Minimalkonsens, die sogenannte „goldene Regel“, jeden so zu behandeln, wie man selbst behandelt zu werden wünscht, ist und bleibt als universeller Bezugspunkt vage. Denn was für den einen wünschenswert ist, kann dem anderen als eine Zumutung erscheinen – oder umgekehrt. Letztlich werden die Vorgaben zur Wahrung der Würde des Menschen an subjektiven Vorlieben und Einschätzungen festgemacht, die je nach Prägung oder Durchsetzungsvermögen von Individuen oder Gruppen neu bestimmt werden müssen.

Vor ein anderes Problem stellt uns die Frage, wer überhaupt als Subjekt von unantastbarer Würde und unveräußerlichen Rechten gelten kann. Nach biblischem Verständnis ist das jedes Menschenkind, schlicht aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht, das Gott selbst als Mann und Frau ins Dasein gerufen und mit Nachkommen gesegnet hat. Der säkulare Humanismus folgt dem nur unter Vorbehalt. Der australische Ethiker Peter Singer zum Beispiel sieht darin einen nicht zu rechtfertigenden „Speziesismus“, der die Belange von Menschen zu Unrecht vor die der Tiere stellt. Für Singer wäre das Lebensrecht von Primaten, die fähig sind, Eigeninteressen zu entwickeln und die leiden, wenn diese verletzt werden, letztlich ethisch relevanter als das Lebensrecht menschlicher Föten oder schwerstbehinderter (neugeborener) Menschen. Wir sehen: Ohne einen transzendentalen Bezugsrahmen ist es nahezu unmöglich, die Würde des Menschen als eine absolute Größe – als unantastbar eben – zu definieren und zu behaupten.

Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas bezeichnet sich selbst als „religiös unmusikalisch“. Er plädiert aber mit Nachdruck dafür, die Religion nicht aus diesem Diskurs zu verbannen: „Am jüngsten Tag tritt, so haben wir es als christlich Aufgewachsene gelernt, jeder von uns einzeln und unvertretbar, ohne den Schutz weltlicher Würden und Güter, vor das Angesicht eines richtenden Gottes, auf dessen Gnade wir gerade deshalb angewiesen sind, weil wir an der Gerechtigkeit seines Urteils nicht zweifeln. In Ansehung der Unverwechselbarkeit einer jeweils selber zu verantwortenden Lebensgeschichte dürfen alle, einer nach dem anderen, gleiche Behandlung erwarten. Aus dieser Abstraktion des Jüngsten Gerichtes ist auch jener begriffliche Zusammenhang von Individualität und Gleichheit hervorgegangen, auf den sich noch die universalistischen Grundsätze unserer Verfassung stützen, auch wenn diese auf die Fallibilität (Fehlbarkeit) des menschlichen Urteilsvermögens zugeschnitten sind."2

Wie viel mehr sollte die Kirche Jesu Christi unüberhörbar bezeugen, dass uns vor dem Richterstuhl ein Fürsprecher vertritt, dessen Integrität ausreicht, um selbst die Scherben unseres beschädigten Lebens zu dem herrlichen Ebenbild dessen zusammenzufügen, der uns in Liebe und zur Vollkommenheit erschaffen hat. Es lässt sich kein hoffnungsvolleres Fundament für die Unantastbarkeit der Würde des Menschen denken. ■

1 Norbert Lohfink, Im Schatten deiner Flügel (Freiburg 2000)

2 J. Habermas, Eine Art Schadensabwicklung. Kleine Politische Schriften VI (Frankfurt 1987) 120.

Von

  • Stefan Kunz

    Dr., ist Pfarrer der Michaelsgemeinde in Bensheim. Er engagiert sich u.a. im Vorstand des Vereins Evangelisches Exerzitium (Zentrum für geistl. Theologie und christl. Lebensgestaltung, Volkenroda). Mit seiner Frau Janny ist er seit vielen Jahren Wegbegleiter unserer Gemeinschaft.

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