Was ist der Mensch?

Benedikt Schaufelberger
© Benedikt Schaufelberger

Von Aschenputteln, Schweinehirten und Blindgeborenen

Predigt zu Johannes 9

Der Kirchenvater Augustinus bekannte schon vor mehr als 1500 Jahren: Gottes Sehnsucht ist der Mensch. Während Psalm 8 noch die Frage stellt, wer denn der Mensch sei, dass Gott sich um ihn kümmert, scheint für Augustinus die Antwort schon ganz klar: Gott sehnt sich nach dem Menschen.

Sehnsucht

Das ist eine gewaltige Aussage. Der Schöpfer aller Welten, der große und erhabene, der ferne und so unbegreifliche Gott, der den Kosmos mit all seinen Gestirnen und Planeten geschaffen hat, sehnt sich nach uns. Nach den Kleinen und den Großen, nach den Alten und den Jungen, nach den Starken und den Schwachen, nach dir und nach mir. Ja, er liebt uns und will Gemeinschaft mit uns haben. Wie der Hirte sein verloren gegangenes Schaf vermisst, sich aufmacht und sucht, bis er es findet, so vermisst Gott uns. Jeden Einzelnen will er bei sich haben.

Woher wissen wir das? Schon auf der ersten Seite der Bibel lesen wir von Gottes Suche nach dem Menschen. Als dieser sich vor ihm versteckt, ruft Gott nach ihm: „Adam, wo bist du?“ Aber sein Verlangen nach uns erschöpft sich nicht im Rufen. Er hat uns besucht, bezeugt Zacharias in seinem Lobgesang: Gelobt sei der Herr, denn er hat sein Volk besucht aus der Höhe (Lk 1,68). Gott hat sich aufgemacht aus seiner Herrlichkeit in das Dunkel dieser Welt. Er hat sich klein gemacht und ist in Jesus als Kind geboren worden, um uns nahe zu sein.

Freiheit

Wie groß die Sehnsucht Gottes nach der Beziehung zum Menschen ist, können wir in besonderer Weise dem Leben und Handeln Jesu abspüren. Dazu einige Verse aus dem Johannesevangelium: Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder ( Joh 9, 1 – 7). Die Heilung des Blinden geschieht an einem Sabbat und das nicht zufällig. „Bei jedem Schabbat“, so der jüdische Philosoph Abraham Heschel, „an dem der Jude bei der Schabbatbegrüßung seinen Segensbecher erhebt, verbindet er die Schöpfung der Welt mit der Freiheit des Menschen.“ Gott geht es um unsere Freiheit! Eine Freiheit, in der Menschen ihre Ganzheit, Würde und Schönheit wiederfinden und Anteil an Gottes Fülle bekommen. Diese Freiheit, als Söhne und Töchter Gottes mit ihm in Beziehung zu treten, haben wir verloren. Jesus unternimmt alles, um sie für uns wiederzugewinnen.

Dunkel

In unserem Text heißt es: Und Jesus sah einen Menschen, der blind geboren war. Inmitten einer Menge sieht Jesus diesen Einen. Wir wissen nicht, was genau er gesehen hat, vielleicht seine Einsamkeit, vielleicht seine Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Er fragt den Blinden nicht, was er für ihn tun soll. Es scheint ihn auch nicht zu interessieren, wie der Blinde in diese Situation geraten ist. Seine Vergangenheit und die Frage nach der Schuld an seiner Behinderung bewegen ihn, im Unterschied zu seinen Jüngern, gar nicht. Ihn interessiert nur eines: die Zukunft dieses Menschen. Wie wird der himmlische Vater Licht in sein Dunkel bringen? Denn dafür ist er, Jesus, in die Welt gesandt worden, um dem Volk auszurichten: Alles, was euch widerfährt, ist eine Gelegenheit, dass „die Werke Gottes offenbar werden“. Alles soll Gottes Verherrlichung dienen und seinem großen Ziel: der Erneuerung des Menschen und der ganzen Erde. Man könnte auch sagen: Aus Aschenbrödel soll wieder die Königstochter werden, die sie ursprünglich gewesen ist, und der Schweinehirt soll wieder in die ihm zustehende Würde des Sohnes eingesetzt werden. Jesus ist nicht gekommen, um zu verurteilen, sondern um zu suchen und zu retten, was verloren ist. Um zu sagen: Gott sieht euch! Der Vater sehnt sich nach euch, er will euch nahe kommen und sich in eurem Leben verherrlichen.

Vaterschaft

Was diese Botschaft meint, habe ich als Vater selbst erlebt. Als ich Anfang 40 war, nahmen meine Frau und ich eine fünfjährige Pflegetochter in unsere Familie auf. Wir wussten, dass dieses Mädchen bisher ein sehr unsicheres und unbeständiges Leben gehabt hatte. Sie suchte zwar angstvoll die Nähe meiner Frau, lehnte mich aber rundweg ab. Ich wusste nicht warum. Oft brachte ich unsere Kinder abends ins Bett, las ihnen Geschichten vor, betete mit ihnen und segnete sie. Aber unsere Pflegetochter ließ es nicht zu, dass ich ihr meine Liebe zeigte. Eines Abends stand ich an ihrem Bett, als sie schon schlief, und beschloss, sie im Schlaf zu segnen. Segnen, das hieß für mich, ihr Gottes Liebe zusprechen und das Zeichen des Kreuzes auf ihre Stirn machen. Das habe ich viele Monate lang getan und erlebt, wie sich etwas zwischen uns veränderte. Sie wurde zunehmend offener, ich durfte ihre Hand nehmen und sie führen. Ich durfte sie ansprechen, und allmählich hat sie die Beziehung zu mir aufgenommen. Ich durfte ihr Vater werden.

Heimgekehrt

Bisher haben wir nur die ersten sieben Verse einer langen Geschichte betrachtet. Aber sie geht nach der Heilung der Augen weiter. Sie erzählt, wie der Geheilte jetzt in Schwierigkeiten kommt. Die Leute glauben ihm die Genesung nicht. Sie bezweifeln sogar, dass er der Blindgeborene ist, der jeden Tag am Tempel gesessen und gebettelt hatte. Es geht soweit, dass er sich vor den religiösen Autoritäten in Jerusalem verantworten muss. Auch seine Eltern werden herbeizitiert. Am Ende wird er aus der Synagoge ausgestoßen: Er darf keinen Gottesdienst mehr besuchen und niemand darf Kontakt mit ihm aufnehmen. Warum diese harte Strafe? Weil er bei der Wahrheit bleibt, die er am eigenen Leib erfahren hat: dass er blind war und nun sehen kann. Auch wenn er nicht genau sagen kann, wer dieses Heilungswunder an ihm gewirkt hat, so ist er sich doch sicher, dass nur ein Gottesmann das vollbringen konnte. Zu dieser Überzeugung bekennt er sich in erstaunlichem Freimut, obwohl das politisch völlig unkorrekt ist, denn die Obersten des Volkes sehen in Jesus vor allem den gefährlichen Ruhestörer und Sabbatschänder, den sie unbedingt ausgrenzen und isolieren wollen. Als Jesus hört, wie mit dem Geheilten um seinetwillen umgegangen wurde, sucht er ihn sogleich auf und fragt ihn: Glaubst du an den Menschensohn? Er antwortete und sprach: Herr, wer ist’s, dass ich an ihn glaube. Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen und der mit dir redet, der ist’s. Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an (V 35-37). Jesus offenbart sich ihm als der Messias, der Gesandte Gottes.

Gerade weil der Mensch ein Beziehungswesen ist, weil er auf Ansprache, Zuneigung, Zärtlichkeit und Zugehörigkeit angewiesen ist, braucht es mehr als körperliche Heilung, um heil zu werden. Wirklich wiederhergestellt im tieferen Sinn sind wir erst, wenn Gott uns Glauben schenkt. Wenn uns aufgeht, dass er nicht nur möchte, dass es uns wieder gut geht, dass wir endlich aus eigener Kraft unser Leben weiterführen können, sondern dass er uns in die Beziehung zu sich ziehen will. Das ist unsere tiefste Berufung, die Wiederherstellung unserer Beziehung zu ihm. In dem entscheidenden zweiten Gespräch mit Jesus werden nicht nur die Augen dieses Mannes sehfähig, sondern auch sein Herz, seine ganze Person. Er erkennt im Glauben, dass Gott ihm im Menschensohn Jesus begegnet ist und sein Leben komplett neu macht. Deshalb will er nur eines, ganz zu ihm gehören und sich auf ihn verlassen, trotz aller äußeren Widerwärtigkeiten. Ich möchte das heilsame Handeln Gottes an dem blinden Menschen mit Gebetsworten von Augustinus zusammenfassen: „Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in Dir, o Gott.“ Amen ■

Von

  • Hermann Klenk

    Architekt und Liturg der OJC-Gemeinschaft. Er ist verantwortlich für den Bau des Mehrgenerationenhauses und gehört zum Gottesdienstteam.

    Alle Artikel von Hermann Klenk

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