Die Anderen: ganz real, ganz nah

Internationales Cafe Reichelsheim
Beim "Internationalen Cafe" in Reichelsheim

Erste Erfahrungen im internationalen Café.

von Martin Boller und Corona Schumann

Glaubt man den Medienberichten, dann wird Deutschland geradezu überschwemmt von Asylsuchenden aus Syrien, dem Kosovo, Serbien,­ Afghanistan, Irak und weiteren Ländern. Dieser Eindruck relativiert sich, wenn man vor Ort konkret hinschaut: So kommen auf 8500 Reichelsheimer gerade mal zwölf Flüchtlinge. Gegenwärtig sind es zwei Familien und vier Einzelpersonen aus Eritrea. In das Land, das wegen des permanenten Ausnahmezustandes auch das „afrikanische Nordkorea“ genannt wird, wird kaum einer zurückgeschickt. Auf der Weltrangliste der Christenverfolgung steht Eritrea, obwohl dort ­Kirchen legal existieren, auf Platz zehn. Meinungs- und Versammlungsfreiheit sind stark eingeschränkt, die unbefristete Wehrpflicht liefert Männer und Frauen der Willkür der Offiziere aus. Deserteure können ohne Gerichtsverfahren gefoltert und getötet werden. Wem die Flucht mithilfe von Schleppern über Libyen nach Italien oder über den Sudan nach Ägypten gelingt, begibt sich in große Gefahr. Hunderte sterben jeden Monat, nicht wenige landen im Menschenhandel oder müssen z. B. Organe als Lösegeld „spenden“. Wer es bis Deutschland schafft, kann Asyl beantragen und muss seine persönliche Geschichte dokumentieren. „Unsere“ Eritreer wurden in den jeweiligen Auffanglagern dem Odenwälder Landkreis zugeordnet, wobei möglichst mehrere Familien und Alleinstehende derselben Herkunft zusammen bleiben sollen, um einander unterstützen zu können. Mitglieder des Reichelsheimer Runden Tisches für int. Verständigung stehen ihnen im deutschen Alltag, bei Behörden­gängen und Arztbesuchen zur Seite, geben Sprachunterricht und besuchen sie. Damit die Eritreer auch in ungezwungener Atmosphäre ihre Sprachkenntnisse erweitern, die deutsche Kultur-, Denk- und Lebensweise besser kennenlernen und Kontakte knüpfen können, haben wir zusammen mit dem Runden Tisch und dem Ehepaar Haile und Turinesh das offene Internationale Café ins Leben gerufen. Jeden Donnerstagnachmittag öffnet das REZ in der Bismarckstraße 8 seine Türen. Wir haben schon viel aus den Begegnungen gelernt.

Martin:

Ich bin selbst Ausländer, allerdings nicht vor ­einer bedrohlichen Situation nach Europa geflohen. ­Meine Reise aus den USA war nicht lebensgefährlich, und ich war mir nicht völlig ungewiss darüber, was mich erwartete. Wenn ich die Flüchtlinge donnerstags im Café treffe, scheint es oft, als kämen wir von unterschiedlichen Planeten! Wie soll ich aus meiner privilegierten Perspektive verstehen können, was diese Menschen bewog, alles, was ihr Leben war, hinter sich zu lassen und das Schicksal von Flüchtlingen auf sich zu nehmen? Aber – so frage ich mich auch –, dürfen diese Unterschiede trennend zwischen uns stehen? Paradoxerweise war es ausgerechnet eine mir völlig fremde Sitte, die uns verband. Wir saßen mit einer Gruppe Eritreer zusammen, die nach eritreischem Brauch süßen, schwarzen Kaffee zeremoniell vorbereitete und uns reichte. Wir genossen die Gemeinschaft. Überhaupt scheint mir Wertschätzung der „fremden“ Kultur ein Schlüssel zur Freundschaftstür zu sein. Beim Deutsch-Englisch-Kauderwelsch mit einem jungen Eritreer fielen mir Gemeinsamkeiten auf: Wir beide müssen erst Deutsch lernen und sind noch immer von der Komplexität der Sprache überwältigt. Wir haben beide viele Geschwister, Cousins, Cousinen und Freunde. Wir beide haben Spaß am Spielen. Beim Tischkicker Seite an Seite, bei dem wir uns nach jedem Tor ein High-Five gaben und über jedes Gegentor schimpften, fühlt es sich an, als kenne ich ihn schon lange – wie einen sehr guten Freund.

Corona:

Mich fordert die wöchentliche Konfrontation mit den Flüchtlingen sehr heraus. Eigentlich dachte ich, ich wäre anderen Kulturen gegenüber ­aufgeschlossen und tolerant; aber dann habe ich eine gewisse Distanziertheit und Vorbehalte an mir selbst wahrgenommen. Die Eritreer wirken fremd und ich teile die Anwesenden unbewusst nach dem äußeren Erscheinungsbild in zwei Gruppen. Wegen der Sprachbarriere, die ein ungezwungenes Plaudern erschwert, halte ich mich lieber an die Deutschen. Meine Lebensweise kommt auf den Prüfstand. Mein wohlbehütetes Leben ohne Angst vor Krieg und Verfolgung, mit der Möglichkeit, meine Meinung frei zu äußern und meinen Glauben zu leben, rückt plötzlich in ein neues Licht. Und meine „Luxusprobleme“ beginnen zu schrumpfen. Die leidvollen Schicksale, von denen ich in den Nachrichten höre, berühren mich, aber es ist etwas ganz anderes, diesen Menschen persönlich zu begegnen. Das ist nun ganz real, ganz nah. Ich habe großen Respekt vor ihrer Geschichte, vor ihrem Mut und ihrem Bemühen, sich in die Gemeinde einzufügen, unsere Sprache zu lernen und die deutsche Kultur zu verstehen; aber auch, ihre eigene Kultur zu pflegen und nicht zu ver­stecken, dass sie anders sind. Das spiegelt mir meine innere Haltung, etwas als „reiche Deutsche oder Europäerin“ geben zu wollen. Natürlich brauchen die Flüchtlinge Unterstützung; doch sie haben uns ebenfalls etwas zu geben.

All das, was mich aufgrund meiner Erziehung, meines  westlichen Denkens und Handelns prägt, würde ich ohne einen Anstoß von außen nur schwer hinterfragen – ich kenne es ja nicht anders! Aber nun beginne ich mich zu fragen: Warum denke ich eigentlich so? Wieso habe ich mich so entschieden und nicht anders? Glaube ich dies und das aus Überzeugung, oder habe ich meine Meinung der Einfachheit halber übernommen? Es ist weder einfach noch bequem, über den ­Tellerrand zu blicken, aber es lohnt sich, über den eigenen Schatten zu springen: Es kommt immer was ­zurück! Zum Glück gibt es neben der Sprache auch noch andere Ebenen der Begegnung wie Mimik, Gestik – und Tischfußball: wir sind ein echt gutes Team geworden! Vertrauen ist gewachsen und die Distanz schwindet allmählich.
Mein persönliches Highlight war das erste zufällige Treffen an der Ampel – ich konnte den Eritreern einfach wie Freunden begegnen!

Alle aktuellen Informationen zum Internationalen Café für Geflüchtete finden Sie unter diesem Link.

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