Im Dampfkochtopf der Liebe

Nähe wagen mit 52

Mein erstes, selbst gekauftes Spielzeug war eine Petra-Puppe mit Hochzeitskleid. Das sagt einiges über die Träume des Mädchens von damals. Doch es dauerte lange, bis ich mich auf das Wagnis einer verbindlichen Beziehung zu einem Mann einließ. Ich war 52. Hinter mir lagen Jahre, in denen ich unter dem Alleinsein gelitten, aber auch zunehmend die Zeiten der Stille zum Zu-mir-Kommen schätzen und suchen gelernt hatte. Im Rückblick wird mir bewusst, wie sehr und warum ich das Alleinsein brauchte: Als ein Mensch, der stark aus den Erwartungen anderer lebt, musste ich meine innere Balance wiederfinden und Kräfte sammeln, um mich erneut auf die Menschen, ihre Erwartungen und meine Ansprüche an mich einlassen zu können. Dann aber machte ich mich gezielt auf die Suche nach einem Partner. Immer wieder tauchte der Gedanke auf: „Ich bin noch nicht reif für eine Beziehung“, bis ich eines Tages feststellte: „Entweder ich lasse mich ein, und wer mich will, muss mich nehmen, wie ich bin, oder ich kann das Projekt vergessen. Ich werde mich nie gut genug finden.“ Wenig später kam eine Mail, dann folgte ein Anruf, der viel entspannter war als alle bisherigen, und ein erstes Treffen, nach dem ich das Gefühl hatte: Dem könntest du vertrauen.

Achterbahn und Fluchtreflexe

Auf dem Weg des Kennenlernens und sich Einlassens erlebte ich mich selbst ganz neu. Ich fand mich in einer gefühlsmäßigen Achterbahn wieder. Meine Stimmung kippte von „Das ist genau der Richtige“ zu „Das geht überhaupt nicht“. Während einer USA-Reise z. B. war Martin immer dabei, denn ich schrieb Tagebuch für ihn. Kurz vor dem Rückflug aber war ich überzeugt, ich müsse Schluss machen. Wenn ich mich in solchen Situationen mal wieder völlig verzweifelt auf die Suche nach den Gründen machte, stellte ich fest: „Das geht überhaupt nicht“ hieß eigentlich „Ich habe Angst, ich schaffe das nicht“. Nach der Reise war es wieder gut, als er mir auf dem Bahnsteig entgegenkam. Solche Erfahrungen, aber auch die Ermutigung von Freunden, die uns zusammen erlebten, halfen mir, mich weiter auf ihn einzulassen. Nach eineinhalb Jahren wagten wir das gemeinsame Leben. Nur wenig später wurde ich krank und musste zu Hause bleiben: 24 Stunden beieinander – und das über längere Zeit! Ich hatte das Gefühl, ich stecke in einem Dampfkochtopf zum Lieben-Lernen: Alles war wie beschleunigt, aber auch ziemlich anstrengend. Ich wollte nicht verletzen und traute mich nicht, mich ehrlich zu zeigen. Bei Missverständnissen verkroch ich mich in mein Schneckenhaus. Martin ermutigte mich immer wieder zu formulieren, was los ist. Er ist glücklicherweise drangeblieben. Langsam tastete ich mich an ehrliche Antworten heran, immer mit der Angst im Nacken, was passiert, wenn ich authentisch bin. Ich fand mich doch selber so erbärmlich mit meinen Ängsten, meinem Misstrauen, meiner Unfähigkeit, ihn so zu lieben, wie ich es gerne getan hätte. Bei langen Spaziergängen und Gesprächen fanden wir wieder den Zugang zueinander. Es erstaunte mich immer wieder, was Martin alles aushielt, z.?B. dass ich ihm kurz nach der Hochzeit mitteilte, ich hätte den Eindruck, den größten Fehler meines Lebens gemacht zu haben.

Lieben kommt von lieben lassen

Bei uns treffen zwei gelebte Leben aufeinander. Keiner ist ohne Verletzungen davongekommen, und unsere Verletzungen passen gefährlich gut zusammen. Wenn dann die Angst vor Nähe und dem Durchschautwerden auf die Angst vor dem Verlassenwerden trifft, geht eine Weile gar nichts mehr, bis einer sich fängt und wieder Schritte auf den anderen zu machen kann. Ich komme immer wieder an den gleichen Punkt: Ich wäre so gerne viel liebesfähiger, als ich bin, und stoße heftig an meine Grenzen. Dann will ich wegrennen und bin noch entsetzter über mich. Was mir hilft? Loslassen und auftanken. Dazu gehört z. B. der Satz einer Freundin: „Bring Jesus deine Unfähigkeit, gib an ihn ab, was du nicht tragen kannst.“ Noch wichtiger aber ist: Nur wenn ich regelmäßig – am besten täglich – die bedingungslose Liebe Gottes tanke, kann ich ehrlich ich selbst und Martin ein echtes Gegenüber sein. Das Hochzeitskleid habe ich inzwischen selber getragen, wenn auch nicht „am schönsten Tag meines Lebens“. Auf dem gemeinsamen Weg habe ich entdeckt: Es wird immer schöner!

Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt.

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