Anders. Annäherung an das Fremde

Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint,
als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht,
sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt.
Georg Simmel

Liebe Freunde,

wir Deutschen sind nicht nur Fussball-, sondern auch Reiseweltmeister. Niemand sonst lässt so viel Geld springen, um in ferne Länder zu reisen. Neugierig und weltoffen jetten wir von Kontinent zu Kontinent, um das exotisch Andere in uns aufzusaugen. Und wir freuen uns über den spendablen Touristen, „der heute kommt und morgen geht“. Auch unser Alltag ist angefüllt mit Gütern aus der Fremde: Irgendwer stellt irgendwo unsere Nahrungsmittel, Kleider und elektronischen Geräte her. Bei so viel bereitwilligem Import von Fremdem dürfte uns das aktuelle Geschehen eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten. Die Praxis aber zeigt: Wir fremdeln ganz schön mit dem Fremden.

Fremdheit als Bedrohung

Wir erleben die größte globale Flüchtlingskata­strophe seit dem Zweiten Weltkrieg. Laut UNO-Flüchtlingshilfe sind über 50 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Hunger und Ausbeutung. Mehr als 16 Millionen verlassen ihr Land, und ein kleiner Teil sucht in Deutschland eine Bleibe. Das stellt uns vor Herausforderungen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen. Die Pegida-Märsche sind ein moderater, der Brandanschlag in Tröglitz ein extrem gewalttätiger Ausdruck der großen Verunsicherung und der tiefsitzenden Angst vor dem Fremden, der „heute kommt und morgen bleibt“. Dabei gedenken wir gerade in diesem Jahr der 14 Millionen Flüchtlinge, die vor 70 Jahren ihre Heimat verlassen und im zerbombten Deutschland eine neue Existenz gründen mussten. Auch die Annalen meiner Familienchronik zeugen von derart erzwungener Migration. Wir haben Grund zur Dankbarkeit, dass andere Menschen unsere Vorfahren aufgenommen und ihnen den Neuanfang ermöglicht haben. In Reichelsheim, wo einst viele Vertriebene neue Heimat gefunden haben, geht es vielen Familien ähnlich. Vielleicht trägt dies dazu bei, dass eine kleine, engagierte Initiative, der Runde Tisch für int. Verständigung und die OJC zusammen mit im Ort untergebrachten Flüchtlingen aus Eritrea, im Begegnungszentrum der OJC ein „Internationales Café“ eröffnet hat – als Experiment der Gastfreundschaft an jeweils einem Nachmittag in der Woche (S. 84). Das Schicksal der Flüchtlinge gemahnt daran, wie dünn die „Decke der Zivilisation“ ist. Wie schnell kann eine Krise in die Katastrophe münden! Auch unser nach allen Seiten mit tausend Vorkehrungen abgesichertes Leben ist alles andere als sicher.

Vor über einem Jahr überrumpelte Russland den Westen, als es inmitten der gewaltsamen Um­brüche in der Ukraine die „Abspaltung“ der Krim vorantrieb und die Halbinsel militärisch besetzte. Seitdem eskaliert der ethnische Konflikt in der Ost-Ukraine und die Welt schaut hilflos zu. Innerhalb kürzester Zeit erreichte das Verhältnis zwischen Ost und West den Gefrierpunkt. Europa scheint in einem neuerlichen Kalten Krieg der Sanktionen und militärischen Drohgebärden zu erstarren. Wir haben unseren langjährigen Freund Sergej Jelnikov aus Moskau befragt, wie er das Verhältnis der Russen zu den Deutschen wahrnimmt. Seine Beurteilung der Situation fällt nüchtern aus, doch ist er auf lange Sicht zuversichtlich und betont: Freundschaften sind tragende Brücken über der zunehmenden Entfremdung (S. 78).

Zum Glück und Gott sei Dank teilt der „anti­faschistische Schutzwall“ Deutschland seit bald 26 Jahren nicht mehr, aber die Narben der Geschichte, die ja stets auch die Geschichte von einzelnen Menschen ist, sind noch nicht verheilt. Vor uns liegt ein langer Weg aufeinander zu. Rebekka Havemann, die vor zehn Monaten aus Reichelsheim zu den Geschwistern der Greifswalder OJC-Auspflanzung gewechselt ist, stammt selbst aus Mecklenburg-Vorpommern und erzählt, wie sie im Ausland zur Deutschen und im Westen zum „Ossi“ wurde (S. 68).

Fremdheit zulassen – sich einlassen

Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, schreibt: „Der Fremde ist oft prophetisch: Er lässt unsere Schranken und unsere Ängste in sich zusammenfallen – oder er lässt uns bewusst werden, dass sie existieren, und er verstärkt sie noch.“ Damit das Prophetische greifen kann, braucht es, so der Gewalt- und Konfliktforscher Andreas Zick, „ein Lernen durch Erfahrung“ und eine Umwelt, „die der Fremdheit mit Neugier und Faszination begegnet statt mit Ablehnung und Angst.“ Seit vielen Jahren führen wir Internationale Begegnungs- und Baucamps durch, um genau dafür Raum zu schaffen. Im begleiteten und reflektierten Miteinander entsteht jene Neugier auf die so anderen Menschen, deren Herkunft und Schicksal. In dieser Zeit werden nicht selten dauerhafte Bande der Freundschaft über ethnische, politische und gesellschaftliche Grenzen hinweg geknüpft.

Lässt sich Fremdbegegnung lernen und lehren? Die pädagogische Leiterin des Erfahrungsfeldes Schloss Reichenberg Ute Paul geht dieser Frage nach (S. 56). Wer an weiteren praktischen Antworten interessiert ist, sei herzlich zum OJC-Seminar­wochenende im Oktober eingeladen: „Die Fremden verstehen – kulturelle Vielfalt als Lernfeld und Segen“ mit Ute und Frank Paul sowie Dr. Jürgen Friedrich (S. 94), der mit seiner Frau Andrea und den Kindern 15 Jahre in der Türkei gelebt hat. Die Referenten haben viel Erfahrung im Erwerb konkret-praktischer interkultureller Kompetenz. Andrea Friedrich erzählt erfrischend ehrlich von ihre Zeit in der Türkei, von Herausforderungen und Fettnäpfchen, die sie vieles, auch über sich selbst, gelehrt haben (S. 64).

Fremdkörper

In diesen Wochen gedenken wir zweier Märtyrer, die von dem harschen System, in dem sie jeweils lebten und wirkten, wegen ihres unbequemen und unbestechlichen Hinstehens verfolgt wurden. Vor 600 Jahren büßte der böhmische Theologe und Priester Jan Hus (1339–1415) auf dem Scheiter­haufen dafür, dass er die Missstände in der Kirche beim Namen nannte, Reformen forderte und nicht bereit war, seine Lehren zu widerrufen. Der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) wurde am 9. April vor 70 Jahren hingerichtet. In seiner Bilanz „Nach zehn Jahren“ Hitlerherrschaft gibt es einen Leitsatz, der die OJC in ihrem Auftrag inspiriert und herausgefordert hat: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generationen weiterleben soll.“ Beide Liebhaber der Kirche Jesu hielten an ihrem Heiland fest und strahlten noch bei der Hinrichtung Glaubensgewissheit, Hoffnung und Zuversicht aus. Ihr Leben und Sterben sei uns mahnendes und ermutigendes Zeugnis gegen den faulen Kompromiss und die geistliche Verblendung.

Fremd-Sprache und Macht

Nichts fürchten totalitäre Systeme so sehr wie klare Worte – und nichts wollen sie sich so sehr gefügig machen wie die Sprache. Das erleben wir in gewissem Maße auch heute: Die Besetzung und Umdeutung von Begriffen, Auflösung alter und Einführung neuer Tabus, die Zensur und Selbstzensur bei bestimmten Inhalten, die Ächtung von Meinungen, die dem Mainstream entgegenstehen. Dies alles gibt uns eine Ahnung von der Dynamik sprachlicher Inszenierung, die zuweilen absurde Blüten treibt, wie etwa bei der gegenderten deutschen Sprache mit Schrägstrich (Christ/in), Binnen-I (ChristInnen), Unterstrich (Christin_innen), Sonderzeichen (Christ*innen) oder gar der X-Variante (Christx). Die noble Absicht ist der Abbau ungerechter Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Doch dieser „im Windkanal der Konformität glatt geschliffene“ (Udo Di ­Fabio) Neusprech schießt über das Ziel hinaus und ­mutiert zu einem babylonischen Sprachungetüm, aus dem der „neue Mensch“ als konturloses politisch korrektes Neutrum hervorgeht. Doch Sprache ist nie neutral. Sie transportiert Identität, und wer sie definiert, hat ein wichtiges Mittel, um Macht zu festigen und auszuweiten. Das gilt heute wie damals beim Turmbau zu Babel, als König Nimrod fremde Völker seiner Herrschaft unterwarf und ihnen die Sprache seiner Kultur aufoktroyierte.­ Gott befreite die Menschen, indem er das Sprachmonopol des Mächtigen aufbrach. Frank Paul eröffnet neue Perspektiven auf diese biblische Erzählung und deren Echo im Pfingstbericht und in der Offenbarung (S. 71).

Fremdperspektiven in „Panorama“

Wenn wir Freitag morgens kurz vor sieben Uhr den Reichenberg erklimmen, um das Abendmahl in der Schlosskapelle zu feiern, fühlen wir uns ein bisschen wie im Himmel. Umso härter holte uns ein NDR-Fernsehteam in die raue Wirklichkeit zurück, das am Schlosstor mit gezücktem Mikrophon und vorgehaltener Kamera von uns wissen wollte, wie die OJC zur Homosexualität stünde. Das Resultat dieser Investigation wurde am 7. April ausgestrahlt. Die Reportage, eine medial inszenierte Jagd auf entsprechend vorgeführte „Ewiggestrige“ und „strenggläubige Christen“, endete mit der reichlich anmaßenden Empfehlung an die Evangelische Kirche, was sie in den eigenen Reihen zu tun und zu lassen habe. „Schwulen­heiler“ (so auch der Titel der „Panorama“-Sendung) hätten dort nichts verloren, sondern gehörten diskreditiert und verurteilt. Geistesgegenwärtig stellte der ­Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes Friedrich Hauschildt klar, dass es nicht die Aufgabe der Kirche sei, bestimmte Gruppen zu verurteilen. Das gelte für Homosexuelle ebenso wie für die, die Homosexualität anders bewerten. In mehreren Pressemitteilungen (www.dijg.de/pressemitteilungen/) stellen wir unsererseits erneut klar, dass wir für Selbstbestimmung und Freiheit eintreten. Die gilt für Menschen, die eine homosexuelle Identität annehmen, sowie für diejenigen, die ihre Sexualität im Einklang mit ihrer leiblichen Wirklichkeit und ihrer geistlichen Überzeugung gestalten und dafür professionelle therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Prophylaxe gegen Entfremdung

Dass wir einander Fremde sind und es auch bei aller Nähe und trotz christlicher Geschwisterschaft bleiben dürfen, wissen wir nach 47 Jahren Gemeinschaftsleben ganz gut einzuordnen. Damit wir uns aber nicht entfremden, braucht es die Erzählgemeinschaft. Unsere Grammatik des gemeinsamen Lebens sagt: „Erzählen ist menschlich – und Erzählen macht menschlich. Erzählen benötigt Zeit – und Erzählen überwindet Zeit. Erzählen braucht Gemeinschaft – und Erzählen schafft Gemeinschaft. Wo Menschen Anteil geben können an dem, was ihnen widerfahren ist, da wachsen im Hören und Reden Horizonte der Hoffnung und Heilung.“ In den zweckfreien Räumen des Miteinanders, deren Wirkung über jede Rhetorik, Pädagogik und Methodik hinausgeht, üben wir uns in der Gastfreundschaft als einer kostbaren Gabe des Geistes. So lernen wir, ganz im Sinne der Jahreslosung, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat – zum Lob Gottes (Röm 15,7).

Treten Sie ein in den Kreis unserer Erzählgemein­schaft: Lassen Sie sich berichten von unseren Erfahrungen im Dienst am Reich Gottes und ­geben Sie uns Anteil an den Ihren! Kommen Sie an Himmelfahrt zum Tag der Offensive (S. 96) und feiern Sie mit uns den Auferstandenen, der seine Jünger in die Fremde sendet, um Menschen in seinem Namen zu befreunden!

In Vorfreude auf die Begegnung mit Ihnen grüßt Sie im Namen der OJC-Kommunität
Ihr

Konstantin Mascher
abgeschlossen am 20. April 2015 (47. OJC-Geburtstag)

Von

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