Sergej und der Wolf

Sergej Jelnikov zu Gast in der OJC
Sergej Jelnikov zu Gast in der OJC

Freundschaft als Brücke über den Ost-West-Konflikt.

Gespräch mit Sergej Jelnikov, Moskau

Sergej, wie bewusst hast du das Ende des Kalten Krieges erlebt?

Ich bin im Jahr 1967 geboren, also gegen Ende der Sowjetunion. 1991 war ich 24 Jahre jung und hatte gerade meinen Uniabschluss in Philosophie. Die Zeichen für ein Ende des Kalten Krieges waren für mich vor allem zwei Ereignisse: Der Zusammenbruch der UdSSR und die Wiedervereinigung Deutschlands. Ich kann mich an dieses Gefühl sehr gut erinnern: Es war, als hätte jemand die Fenster geöffnet und frische Luft hereingelassen. Die ganze Welt stand mir offen! Heute würde ich das Ende der UdSSR nicht ganz so eindimensional sehen wie damals.

Ein weiteres, großes Zeichen der kommenden Offenheit – perestroika – war das Jubiläum „1000 Jahre Russische Kirche“, das 1988 gefeiert wurde. Zur Sowjetzeit war die Kirche die einzige legale Form des Anders-Denkens, aber sie stand immer im Schatten. Plötzlich rückte sie in den Vordergrund; das war ganz ungewöhnlich.

Was hat sich damals verändert?

Die Mauern zwischen Ost und West wackelten seit Gorbatschows Amtsantritt, also seit 1985. Die Veränderungen – auch für uns in Russland – kamen rasch, am stärksten und am schnellsten hat man sie bei der Pressefreiheit gespürt. Man entdeckte Namen wie Alexander Solschenizyn, Joseph Brodsky, Vladimir Nabokov und viele ­andere; man konnte frei über die Geschichte reden, auch über die Stalin-Zeit, was vorher tabu war. Diese Meinungsfreiheit hat uns alle fasziniert. Eine unbekannte, interessante, spannende Welt öffnete sich vor unseren Augen. Unsere Professoren an der Universität hatten es nicht leicht. Sie wussten plötzlich nicht mehr, was sie unterrichten sollten, da die alten Autoritäten und Machtverhältnisse nicht mehr galten. Was das Vertrauen zwischen Ost und West angeht, so gehörte ich immer zu den­jenigen, die der sowjetischen Anti-West-Propaganda nicht wirklich geglaubt haben. Die Öffnung zum Westen, das Ende des Kalten Krieges waren für mich eine Bestätigung, dass das, was ich ahnte und worauf ich hoffte, tatsächlich stimmte.

 Wie kamst du mit der OJC in Kontakt?

Nach meiner Promotion 1994 war ich eine kurze Zeit Assistent von Dr. Rainer Harnisch, einem Mitarbeiter von „Campus für Christus“, einem wunderbaren Menschen und talentvollen Missionar. Mit einer großen Gruppe von russischen Christen fuhren wir nach Dresden zum Christival und anschließend nach Reichelsheim zur OJC.

Was hat dich hier angezogen oder befremdet?

Ich empfand die OJC damals nicht fremd oder befremdlich – ganz im Gegenteil. Ich sah die ­ansprechende Offenheit, eine Mannigfaltigkeit von Menschen, Meinungen, Liedern und Gebeten­ – die alle Substanz und Fundament in Gott hatten!  Ihr seid glaubwürdig, weil es keine Distanz gibt zwischen dem, was gepredigt und dem, was gelebt wird. Stark beeindruckt hat mich das sozial­politische und wissenschaftliche Engagement, das war in den Freikirchen, die ich bisher kannte, eher ungewöhnlich.

Hast du das damals als konfrontativ empfunden?

Konfrontativ? Im Kontext der OJC kann ich mit diesem Begriff wenig anfangen. Klar konfrontiert die OJC diese Welt vom Evangelium her, und das ist auch gut und richtig so, weil die Gemeinschaft dadurch ihr Zeugnis gibt. Was mich persönlich anbelangt, würde ich eher sagen, dass einige ­Dinge für mich neu waren – zum Beispiel, dass der Geschäftsführer und der Pfarrer und der jüngste Mitarbeiter das gleiche Taschengeld im Monat bekommen wie alle anderen. Die OJC ist für mich ein lebendiges Beispiel für Gemeinschaft, in der Menschen es ernst meinen, mit Gott zu leben. Sie ist keine ideale oder heile Welt, die kann es in der Welt der gefallenen Schöpfung einfach nicht geben. Im Zusammenleben auf dem Schloss oder im Quellhaus gibt es Streit und Stress, also alles, was zum Menschsein gehört. Aber … es gibt dieses große „Aber“, das heißt – es gibt ­Einigung im ­Wesentlichen – mit Gottes Hilfe und aus ­seiner Kraft.

Hat der Kontakt heute noch Bedeutung für dich?

Die OJC ist mein Bindeglied zu Deutschland ­geworden. Das kann ich weder über die Uni, an der ich studierte, noch die Firma, in der ich arbeite und die ich sehr schätze, sagen. Die OJC ist der Ort, wo ich die geistigen Wurzeln Europas am stärksten spüre. Es ist immer wie ein Nachhause­kommen. Entscheidend waren und sind dabei die menschlichen Begegnungen – an der Stelle mein Dank an meine Freunde! Ich kann nicht alle nennen, aber einen Namen muss ich laut aussprechen – das ist Horst-Klaus Hofmann. Ich habe ihn als jemanden kennengelernt, der keine fertigen Antworten parat hat, die er in Form von Bibelzitaten aus der Tasche zieht – im Gegenteil, er zieht es vor, Fragen zu stellen und sich mit deinen Fragen auseinanderzusetzen. Diese seltene Verbindung von tiefem Glauben und zugleich Durst auf alles Neue, Kontroverse, die Bereitschaft, sich mit aktuellen Problemen der Gegenwart aus christlicher Sicht auseinanderzusetzen – das hat mich fasziniert.

In den Medien gewinnt man den Eindruck, dass es wieder zum Kalten Krieg kommen könnte. Wie siehst du das?

Oh weh, das ist ein schwieriges Thema. Ich glaube nicht, dass es zu einer offenen Auseinandersetzung kommen wird. Aber wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass es in der Ukraine Krieg geben wird, hätte ich genauso skeptisch reagiert. Russland und der Westen sind nicht zwei verschiedene ­Welten, sind keine jeweils homogenen Gebilde – da gibt es ganz verschiedene Schichten, Strömungen, Nuancen, Eliten und Interessen. Ich bin überzeugt, dass wir bei allen Verschiedenheiten und Differenzen zusammengehören – politisch, wirtschaftlich, kulturell. Leider sieht unsere ­politische Führung dies etwas anders und versucht, die Idee vom „Russischen Sonderweg“ zu fördern. Diese Idee ist nun in Russland „in“, aber nur als ideologische Deklaration, nicht in der Praxis.

Woran machst du das fest?

Man deklariert in Russland, der Westen sei eine „kranke“ Zivilisation, Russland sei da „anders“. Aber was heißt das, nicht nur in Worten, sondern in der Praxis? Gibt es weniger Scheidungen, ­weniger Abtreibungen, weniger Pornografie auf den russischen Webseiten, weniger Verbrechen, die in der Habgier von Menschen verwurzelt sind? Nein, alle Laster, die dem Westen zugeschrieben werden, sind auch bei uns reichlich vorhanden. Und die Interessen und Werte eines durchschnittlichen Mitbürgers sind ähnlich wie im Abendland: sich satt essen, ein gutes Auto haben, sich zweimal im Jahr Urlaub gönnen – Österreich im Winter und Spanien im August. Das ist ja nicht schlimm an sich, man muss aber nicht so tun, als wären wir im Vergleich zur westlichen Welt irgendwie „anders geschnitten“.

Was hört ihr in den Medien und was denkst du darüber?

Wir schauen seit einem Jahr kein Fernsehen mehr, aber was ich darüber am Rande erfahre, ist traurig und macht mir Sorgen. Man wird ständig über grundsätzliche politische Konflikte und über weltanschauliche Konfrontationen zwischen Russland und dem Westen „informiert“. Ich halte das einfach für einen Versuch, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu verschleiern. Wenn es überall „Feinde“ gibt, zeigen die Menschen mehr Bereitschaft zu schweigen und zu dulden.
Aber in der Weltpolitik gibt es nicht Freunde und Feinde, sondern nur politische Interessen. Statt die andere Welt zu dämonisieren, bräuchte Russland eine effiziente Integration in die Weltwirtschaft, um seine eigenen Stärken (und davon gibt es genug!) einbringen zu können. Was der Westen aber auch wissen muss: In Russland gibt es trotz der Verstaatlichung des Fernsehens eine – wenn auch begrenzte – Meinungsfreiheit, das gilt vor allem für die Presse und das Internet. Und machen wir uns nichts vor, eine absolute Nachrichten­neutralität ist heute kaum irgendwo zu finden, selbst in Deutschland nicht.

Du bist Philosoph, arbeitest aber in der Wirtschaft. Was bedeutet die Entfremdung zwischen Ost und West für die Wirtschaft?

Sollte es in der Tat zu einem Bruch zwischen Ost und West kommen, würde das für die russische Wirtschaft eine lange Rezession mit unvorher­sehbaren Folgen bedeuten. Die heutige Welt ist global, ob wir das wollen oder nicht. Jeder Versuch, sich selbst zu isolieren, muss scheitern.

 Was bedeutet das konkret für die Christen?

Für die Gläubigen wird sich, glaube ich, nicht viel ändern. Das Risiko für die Kirche besteht eher darin, sich zu eng mit dem Staat zu liieren, weil der Staat Verbündete braucht und sich unsere Kirche mit ihrem Konservatismus für diese Rolle sehr gut eignet. In meiner Gemeinde wird kaum über Politik gesprochen, wir halten uns bewusst davon fern. Aber das, was in der Welt geschieht, hat auch Auswirkungen auf die Kirche, auf unsere Liturgie, in der wir ständig für den Frieden in der Ukraine beten. Nicht um Sieg für die eine oder andere Seite, nein – für Frieden, Trost, für Heil und Segen.

 Wie konnte es zu dieser neuerlichen Entfremdung kommen?

Das ist ein Eliten-, aber kein Völkerkonflikt. Unsere Obrigkeit braucht irgendeine Erklärung, ja Legitimation für die wirtschaftlichen Probleme, und so entstehen Feindbilder. Ich sehe keine „Entfremdung“ zwischen unseren Völkern. Wahrscheinlich gibt es so etwas mit den Amerikanern, aber nicht mit den Europäern und schon gar nicht mit den Deutschen, die in Russland den besten Ruf haben und Respekt genießen. Das gilt nicht nur für mich oder meinen Freundeskreis, so denken die meisten Russen.

Was ist zu tun: für uns hier, für euch dort?

Wir müssen Gott vertrauen, wohl wissend, dass der Herr uns nur in dem Maß herausfordert, wie wir es verkraften können. Diese politischen Spannungen werden vermutlich noch einige Jahre dauern, bis es wieder zum „Tauwetter“ in der internationalen Politik kommt.

Siehst du auch eine Chance in diesem Konflikt?

Ich kann an dieser Stelle nicht viel Neues sagen – es braucht Zeit, Gebet, und wir müssen sicherlich unsere menschlichen Beziehungen, das, was uns verbindet, pflegen und fördern. Länder und Kulturen sind nicht abstrakt, sondern bestehen aus realen, konkreten Menschen. Und wenn der Mensch Jelnikov einen guten Freund Wolf in Reichelsheim hat, so wird es keinem Politiker gelingen, dies zu zerstören. Eminent wichtig sind interkulturelle Kommunikation, Austausch im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich, ähnlich wie in den 90er Jahren. Bei uns wird zum Beispiel aufdringlich propagiert, die „europäischen Werte“ seien Homosexualität, Euthanasie etc. Aber das sind keine Wurzeln der europäischen Kultur!
Um Vorurteile zu zerstören, muss man die Realität kennen. Und es gibt viele Menschen bei uns, die da anders denken.

Was kann die Politik tun und was können wir Christen tun, um den Konflikt zu entschärfen?

Für die Politiker kann ich nichts sagen – aber es ist gut zu wissen: Was wir dort auf der Oberfläche sehen, ist nur die Oberfläche. Die wahren Motive und treibenden Kräfte der Politik bleiben uns verborgen. Wir Christen, ob orthodox, katholisch oder evangelisch, haben nur ein Rezept: Gebet und Vertrauen.     ?

Das Interview führten Konstantin Mascher und Cornelia Geister.

Von

  • Cornelia Geister

    ausgebildete Buchkauffrau, im Redaktions- und Kalenderteam der OJC-Gemeinschaft.

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  • Konstantin Mascher

    Prior der OJC-Kommunität und 1. Vorsitzender des Vereins Offensive Junger Christen - OJC e.V.

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  • Sergej Jelnikov, Dr.

    Dr. Sergej Jelnikov, 47, Spezialist für Marketing und Kommunikation, lebt mit seiner Frau Swetlana und dem 7-jährigen Sohn Daniel in Moskau. Er bekennt sich zur Orthodoxie. Seit fast 20 Jahren ist er ein Freund der OJC.

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