Türkisch für Fortgeschrittene

Als Türken und Deutsche miteinander leben - voneinander lernen
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Miteinander leben - voneinander lernen.

Gespräch mit Andrea Friedrich

Andrea, was heißt fremd auf türkisch?

Der Fremde heißt „yabanc?“. Wenn Türken das Wort „yabanc?“ benutzen, meinen sie den Ausländer, der fremd ist. Einen Türken aus einer anderen Region der Türkei würden sie nicht unbedingt „yabanc?“ nennen, sondern eher „nicht von hier“.

Wie lange und wo habt ihr in der Türkei gelebt?

Wir haben fünfzehn Jahre in der Türkei gelebt (1992 – 2007), vier Jahre in Istanbul, sechseinhalb in Trabzon und dann noch mal viereinhalb in Ankara. Jürgen hat all die Jahre in seinem Beruf als Dozent im Fach Geodäsie (Vermessung) gearbeitet, zunächst in Istanbul an der Bosporus-Universität. Ich war überwiegend mit vier kleinen Kindern zu Hause. Unser Ziel war jedoch nicht Istanbul, sondern Trabzon, eine Stadt am Schwarzen Meer, ganz im Nordosten der Türkei. Jürgen erhielt eine Stelle an der dortigen Karadeniz Teknik Üniversitesi (KTÜ). Gott hatte in dieser Stadt, in der es keine Gemeinde gab, Menschen vorbereitet, die eine Sehnsucht nach Ihm im Herzen trugen. Es hat uns viel Freude gemacht, aber auch manche Schmerzen bereitet, sie zu begleiten. Nachdem sich einige hatten taufen lassen und eine kleine Hausgemeinde entstanden war, regte sich Widerstand. Jürgens Vertrag an der Uni wurde nicht mehr, wie sonst jedes Jahr, verlängert. Er fand danach zunächst eine Anstellung in einem staat­lichen Forschungsinstitut in Ankara, dann an einer deutschen Schule.

Wie kamt ihr ausgerechnet auf die Türkei?

Es war eine klare Berufung Gottes, die wir beide unabhängig voneinander bekamen. Jürgen hatte in Bonn am Institut für Geodäsie studiert. Mit einem türkischen und einem deutschen Freund fuhr er 1984 in einem alten Mercedes ans Schwarze Meer. Als er in Trabzon war, hatte er den starken Eindruck, dass Gott ihn dort einmal gebrauchen möchte. Ich begegnete während meiner Ausbildung als Krankenschwester vielen Türken. Mir tat es leid, dass ich das Evangelium nicht kommunizieren konnte, begann Türkisch zu lernen und meldete mich für einen Sprachkurs in Istanbul an. Jürgen besuchte ebenfalls diesen Sprachkurs, wir lernten uns kennen und in meinem Herzen wusste ich schon bald, dass er Gottes Antwort ist auf langjähriges Gebet. Das kann man nicht erklären, ich wusste es einfach. Und Jürgen wusste es auch. Die Gewissheit, dass er der Mann für mich ist und ich die Frau für ihn, das war die letzte Bestätigung, dass es tatsächlich in Richtung Türkei geht.

Eure Kinder sind inzwischen erwachsen. Das Jüngste ist in der Türkei geboren. War es für sie ein Problem, in zwei Kulturen aufzuwachsen?

Wir sind überzeugt, dass Gott unsere ganze Familie im Blick hatte und hat. Unsere Kinder waren ja nicht nur Anhängsel. Wenn Gott uns ruft, dann sorgt Er auch für die Kinder. In diesem Vertrauen lebten wir. Unsere Kinder gingen in türkische Kindergärten und Schulen, damit sie sich schnell auf Türkisch ausdrücken und in der Türkei zu Hause fühlen würden und sich eben nicht fremd fühlten. Allerdings änderte sich das mit dem Eintritt in die Pubertät. Bei aller Anpassung an die Kultur gibt es doch vieles, was uns immer fremd sein lässt. Das können rein äußerliche Dinge sein (wie z.?B. die Beschneidung), aber auch gewisse Werte wie Wahrheit und Vertrauen. Und so ist es für mich geradezu beschämend zu sehen, wie liebevoll Gott für unsere Kinder sorgte, indem er Türen zumachte und wir uns örtlich verändern mussten. Das war in Trabzon so und auch in Ankara. Mein Glaube an den liebenden Vater wurde dadurch sehr gestärkt. Er ist der Herr auch über jede Staatsmacht und kann Umstände lenken, dass sie seinem guten Plan für seine Kinder dienen.

Was war die Familiensprache bei euch?

Wir Eltern haben immer deutsch gesprochen. Unser Ältester war vier, als wir in die Türkei zogen. Je mehr sich die Kinder im türkischen Kontext bewegten, desto mehr haben sie auch zu Hause türkisch geredet. Jürgen und ich haben immer deutsch gesprochen und sie haben türkisch geantwortet. Besucher fanden das ziemlich lustig, für uns war es absolut normal. Ich habe aber sehr darauf ­geachtet, dass die Kinder, nachdem sie türkisch lesen und schreiben konnten, auch deutsch lesen, jeden Tag; ab der 2. Klasse mussten sie auch schreiben. Unsere Kinder können sich heute fließend in drei Sprachen ausdrücken, denn wir waren eigentlich dreisprachig unterwegs. Wir gehörten zu einem englischsprachigen internationalen Team.

Wie habt ihr Kontakt zu Türken und Anschluss an ihre Kultur bekommen?

In den Augen unserer Nachbarn waren wir schon fremd. Vier Kinder in fünf Jahren zu bekommen, ist für Türken der Mittelklasse ungewöhnlich. In Istanbul wohnten wir in einem älteren Stadtteil auf der asiatischen Seite, wo es wenig Ausländer gab. Aufgrund von Jürgens beruflicher Tätigkeit gehörten wir zur Mittelschicht und fühlten uns zunehmend angenommen. Sie konnten uns „einordnen“. Außerdem hilft es sehr, Kinder zu haben. Kinder gehören einfach dazu und werden sehr freundlich behandelt. Es gibt in der Türkei sogar einen eigenen Feiertag für Kinder (23. April). In den Großstädten wohnen die meisten Menschen in hohen Appartmentblöcken. Da sitzt man im Sommer draußen im Hof, wo die Kinder spielen. So habe ich durch dieses einfache Miteinander im Alltag viel von der türkischen Kultur kennengelernt. In allen Gesprächen über Alltagsdinge kommt man doch auch immer schnell und unkompliziert auf das Thema Glauben. Jeder glaubt an Gott. Es ist keine Frage, ob es Gott gibt oder nicht. Oft wird für „Gott“ das Wort „Allah“ benutzt, ein arabisches Wort. Es gibt auch ein modernes türkisches Wort, aber das ist nicht so verbreitet. Wichtiger aber als das Wort oder die Frage, ob es Gott gibt, ist im Kontakt mit Muslimen das Zeugnis, wie ich mit Gott lebe und Ihn erlebe.

Gab es auch Missverständnisse oder kulturbedingte Konflikte?

Vieles lässt sich nur erleben, man macht Fehler, sieht, wie die Leute reagieren. Wenn man nach dem Weg fragt, bekommt man nie „das weiß ich nicht“ zur Antwort. Es schien das Sicherste, immer drei Leute zu fragen. Der erste erzählt das, der zweite dies. Wenn sich die dritte Antwort mit einer vorigen deckt, kann man davon ausgehen, das sie stimmt. Ein Zugeständnis, dass man etwas nicht weiß, bedeutet Gesichtsverlust. Den kultursensiblen Umgang mit der Wahrheit musste ich erst lernen. Ich habe öfter Leute bloßgestellt, weil ich das, was sich für mich als Wahrheit darstellte, ausgesprochen habe. Ich musste mühsam lernen, diplomatischer zu sein. Das ist mir sehr schwer gefallen. Unangenehme Wahrheiten sagt man sich nicht auf den Kopf zu.
Auch in Sachen Erziehung hatte ich andere Vorstellungen. Die türkischen Mütter bewunderten zwar meinen klaren und disziplinierten Umgang mit den Kindern, wären aber nicht auf die Idee gekommen, es auch so zu machen. Erziehung im Sinne von Begrenzen und Herausfordern ist nach ihrem Verständnis die Aufgabe der Schule. Lehrern wird mit großem Respekt begegnet, die Schule hat Autorität. Wie in jeder Gesellschaft gibt es auch in der Türkei viele Alltagsprobleme. Nun bin ich ein absolut lösungsorientierter Mensch. Sehe ich ein Problem, überlege ich mir, wie man es lösen könnte und präsentiere meinen Vorschlag. Eine türkische Freundin sagte mir aber irgendwann: Andrea, ich will von dir keine Lösung, ich will einfach, dass du mir zuhörst. Sie hat sich sicher öfter unverstanden gefühlt.

Neben all den Dingen, die dir schwergefallen sind – was hast du gelernt in diesen Jahren in der Türkei?

Im Orient hat die Familie einen hohen Stellenwert. Man lässt einander nicht im Stich. Man hilft, wenn auch nicht immer mit Begeisterung, aber es gehört dazu. Und man weiß, wenn man selbst hilfsbedürftig ist, wird der andere helfen, sich dafür notfalls sogar in Schulden stürzen. Es gibt eine ausgeprägte Gruppenkultur, die sehr auf die soziale Sicherheit baut, mehr als auf die geistliche: Es ist nicht so sehr der Glaube, der einem Sicherheit gibt, sondern es ist die Familie, ihre Zuwendung, die einen durch das Leben begleitet und trägt. Sie ist zuständig, sie sorgt für den Einzelnen. Die Türkei hat mich, die ich vom Naturell her eher sachorientiert bin, verändert. Dort habe ich den Wert von Beziehungen wirklich schätzen gelernt.

Wie war es, wieder in die Heimat zurückzukommen?

Frankfurt war eine fremde Stadt für uns, denn wir kommen aus anderen Regionen Deutschlands. Wir zogen in diese Gegend, weil zwei unserer Kinder in der Nähe leben und Jürgen hier eine Arbeitsstelle als Mathematiklehrer an einer christlichen Schule fand. Heimat hat für mich immer mit Menschen zu tun. Um mich heimisch zu fühlen, brauche ich Beziehungen. Deshalb investieren wir viel Zeit in Beziehungen, wir gehen auf andere zu. Ich engagiere mich auch ehrenamtlich in unserem Stadtteil. Um uns herum wohnen viele Migranten. Das war uns bei der Wohnungssuche gar nicht so klar gewesen. Es ist sehr ermutigend zu erleben, wie Gott all das, was ich in den verschiedenen Auslandsaufenthalten lernte, nun hier vor Ort gebrauchen kann.

In Frankfurt gibt es einen hohen türkischen Bevölkerungsanteil. Wie sprecht ihr sie an?

Natürlich höre ich, wenn auf der Straße türkisch gesprochen wird und spreche die Leute gegebenenfalls in ihrer Muttersprache an. Da öffnen sich die Herzen dann schnell. Was wir in Deutschland besonders vermissen, ist die Herzlichkeit, die Geselligkeit. Einfach Zusammensein ist in der türkischen Kultur wichtig. In Deutschland schaut jeder auf die Uhr, man bleibt kurz, hat schon ­seinen nächsten Termin im Auge. Dort hat man Zeit miteinander. Oft, wenn ich hier einkaufen gehe, nehme ich Zeit mit und versuche, den anderen zu sehen und wahrzunehmen. Meine besten Ge­spräche habe ich u.a. im Aldi. Dieser Unterschied im Zeitverständnis, das ist uns schon schwer gefallen, erst damals in der Türkei und dann, als wir wieder in Deutschland waren und uns erneut umstellen mussten. Leider ist man dann aber doch wieder schnell in der alten Mühle drin.

Was denkst du, wie geht es den Türken in Deutschland? Wie wahren sie ihre Identität?

Besonders schwer ist das für die zweite und die dritte Generation. Sie schätzen, was Deutschland zu bieten hat und wollen nicht mehr zurück. Aber geliebt werden sie hier nicht, und in der Türkei kommen sie auch nicht mehr zurecht. Also leben sie oft in ihren eigenen Kreisen. Nicht zuletzt deshalb ist der Familienverband so wichtig. Denn wenn sie selbst von der eigenen Familie nicht mehr akzeptiert werden, bleibt ihnen nichts. Sie empfinden sich nicht als Deutsche, aber sie sind auch keine Türken, sie gehören zu einer Gruppe, die eine eigene, eine dritte Kultur erworben hat, eine Mischung aus den beiden Kulturen, denen sie angehören.

Türken und Deutsche tun sich im Umgang miteinander nicht immer leicht. Wo siehst du die Hauptschwierigkeit?

Für Deutsche ist die Sache wichtig, nicht so sehr der Mensch. Die Leistung zählt. Wenn keine Leistung da ist, wird der Mensch schnell unwichtig. Das ist in der Türkei anders. Wir haben immer wieder erlebt, wie überrascht deutsche Besucher waren, als sie merkten, dass sie durch die Begegnungen ein ganz anderes Bild von Türken und ihrem Land bekommen haben. Es ist wirklich eine ganz andere Welt. Das kann man sich nicht vorstellen, man muss es erleben.

Ihr habt mit Frank und Ute Paul ein Seminar für interkulturelle Kompetenz erarbeitet. Was war der Leitgedanke?

Es geht darum, zu erkennen, dass eine andere Kultur ganz anders ist, aber genauso legitim. Viele Dinge funktionieren anders, sind deshalb aber nicht schlecht. Für uns ist normal, wie wir hier leben, wir denken nicht lange darüber nach. Wer aber einmal in einem anderen Land lebt und die Leute dort in ihrem Kontext erlebt und sich dabei gleichzeitig hinterfragen lässt, der lernt, Dinge mit anderen Augen zu sehen und sie vielleicht sogar auch anders zu machen.
In diesem Seminar gibt es ein „Spiel“, bei dem die Teilnehmer Aufgaben lösen müssen und ­dabei ­erfahren, wie es sich anfühlt, wenn man den ­anderen nicht verstehen kann. Sich dessen kognitiv bewusst zu sein, ist das eine. Ganz anders ist es, wenn man selbst keine Worte hat, um etwas auszudrücken. Ein Gefühl dafür zu bekommen und dann darüber reden zu können, das ist die Idee.

Was sollten Christen, Kirchen, Gemeinden in Deutschland beim Umgang mit Fremden nicht aus dem Blick verlieren?

Der Islam kennt keine Heilsgewissheit, kein ­grundsätzliches Angenommensein von Gott. Auch dass Gott ein Gott der Liebe ist, ein Vater, der seine Kinder liebt, ist ein fremdes Konzept. Das gibt uns Christen überall viele Möglichkeiten, diese Liebe Gottes sichtbar werden zu lassen in unseren Beziehungen. Wir sollten uns zunächst entschiedener prägen lassen von der Kultur, die wir in den Evangelien und Aussagen Jesu finden. Wir vergessen oft, dass niemand für sich existiert, sondern in eine Gemeinschaft gestellt ist. Wir brauchen einander, um wachsen und reifen zu können, um Dinge zu lernen. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft kennen wir alle; was es braucht, ist der Wille, sie zu leben. Zudem ist es wichtig, dass wir den anderen überhaupt wahrnehmen. Das ist nicht unbedingt die Stärke der Deutschen. Wir schauen nicht nacheinander, und erst recht nicht nach denen, die uns fremd sind. Zumindest in der Großstadt nicht. Da brauchen wir ein erneuertes Bewusstsein. Auch sollten wir die Probleme ­zwischen uns und den Fremden nicht beschönigen. Ja, es gibt Unterschiede, auch konflikthafte, die müssen benannt werden. Wir dürfen aber nicht aus den Augen verlieren, dass alle Menschen, egal woher sie kommen, die gleichen Grundbedürf­nisse haben, sie gehen nur anders mit ihnen um. „Kultur ist eine Strategie zur Handhabung des Lebens“, sagt Lothar Käser. Vor mir steht immer ein Mensch. Den gilt es, wahrzunehmen, im Auge zu behalten.

Das Gespräch führte Birte Undeutsch.

Von

  • Andrea Friedrich

    Andrea und Jürgen Friedrich leben seit 2007 wieder in Deutschland. Andrea engagiert sich ehren­amtlich sowohl überregional als auch lokal, besonders in Sachen Biblical Peacemaking und Coaching.

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  • Birte Undeutsch

    Redakteurin in der Salzkorn-Redaktion.

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