Ossi auf großer Fahrt

Ossi auf großer Fahrt
creative commons, by-nc-nd, Hessam Lavi

Wie ich in der Ferne zu mir fand

von Rebekka Havemann

Als Kind wollte ich Seefahrer und Entdecker werden, so wie meine Helden Christoph Kolumbus ­und Ferdinand Magellan, der die nach ihm benannte Ost-West-Passage in Südamerika entdeckt hatte, oder – falls das nicht klappen sollte – Missionarin in Indien, auf den Spuren Mutter Teresas, das hätte mir auch gefallen. Es dauerte ziemlich lang, bis ich begriff, dass daraus wohl nichts werden würde, weil das Land, in dem ich aufwuchs, seine Bewohner ungern auf große Fahrt gehen ließ und sie deshalb hinter einer großen Mauer eingesperrt hatte.

Verunsicherung

Als diese Mauer im Herbst 1989 fiel, war ich 15. Die Wochen und Monate vor dem Mauerfall waren sehr intensiv. Ich betete und demonstrierte mit vielen anderen für Presse-, Meinungs- und Reisefreiheit, gestaltete Plakate und Wandzeitungen, lauschte den besorgten Diskussionen der Erwachsenen und tippte nachts auf der Schreibmaschine meines Vaters im Zwei-Finger-Such-System das Manifest des „Neuen Forums“ ab, das ich morgens auf dem Schulhof verteilte.
Was wir heute als Nach-Wende-Zeit beschreiben, war für mich, wie wohl für viele Ossis, eine Zeit großer Verunsicherung. Die alten Vorschriften galten nicht mehr und neue gab es noch nicht, ja mehr noch: Die Welt, auf die meine Eltern mich vorbereitet hatten, gab es auf einmal nicht mehr. Ich musste zwar keine Angst mehr haben, für ­unbedachte Äußerungen ins Gefängnis zu kommen, dafür war ich aber zunächst auch nicht fähig, im neu entstandenen Supermarkt einzukaufen – dass es so viele verschiedene Sorten Joghurt, Käse und Wurst gab, überforderte mich derart, dass ich öfters mit leerer Tasche wieder nach Hause und mit leerem Magen ins Bett ging.

Bekehrung

Inzwischen hatte ich meine Ausbildung zur Krankenschwester angefangen. Auch da entstand durch den Systemwechsel eine Lücke, die ich, diesmal geistesgegenwärtiger, nutzte, indem ich mich ­be­urlauben ließ, um als Au-pair nach England zu gehen. Ich wusste zwar nicht genau, was ein Au-pair-Mädchen ist, aber im Ausland zu leben, am besten für immer, gehörte zu meinem großen Traum. Ich erlebte dort eine tolle Zeit. Für meine Gasteltern und deren Freunde war ich wie ein ­exotischer Vogel, der gerade dem DDR-Käfig ent­flattert, von einer Welt erzählte, die sie nur vom Hörensagen kannten. Ich meinerseits genoss die Weite ihres Horizontes und saugte alles Wissen, das sie mir vorsetzten, begierig auf.
In der DDR hatte es keine Rolle gespielt, „deutsch“ zu sein, es gab ja ohnehin kaum Ausländer, gegen die man sich abheben musste, und so bedeutete mir meine Nationalität nur, dass wir Deutschen „die Bösen“ der jüngeren europäischen Geschichte waren. Doch als ich nach insgesamt zwei Jahren Auslandsaufenthalt nach Deutschland zurückkehrte, hatte ich in der Auseinandersetzung mit all dem Fremden, dem ich begegnet war, schätzen gelernt, Deutsche zu sein. Es gefiel mir nun, zu diesem Land mit seiner reichen Geschichte zu gehören, in dem so vieles möglich ist. Außerdem hatte ich mich mit den Biographien von Frauen und Männern beschäftigt, die unser Land geprägt und zum Positiven verändert hatten. Das spornte mich an, so hingegeben wollte ich auch leben.

Entfremdung

Allerdings war es für mich inzwischen zu einem echten Problem geworden, aus Ostdeutschland zu kommen. In der DDR groß geworden zu sein, erschien mir so minderwertig und lächerlich rückständig, dass es mir peinlich war und ich mir schwor, nie mehr dorthin zurückzugehen. Deshalb suchte ich mir eine Arbeitsstelle als Krankenschwester in Schleswig-Holstein. Als erstes gewöhnte ich mir dort ab, jedem Menschen, den ich begrüßte, die Hand zu geben, wie es im Osten üblich ist. Hier reichte ein cooles Hallo in die ­Runde. Wenn ich im Ausland zur Deutschen wurde, dann wurde ich im Westen zum Ossi. Das ließ sich gar nicht vermeiden, schon an der Sprache fiel auf, woher ich kam. Und wenn ich hier von „früher“ erzählte, kam ich mir oft vor, als wäre ich 120 Jahre alt, so unwirklich erschienen viele Situationen ­und Gegebenheiten aus meinem früheren Leben. Die Vorurteile der Wessis, dass wir im Osten nicht hart arbeiten und dafür um so mehr jammern würden, trafen und beschämten mich. Dafür brauchte ich eine Weile, bis ich erkannte, dass die von mir beneideten West-Biographien auch nicht nur einfach gewesen waren. Auch hier hatte es Enge, Ausgrenzung und (innere) Armut gegeben.

Dann lernte ich die OJC kennen und hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen. So vieles in ­deren Theologie und Grundwerten und die gelebte Gastfreundschaft war mir von meinem Elternhaus her vertraut. Ich war begeistert. Und doch waren die folgenden Jahre sehr schwer und entfremdeten mich in ungeahnter Weise von mir selbst. Denn ich lernte mich von einer ganz anderen Seite ­kennen: Ich wurde krank und musste von nun an mit unüberspielbarer Schwäche leben. Schwach sein hatte es in meinem Lebenskonzept nicht gegeben, so hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt! In meinem Aufbegehren wurde mir auch mein Gott, der doch von Kinderzeit an mein Vertrauter war, fremd und unheimlich, mein Glaube zerbrach in tausend Stücke.
Seither sind viele Jahre vergangen. Es war ein mühevoller und oft einsamer Weg, den ich gehen musste, der mich aber letztlich immer mehr zu mir selbst, zu Gott, zu meinen Menschengeschwistern und – nicht zuletzt – zurück in den Osten führte.

Heimsuchung

Seit knapp 10 Monaten lebe ich nun in Greifswald. Hier hat die OJC das „Haus der Hoffnung“ mit insgesamt vier Mitarbeitern, die Seelsorge anbieten und örtliche Kirchgemeinden unterstützen. Dass ich nun doch wieder im Osten gelandet bin, merke ich an äußeren Gegebenheiten kaum: Greifswald ist eine freundliche und moderne Stadt wie viele ­andere auch. Das Händeschütteln bei der ­Begrüßung habe ich mir schnell wieder angewöhnt.
Wenn mir hier in Greifswald etwas fremd ist, dann sind es die Menschen, denen ich jede Woche­ bei ­den Kompass-Kids begegne. Das ist eine aufsuchende Kinderarbeit auf einer Wiese in der Plattenbausiedlung Schönwalde. An jedem Donnerstagnachmittag sind die Mitarbeiter zur Stelle, um mit den Kindern zu spielen, zu singen und biblische Geschichten zu erzählen. Ein paar Meter entfernt gibt es – ebenfalls im Freien – das Café Kompass: ein Tisch und ein paar Stühle, Tassen, jede Menge heißen Kaffee und ein paar Mitarbeiter, die einfach da sind. Und die Eltern lassen sich ein­laden, selbst bei Eiseskälte und strömendem Regen kommen sie, um von dem zu erzählen, was sie beschäftigt. Ich höre oft staunend zu, denn in der Begegnung mit diesen Frauen und Männern, die z.?T. kaum lesen und schreiben können und zu den Benachteiligten der Gesellschaft gehören, tut sich mir eine völlig fremde Welt auf. Ich fühle mich geehrt, dass sie mich in ihren Kreis aufnehmen, und gleichermaßen verunsichert. Doch diese Verunsicherung will ich mir nicht vom Leib halten, denn ich habe entdeckt, dass sie mir helfen kann, schärfer hinzuhören und genauer hinzuschauen, um – auch ohne große Weltumsegelung – immer wieder meine eigene Ost-West-Passage zu finden.

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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