Gott im Gaststatus

Theologische Annäherungen an das Fremde

von Theo Sundermeier

Die tiefe und schöpferische Kraft der Begegnung mit dem Fremden – so folgert Theo Sundermeier in seiner Hermeneutik des Fremden – wurzelt in der Begegnung mit dem Schöpfer. In der Erfahrung der unverfügbaren Andersartigkeit des fremden Gegenübers leuchtet etwas von der Heiligkeit Gottes auf: Nicht verfügen, sondern erkennen sollen wir. Der Raum der Begegnung ist der Raum der Freiheit und der Gastfreiheit. So beschreibt die Bibel Gott als den Gast, der um Aufnahme bei uns bittet – und eben dadurch unsere Gastfreundschaft in seinem Sinne formt. (Red.)

Gott auf der Durchreise bei Abraham

Als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen (Gen 18,1–2).
So nimmt mit den drei Gästen in Mamre die ­Geschichte Abrahams eine tiefgreifende Wende, die Rettung und Untergang, eine bisher nicht gekannte intime Gottesnähe (Gen 18,20?ff), aber auch eine zerstörerische Distanz erfahren lässt und einen Bund zwischen Gott und Mensch initiiert, der stammesgeschichtliche Religionserfahrungen tief durchbricht. Religionsgeschichtlich gesehen wird Israel in hohem Maße zum Sonderfall. „Die sich fortwährend ereignende Geschichte mit diesem Gott“, so fasst Klaus Berger diesen Sachverhalt prägnant zusammen, „bedarf, eben wegen der stets sich wandelnden geschichtlichen Andersheit, auch des Neuen, Anderen und bislang Fremden im Bereich der religiösen Artikulation“. „Überraschtwerden und bislang Unerwartetes ... erfahren“?1, gelten von nun an als typisch für das Handeln des Gottes Israels. In diesem Gottesglauben ist das Neue Testament tief verankert. Es erweitert und universalisiert jedoch die Vorstellung, dass jetzt, hier und heute, die Fremden außerhalb Israels an der Erwählung teilhaben und ebenfalls sein Volk werden. Das „Nicht-Volk“ wird zum „Volk“, die Fremden dürfen nicht nur zentral am gesamten Kult teilnehmen, dem letzten Rest, der ihnen im AT von allen Autoren verwehrt war, sondern werden sogar zu Priestern eingesetzt (1. Petr 2,9?f.).

Christus als Obdachloser in seiner Heimat

Er kam in sein Eigentum (Joh 1,11) – und dennoch war er unter den Seinen ein Fremder. Sie haben ihn nicht erkannt. So beschreibt das Johannesevangelium das Auftreten Jesu (Joh 1). Die anderen Evangelien drücken das auf eher narrative Weise aus. Jesus ist der fremde Gast im Hause des Zöllners (Lk 19,1–10) und vertritt dort, „weil er selbst ein Fremder ist, die Interessen der fremden Gäste“?2. Auf seiner Wanderung durch das Land bleibt Jesus ein Fremder, der auf Gastfreundschaft angewiesen ist, denn „des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege“ (Mt 8, 20). Die verschiedenen Gesprächssituationen im Johannesevangelium wollen auf ihre Weise etwas von dieser tiefen, bleibenden Fremdheit Jesu widerspiegeln (Joh 4; Joh 6), die Paulus im Gedanken der Kenosis zusammenfasst. Der Gottessohn entäußert sich und wird Mensch in der Gestalt eines Sklaven (Phil 2,5 ff), ein Vorbild, dem die Christen in ihrer Gesinnung nacheifern sollen. Diese Fremdheit setzt sich selbst nach ­Ostern fort. Als fremder Gast kehrt der Auf­erstandene bei den Jüngern von Emmaus ein (Lk 25) und lädt die Jünger als fremder Gastherr zum einfachen Mahl am See Genezareth ein (Joh 21). Aufgrund dieses Vorbildes muss sich die Ethik der Gemeinde am Fremden orientieren. Bei Matthäus findet sich diese Konsequenz radikal ausgezogen: Der ewige Weltenrichter identifiziert sich mit dem Fremden (Mt 25,35, gr. xenos). Im Fremden ebenso wie im Gefangenen und Hungernden ist Christus nahe. Ja der Fremde ist in Christus präsent. Die Ubipräsenz (=Allgegenwart) des ewigen Sohnes, so haben die frühen Kirchenväter den Text ausgelegt und appliziert, konkretisiert sich im Gefangenen, im Bettler, im Fremden. Wer Jesus liebt und ihm seine Liebe zeigen will, beherberge den Fremden, besuche den Gefangenen, helfe den Bettlern auf, woher sie auch kommen, zu welchem Volk und Stand sie auch gehören mögen.

Die Gemeinde als gastfreier Zufluchtsort

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebr 13,2)
Den Fremden einladen – das kennzeichnete das frühe Christentum. Gastfreundschaft, die keine Unterschiede kannte, machte die frühe Gemeinde für Außenstehende attraktiv. Unterschiedslose Gastfreundschaft wurde zum expliziten Ausdruck christlicher Ethik. In ihr nimmt das Wesen des Evangeliums Gestalt an: Das Evangelium lädt den Menschen ein, es stellt keine Bedingungen, es erkennt keine Unterschiede an, sei es rassischer, sozialer oder politischer Natur, und schenkt dem, der die Einladung annimmt, einen Lebensraum, in dem er angenommen ist und in eine Gemeinschaft inkorporiert wird, die ihm im Zusammenleben Freiheitserfahrungen gewährt. Das alles kann der Mensch sich nicht selbst geben, sagen oder gewähren. Justitia aliena nennen die Reformatoren sehr präzise diese Gabe. Sie ist „fremde Gerechtigkeit“, d.h. sie wird geschenkt, sie ist nicht verdient. Eben darin ist sie bedingungslos. „Gerechtigkeit“ meint nicht im Sinne des römischen Rechtes, vor dem Forum des Gerichts gerecht gesprochen zu werden, sondern, ganz alttestamentlich, dass dem vom Feind Bedrohten und zum Tode Verurteilten Lebensrecht und Lebensraum gewährt wird. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, bekennt der Beter (Ps 31). Das Evangelium spricht dem Menschen, der sich von Gott und dem Mitmenschen entfremdet und mit ihm verfeindet hat, das ­Lebensrecht zu und gewährt ihm den Lebensraum. Dieser ist Christus selbst, mit dem man in der Taufe verbunden wird und den man im Abendmahl empfängt. Dieser Raum ist die Kirche, der Christus prolongatus (=verlängert), die Gemeinschaft der Gläubigen. Dieses Selbstverständnis wirkt sich bis in die Struktur der Kirche und ihrer Sakramente aus. Gastfreiheit ist ein Qualifikationskriterium für das Bischofsamt (1. Tim 3,2; Tit 1,8) und für das diakonische Witwenamt (1. Tim 5,19). Sie gehört wesentlich zu den beiden Grundsakramenten der Kirche. Das Abendmahl ist ein Gastmahl, das die Freude eines königlichen Mahles widerspiegelt. Zu ihm spricht der Herr eine offene Einladung aus und alle, die an den Hecken und Zäunen wohnen, die Randsiedler, sind eingeladen. Schichten­spezifische Trennungen gibt es nicht. Jeder wird aufgenommen, der die Einladung annimmt. Auch die Taufliturgie spricht eine deutliche Sprache. Zu ihr gehört offenbar der die sozialen, politischen und sexistischen Grenzen missachtende Satz, dass in der Gemeinde nicht zählt, ob man „Jude oder Heide, Sklave oder Freier, Mann oder Frau“ ist, sondern alle sind eins in Christus (Gal 3,28).

Der Heilige Geist als Fremdenführer

Der Geist ist es, der die Fremdheit der Verschiedenen verstehbar macht. Das zeigt der Stiftungsakt der Kirche, die Ausgießung des Geistes am Pfingsttage. Alle hören in ihrer Sprache die Botschaft. Die in Apg 2 genannte Vielzahl der Völker repräsentiert die ganze Welt. Alle Völker, alle „die einander nicht verstehen ... verstehen, was gesagt wird ... Ohne Auflösung der Vielfalt und Komplexität ihrer Herkunft, ohne Beseitigung ihrer gegen andere abgegrenzten Äußerungs- und Verstehensformen erfolgt eine unglaubliche Gemeinsamkeit der Erfahrung und des Verstehens.“?3 Der Geist hebt nicht die Differenzen als solche auf, sondern nimmt ihnen den gegeneinander gerichteten feindlichen Sinn, er macht sie durchlässig, macht sie „verständlich“, gewährt charismatische Vielfalt. Ganz prägnant dazu M. Welker: „Nicht eine verwirrende und zerrüttende, nur fälschlich ,Pluralismus’ genannte ‚Vielfalt’, sondern konzentrierte Gegenwart Gottes, lebendige Gegenwart Gottes ist mit der Differenzen erhaltenden Verständigung und Vermittlung von Zeugnissen und prophetischen Erkenntnissen verbunden.“?4 Der Geist will die Vielfalt. Er ermöglicht, die Fremdheit des anderen zu akzeptieren, die fremden Sprachen zu verstehen. Er setzt die Menschen in Bewegung zu anderen, zum Fremden. Er führt Philippus zu dem afrikanischen Beamten der fernen Königin (Apg 8) und macht ihn zum Hermeneuten des Gottesknechtes. Er führt Petrus, so sahen wir, in die fremdreligiöse Welt und erschließt ihm eben dort das Geheimnis Gottes, vor dem religiöse Grenzen nicht gelten. Er ruft Paulus nach Europa, leitet ihn bis an die Enden der damals bekannten Welt und sorgt zugleich dafür, dass er nie sein eigenes Volk aus den Augen verliert, dass in der Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde die Christen lernen, mit ihr Solidarität zu üben und durch diese Symbolhandlung ein Stück prophetischer Vision verwirklicht wird. Die Völker bringen ihre Gaben nach Jerusalem, dem Hause Gottes. Der Geist ist der Go-Between God“?5, der zwischen Gott und Mensch hin- und hergeht, der Gottes Wahrheit dem Menschen zeigt und den Menschen ins Vaterhaus zurückführt, der den Menschen zum Menschen bringt. Er ist der Fremdenführer, sodass der Mensch dem anderen zum Mitmenschen wird. Was dieses Go-Between im Hinblick auf den Menschen selbst bedeutet, drückt Paulus in der Sentenz aus: „Ich erkenne gleich wie ich erkannt bin“ (1 Kor 13,21). Erkenntnis ist eingebettet in Gegenseitigkeit, heißt Nähe, die sich der Identität des anderen aussetzt und darin der eigenen Identität gewiss wird, heißt anerkennen, weil man anerkannt ist, ermöglicht Verstehen, das auf Verstandensein gründet.

Liebe: die Migration zwischen uns

Jetzt aber muss von der Liebe geredet werden, weil sie noch einmal in einer ganz anderen Dimensionalität die Wirklichkeit des Go-Between beschreibt, und das heißt, den Weg zum Fremden ebnet. Die Liebe kann nicht bei sich selbst bleiben. Sie sucht den anderen, den Nächsten, den Fremden, den Feind. Die Liebe des Narziss würde im NT nicht als Liebe bezeichnet werden. Die Reformatoren sähen in ihr allein die incurvatio in se ipsum, die Verkrümmung in sich selbst, Urform der Sünde schlechthin. Nur wo die Liebe den anderen Menschen gefunden hat, wird ihr Rückbezug auf das Ich ermöglicht. „Liebe deinen Nächsten“, das ist das erste, „wie dich selbst“, das ist das zweite. Diese Reihenfolge kann nicht umgekehrt werden. Selbstliebe ist Folge, nicht Grund der Liebe, der Gottes- und Nächstenliebe. Noch einmal kommt darin die innere Struktur des Go-Between zum Ausdruck und macht den Grund sichtbar, warum der Geist der eigentliche Fremdenführer ist, warum die Gastfreundschaft in der frühen Kirche eine solch große Rolle spielt.

    Anmerkungen:

  1. Klaus Berger, Hermeneutik des Neuen Testaments, Gütersloh 1988, 128
  2. Hans Weder, Neutestamentliche Hermeneutik, Zürich 1989, 431
  3. Michael Welker, Gottes Geist. Theologie des Geistes, Neukirchen-Vluyn 1992, 218 f.
  4. Michael Welker, Kirche im Pluralismus, Gütersloh 1995, 31
  5. vgl. John V. Taylor, The Go-Between God: Holy Spirit and the Christian Mission, London 1972, Dt. Düsseldorf 1977

Aus: Theo Sundermeier: Den Fremden verstehen. Eine praktische Hermeneutik. Göttingen 1996. (S. 208 – 213)

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