Aus Babel getürmt

Aus Babel getürmt
Fotomontage aus P. Bruegel: Turm zu Babel und unbek. Künstler

Vom Segen der sprachlichen Vielfalt

von Frank Paul

Globalisierung heißt für die meisten Menschen dieser Erde: moderne Technologie, Weltsprache Englisch und ein Wirtschaftssystem, in dem alles zur käuflichen Ware wird. Einzelne Kulturen werden zu Leitkulturen, die den anderen ihre Art erstrebenswert machen bzw. auf­drücken: Alle sollen „unsere“ Musik, Lebensmittel und Medien konsumieren, alle sollen sich nach „unserer“ Mode kleiden; dünn und blond ist universales Schönheitsideal. Was noch abweicht, steht unter dem Druck, sich anzupassen oder zu verschwinden. Kultureller Darwinismus!? Direkter Weg zum „eindimensionalen Menschen“?! Bleibt da nur der Kampf der Kulturen? Oder der gewaltsame Aufstand menschenverachtender Fundamentalisten? Wie kann heute kulturelle Vielfalt und friedliches Zusammenleben gelingen? Dazu kann uns ein roter Faden helfen, der sich in der Bibel findet.

Verlust von Land, Sprache,Zugehörigkeit

In 1. Mose 10, 8–12 und 11, 1–9 finden wir einen­ Stammbaum, der durch zwei erzählende Texteinheiten angereichert ist. Beide haben mit der Stadt Babel im Lande Sinar zu tun. In beiden geht es um Macht: um Nimrod, dem ersten „mächtigen Mann“ – und um die Stadt macht-
voller Menschen, deren Name und deren Turm den Himmel erreichen soll. Babel/Babylonien?1 steht in der Bibel bis zum Ende für unterdrückerische, gewalttätige Macht. Von den drei Söhnen Noahs wird berichtet, dass sie jeweils verschiedene ­Gegenden besiedelten, aber eine Aussage wird für alle drei gemacht: Diese alle wurden zu Völkern, von denen jedes nach Sippen geordnet in seinem Gebiet lebt und seine eigene Sprache hat (1. Mose 10, 5, 20, 31). Eine frühzeitliche ethnische Vielfalt: 70 Völker werden benannt! Zu ihrer Identität gehören: Familie, eigener Lebensraum, eigene Sprache und Volksbewusstsein. Kein Volk kann dauerhaft auf eine dieser Säulen verzichten. Beispielhaft sehen wir das am Volk Israel: Der Glaube an den Gott der Väter und die Verheißung, als Volk wiederhergestellt zu werden, hat sie durch alle Gefahren der Geschichte bewahrt. Die Erzählung des Buches Daniel macht beispielhaft deutlich, wie gefährlich die Zeit des babylonischen Exils war, als das ­Heimatland alle Symbole nationaler Einheit verloren hatte und das Überleben der eigenen Sprache, Kultur und Glaubenspraxis drastisch gefährdet waren (Dan 7).

Großbaustelle Assimilation

Der erste Einschub in der Völkertafel in 1. Mose 10, 8–12 bezieht sich auf die Person Nimrods, der erste, der fremde Völker seiner Herrschaft unterwarf und ein kühner Jäger/Krieger war. Dieser Enkel Noahs wird beschrieben als der erste, der ein Imperium  mit zwei Zentren errichtet: im Land Sinar und später noch im Land Assur. Seine Geschichte steht im Kontext der Gründerväter anderer Nationen und Sprachen, die bereits existierten und durch Namen gekennzeichnet sind. Nimrod erscheint hier als der erste, der in jeder Hinsicht expansiv ist: Er nutzt Werkzeuge und Waffen, um sich und seine Familie über andere auszubreiten, ja sogar „vor Jahwe groß dazustehen“.

Das 11. Kapitel beginnt mit der sogenannten ­„Geschichte des Turmbaus von Babel“. Im Vers 1 und 9 entdecken wir die Zentralmotive der Erzählung: Land und Sprache. Diese Motive hatten vor ihrer Verschriftlichung schon eine lange mündliche Überlieferung im Volk Israel. Im biblischen ­Kanon stehen sie aber in engem Zusammenhang zu den vorangehenden Versen, was ihr Verständnis an diesen Kontext bindet: Die Menschen hatten damals noch alle dieselbe Sprache und gebrauchten dieselben Wörter. Darin kommt – im Kontrast zum vorangehenden Kapitel – zum Ausdruck, was die Bewohner des Landes Sinar wahrnahmen. Die ersten beiden Verse von Kapitel 11 nehmen somit Bezug auf die zuvor beschriebenen Menschen, die sich östlich, im Lande Sinar, niederlassen, sich ausbreiten und eine Vormachtstellung über andere Völker einnehmen. Sie tun, was alle Imperien tun, um ihre Macht zu stabilisieren: Sie überschreiten ihre Grenzen, unterwerfen andere, erlauben nur eine Sprache – versuchen durch monumentale Bauwerke und militärische Macht eine super-nationale Identität zu erzeugen. Das Turm-Bauwerk ist ja kein Aussichtsturm, sondern Teil einer befestigten Stadt, eine gigantische Konstruktion für einen militärischen Zweck: Feinde von weither zu sehen  und sich vor ihnen zu schützen. Da sich in der Tigris-Ebene keine Felssteine zum Bauen finden, wird die Technik des Ziegelstreichens entwickelt. Zum Vermauern wird Asphalt verwendet; man hatte entdeckt, dass er durch das Erwärmen von – in ihrer Gegend reichlich vorhandenem – Rohöl leicht hergestellt werden kann. So entsteht und wächst menschliche Kultur: durch das Lösen von Problemen! Für die Bauarbeiten und die Nahrungsmittelversorgung werden massenhaft Arbeitskräfte aus anderen Völkern versklavt. Etwas, was die Israeliten einst in Ägypten am eigenen Leib erfahren werden.

Befreiung statt Strafe

Nimrod will hoch hinaus; Jahwe aber „steigt herab“.In dieser Textpassage steckt unglaublicher Humor:­ Gott muss sich regelrecht bücken, um zu sehen, was die „da unten“ machen! Mit keiner Silbe wird gesagt, Gott sei zornig; er interessiert sich für seine Geschöpfe und betrachtet ihr Tun. Insbesondere seit der Sintflutkatastrophe ist ihm daran gelegen, dass nicht noch einmal alles schiefgeht! Gott steigt also herab, um das imperiale Vorhaben der Babel-Leute zu stoppen. In biblischer Tradition meint „Gott steigt herab“ nicht, dass Er herabsteigt, um zu bestrafen! Im Gegenteil: Gott kommt, um zu befreien, um sich seines Volkes anzunehmen, um ihre Unterdrückung zu beenden. So wie er es später tut, um sein Volk aus der Macht der Ägypter zu befreien und sie in das für sie bestimmte Land zu führen (2. Mose 3, 8; vgl. Apg 7, 34). Die neutestamentliche Überlieferung sagt entsprechend: Gottes Sohn kommt nicht auf die Erde, um zu strafen, sondern zu vergeben, zu retten und zu befreien (Joh 3, 17). Der Heilige Geist kommt, um das Evangelium der Errettung und Befreiung polyglott (vielsprachig) zu bestätigen und die Gemeinde Jesu Christi mit Kraft aus der Höhe und einer globalen Vision auszustatten.

Der Entschluss Gottes, hinunterzusteigen und ihre Sprache [zu] verwirren, damit keiner mehr den anderen versteht, ist also keine Strafe für die Menschen, sondern eine göttliche Befreiungstat, die die Ambitionen eines übergriffigen Systems begrenzt. Es heißt nicht, dass die verschiedenen Sprachen und Völker in diesem Moment erst ­ge­schaffen werden (vgl. 1. Mose 10, 5, 20, 31); ganz ­genau heißt es, dass „ihre Sprachen verwirrt ­wurden“ – als wirkungsvolle Maßnahme gegen Selbstentfremdung, um die babelsche Expansion zu stoppen. Gott greift ein, damit sein guter Plan für die Zukunft nicht ver­eitelt werden möge: die Vielfalt und Freiheit der Völker, Sprachen, Kulturen und ihrer Geschichte(n). Kein Herrscher darf die Sprache seines eigenen Volkes allen anderen aufdrängen. Die Sünde, der Gott hier begegnet, ist also die gewaltsame, für damalige Verhältnisse globale Kolonialisierung durch ein übermächtiges Volk und seine Sprache; der vom Schöpfer vorgesehene Segen für die Menschheit ist kulturelle Vielfalt! Die Vielfalt der Sprachen ist also keineswegs die Folge menschlicher Sünde oder gar eine göttliche Strafe, sondern von Gott gewollt. Entsprechend ist die Vorherrschaft eines Volkes über andere Völker auf Erden, über ihre überlieferten Kulturen und ihre Symbole – Ausdruck und Inhalt ihrer Identität – ein Vergehen gegen die von Gott beabsichtige Fülle des Lebens.

Hörwunder Pfingsten

Diese Beobachtung am urbiblischen Text findet sich neutestamentlich an Pfingsten in augen­fälliger Weise bestätigt. Die aus vielen Völkern für die Festtage in Jerusalem versammelten frommen Juden hören die Apostel mit galiläischem ­Zungenschlag predigen (Apg 2, 7). Überraschenderweise versteht sie jeder in seiner Muttersprache! Das Pfingstwunder bestand nicht etwa in der Fähigkeit der Jünger, in ungelernten Zungen oder gar in einer „himmlischen“ Sprache zu reden, es war vielmehr ein Hörwunder: Wir alle hören sie in unserer eigenen Sprache die großen Taten Gottes verkünden! (Apg 2, 10 b). Der Heilige Geist schaltet die Vielfalt nicht aus, wirkt keine charismatisch-himmlische Einheitssprache, ­keine Assimilation. Im Gegenteil: Er bestätigt und würdigt die von Gott gestiftete linguistische und kulturelle Vielfalt. Und er schafft an Pfingsten etwas Einzigartiges,­ was ­seinem ­eigenen Wesen entspricht: eine geistgewirkte neue Verbundenheit, die versöhnte ­multilinguale ­Gemeinschaft seiner Nachfolger. Im gesamtbiblischen Zusammenhang ist das nicht weniger als der Beginn einer neuen Gesellschaft. So wie Babel zum Inbegriff menschlichen Hochmuts wurde, wird nun Pfingsten und die darin gestiftete Gemeinschaft in Christus zum Signal der Entmachtung und Demütigung aller, die ihre Sprache und Kultur über die der anderen setzen wollen (nach Justo Gonzalez)?2.

Das himmlische Jerusalem ist polyglott!

Es ist interessant, wie der rote Faden aus der ­Urmenschheitsgeschichte sowie aus der Apostelgeschichte auch im letzten Buch der Bibel zum Leuchten kommt: Das geschlachtete Gotteslamm wird verehrt, weil es mit seinem „vergossenen Blut ... Menschen für Gott erworben [hat], ­Menschen aus allen Sprachen und Stämmen, aus allen Völkern und Nationen“ (Offb 5, 9; vgl. 7, 9; 13, 7; 14,6). In der Offenbarung des Johannes wird die Hure Babel vor ihrem Sturz beschrieben als Herrscherin über „Völker und Nationen und Sprachen“ (17, 15); ihre Sünden „sind aufgehäuft bis zum Himmel“ (18,5). Was Nimrods Ziegel nicht vermochten, das bewirken nun die Sünden des frevelhaften, machtbesessenen, globalen Unterdrückungssystems Babylon! Gottes Herabsteigen mit dem himmlischen Jerusalem (21, 1–7) hat abermals und endgültig befreiende Wirkung: die Rettung der Heiligen, das Ende ihrer Leiden und ihres Siechtums. Er selbst will unter ihnen wohnen. An diesem Ende werden die Nationen nicht etwa aufgelöst, sondern gelangen im Licht Gottes zu der ihnen eigenen Würde: Ihre Könige ehren Gott in seiner Majestät.

Der rote Faden der Identität kultureller und sprachlicher Vielfalt in der Bibel verbindet die Entstehung der Völker mit der Geburt der christlichen Gemeinschaft und der Vollendung der Heilsgeschichte. Unverkennbar wird, was Gott sich für seine Geschöpfe ausgedacht hat, und wie er ihre Identität markiert: Land, Sprache, versöhnte Gemeinschaft.

Unterpfand von Identität

Unterpfand von Identität

Land – hebräisch Eretz – ist nicht nur ein Flecken Erde; es ist Lebensraum, den der Schöpfer Menschen, Familien, Völkern gegeben hat, damit sie ihn gemäß ihrer eigenen Art bewohnen und gestalten. Wenn ein Volk gewaltsam in den Lebensraum eines anderen eindringt, es erobert und die Einwohner unterwirft bzw. assimiliert, zerstört es eine von Gott gestiftete Ordnung.
Dabei ist es zweit­rangig, ob es das durch territo­riale oder nur durch wirtschaftliche oder kulturelle Expansion tut, das Ziel ist immer gleichermaßen negativ: die eigenen Werte, Symbole und Sprache aufzwingen, zu oft um des eigenen ökonomischen Vorteils willen.

Sprachen gehören zur Schöpfungsvielfalt. Alle Großreiche der Geschichte haben durch eine glo­bale Kommunikation versucht, ihre Gesetze, Regeln, Steuerordnungen, Arbeits-(Ausbeutungs-) weisen durchzusetzen. Und wie oft haben ­christ­liche Missionare im Windschatten kolonialer Mächte dabei mitgewirkt! Sogar Bibelüberset­zungen, die wirklich viel zur Erforschung, ­Förderung und Bewahrung einheimischer Sprachen ­beigetragen haben, konnten zum Vehikel kultureller Entfremdung werden. Mission hat so auch einen bedauerlichen Beitrag zur Stabilisierung kolonialer Herrschaftssysteme geleistet. In Lateinamerika zum Beispiel gelten europäische Sprachen bis heute als „richtige Sprachen“ und indigene als „Dialekte“. In der theologischen Ausbildung dominieren Erstere ganz deutlich. Vielen Christen der Urbevölkerung wird die Bibel nur durch fremde Denksysteme vermittelt – während ihrer eigenen geistlichen Denktradition, Sprache und Kultur keinerlei Wertschätzung entgegengebracht wird. Welch ein großer Verlust, wenn eine Sprache durch eine (offizielle) Nationalsprache in den Hintergrund gedrängt wird! So geht eine Art und Weise ver­loren, Gottes Schöpfung wahr­zunehmen und damit andere Kulturen zu bereichern und zu ergänzen. Wenn ich in Argen­tinien mit meinen indigenen Glaubensgeschwistern Spanisch rede, selbst wenn ich noch so viel Sympathie zum Ausdruck bringe, hören und erleben sie mich in einer Sprache, die sie an ihre Eroberer erinnert und damit an alles, was ihnen das Leben erschwert, seit diese in ihren Lebensraum eingedrungen sind.

Was für die Israeliten galt, gilt auch allen anderen Menschen: Die Botschaft des Evangeliums soll in ihren Ohren verständlich sein und wertschätzend klingen. Sie sollen nicht gezwungen werden, eine fremde, aber mit genauso sündigen Elementen durchwachsene Kultur zu übernehmen. Bei Matt­häus beginnt der Stammbaum Jesu dort, wo ?1. Mose 11 aufhört; er wird hier sozusagen fortgesetzt. In diesem Sinne schreibt das Evangelium die Geschichte der Familien und Völker fort, statt sie auszutilgen. Der neue Bund baut auf ihr auf, läutert sie, vervollständigt sie, reichert sie mit neuem Sinn an.

Versöhnte Gemeinschaft von Menschen, die sehr verschieden sind und es sein dürfen, das will und schafft Gottes Schalom. Nicht die Auflösung der Unterschiede, sondern ihre Anerkennung und Befriedung. Nicht formelle Gleichheit, sondern Gegenseitigkeit auf Augenhöhe. Nicht Vereinheitlichung, sondern Ergänzung. Der Schalom will nicht die Spannungen auflösen, sondern uns helfen, sie zu bejahen, will die Energie, die sie erzeugen, zum Aufbau versöhnter Gemeinschaft nutzen. Das gelingt uns, gelingt mir, wenn ich anderen ihren (Lebens-)Raum gewähre, ohne sie zu verprellen oder zu assimilieren (an mich anpassen zu wollen). Und wenn ich die Anderen als Geheimnis wahrnehme, ihre Grenzen achte, ohne mich gegen sie abzuschotten. Wenn Gottes Segen in seiner Fülle greift, dann in dieser Art geschwisterlicher Verbundenheit.     ?

Anmerkungen:

  1. Der Name „Babel“ klingt im Hebräischen ähnlich wie „balal” [= verwirren] ; er erinnert an unseren Ausdruck „blabla”.
  2. Begleiten statt erobern. Missionare als Gäste im nordargentinischen Chaco, Neufeld, 2010, Ute und Frank Paul (Hrsg.)
  3. Die Rückkehr der Zikade – Geschichten vom Leben am anderen Ende der Welt, Neufeld 2015, Ute Paul.

Von

  • Frank Paul

    Koordinator der Internationale Partnerschaften und Projekte der Offensive Junger Christen; lebte von 1990-2008 mit seiner Familie in Argentinien, davon 13 Jahre im Chaco.

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