Eins ist not

Johannesminne
Motiv der Johannesminne, Skulptur aus dem frühen 14. Jahrhundert, Bayerisches Nationalmuseum München
Foto: Andreas Praefcke

Zwiesprache über die Liebe

von Rebekka Havemann

 

Was für ein altmodisches Bild ist das denn?

Das ist eine sogenannte Johannesminne, eine Skulptur aus dem frühen 14. Jahrhundert. Die Männer, die sie darstellt, sind Jesus und „der Jünger, den Jesus liebte.“

Wie, es gibt einen Jünger, den Jesus mehr liebte als die anderen? Das ist ja ungerecht!

Das wird nicht gesagt, sondern nur, dass Jesus ihn liebte. Allerdings hat dieser Jünger keinen Namen und taucht erst in den letzten Kapiteln des Johannesevangeliums auf. Der Tradition nach soll es Johannes gewesen sein, der beim letzten Abendmahl an Jesu Brust gelehnt lag, und so wurde aus ihm der „Lieblingsjünger Jesu“.

Warum war dieser namenlose Jünger denn etwas so Besonderes?

Vielleicht war der Jünger, den Jesus liebte, der, der sich lieben ließ?

Das ist nichts Besonderes, das kann doch jedes Kind!

Jedes Kind vielleicht, aber wir Erwachsenen tun uns damit oft sehr schwer. Denn um sich lieben zu lassen, muss man empfangen. Empfangen aber bedeutet in erster Linie stillhalten. Nicht rennen, machen und tun – nicht mal gute Werke für Jesus –, sondern still sein, die Hände öffnen und sich beschenken lassen.

Und was hat dieses alte Bild mit mir zu tun?

Da dieser Jünger, den Jesus liebte, keinen Namen hat, ist jeder – du und ich – eingeladen, den eigenen Namen an diese Stelle zu setzen und für einen Augenblick sozusagen an der Brust Jesu zu ruhen. Dieses Bild kann helfen, wirklich zu erleben, was es heißt, von der Liebe Jesu tief innen satt zu werden, und auch, ihn wiederzulieben.

Jesus wirklich lieben zu können, wäre schön, aber soweit bin ich wohl noch nicht.

Worauf willst du warten? Dass du ihn selbstloser oder hingebungsvoller lieben kannst? Das erwartet er gar nicht. Du darfst ihn so lieben, wie du es jetzt kannst.

Aber wie weiß ich, dass ich Jesus, den ich weder sehen noch anfassen kann, liebe und mir nicht nur etwas vormache?

Lieben ist Vertrauen und darauf kommt es an, nicht so sehr auf fromme Gefühle. Dein Vertrauen ist das kostbarste Geschenk, das du Jesus machen kannst. Er wird es ehren und sehr behutsam damit umgehen. Und ansonsten ist es das Gespräch, das die gegenseitige Vertrautheit wachsen lässt: reden und zuhören. Jesus ist ein toller Zuhörer und er spricht auch mit uns – durch sein Wort, durch Menschen, durch Gedanken, Impulse oder Träume.

Stimmt, der Johannes sieht aus, als ob er schläft.

Vielleicht schläft er, aber vielleicht lauscht er auch der Herzenssprache seines Freundes. Und er weiß, dass Jesus ihm ebenfalls aufmerksam zuhört.

Das klingt zwar sehr schön, aber auch selbstzentriert – Jesus und ich –, sollte es nicht eher darum gehen, sich für Flüchtlinge einzusetzen und gegen die Ungerechtigkeit zu kämpfen?

Der erste Schritt ist immer, mich selber lieben zu lassen, dann erst habe ich etwas zu geben, kann austeilen. Manchmal brauche ich lange, um mich in der täglichen Begegnung mit Jesus von seiner Liebe füllen zu lassen. Das ist okay so, und dann kann ich mich auch engagieren, ohne auszubrennen. Die nachhaltigsten Veränderungen, die wirklich etwas bewegen in dieser Welt, beginnen dort, am Herzen Jesu. Paul Schütz, ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts, hat es so ausgedrückt: „Eins ist not: Ihn lieben. Das ist der Taten Saat.“

Von

  • Rebekka Havemann

    Krankenschwester, lebt seit 1999 in der OJC. Seit Sommer 2014 verstärkt sie das Team vom Haus der Hoffnung in Greifswald. Seit 2016 gibt sie die Zeitschrift Brennpunkt Seelsorge heraus.

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