Der Liebe auf den Grund gehen

Tief verankert

Der Liebe auf den Grund gehen

Das Bild, das ein Mensch sich von Gott macht, bildet sich bereits in den Anfängen seines Lebens. Für ein Kind, so sagt die Entwicklungspsychologie zu Recht, sind seine Eltern die ersten Götter. Wie sie sich zu ihm verhalten, formt sein inneres Bild von Gott. Wenn die Eltern aufmerksam, zugewandt, berechenbar, verlässlich, liebevoll – auch im elterlichen Mit­einander – sind, erwartet das Kind solches Verhalten auch von Gott. Ganz anders, wenn Eltern innerlich angespannt und gereizt auf die vitalen Regungen und Ansprüche ihres Kindes reagieren, wenn sie wenig Zeit haben und mit Liebesentzug strafen. Unbewusst macht es sich die Haltung zu eigen: Ich muss mir die Liebe meiner Eltern erst verdienen; es gehört zu meinen Aufgaben, es ihnen recht zu machen, nur so bin ich liebenswert. Menschen mit einer solchen Geschichte tun sich später schwer, an einen Gott, der sie um ihret­willen liebt, zu glauben. Menschen, die sich aufgrund früherer Verletzungen schwer damit tun, an die Liebe Gottes zu glauben, sagen dann: „Kann schon sein, dass Gott alle Menschen liebt. Aber mich nicht! Ich weiß ja nicht einmal, was Liebe wirklich ist. Woher auch?“ Ich erinnere mich an ein Gespräch mit unserer ältesten Tochter. Sie war gerade 18 Jahre alt und kam ganz aufgeregt nach einem heftigen Streitgespräch mit einem gleichaltrigen Kameraden von der Schule nach Hause. Dabei ging es darum, ob Gott wirklich ein Gott der Liebe ist. Auf ihr persönlich bejahendes Zeugnis konterte ihr Gegenüber: „Das mag ja durchaus richtig sein, aber ich hab das einfach so noch nicht erlebt. Mein Leben ist etwas anders gelaufen als deines. Sicher hast du es mit deinem Glauben an einen liebenden Gott viel einfacher, weil du ein gutes Elternhaus hast ...“. Meine Tochter fragte mich: „Stimmt das wirklich, dass nur solche Menschen einen leichten Zugang zu Gott haben, die ein gutes Elternhaus gehabt haben?“

Was Liebe verhindert

Erfahrungen im Elternhaus haben tatsächlich eine Bedeutung für die eigene Sicht auf Gott. Wahr ist jedoch auch, dass selbst die Erfahrung der Höchstform menschlicher Liebe nicht annähernd herankommt an die Liebe Gottes, die in Jesus Christus Mensch geworden ist. Die Liebe Gottes ist keine Steigerung menschlicher Liebe1, sondern im wahrsten Sinne unbegreiflich und alle Vorstellungen übersteigend. Eine Bekehrung zu dem Gott, der nicht anders kann als lieben, ist für alle Menschen gleichermaßen eine Herausforderung, für die, die es gut getroffen haben und für die, die es schlecht getroffen haben2. Häufig behaupten wir, dass er barmherzig, gütig und liebevoll sei. Aber im Herzen sehen wir ihn als einen, der immer zu viel verlangt, wegen meiner Schwächen leicht verstimmt, beleidigt oder unzugänglich ist. Von Pater Reinhard Körner, einem bekannten Exer­zi­tienbegleiter, stammt der Satz: „Das größte Hindernis, sich von Gott lieben zu lassen, ist die schlechte Meinung, die wir von uns selbst haben.“ Ich stelle mich unbewusst zwischen Gottes Licht, das mir im Gebet und zu anderen Zeiten aufleuchtet, und Gott selbst. Wenn ich selbstbezogen, unversöhnlich und argwöhnisch bin, folgere ich unbewusst, dass diese Eigenschaften auch in Gott zu finden sind. Schließlich beurteile ich ihn nach mir selbst, übertrage meine Schattenseiten auf ihn. Wie Gott uns begegnet, hängt hauptsächlich davon ab, was wir von ihm halten. Herzliche Gedanken führen zur Herzlichkeit. Vertrauensvolle Gedanken über Gott münden in lebendiges Vertrauen und Hoffen auf ihn. Er liebt es, wenn wir gut von ihm denken, ihm vertrauen, ihn lieben. Ich selber bin ein sehr gewissenhafter und skrupulöser Mensch; ich versuche, alles besonders gut und genau zu machen. Mein geistlicher Begleiter hat mir eine wesentliche Hilfestellung gegeben: „In allem suchst du eine letzte Sicherheit. Aber Gott sucht dich gerade als schwachen, unsicheren, verletzten und stolzen Rudi. Er hat eine geradezu unverständliche Liebe zu dir. Er liebt dich so sehr, dass er gewissermaßen blind gegenüber deinen Fehlern ist. Er macht dir zuliebe unglaubliche Zugeständnisse an deine Schwächen. Es wäre darum ganz angemessen, ihm auf solche Liebe ohne Vorbehalte und mit Zutrauen und herzlicher Gegenliebe zu antworten.“

Wie Heilung geschieht

Ein Freund erzählte mir von einer Übung während einer Exerzitienzeit, die ihm zu einer neuen Sicht auf sich und auf Gott verholfen habe: „Mir wurde die Bibelstelle aus Hesekiel 37,1–14 zum Meditieren aufgegeben. Ich habe sie in der Stille auf mich wirken lassen. Nach einer Weile wurde mir immer klarer, dass diese Beschreibung ein Ausdruck für meine eigene Lebenslandschaft ist. In meinem Herzen bin ich durch dieses mit Totengebeinen übersäte Tal gegangen; Totengebeine in Form von Enttäuschungen, schmerzhaften Erfahrungen, schweren Lebensabschnitten, Abbrüchen ... Je weiter ich in die Betrachtung hineinging, desto schwerer war es auszuhalten. Mein Leben lag ausgebreitet vor mir und überall sahen mich Enttäuschung und Kummer an. Im anschließenden Gespräch bekam ich eine Anleitung für eine Übung, die mir helfen sollte, das Gleiche noch einmal mit Gottes Augen anzuschauen. Ich schrieb jede Einzelheit, die mir in meiner Betrachtung vor Augen gekommen war, auf ein Blatt Papier, das ich jeweils auf ein von mir ausgewähltes Stoffstück legte. Das Ganze nennt sich Bodenankerübung (Bodenanker sind Stoffstücke, die so geschnitten sind, dass man sich mit beiden Füßen darauf stellen kann). Als Letztes sollte ich auch einen Bodenanker für Gott auswählen. Nun lag alles – Kindheit, Schule, Ausbildung, Beziehungen – vor mir. In der weiteren Übung stellte ich mich nacheinander ganz bewusst auf jeden einzelnen Bereich meines Lebens und nahm wahr, was an Kummer und Schmerz in mir hochkommt: all die Dinge, die ich lange Zeit nicht wahrhaben wollte, die ich zu verdrängen versucht hatte. Ich schaute sie an und hielt sie mit geöffneten Händen Gott hin: Schau Herr, das bin ich, das gehört zu mir. Schließlich stellte ich mich auf den Bodenanker Gottes. Ich schaute nun aus dem Blickwinkel seiner barmherzigen Liebe auf die einzelnen Bereiche: Gott, du schaust wohlwollend und liebevoll auf mich und das, was ich dir jetzt hinhalte. Du nimmst es als das, was es ist. Es gehört zu mir und meiner Geschichte. Weil du mich liebst, wie ich bin, muss ich mich nicht mehr verurteilen oder versuchen, irgendetwas zu beschönigen oder zu vertuschen. Meine Vergangenheit, mein Gewordensein – ich stehe dazu! – weil du mich liebst und so nimmst, wie ich bin.“

Die Erfahrung, dass Gott uns liebt, wie wir sind, hat viel zu tun mit dem Anschauen und Annehmen unserer Geschichte. Ich bitte ihn, mich das, was mir schwerfällt, mit seinen Augen sehen zu lassen. Manche Lebensspuren lerne ich neu lesen. Ich bin mit meiner Schwachheit von Gott erwählt und nicht, weil ich perfekt funktioniere. Gott bringt es fertig, auf krummen Linien gerade zu schreiben, wie Paulus es in Römer 8,28 sagt: „Das eine wissen wir sicher: Bei denen, die Gott lieben, führt alles, wirklich alles, zu dem Ziel, zu dem Gott selbst sie erwählt und berufen hat, zum neuen Leben.“ 3 Die Heilung meines Gottesbildes beginnt mit dieser neuen Sicht. Das braucht Übung, Ausdauer und Geduld. Im Licht Gottes erscheint alles in seiner wirklichen Bedeutung: meine Schwächen und Torheiten, meine Jugend, mein Alter mit seiner Würde und seiner Last, meine Mitmenschen, meine Lebensgeschichte und die Herausforderungen, in denen ich derzeit stehe ... All das ist das Material, aus dem etwas Neues entsteht, auch wenn äußerlich alles beim Alten bleibt. Unter diesem Blickwinkel kann sogar eine Krankheit zu meinem Heil, zu meinem Ganzwerden dienen. Ich kann zu einem Menschen werden, der zu sich – auch in seinen Schwächen und seiner Begrenztheit – Ja sagen lernt.

Wie Liebe wächst

Gott ist der bedingungslos Verzeihende, der mich bejaht, egal was ich mir vorwerfe. Das heißt nicht, dass es Gott gleichgültig ist, wie ich bin; auch nicht, dass ich machen kann, was ich will. Gott liebt mich gerade so, wie ich bin. Auf diese Weise eröffnet er mir den Weg, auf dem ich ihm immer ähnlicher werde. Nur wenn ich darauf vertrauen kann, nicht abgelehnt, verachtet oder verlassen zu werden, wage ich es, mein wahres Gesicht zu zeigen. Lange fehlte mir diese Gewissheit. Ich war unzufrieden, angespannt und verkrampft. Fehler, Enttäuschungen, Missgriffe, Versagen und Scheitern verwirrten mich (vgl. Joh 14,1), da mir der Gedanke völlig fremd war, auch darin in Berührung mit Gott kommen und mit ihm rechnen zu können. Ich wollte alles selber wiedergutmachen, war dabei überfordert und schob die Schuld auf das Versagen und die Uneinsichtigkeit anderer. Mir fehlte in vieler Hinsicht eine Liebe zur Wirklichkeit. In einer Konfrontation sagte mir jemand aus unserer Gemeinschaft: „Ich denke, selbst wenn alle in unserer Gemeinschaft dein Ideal erfüllen würden, würdest du immer noch der Beste von allen sein müssen.“ Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich fühlte mich beschämt und gedemütigt. Aber ich ahnte, dass Gott selbst mich angesprochen hatte durch ihn. Am nächsten Morgen bat ich nach der Messe den Priester um ein Gespräch. Ich erzählte ihm in groben Zügen meine Lebensgeschichte und die aktuelle Situation. Nachdem ich geendet hatte, fragte er völlig überraschend: „Bist du gekommen, um mir meine Geschichte zu erzählen?“ Ich verstand nicht, was er meinte. Doch nun erzählte er mir seine Lebens­geschichte mit erstaunlichen Parallelen. Alles begann sich in mir zu entspannen und aufzuheitern. Da war tatsächlich jemand, der – im Gegensatz zu mir – ganz mit sich versöhnt, gelöst und frei war und sich ganz zu mir stellte. Mir war, als wäre mir Christus selbst in ihm begegnet. Rein äußerlich hatte sich an meiner Situation nichts verändert, doch die Bedrückung war von mir abgefallen. Ich fühlte mich leicht, befreit und glücklich. Ich spürte plötzlich Gottes bedingungsloses Ja zu mir und wurde ganz und gar frei von Angst, was die anderen über mich denken; ich wusste: Gott liebt mich, so wie ich bin!

Wie wir Richtung halten

Eine heilsame Übung ist es, meine Wahrnehmung darauf zu richten, dass Gott in allen Dingen zu finden ist und uns in allem begegnen möchte. Auf diese Weise tragen wir Gott allezeit bei uns und erfahren so ganz real, dass er uns niemals im Stich lässt. Am Anfang steht immer die Sehnsucht, denn „bereits in meinem Sehnen ist Gott gegenwärtig“4. Die Sehnsucht öffnet mein Herz für das, was Gott für mich sein will, mir sagen und schenken möchte – sei es in der Stille, durch Menschen, Umstände oder Ereignisse. Auch wenn meine Sehnsucht auf dieser Erde niemals vollkommen gestillt wird, hilft sie mir doch, die Richtung zu behalten und neue Erfahrungen der Liebe Gottes zu machen. Papst Benedikt XVI. sagte über den Weg zur Erkenntnis Gottes: Die Schrift schließt sich uns letztlich nur auf, „wenn wir sie im Gespräch mit Christus und in der Liebe zu ihm lesen, weil nur die Liebe letztlich verstehen lehrt. Es gibt keine echte Erkenntnis Christi, ohne sich in ihn zu verlieben. Dieser Liebe entspringt dann die wirkliche Erkenntnis Gottes.“ Es sei nicht in erster Linie das Wissen und das Studium der Schrift, das uns hier weiterbringe, sondern „die Vertrautheit mit Christus und mit dem Gebet“. Gebet ist weniger eine Tätigkeit des Verstandes als des Herzens. Oft braucht es keine Worte; es genügt, einfach da zu sein. Wenn zwei Freunde sich treffen, steht in der Regel die Freude im Vordergrund. Sie freuen sich schon darüber, dass sie beisammen sind. Genauso verhält es sich mit dem Gebet. Je ungezwungener, je vertrauter und kindlicher wir im Gebet sind, desto mehr drücken wir damit unsere Liebe zu Gott aus. Es liegt kein Widerspruch darin, Gott wirklich zu lieben und zugleich demütigende Schwächen zu haben wie Eitelkeit, Stolz, Eifersucht und andere, die wir kaum überwinden können. Manchmal sind wir unzufrieden mit Gott, weil er uns nicht hilft, bestimmte Fehler loszuwerden. Aber: Nichts kann sich zwischen Gott und mich stellen, solange ich ihm freie Hand gebe, mich zu lieben, wie ich bin. Dazu bedarf es oft nur, dass ich einfach ehrlich bin. Ein Geistlicher, dem sehr daran gelegen war, den Menschen das Herz für die Liebe Gottes zu öffnen, ermutigte zu solcher Wahrhaftigkeit: „Wir dürfen nicht denken, wir dürften Gott wegen unserer Schwächen nicht nahe kommen. Es ist schon eine erhebliche Buße, mit dir selbst Geduld zu haben.“ 5 Was wir unter den Augen Gottes ehrlich zugeben, erfährt die verwandelnde Kraft Christi. Darum beginne ich meinen Tag mit einem Herzensgebet. Es hilft mir zu einer täglichen Umkehr zu Gott, der nach der Schrift nur Liebe ist und sein vollkommenes Ja zu mir spricht:

Mein Vater, ich preise dich
für mein Leben
und meine Geschichte.

Herr Jesus, ich danke dir,
dass du mich so liebst,
wie ich bin.

Heiliger Geist, ich vertraue dir,
dass du mir hilfst
auf dem Weg ins Leben hinein.

Wie wir uns verändern

Es ist ein verbreiteter Irrtum, es gäbe eine Erfahrung, mit der sich alles schlagartig ändern würde. Veränderung ist weder schnell zu haben, noch gibt es besondere Rezepte dafür. Verwandlung in der Tiefe kann man nicht machen. Sie geschieht ganz im Verborgenen, indem mein Leben immer mehr in Verbindung mit Gott kommt. „Jesus erzählt uns liebevoll vom Senfkorn, vom Samenkorn, das die Kraft und die Frucht des Baumes in sich vereint, vom Sauerteig, der unscheinbar den großartigen Segen des Brotes und des Lebens bewirkt, von der unscheinbaren Drachme, die einer großen Gabe gleichgesetzt wird, vom kaum sichtbaren Salzkorn, das aber alle Speisen veredeln kann, vom stillen Gebet in der Kammer, das den Segen des Glaubens auszulösen vermag. Die kleinen Dinge in unserer Alltagswirklichkeit sprechen von der Größe des Glaubens.“  (Hans Wallhof)

Ich wünsche mir, dass meine Erfahrungen und Ausführungen Hoffnung wecken. Damit meine ich jene biblische Hoffnung, die um der Liebe Gottes willen ihr entschiedenes Trotzdem behauptet gegen jeden Einspruch und Widerspruch – komme er nun aus Misstrauen aufgrund schlechter Erfahrungen oder aus Selbstzufriedenheit. Denn „Gottes Liebe kann durch nichts widerlegt werden, was von der Welt kommt. Sie hat etwas Unbedingtes in sich. Etwas, das die Welt überwindet – wie der Glaube.“ 6

Anmerkungen
1   Piet van Breemen SJ, Was zählt, ist Liebe, Herder 1999, S. 27
2   
Mit Bekehrung ist hier nicht der grundsätzliche Glaubensakt der Hinwendung zu Gott gemeint.
3   
Albert Kammermayer, Übersetzung, die unsere Sprache spricht, Rom 2005
4   
Willi Lambert, Aus Liebe zur Wirklichkeit, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1991, S. 27
5   Daniel Considine, Gott liebt uns, Ars Sacra, München 1962
6   
Romano Guardini, Vom Weg des Glaubens, Matthias-Grünewald-Verlag (vergriffen) 

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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