ojcos-Stiftungspreis 2015 für Gabriel Stängle

"Man wird schnell stigmatisiert"

Interview mit Gabriel Stängle

Was hat dich als Realschullehrer motiviert, eine Petition zum Bildungsplan 2015 ins Leben zu rufen?

2013 war ich mit dem Amt des bildungspolitischen Sprechers eines Lehrerverbandes betraut, als mir die Meldung, Homosexualität zum Leitprinzip des Bildungsplans zu machen, ins Auge stach. Unter dem euphemistisch-harmlosen Begriff „Akzeptanz von Vielfalt“ wird hier eine affirmative Päda­gogik (siehe S. 126) zum Bildungsprogramm! Die gewohnte Sichtweise auf Frau und Mann soll ideologisch aufgelöst und eher spielerisch und unverbindlich neuen Deutungen unterworfen werden. Indem aber der Schwerpunkt auf speziellen sexuellen Orientierungen liegt, würden bestimmte Personengruppen besonders davon profitieren, während andere Bereiche, in denen Menschen Ausgrenzung erfahren, glatt unter den Tisch fielen! Mir ging es beim Verfassen der Petition in erster Linie um die Bewahrung der Freiheit und den Schutz der vom Grundgesetz verbrieften Grundrechte.

Wie kommt es, dass eine Minderheit der Mehrheit solch eine Agenda aufdrücken kann?

Bei den Begriffen „Gender“, „Akzeptanz von Vielfalt“ und „Inklusion“ geht es um viel mehr als um die Integration der bislang Benachteiligten in die bürgerlich-liberale Ordnung. Es ist die politische Ordnung selbst, die verändert werden soll. Mit demokratischen Mitteln ist das schwer umzusetzen, also setzen die Interessengruppen häufig bei internationalen Gremien wie der UNO und der EU an. Dann werden völkerrechtlich verbindliche Resolutionen unterschrieben, in denen sich Deutschland verpflichtet, die Vorgaben umzusetzen. Schließlich folgt die Umsetzung der Gender-Agenda durch Kabinettsbeschlüsse auf Bundesebene wie unter Rot-Grün im Jahr 2000 geschehen und aktuell mit dem Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte“ auf Landesebene in Baden-Württemberg. Die Vorgehensweise ist immer top-down und umgeht eine demokratische Legitimierung.

Warum protestieren nicht mehr Christen gegen eine solche Indoktrination

Der politische Protest gehört nicht zu den christlichen Kerntugenden in unserem Land. Es waren dann aber orthodoxe und katholische Christen, die den Protest nach dem Einreichen der Petition auf die Straße getragen haben. Ich bin unzähligen evangelischen Christen begegnet, die mir in der Analyse der indoktrinierenden Pläne zu 100 Prozent zustimmen. Sobald es aber um die Frage geht, wie man sich in den politischen Diskurs einbringt, scheint bei vielen ein innerer Hebel umgelegt zu sein, dem pietistischen Habitus folgend: „Das macht man nicht!“ Ich denke, dass sich das in Württemberg darauf zurückführen lässt, dass sich­ nach dem Auszug des Radikalpietismus und Separatismus vor 200 Jahren ein Pietismus erhalten hat, der obrigkeitsertragend, brav und zumeist nach innen gewandt ist, und der heute kaum eine politische Handlungsoption wie beispielsweise die katholische Soziallehre zur Hand hat. Zudem sieht sich der Pietismus, dem eigenen Selbstverständnis zufolge, nicht als politischer Akteur. Er agiert vorwiegend innerkirchlich und hat immer die Kirche vor sich, die für ihn spricht. So wundert es nicht, wenn auf pietistischen Leitungsebenen noch geschwiegen wird, während es an der frommen Basis schon brodelt.

Welche Konsequenzen hatte dein Engagement?

Auf politischer Ebene landete das Arbeitspapier Leitprinzipien im Papierkorb. Es folgten die etwas moderateren Leitperspektiven. Die Einführung des Bildungsplans wurde um ein Jahr verschoben. Auf medialer Ebene jedoch kamen die radikalfeministischen Gender-Auswüchse interessanterweise so stark unter Beschuss, wie das zuvor kaum denkbar war. Worum es in der politischen und medialen Debatte rund um die Petition eigentlich geht, verstehen die wenigsten Bürger. Bis heute wurde kaum auf die Forderungen eingegangen. Die politische Korrektheit in unserem Land schließt eine sachliche Diskussion in diesem Themenbereich so gut wie kategorisch aus. Es brauchte ein halbes Jahr, bis sich ein Journalist in der Süddeutschen Zeitung zum ersten Mal mit der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ auseinandersetzte und zu ganz ähnlichen Schlussfolgerungen wie ich kam.

Deine Gegner schieben dich oft in die rechte Ecke ...

Wer in unserem Land jemanden stigmatisieren will, braucht nur mit einem der drei folgenden Begriffe zu hantieren: 1. Fundamentalismus, 
2. Rechtsextremismus und 3. Homophobie. Wer mit diesen Labels belegt ist, kann bekämpft und ausgegrenzt werden. Es waren exakt die Vorwürfe, die im Januar 2014 innerhalb weniger Tage auf mich niedergingen. Keiner davon konnte begründet oder nachgewiesen werden.

Wie reagierst du darauf?

Ich weigere mich, mich auf die Gut-Böse-Argumen­tationsschiene einzulassen und werde weiter­hin sachlich für das argumentieren, was ich für gut, nachhaltig und pädagogisch sinnvoll für unser Bundesland halte.

Es gab Zeiten, in denen du daran dachtest, aufzugeben. Was hat dir geholfen, weiter­­zu­machen?

Zeiten des Gebets und die Lektüre der Psalmen haben mir in der – ich nenne sie mal „medialen Shitstorm-Zeit“ – sehr geholfen, mich nicht entmutigen zu lassen. Mich haben die Aussagen der Psalmen in einer Tiefe erreicht wie selten zuvor in meinem Leben. Mir haben die Knie schon oft gezittert, aber ich wusste mich getragen von vielen Menschen, die uns ermutigt und für uns gebetet haben. Das Bonhoeffer-Wort, „die letzte­ verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie die nächste Generation leben soll“, hat mir immer wieder Mut gemacht. Ich sagte mir, ich kann doch nicht Jahre lang im Unterricht meinen Schülern Luther, die Täufer, Bonhoeffer oder Martin Luther King als Vorbilder darstellen und dann selbst bei Gegenwind einknicken.

Wie seid ihr als Familie mit dem medialen Druck umgegangen?

Wir sind zusammengerückt. Es war ein Lern­prozess, weil wir vor Entscheidungen gestellt waren, wie wir es bis dahin noch nicht waren. Freunde haben uns zur Seite gestanden, uns beraten und viel für uns gebetet.

Die Fragen stellte Konstantin Mascher

Von

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