Pubertaet aus Elternperspektive

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Pubertät aus Elternperspektive

Gespräch mit Kristin und Daniel Meinzer

Ihr seid Eltern von drei Jungs, zwei von ihnen gerade in der Pubertät. Was verändert sich da?

Daniel: Mir fällt auf, dass sie körperlich viel präsenter sind als noch zu Zeiten, in denen wir abends mit ihnen gemeinsam Schluss gemacht und gebetet haben, und danach das Wohnzimmer für uns frei war. Seit Noah und jetzt auch Aaron in der Pubertät sind, ist das vorbei.

Kristin: Zur körperlichen Präsenz gehört, dass sie mehr Raum und Platz in der Wohnung einnehmen. Wenn wir jetzt zu fünft im Wohnzimmer auf der Couch sitzen, ist jeder Platz voll.

D: Abends kommen sie oft mit irgendwelchen Themen, suchen Nähe und Kontakt. Da kann man sie nicht einfach in ihr Zimmer schicken. Aber an unserem Eheabend wollen wir ab halb neun nicht mehr gestört werden.

K: Das klappt übrigens gut. Die Kinder halten uns den Abend frei, bei Telefonanrufen sagen sie, dass wir gerade nicht zu sprechen sind.

Kann man sich auf die Pubertät vorbereiten?

K: Man kann sich in dem Sinn vorbereiten, dass man vorher schon einübt, jede neue Phase mit den Kindern zu bejahen und in das einzuwilligen, was sie mit sich bringt. Ich brauche in keiner Phase fertige Antworten zu haben, sondern darf immer, wie die Kinder auch, Lernende sein; jemand der herausgefordert ist, innerlich flexibel und weich zu bleiben und wirklich hinzuhören, um was es eigentlich geht. Wenn ich verstanden habe, dass Liebe nichts mit „beliebt sein“ zu tun hat, dann bin ich ganz gut vorbereitet.

D: Für mich besteht die Vorbereitung darin, mir über meine eigenen Bedürfnisse und Grenzen bewusst zu sein, sie nicht zu übergehen und sie den Kindern gegenüber zu artikulieren. Je weniger direktives Durchsetzen funktioniert, umso mehr müssen sie lernen, meine persönlichen Grenzen zu respektieren. Wenn ich z. B. sage, ich brauche ab einem bestimmten Zeitpunkt wirklich mal Ruhe, dann ärgert es mich, wenn sie am Ende des Tages mit vielen Fragen kommen, die wir tagsüber hätten klären können. Dann muss eine Lösung gefunden werden, die sowohl mein Bedürfnis nach Ruhe berücksichtigt, als auch das Bedürfnis des Teens, seine Frage loszuwerden. In der Pubertät können sie sich schon mal krass wehren und deutlich zu verstehen geben, dass sie keine Lust haben, sich jetzt auf etwas einzulassen, was sie als übergestülpt empfinden. Mir ist es wichtig, dass ich echte Offenheit einübe und nicht fertige Erziehungskonzepte verteidige. Da ist meine Bereitschaft, mich auf Veränderungen der Kinder einzulassen, natürlich eine Voraussetzung.

Wie helft ihr euren Kindern, erwachsen zu werden?

K: Für mich ist ein Aspekt von Reifwerden, dass ich lerne, zu meinen Gefühlen zu stehen und sie benennen zu können. Wenn die Jungs viel am Handy rumhängen, werde ich z. B. ärgerlich und meckere sie an. Ich versuche ihnen dann zu erklären, dass mir das Sorgen macht und mich verunsichert und ich deswegen so ungehalten bin. Meine Reaktion hat also weniger mit ihnen zu tun. Sie bekommen meine Verunsicherung in Bezug auf die Frage nach einem angemessenen Medienkonsum zu spüren.

D: Ihnen zu helfen, erwachsen und reif zu werden, heißt für mich, dass sie lernen müssen, die Konsequenzen ihres eigenen Handelns zu tragen. Das ist in der Erziehung immer sinnvoll: Wenn ich etwas nicht tue, dann passiert etwas nicht. Wenn ich etwas tue, dann hat das Konsequenzen. Wenn ich abends bis spät in die Nacht lese, dann bin ich am nächsten Morgen unausgeschlafen. Meine Aufgabe ist es, ihnen das dann auch zuzumuten: Nur weil du dich nach einer kurzen Nacht schlecht fühlst, gehst du trotzdem in die Schule und bleibst nicht zu Hause.

Wie redet ihr mit euren Kindern über das Thema Sex?

D: Ich würde die Frage allgemeiner formulieren: Wie gehe ich mit meinem Körper um? Unser Jüngster wollte sich mit sechs oder sieben uns gegenüber nicht mehr gerne nackt zeigen. Das war der Einstieg zum Gespräch über Nacktheit. Danach haben wir erst wieder weiter geredet, als Fragen kamen. Wir hatten nicht das Gefühl, dass wir sie an einem bestimmten Punkt aufklären müssten.

K: Wir haben darüber geredet, wie Kinder entstehen, wenn sie das wissen wollten, und haben z. B. das Kinder-Comic „Peter, Ida und Minimum“ (Ravensburger Buchverlag) vorgelesen. Das ist ein tolles Aufklärungsbuch für Kinder im Grundschulalter.

D: Ein guter Anknüpfungspunkt war auch der Aufklärungsunterricht in der Schule. Ich habe nachgefragt: Sag mal, was geht da ab, was wird euch denn erzählt? Ist euch das irgendwie unangenehm, wie darüber geredet wird? Macht ihr untereinander blöde Witzchen oder prahlen manche sogar, dass sie Erfahrungen mit Sex haben? Das Gespräch über Sex ist keine einmalige Sache, sondern immer wieder ein Thematisieren von verschiedenen Aspekten: die körperliche Entwicklung als Junge, der Umgang mit Sexualität, die erste Freundin.

K: Wenn wir mitbekommen, dass sich einer befreundet hat, fragen wir: Wie merken andere, dass ihr jetzt befreundet seid? Haltet ihr Händchen? Küsst ihr euch? Das sind schon Sachen, über die wir mit ihnen ins Gespräch kommen wollen und ihnen dann auch von unserer Freundschaftszeit erzählen. Wir ermutigen sie immer wieder, dass man sich am besten kennenlernt, wenn man nicht nur zu zweit, sondern in der Gruppe etwas miteinander unternimmt. Das ist zumindest unsere eigene Erfahrung.

Wie ging es euch mit der Aufklärung durch Schule, Medien und Gleichaltrige?

K: Zwischen Noah und Simon liegen fünf Jahre. Ich war geschockt, was sich seitdem im Aufklärungsunterricht in der Grundschule verändert hat. Bei Simon waren auf dem Arbeitsblatt über verschiedene Lebensformen erstmal zwei Männer und ein Kind, zwei Frauen und ein Kind, ein Mann und ein Kind, eine Frau und ein Kind und schließlich die Ehe, also Mann, Frau und Kind, so als wären die anderen Lebensformen das Normalere. Das andere ist, dass es in den höheren Klassen vorwiegend um den technischen Aspekt von Sexualität geht. Noah lernte in der siebten Klasse aus einem Buch der Bundeszentrale für Aufklärung, in dem detailliert erklärt wurde, wo Frauen gerne berührt werden und warum und wie man einer Frau oder einem Mädchen am meisten Spaß bereiten kann. Sie brauchen gar nichts mehr selber entdecken, sind technisch überinformiert. Dass Sexualität in erster Linie Ausdruck einer Beziehung und nicht eine Technik ist, kam überhaupt nicht vor.

D: Das empfand ich ähnlich schockierend.

Was hat eure Gemeinde zur Entwicklung und Förderung beigetragen?

D: Sie leistet einen wichtigen Beitrag. Da es eine lebendige Gemeinde ist, lernen sie noch andere Aspekte und Sichtweisen als unsere kennen, was sehr wertvoll ist. Sowohl im Konfirmanden­unterricht als auch auf Freizeiten entwickeln sich Freundschaften und Vertrauensbeziehungen zu anderen Erwachsenen, die ihre Entwicklung, ihren Glauben nähren. Auch Sexualität oder die Frage, wie man den Umgang mit dem anderen Geschlecht gestalten kann, wird thematisiert. Die Jugendleiter haben sehr persönlich über ihre eigenen Erlebnisse gesprochen.

K: In der Jugendarbeit im Christustreff (Marburg) gibt es immer wieder geschlechtergetrennte Abende. Da dürfen die Jungs alle Fragen, die sie den Mädchen schon immer mal stellen wollten, aufschreiben, und umgekehrt. Diese Fragen werden dann in die jeweils andere Gruppe gegeben, dort beantwortet und dann wieder zurückgegeben. Da kam z. B. bei den Mädchen die Frage, welche Wirkung Kleidung auf Jungen hat, ob es für die Jungs wirklich schwierig sei, wenn sie tiefe Ausschnitte tragen? Die Antworten der Jungen waren da wohl sehr erhellend für die Mädchen.

Die Mutter eines Sohnes meinte neulich, sie frage sich öfter, was dieser fremde junge Mann in ihrer Wohnung mache. Wie ist das bei euch?

K: Ich freue mich an meinen Jungs und mag sie, aber ich habe auch ein eigenes Leben und meine Beziehungen, sodass es mir nicht so viel ausmacht, dass sie eigenständiger werden. Ich finde es eher spannend, wie sie sich entwickeln und verändern. Wir haben einen guten Kontakt. Obwohl sie uns auch immer wieder doof finden, lassen sie uns teilhaben an ihren Fragen und an dem, was sie beschäftigt.

D: Es ist nicht so, dass sie mir fremd werden, aber mein Stellenwert sinkt deutlich. Was mir schwerfällt, ist, dass sie mich weniger brauchen. Sie wollen mehr mit ihren Freunden zusammen sein. Dass sie z. B. am Wochenende eigene Pläne haben, in denen die Familie keine Rolle mehr spielt, fällt mir enorm schwer.

K: Das nicht als Ablehnung zu sehen, sondern zu bejahen, dass ihre Interessen jetzt anders sind, ist die Herausforderung. Sie mögen uns nicht weniger, aber wir sind momentan nicht so wichtig. Wir üben aber mit unseren Kindern, dass sie uns mit ihren Plänen nicht einfach vor vollendete Tatsachen stellen, sondern vorher fragen, ob es geht.

D: Umgekehrt verlangen sie das auch von uns.

K: Eine Chance in dieser neuen Unabhängigkeit liegt darin, dass wir als Paar wieder mehr Zeit füreinander haben und zu zweit was unternehmen können, z. B. sonntagmittags spazieren gehen und in Ruhe miteinander reden. Wenn man neu in die Partnerschaft investiert, verliert die Ablösung der Kinder an Dramatik.

 

„Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden.“ Wie schwierig seid ihr für eure Jungs?

K: Mir hilft dieser Satz zu verstehen, dass in der ­Pubertät nicht in erster Linie unsere Jungs schwierig werden, sondern dass es auch für mich eine Phase ist, in der ich mich darauf einlassen muss, dass sich die Beziehung zu ihnen und mein Einflussbereich verändert. Die Erziehung ist weitgehend abgeschlossen und ich muss jetzt darauf vertrauen, dass sie aus dem, was wir ihnen mitgegeben haben, das Beste machen werden – auch wenn sie andere Entscheidungen treffen als wir es uns für sie gewünscht hätten. Auf vieles haben wir keinen direkten Einfluss mehr, vor vielem können wir sie nicht bewahren. Unsere neue Rolle ist jetzt, das auszuhalten und ihre Entscheidungen nicht ständig zu bewerten, sondern innerlich bereit zu sein, ihre Sicht zu verstehen, sie zu begleiten und ihnen Gegenüber zu sein, Orientierung zu bieten und das Gespräch mit ihnen zu suchen. Denn was wir Eltern tun und sagen, hat nach wie vor Gewicht – auch wenn es nicht unmittelbar zum gewünschten Erfolg führt.

D: Ich lerne gerade, dass ein nicht-direktiver Umgang, der mehr Freiraum lässt, gut für unsere Beziehung ist, da sie mehr auf Augenhöhe kommunizieren wollen; hier betrete ich Neuland. Es fällt mir schwer, mir auf die Zunge zu beißen und ihnen nicht vorzuwerfen, wo sie etwas verbaselt haben.

K: Ich merke, welche Bedeutung es hat, wie ich meine eigene Pubertät erlebt habe. Ich bin in vielem gelassener als Daniel, weil es bei mir damals zu keinem Bruch mit den Eltern kam. Bei Daniel war das anders. Es ist hilfreich, sich an die eigene Pubertät zu erinnern. Das öffnet einem die Augen für die Ängste, die man unterschwellig mit dieser Phase verbindet.

Was müsst ihr dazu- bzw. umlernen?

D: Umlernen muss ich, weil die Jungs deutlich mehr mitreden wollen. Es wird diskutiert, in Frage gestellt und das an Stellen, die ich am liebsten nicht diskutieren würde. Ich muss ihnen zuhören, was und warum ihnen etwas wichtig ist. Möglicherweise ergibt sich dann ein Kompromiss – oder, wenn wir bei einer Grenze bleiben, auch mal dicke Luft!

K: Ich musste lernen, dass Kinder keine Pädagogen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut, mit der ganzen Gefühlspalette, brauchen. Es geht nicht darum, dass ich pädagogisch richtig oder sinnvoll und kontrolliert agiere, sondern dass ich ihnen ein authentisches Gegenüber bin. Ich darf auch mal ärgerlich und emotional sein, weil sie an meiner Überreaktion merken, dass  auch sie mit ihren Aggressionen und ihrer Wut normal sind. Ich muss auch lernen, nicht nur auf den Konflikt­auslöser zu schauen – weil ich dann nur empört bin, dass sie meine Bedürfnisse oder Grenzen nicht ernst nehmen. In der Pubertät ist mir vor allem wichtig, dass die Beziehung zu den Jungs erhalten bleibt. Ich muss immer wieder darauf achten, wie wir miteinander reden und streiten und nicht nur worüber. Oft sind wir Eltern mehr mit der Argumentation beschäftigt und nehmen den Tonfall, den wir anschlagen, gar nicht wahr. Denn es ist ja selten die Sache, an der eine Beziehung zerbricht, sondern eher die Art, wie wir miteinander umgehen. Auch wenn die Teens immer mehr Verantwortung übernehmen – für die Beziehung zu ihnen tragen wir als Eltern nach wie vor die Hauptverantwortung.

Wie kann man den Kindern helfen, liebesfähig zu werden statt liebes- und anerkennungssüchtig?

K: Wir ringen mit unseren Kindern darum, dass Familie ein System ist, das nicht wie ein Hotel mit Bedienen und Versorgtwerden funktioniert, sondern dass es ein Geben und Nehmen ist. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, damit es ein Miteinander bleibt. Jeder darf Bedürfnisse und Wünsche äußern und wir versuchen sie gemeinsam zu berücksichtigen, aber manchmal muss auch zugunsten des Jüngsten oder des Ältesten ein Kompromiss gefunden werden. Das ist eine wichtige Erfahrung auf dem Weg, liebesfähig zu werden. Da ich auch arbeiten gehe, müssen die Jungs das Bad putzen, den Flur saugen und wischen und ihre Zimmer komplett alleine putzen. Sie erleben, dass wir alle miteinander dazu beitragen, dass jeder sich wohlfühlt. Jeder muss sich investieren, kann aber auch chillen.

D: Liebesfähig werden hat auch damit zu tun, dass ich die Grenzen der Anderen respektiere, dass meine Freiheit dort endet, wo ihre Grenzen sind. Ich muss meine eigenen Grenzen den Kindern gegenüber äußern und ihnen zugestehen, dass ich ihre Grenzen ebenfalls respektiere und nicht übertrete.

Werdet ihr euren Söhnen das Interview zeigen, bevor es gedruckt wird?

D: Klar, wenn sie das möchten. Ich bin gespannt, wie sie darauf reagieren und was sie vielleicht gerne geändert hätten.

K: Ich habe auch kein Problem damit.            ν

Die Fragen stellte Cornelia Geister.                

Von

  • Kristin und Daniel Meinzer

    leben mit ihren Kindern in Marburg. Als Studenten schlossen sie sich einem Hauskreis des „Christus-Treff“ an, den sie inzwischen mit einem anderen Ehepaar leiten.

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